Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 24 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i ' > Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). Hed-Kttou und chekchLftsstelke: Srsnltturl 2. ITC., Leiligkreuzgafle sr. Lcke Nlapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). r-Zs-r- HerairsgeVer: Kali; chei N. Jnfertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. 2. Jahrgang. Freitag, de« 11. Taunus 5664 (24. Juni 1904). No. 24. Lehren der Statistik. ' „Wenn du sie suchen wirst wie Silber und nach ihnen gräbst, wie nach verborgenen Schätzen, so wirst du der Erkenntnis Gottes teilhaftig werden." Auf die verborgenen Schätze, die unter dem herrlichen, das Leben erfreuenden, labenden und erhaltenden Garten unserer Thora ruhen und von denen Bruchstücke an das Licht der menschlichen Erkenntnis zu fördern, nur der emsigsten Forschung vergönnt ist, wollen diese Worte aus den Sprüchen Salomonis Hinweisen. Gar einfach erscheint häufig die Bedeutung eines Thorawortes, klar und dem einfachsten Menschenverstände verständlich liegt sein Zweck auf der Oberfläche, — und - doch ist in ihm noch eine Fülle von Erkenntnis verborgen. So heißt es in der Parschat Kedauschim: „Richtige Wage, richtiger Gewichtstein, richtiges Epha und richtiges Hin soll euch sein." Wie leicht verständlich ist der Sinn dieses Gebotes und wie wichtig ist seine Beobachtung seitens eines jeden einzelnen Menschen; — baut sich doch auf Treu und Glauben der Verkehr von Mensch zu Mensch, der Verkehr in Handel und Wandel auf! Gehen wir nun aber in die Tiefen dieser einfachen Worte und suchen danach, ob wir auch für andere Verhältnisse als für die des einzelnen Menschen seine goldene Lehre verwerten können, so müssen wir als Nächstes — eine Schlußfolgerung vom Einfachen zum Vielfachen ziehend — uns seine Bedeutung im Dasein der Gesamtheit, als Einzelpersönlichkeit gefaßt, vergegenwärtigen. Wie nämlich die Ehrlichkeit des Einzelnen den Bestand und das Glück der Gesamtheit verbürgt, so muß auch umgekehrt die Ehrlichkeit in den Angelegenheiten der Gesamtheit das Glück des Einzelnen zur Folge haben. Und in Wirklichkeit ist es auch so: nur «ine Gesamtheit, nur ein Volk, das sich gegenüber nach dieser Methode verfährt, das sich und anderen gegenüber ehrlich ist, lernt feine Lücken ausfüllen und seine Mängel beseitigen und wird damit sich selb st gerecht. Das richtige Maß für eine Gesamtheit, das Maß, das jede Selbsttäuschung zu nichte macht, das Maß, das klar und wahr mit unumstößlichen Zahlen dient, ist die Statistik. Sie ist ehrlich; sie sagt nichts ich glaube; sie sagt, so ist es; und die Sprache, die sie redet, ist von keiner subjektiven menschlichen Anschauung beeinflußt. Bor mir liegt der offizielle Bericht des Chefs des Einwanderungswesens der BereinigtenStaatenvonNord am e r i k a. Nach diesem Bericht haben in den 12 Monaten vom 1. Juli 1902 bis 30. Juni 1903 nicht weniger als 921315 Personen den amerikanischen Boden betreten, wovon 857 046 Zwischendeckpassagiere waren, eine seit dem Bestehen der Vereinigten Staaten noch nie erreichte Zahl. . .Zu dieser zu keiner Zeit und in keinem Lande dagewesenen friedlichen Völkerwanderung, stellte Europa 814 507 — 95,05A aller Einwanderer, und diese setzen sich zusammen aus 250 622 Italienern, 206011 Oesterreichern, 136093 Russen (die Ziffer ist deshalb so gering, weil die eigenllichen Russen fast nur nach Sibirien auswandern. Die nach Amerika emigrierenden Russen sind Deutsche, Finnländer, Polen, Juden oder Litthauer), 77 647 Skandinaviern, 68 947 Engländern und 40086 Deutschen. Auch die Einwanderung der Juden hatte in dem Berichtjahre ihre Höchstzahl erreicht, nämlich 76 203 — 9,35o/o der gesamten europäischen Einwanderung. Da unter den 330 Millionen Bewohnern Europas nur 7 Millionen Juden sind, so ist es augenscheinlich, daß die soziale Lage der Juden eine sehr traurige sein muß. Wem es gut geht, der bleibt in seinem Lande, wie z. B. die Franzosen, die seit mehr als 150 Jahren keine Menschen mehr exportieren. Ein näheres Eingehen auf die statistischen Zahlen läßt jedoch erkennen, daß neben diesen Gründen ökonomischer Natur wohl noch andere Ursachen die jüdische Auswanderung beeinflußt haben müssen. Es sind nämlich Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert: aus Rußland 47 