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Neue jüdische Presse · 1904-06-17 · Heft 23 (17.6.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 23 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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€>ette 2. Nr. 23. Produkte zu Tage, die das Staune», von koinpeteiiten Kennern der bis dahin bekannten Kunstgeschichte hervorriefen. Denn in der Nähe der südbabylonischen Stadt Nisser wurde von der amerikanischen Expedition z. B. ein Gazellenkopf gefunden, der nach der Reproduktion, die in „The Sunday School Times" (1901, Nr. 4) von H. V. Hilprccht veröffentlicht worden ist, eine überraschende Feinheit der Plastik zeigt. Ferner die Siegessäule des Herrschers Naram-Sinn (um 2750), die, wie Chammurabis Gesetzcssäulc, neuerdings in Schustar gefunden wurde, zeigt „in der großartigen Einheit der vielglicderigcn Komposition, in der lebensvollen Darstellung der Gestalten und ihrer Rollen die altbabylonischc Skulptur auf einer im ganzen kaum wieder erreichten Höhe" (C. F. Lehmann, Babyloniens Kulturmission einst und jetzt (1903) S. 19). Welch deutliche Mahnung liegt auch darin, die neuerdings niehrfach geltend gemachte Anschauung vom aufwärtssteigendcn und gradlinigen Gang der Kultnrbewegung einer Revision zu unterwerfen! Doch sollte dies nur eine vorbereitende Bemerkung sein, wodurch eine Analogie für einen anderen raschen Vorstoß angedeutet werden sollte, der neuestcns in Bezug auf die Kulturgeschichte Vorderasicns versucht worden ist. Dies ist die „Eingenreindung" der althebräischen Kultur in die babylonische. Der formelle Antrag auf „Eingemeindung" ist erst vor kurzem gestellt worden. Es geschah in der Schrift „Theologie und Assyriologic im Streite um Babel und Bibel" (von Dr. Otto Weber), die es auch für erlaubt gehalten hat, den Theologen ein geringeres Wahrheitsinteresse zuzuschreibcn, als den Assyriologcn. Er vergleicht die althebräische Kultur mit einem Dörslein und die babylonische mit einer Großstadt und sagt: „Die in der Großstadt die Herrschaft haben, die sagen, das Dörslein draußen hat Babels Art, Babels Kultur, nur durch Babel ist es, was es ist, sie wollen ihre Gesetze der Verwaltung und der Lebensführung auch über diesen organischen Teil ihres Gemeinwesens ausdehnen, auch für ihn soll es keine Ausnahmegesetze mehr geben" (S. 10 f.). Er fügt zur Unterstützung seines Cingemcindungsantrages auch noch dies hinzu: „Kanaan war jederzeit eine Provinz im Reiche der babylonischen Kultur." „So wird Israel auch sein und bleiben, was es von je gewesen ist, kein abgeschlossenes Eiland, dqs wie hinter chinesischer (so) Mauer unberührt von der dlußenwelt sein Dasein gefristet hat, sondern vielmehr ein offenes Land, in das der Babylonismus seinen Weg gefunden hat, wie überallhin im alten Orient" (2. 11). Unterzeichnet ist der Antrag auf Eingemeindung also von Weber, der aber, wie er ausdrücklich bemerkt (S. 5), damit die Grundanschauung von H. Winckler vertreten will für den „Babel und Bibel der Ausfluß einer einheitlichen Weltanschauung sind" (S. 5). Mit diesem stimmt wieder A. Jeremias, was die Infizierung des althebräischen Schrifttums mit babylonisch-mythologischen Vorstellungen anlaugt (Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients 1904), und zu diesen drei gesellt sich auch Delitzsch mit seinem Ausruf: „Wie so ganz gleichartig ist alles in Babel und Bibel!" (Zweiter Vortrag, S. 18). Dieser Gruppe gegenüber soll nun die Reihe der Gelehrten, die diese Auffassung von der Gleichartigkeit der Kultur Babylons und Israels in ihren Publikationen nicht zum Ausdruck gebracht haben, keinesfalls voll entfaltet werden. Jules Oppcrt (Zeitschrift für Assyriologic, 1903, S. 303 s.), P. Keil (Zur Babel- und Bibelfragc, 1903), C. F. Lehmann (Babyloniens .Kultnrinission einst und jetzt, 1903), Karl Bezold (Die babylonisch-assyrischen Kcilinschristcn und ihre Bedeutung für das Alte Testament, 1904) und Paul Haupt würden ja vorangchen. Denn auch der letztgenannte Gelehrte ist zu dem Schlnßurtcil gelangt: „Es wird stets ein fundamentaler Unterschied zwischen Babel und Bibel bleiben, der durch die Ergebnisse der kritischen Forschung nicht beseitigt werden kann" (John- Hopkins llniversity Circulars, Baltimore, June 1903, p. 49). Diese Reihe kann ja auch leicht durch die Name» aller derer vervollständigt werden, die in maßgebenden Punkten die Verschiedenheit der babylonischen und der hebräischen Kultur anerkannt haben, >vie es in meinem kürzlich erschienenen Schristchcn „Die Babel-Bibcl-Frage und die wissenschaftliche Methode" dargelegt worden ist. Frankfurter Israelitischer Famikienklatt. Jedenfalls aber will ich mich nicht damit begnügen, jenem Antragsteller eine Reihe von Namen entgcgcnzustellen. Vielmehr soll jener Antrag auch selbständig von mir geprüft tverden. Also wie „hinter chinesischer Mauer von der Außenwelt unberührt" (Weber S. 11) ist Israels Kultur von jemand gedacht worden? Wer mag das wohl sein? Oder ist diese Charakteristik des gegnerischen Standpunktes nur als dunkle Folie gebraucht, um die eigene Auffassung um so lichtvoller hcrvortreten zu lassen? Ich wenigstens weiß keinen literarischen Vertreter des Alten Testaments in unseren Tagen zu nennen, auf dessen Standpunkt jene Charakteristik paßte. Sogar H. H. Kuyperzu Amsterdam hat in seiner Rektoratsrede über Evolutie of Revelatie (Herbst 1903) sowohl die Höhe als auch den weitreichenden Einfluß der babylonischen Kultur anerkannt (blz. 30 und 33), und mit welcher selbstverständlichen Bercittvilligkcit ich es gerühmt habe, daß die babylonische Urheimat Abrahams in Bezug auf Sprach-, poetische Form, Maß, Gewicht und Münze, auch Kultusgewohnheite» und alte Traditionen einen starken Einschlag in das Gewebe der israelitischen Kultur geliefert hat, das kann man in meinem Bibel und Babel 10. Aufl., S. 20—23, Nachlesen. Was aber können wir dafür, wenn die Vergleichung der babylonischen und der althebräischen Kultur auch zur Feststellung einer Reihe von Verschiedenheiten gefiihrt hat? Hier seien einige Belege! Man hat zwar behauptet, daß schon das vorisraclitische Land Kanaan „vollständig eine Domäne der babylonischen Kultur" gewesen sei. (Delitzsch, Erster Vortrag, S. 28.) Aber ich habe gleich darauf hingewiesen, daß die Kanaaniter-Phönizier nicht gleiche Monatsnamen mit den Babyloniern und Assyrern hatten, und. während die vorcxilischen Monatsbezeichnungen der Hebräer niit den Monatsnamen der phönizischen Inschriften übereinstimmen, erscheinen auf einmal seit dem babylonischen Exil in der hebräischen Literatur die gleichen Monatsbezeichnungcn, wie sie bei den Babyloniern später üblich waren. Auch der Jahresanfang war bei den vorexilischen Hebräern im Herbst und erst seit dem babylonischen Exil, wie hei den Babyloniern, im Frühjahr. Die Hebräer hatten ferner die Woche von sieben. Tagen, während „sich die siebentägige Woche in dieser Form für Babylonien bis jetzt wenigstens nicht Nachweisen läßt" (H. Zimmern in „Krilinschriften und Mtes Testament" 1903, S. 594), sondern man da „eine Einheit von fünf Tagen an Stelle der siebentägigen Woche" hatte (T. 328). Wie die Sprache der Kanaaniter-Phönizier ist auch ihre Schrift eine andere, als die babylonische, und die Schreibrichtung der Phönizier, Moabiter (auf dem Mesastein) oder Hebräer (auf der Siloahinschrift usw.) geht von rechts nach links, aber die Schreibrichtung der Babylonier-Assyrer läuft umgedreht von links nach rechts. Es hat sich ja jetzt durch einen neuesten Fund von Theophil Pinches auch herausgestellt, daß der durch das ganze Jahr laufende Sabbath oder Ruhetag der Hebräer bei den Babyloniern nur insofern ein Gegenstück besitzt, als der 15. Tag jedes Monats mit dem Ausdruck schapattn bezeichnet wurde, dessen Bedeutung aber noch nicht seststeht und an dem jedenfalls auch Geschäfte gemacht, wie z. B. Kontrakte abgeschlossen worden sind. Auch im althebräischcn Volke wurde, wie die Geschichtsquellen desselben keineslvegs leugnen, vielsach von kleineren oder größeren Kreisen den Thcoriccn der Wahrsagcrci gehuldigt. Aber während sie von der geistigen Elite der israelitischen Nation verschmäht wurden, war die Wahrsagerei mit ihren Repräsentanten und Mitteln in Babylonien eine offizielle Institution und Ausdruck der für richtig gehaltenen Weltanschauung. Besonders frappierend ist dabei noch folgender Umstand. Bei den Babyloniern und Assyrern spielte die Astrologie in der Wahrsagerei die höchste Rolle, aber bei den Israeliten ist die Sterndeutcrei in den älteren Quellenschriften nicht einmal unter den verpönten Arten der Wahrsagerei aufgcführt. Erst später, als mit dem Emporsteigen der chaldäischen Weltmacht die Berührung von Israel und Babylonien eine engere wurde, werden Warnungen, wie diese, laut: „Die Methode der — anderen — Nationen sollt ihr nicht lernen und vor den Zeichen (auffallenden Erscheinungen) des Himmels sollt ihr nicht erschrecken, denn — nur — die — anderen Nationen erschrecken davor" (Jer. 10, 2). Ebenso erhaben sodann, wie Israels führende Geister über die Sterndenterei waren — um von der Sternanbetung gar nicht zu reden — ebenso erhaben waren sie über .. die Versinnlichung . der Gottheit durch Gottesbilder. .Sie huldigten ohne sinnliche Vermittelung ' dem geistigen Prinzip, von dem das All der sichtbaren Phänomene seine Bewegung und seinen Plan der Entfaltung bekommen hat. Siehe, Gestirne sind ihm gegenüber „wie ein Tropfen am Eimer"! „Worin wollt ihr dem Inbegriff der Macht eine adäquate Darstellung geben?" (Jes. 40, 15. 18.) Nicht wahr, das sind doch schon eine ziemliche Reihe von Momenten, aus denen sich eine Eigenart der hebräischen Kultur ergibt! So steht die Sache schon, ehe das Jdeengebiet der Religion und Moral betreten ist, in welchem diese Kultur ihre eigentliche Sphäre erblickt hat. Dieses Gebiet soll jetzt auch nicht im einzelnen durchsucht werden, um die Faktoren der kulturellen Selbständigkeit der Hebräer festzustellen, denn diese Einzelbetrachtung ist in dem soeben erschienenen Schristchcn „Die Babel-Bibel-Fräge und die wissenschaftliche Methode" unternommen worden. Nur folgenden Satz vermag ich nicht zu unterdrücken: Wer von den Faktoren der kulturgeschichtlichen Eigenart, wie sie von Israels besten Männern der Volksmasse als Ideal vorgehakten wurde, z. B. diese ins Auge faßt, die Heraushebung des Göttlichen aus dem Weltprozeß (auch, gegenüber Hesiod und anderen), den zusammenfasseirden Blick auf die Menschheit und deren Endziel, das überragende Niveau des Prophetismus, das Erstarken des monotheistischen Glaubens zur Volksreligion und den Protest gegen Menschenvergötterung, wie er aus Mardochais Auftreten gegenüber Haman hervorblitzt — der wird wohl zugeben, daß diesem Volksideal auch eine besondere Höhe eigen ist. Und nun trotz alledem jener Ruf nach kulturgeschichtlicher „Eingemeindung"! Die geschichtlichen Tatsachen legen, wie ich gezeigt zu haben meine, einen hinreichend lauten Protest dagegen ein. Wie also könnte die historische Forschung jenen Antrag billigen? Nein, es ist vielmehr zu hoffen, daß es mit jenem nivellierenden Prograynnsatz „Babel und Bibel sind der Ausfluß einer einheitlichen Weltanschauung", mit ° dem jetzt von einer Seite her die charakteristischen Unterschiede zweier Kulturzentren umhüllt werden, so gehen wird, wie es manchnial aus einer Reise geht. Es wird ja manchem Leser und mancher Leserin beim Durchwandern einer Berggegend wohl auch schon passiert sein, daß mit dem Sinken der Abendsonne ein Gebirgsstock in eine. Nebeldecke eingehüllt war. Berg und Tal, Fluß und Felszacken, die lebenlachende Waldwiese und die eiserstarrte Gletscherfläche — alles lag grau in grau gemalt von ihren Augen. Am andern Morgen setzten sie beim blinkenden Sonnenschein die Reise fort. Da sieht ■ das Auge mit Erstaunen, daß der Gebirgsstock in mehrere Bergkegel zerfällt, von denen der eine den anderen immer wieder überragt, und der höchste am hellsten im Strahl der Sonne funkelt.*) Aus alXex Well. Deutschland. Frankfurt a. M. Der Vorstand der Israel. Gemeinde versendet folgendes Zirkular: Frankftlrt a. M., im Mai 1904. Seitens einer großen Anzahl freisinniger Gemeindemitglieder ist uns her Wunsch ausgesprochen worden, daß von Gemeindewegen ein ihren Anschauungen entsprechender Gottesdienst im Westend eingerichtet werde. Dieser Anregung folgend haben wir beschlössen, an den diesjährigen hohen Feiertagen (Neujahrsfest und Versöhnungstag) einFN besonderen Gottesdienst im Saale der Loge zur Einigkeit, Kaiserstraße 37, zu veranstalten. Dex Gottesdienst wird unter Zugrundelegung eines von Hetzrn Rabbiner D r. S e l i g m a n N eigens ausgearbeiteten Gebetbuchs wesentlich in deutscher Sprache abgehalten, bedeutend gekürzt und durch Chorgesang mit Orgelbegleitüng unterstützt sein. *) Wir entnehmen diesen Aufsatz aus der Feder des Professors Ed. König, Bonn, der Kreuzzeitung. D. Redakt.

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