Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 23 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I?«rrtkfrt?ter Zstxelitislhes Iiiiliciklitt. ( - Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). ... i—. ... ■ HedaKtto« iwd HefHäftsstelre: SranKfurt a. lß„ Leiliglreuzgaffe 32. Ecke Rlapperfeldstraße (gegenÄber Ler Neuen Zeit). -WW'- Asrausgebsv: Kalg Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, den 4. Tamus 5664 (17. Juni 1904). Ro. 23. Die Bestrebungen zur Hebung der sozialen Lage der galizischen Juden. Wien. Zur Hebung der sozialen Lage der galizischen Juden hat sich vor drei Jahren ein ,L i l f s - Verein für dienotleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" gebildet, der seine Tätigkeit mit der Einführung der Heimarbeit — und zwar der Haarnetz-Erzeugung — begann. Der Verein fand einen Unternehmer, der für sein bedeutendes Exportgeschäft bereit war, wie in anderen österreichischen Ländern christliche, so in Galizien jüdische Arbeitskräfte zu verwenden. Die Resultate waren sehr ersreulich. In 93, zu den ärmsten gehörenden Ortschaften wurden mehr als 6000 ungeschulte, an keine industrielle Arbeit gewöhnte Mädchen und Frauen herangebildet, mit Werkzeugen versehen und von dem Unternehmer sofort gegen die übliche Entlohnung verwendet. Der gute Erfolg, den der erste Unternehmer mit den jüdischen Arbeiterinnen erzielte, veranlaßte bald weitere Haarnetz-Engrosgeschäste, in Galizien arbeiten zu lassen. Doch hierbei blieb es nicht. Es dauerte nicht lange, da bemächtigte sich eine übergroße Anzahl galizischer Geschäftsleute, die weder die nötigen Fachkenntnisse, noch einen gesicherten Absatz hatten, dieser neuen Industrie, was bei dem Mangel an Erwerbsquellen in Galizien ebenso begreiflich als Verzeihlich war. Me größeren und selbst die kleineren in- und ausländischen Abnehmer von Haarnetzen wurden nun mit Offerten aus Galizien förmlich bestürmt, die Preise wurden unterboten, und bald war eine Krisis heraufbeschworen. Diese Krisis brachte glücklicherweise die Gesundung, indem die improvisierten Haarnetz-Unternehmer ohne feste kaufmännische Basis, ohne Fachkenntnisse und ohne Kapital, da sie bei diesen Voraussetzungen nicht reüssieren konnten, sich nach kurzer Zeit gezwungen sahen, ihren ohne jede Unterlage aufgebauten neuen Beruf wieder an den Nagel zu hängen. Heute ist diese von dem Hilssverein mit großen Opfern eingeführte Industrie wieder im normalen Geleise. Sie wird jetzr in 93 Ortschaften mit einem Arbeitslohn Von Kronen 10000 wöchentlich (eine fleißige und geübte Arbeiterin verdient Kr. 1 bis Kr. 1,50 täglich) betrieben. Man hätte erwarten sollen, daß sofort, nachdem dieser erste Versuch sich als sehr gelungen erwiesen, besonders von Galizien aus, praktische Vorschläge von geeigneten Unternehmern, die andere Industrien in Galizien einführen wollen, an den Hilssverein gelangen werden. Diese Erwartung hat sich jedoch nicht erfüllt. Es sind wohl verschiedene Personen aus Galizien mit dem Ansuchen gekommen, sie mit dem nötigen Kapital auszurüsten, damit sie imstande seien, eine Industrie einzurichten und zu betreiben, für bereu Erzeugnisse sie glaubten, auf Wsatz rechnen zu können. Die meisten hatten jedoch keine Fachkenntnisse und kein eigenes Kapital. Andere wollten das Kapital vorgestreckt haben, damit sie ihren Keinen Handbetrieb vergrößern und in einen maschinellen umwandeln könnten, ohne daß sie in irgend einer Beziehung Garantien für einen Erfolg hätten bieten können. Der Hilfsverein konnte auf solche und ähnliche Anträge nicht eingehen. In Ermangelung annehmbarer Anträge und Vorschläge wandteersich mittel st einesRundschreibens an ungefähr „tausend jüdische Fabrikanten und Händler" und forderte sie auf, die galizischen Arbeitskräfte zu verwenden, mit dem Hinweise darauf, daß dieselben, wie die Haarnetzerzeuguug erwiesen hat, arbeitswillig und arbeitsfähig sind. Auf alle diese Zirkulare erhielt der Hilfsverein „eine einzige Antwort" undzwardieeinesWienerSpielwarenerzeugers und Exporteurs, mit dem er sich auch zu einer Holzspielwaren-Erzeugu n g einigte. Wegen ungünstiger Konjunktur in diesem Artikel mußte jedoch nach ungefähr einem Jahre der Betrieb vorläufig eingestellt werden. Wohl hat der Hilfsverein noch verschiedene andere Industrien einzusühren versucht, vorläufig jedoch leider ohne praktische Resultate. Wer selbst diese mißlungenen Experimente haben den Vorteil, daß sie Fingerzeige geben, nach welcher Richtung hin die Schulung der vorhandenen Arbeitskräfte vorgenommeu werden muß, um lebensfähige Erwerbszweige zu schaffen. Die verhältnismäßig geringen Kosten dieser Versuche sind also nicht nutzlos geblieben, die Gelder sind nicht überflüssig ausgegeben worden, denn der Arbeitsboden wurde gelockert und für neue Versuche geeigneter gemacht. Gegenwärtig hat der Hilfsverein mit einer Korbwarenfirma ein Abkommen getroffen, nach welchem durch sie im Verlaufe von 2—3 Jahren zirka 80 Arbeiter in der Korbflechterei unterrichtet und ihre Arbeiten von dieser Firma gegen sofortige Bezahlung nach dem üblichen Lohntarif übernommen werden. Ein überaus armer, nahezu erwerbloser Ort wird dadurch zu einem ständigen Erwerb gelangen. Ferner ist es den Bemühungen des Hilfsvereins gelungen, mit einer Exportfirma, deren Chef anerkannt zu den intelligentesten, tüchtigsten und wohlsituierten der Kvnsektionsbranche zählt, einen Vertrag abzuschließen, nach welchem er eine Lohnkonfektion von Herrenkleidern in Galizien einzurichten hat. Er arbeitet in derselben zunächst für sein eigenes Haus und für eine zweite große Wiener Exportsirma. Wenn dieses Unternehmen in gutem Gange sein wird und prosperiert, wird auch für andere Interessenten dieses Exportes daselbst gearbeitet werden können. Da diese Industrie, wenn sie einmal festen Fuß gefaßt, im Umkreise der ersten Niederlassung ungemein wächst und sich ausbreitet, so besteht die Hoffnung, in einiger Zeit durch sie vielen Familien Beschäftigung und Erwerb zu verschaffen. In Vorbereitung ist auch die Erzeugung von Schuhen für den Export, ebenso von Spitzen, die für den gleichen Zweck geeignet sind. Daß ausschließlich die Haus-Industrie kultiviert worden ist, hat seine guten Gründe. Auf diese Weise kann die ganze Familie beschäftigt und 6 Tage der Woche gearbeitet werden, während in einem fabrikmäßigen Betriebe nur 5 Arbeitstage möglich sind, da der Samstag und der Sonntag ausfallen. Die bisherigen positiven Ergebnisse des Hilssvereins zeigen zur Evidenz, daß es sehr wohl möglich ist, die maßlos trostlose soziale Lage der galizischen Juden zu heben, denn es fehlt diesen Hunderttausenden von kiimmerlich vegetierenden Menschen nicht an Arbeitslust, sondern an Arbeitsgelegenheit. Die bisherigen negativen Ergebnisse aber stellen fest, daß dem Gros der österreichischen Juden, besonders der reichen, jedes Mitgefühl für die Not ihrer Briider, jede Spur von Solidaritätsbewußtsein abgesprochen werden muß. Man bezahlt mit süßer oder saurer Miene feinen Beitrag, nimmt auch gnädigst ein Vorstandsamt in den Ortsgruppen des Hilfsvercins an, doch damit hat man mehr wie genug für seine jüdischen Brüder getan; sie im eigenen geschäftlichen Betriebe zu beschäftigen, ja nur den guten Willen dazu zeigen, würde eine aufs schärfste zurückzuweisende Zumutung heißen. Tont corome chez nous! Kulturgeschichtliche Eingemeindung. Die neuere Forschung über die menschliche Kulturgeschichte hat in ihren Annalen schon mehr als einen raschen Vorstoß zu verzeichnen gehabt. Es ist ja nicht lange her, da meinte man den Schleier des Geheimnisses, der über dem Gang der kulturgeschichtlichen Bewegung liegt, mit einem einzigen festen Gedankengrisf zerreißen zu können. Er lag in der Formel: Alle Geschichte hat sich von unten nach oben und in geradlinigem Fortschritt bewegt. Bei Ausstellung und Anwendung dieser Formel ging man z. B. an folgenden Tatsachen achtlos vorüber: Das Sanskrit hat acht, das Griechische und Lateinische bloß sechs und die neueren indogermanischen Sprachen noch weniger Kasus. Also die Schärfe der Kasusunterscheidung hat abgenommen, ganz abgesehen davon, daß die Mittel der Kasusbezeichnung, nämlich die Kasusendungen, immermehr verwittert sind und auch sonst im Formenreichtum der Sprachen eine fortschreitende Dekomposition beobachtet wird. Ebenso ist es ja in den semitischen Sprachen, von denen das Mtarabische drei Kasusendungen besitzt, während das Aethiopische bloß noch zwei Hai, das Mthebräische nur noch spärliche Kasusreste aufweist und das Aramäische noch mehr verarmt ist. Dazu kommt, nebenbei bemerkt, noch der denkwürdige Umstand, daß die Verwechselung des Akkusativs mit dem Dativ in den späteren hebräischen Literaturprodukten auffällig zunahm, wie durch statistisch genaue Vergleichung der älteren und jüngeren Paralleldarstellungen in meiner Syntax nachgewiesen worden ist (S. 269—275), und wie z. B. im Syrischen der Exponent des Mkusativs bis aus seltene Ausnahmefälle vom Dativzeichen verdrängt worden ist. Also z. B. diese Tatsachen blieben bei der Aufstellung jenes Satzes von der geradlinigen Aufwärtsbewegung des Kulturganges unbeachtet. Da förderten die Ausgrabungen im südlichen Babylonien Kunst»