689 — 62,58»/», aus Oesterreich 18 759 — 24,510/0 und aus Rumänien 8562 — 11,230/0, aus den genannten drei Ländern zusammen also 75010 — 98,13"/» aller jüdischen Immigranten. Erwägt man nun, daß die russischen Juden 39o/o und die rumänischen Juden sogar 91,96»/« der Auswanderer dieser Länder stellen, so ist offenbar, daß auch ein schwerer politischer Druck auf ihnen lasten muß. Eine weitere Analyse der von der amerikanischen Regierung gelieferten Zahlen ergibt: 1. daß unter den 76 203 jüdischen Einwanderern sich 36463 Männer und 22 696 erwachsene Frauen befanden, 2. daß von 45 051 arbeitenden Juden 380 in der Landwirtschaft und 3450 im Handel tätig waren. 6664 .mußten sich als Taglöhner und 7039 als Gesinde ernähren. 36010 — 57,73 0/0 waren gelernte Arbeiter! 3. das Vermögen, welches die 76 203 jüdischen Einwanderer mit nach Amerika brachten, bezifferte sich im Durchschnitte auf 9,69 Doll, pro Kopf (— ca. 40 M). Mit zwei Phrasen räumt diese Statistik auf, nämlich, daß das' jüdische Volk dem Handelsstande zustrebt und dann, daß das jüdische Volk reich ist. BeidePhrasensrndfaustdickelLügen! Das jüdische Volk, dessen Ahnen und dessen Weisen einst den Handel gering schätzten — da der Kaufmann naturgemäß dem Gewinne zustrebt, so fürchteten sie nämlich in die Gefahr zu kommen, das Gebot: „Richtige Wage, richtiger Gewichtstein usw. soll euch sein" zu übertreten — arbeitet gern mit der Kraft des Armes. Diese Behauptung ist eine durch das Zeugnis der Statistik bewiesene Tatsache, eine eben solche Tatsache, als die, daß das jüdische Volk arm ist und arm bleibt, weil die Armen ihm bleiben und seine Reichen meistens für die anderen Böller leben, indem sie sich beständig assimilieren. Hunderttausende seiner Söhne und Töchter in Rußland, Galizien und Rumänien, in den Großstadt-Ghettis London's und Newyork's nagen am Hungertuche, mehr wie die Hälfte des gesamten jüdischen Volles vegitiert in den kümmerlichsten sozialen Verhältnissen. Und das alles, weil der Jude eingeengt und in seiner freien Willensbestimmung gehindert ist durch gesetzliche Ausnahmebestimmungen und gesellschaftliche Zurücksetzung. IV2 Millionen Juden sind seit 1880 aus Rußland ausgewandert, tys Million davon allein seit 1900. Was geschah seitens der besser gestellten Juden, um diesem zum Himmel schreienden Notstände abzuhelfen? — Nun, wir westeuropäischen Juden haben Almosen gegeben, um unser Gewissen einigermaßen zu beruhigen, damit wir uns sagen können, etwas getan zu haben. Aber war das eine der Notlage entsprechende Tat, war das im wahren Sinne des Wortes ein Osauw taasauw (du sollst helfen)? — Nein! Hat man diesen Aermsten der Armen ohne Vaterland und ohne Mittel den Weg gewiesen, wohin sie gehen sollen? Stand man ihnen in ihrer Hillflosigkeit und Verlassenheit mit Rat und Tat zur Seite auf ihrer unfreiwilligen Wanderschaft? — Nein, das hat man nicht einmal versucht zu tun! Ihre einzigen Wegweiser waren ausbeutende Agenten, und sie sind hapach el hapachas von der einen Schlinge in die andere geraten, von dem einen Ghetto in das andere, um in gleicher Weise , weiter zu darben. Ist das nicht eine ewige Schmach für Israel, dessen gegenseitige Solidarität'von den Völkern so gerühmt und gepriesen wird? — Es muß etwas geschehen und Mar bald, damit es nicht zu spät wird l GP-1 5 Tefillogedauken. IL B’rocho. Ein großmächtiger König, der es liebte, unerkannt in seinem Reiche umherzuziehen, fand einst aus der Landstraße unter einem Baum ein weinendes Knäblein in einem Korbe. Er nahm es barmherzig in seine Arme und suchte es durch Liebkosungen zu beruhigen. Als er dann keine Spur der herzlosen Mein fand, die es ausgesetzt hatten, beschloß er sich seiner in großmütigster Weise anzunehmen. Er nahm es mit in seinen Palast, übergab es einer Wärterin, und ließ es, als es heranwuchs, von den besten Lehrern unterrichten, sodaß schließlich aus dem armen Findling ein wohlgearteter, feingebildeter Jüngling wurde. Dieser wußte wohl, daß der, dem er alles zu verdanken hatte, ein allgewaltiger Herrscher sei, der sich nichts zu versagen brauchte, und alle Herrlichkeiten dieser Welt zur Verfügung hatte. Wer sein Herz wallte doch auf in innigster Dankbarkeit, und' er dachte nach, wie er seinem gütigen Gönner eine Freude bereiten, ihm seine tiefe Ergebenheft beweisen könnte. Er meinte: