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Neue jüdische Presse · 1904-06-10 · Heft 22 (10.6.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 22 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22. Frankreich. Paris. Ein Eheskandal in der Pariser Gesellschaft. Dem „Bert. Tagbl." wird aus Paris gemeldet: Das Verlangen auf Trennung der Gütergemeinschajt stellte offiziell Frau Eph rusfi, geborene Rothschild, beim Pariser Zivilgericht. Das Urteil ist noch ausstehend, wird aber zweifellos im Sinne der Klägerin ausfallen. Alphonse de Rothschild bezahlte für seinen Schwiegersohn Mons. Maur. Ephrussi ungezählte Millionen Spielverluste in den Klubs und an der Börse und wollte angesichts seines hohen Alters dieser Situation ein Ende machen. Der Vorfall erregt an der Pariser Börse große Ueberraschnng und Zustimmung. — In deutschen Sportkreisen sind Mons. Maur. Ephrussi, einer der größten Rennstallbesitzer Frankreichs, nebst seinem Bruder Michael — beide aus Odessa stammend — wohlbekannte Erscheinungen, da namentlich der jetzt in den Eheskandal verwickelte Mons. Maur. Ephrussi ständig die Rennwoche in Baden-Baden beschickte und oft große Erfolge heimtrug. Erst im vorigen Jahre konnte eines seiner besten Pferde, Ob, einen Siegcszug feiern. Rußland. Petersburg. Rußland braucht GeldI Die Blätter bringen folgende Nachricht: Nach Mitteilungen aus amtlichen Kreisen soll die Aufhebung „auch der letzten Reste" (?) der „veralteten" russischen Judengesetzgcbung bevorstehe», nachdem deren drückendste Bestimmung auf Anordnung des Ministers v. Plehwe bereits außer Kraft gesetzt worden sind. Die amtlichen Kreise versichern, daß ein völlig neuer Kurs in der Behandlung der russischen Juden eingetreten ist, und zwar einzig auf Initiative Plehwes, der sich überzeugt habe, daß die Teilnahme jüdischer Elemente an der Umsturzbewegung pon den gebildeten und wohlhabenden russischen Juden aufs tiefste gemißbilligt werde, und daß diese Kreise den Revolutionären durchaus abweisend gegenüberstehen. Eine Revision der Judengesetze konnte erst jetzt stattfiuden, nachdem die zur Untersuchung der Lage der russischen Juden vom Minister v. Plehwe eingesetzte Kommission durch Beendigung ihrer Arbeiten die Grundlage dafür geboten hat. Bis dahin hielt es der Minister für notwendig, die einmal als Gesetz bestehenden alten Vorschriften zu beobachten. Den Juden, denen bisher das Wohnen auf dem flachen Lande verboten war, sind jetzt auch die Dörfer zur Niederlassung geöffnet worden, . sodaß ihnen ein weites Feld zur wirtschaftlichen Betätigung in ganz Rußland offen steht, und sie Gelegenheit haben, sich aus der elenden Lage, in der sich ein großer Teil von ihnen befindet, herauszuarbeiten. — Wie schrieben wir doch in der vorigen Nummer? Staatenmoral ' ist keine Bürgermoral. Es sind erst einige Wochen her, als Herr v. Plehwe, der moderne Haman, eine jüdische Deputation in ungnädigster Weise empfangen hatte und ihr den Vorwurf machte, daß besonders die Inden an den Umsturzbewegungen beteiligt seien. In dieser kurzen Zeit hat nun der Krieg mit Japan ein ganz gewaltiges Loch in den russischen Staatssäckel gerissen, und um dieses Loch nun einigermaßen zu flicken, hat Rußland jetzt die jüdische Haute finance Westeuropas dringend nötig; deshalb der plötzliche „Umsturz" der russischen Negierungspolitik. Petersburg. Die dem Senate vorgelegte Frage, ob Jüdinnen, welche die höheren weiblichen Kurse absolvieren, das unbeschränkte Wohnrecht im Reiche genießen, wurde vom Senate, wie die „Senatskija Wjedomosti" inelden, bejaht. Wilna. Der Krieg im fernen Osten hat. wie die „Sewero Sapodnoje Slowo" meldet, im jüdischen 'Niederlassungsrayon im Nordwestgebiete eine Panik durch eine industrielle Krise herbeigeführt. Viele Fabriken habeil ' den Betrieb eingestellt, und dadurch ivurden Tausende von jüdischen Arbeitern brotlos gemacht. Die Behörden haben beschlossen, die Reichen zugunsten der armen Arbeiter zu besteuern, aber die Zahl der Reichen ist leider sehr klein. Kischinew. Die offiziellen .Bessarabskija Gubernskije Wjedomosti" publizieren eine Verordnung des Gouverneurs von Bessarabien, wonach 12 Inden, welche sich in der Wohnung von Kalman Fuhrmann versammelt haben, zu verschiedenen Arreststrafen verurteilt werden. Die Versammlung fand vor den russischen Ostertagen statt, und die Juden wollten über Maßnahmen beraten, welche eventuell beim Ausbruch von Judenexzessen zum Schutze' der Juden zu ergreifen wären.! Rumänien. Bukarest. Rumänien hat dieses Jahr eine sehr schlechte Ernte, die beinahe noch schlechter ist als die im Kriseujahre. Dies wirkt ungünstig auf die Lage der Juden, nicht nur indirekt, weil die Kaufkraft des Publikunis geschwächt wird, sondern auch direkt, weil eine große Anzahl von Juden Gutspächter sind. Der Jude hat in Rumänien ohnedies keine Auswahl von Berufen, ist doch die ganze rumänische Gesetzgebung darauf zugeschnitten, daß den Juden jede Erwerbsmöglichkeit geraubt wird. Land dürfen sie nicht erwerben, wohl aber pachten. Diese kleinen Pächter werden durch die schlechte Ernte massenhaft an den Bettelstab gebracht. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Bukarest. Das Hilfswerk der V o r f ch u ß ka s s e n, das die Alliance Jsraelite Universelle in Rumänien in den ärmsten Centren der jüdischen Bevölkerung begründet hat, nimmt einen regelmäßigen Fortgang und erweist sich für die kleinen Gewerbetreibenden als sehr nützlich. Soeben hat die Alliance für die Gemeinde in Bacau einen Kredit von 20C0 Fr. und für die Gemeinde in Moinesti einen Kredit von 3000 Fr. zur Gründung von Kassen bewilligt, nachdem sich beide Gemeinden zu Beiträgen von gleicher Höhe verpflichtet hatten. Portugal. Lissabon. Am 18. Mai wurde hier die neue Synagoge unter Leitung des Großrabbiners von Gibraltar feierlich eingeweiht. Der Bau des Gotteshauses ist insofern von historischer Bedeutung, a l s es die erste Synagoge feit b e r Vertreibung der Juden aus Portugal im Jahre 14 9 5 i st. Die hiesigen Juden sind überwiegend in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus Marokko, Gibraltar und den Azoren eingewandert und nehmen zum größeren Teile geachtete Stellungen hier ein. Die Kosten der Synagoge wurde durch Sammlungen unter den Israeliten Lissabons, Gibraltars, Marokkos und Englands in verhältnismäßig kurzer Zeit aufgebracht. Personalien. Frankfurt a. M. Am letzten Freitag wurde eine in weiten Kreisen wohlbekannte Persönlichkeit zu Grabe getragen. Herr Anselm Rothschild, der nach längerem Leiden im Alter von 73 Jahren verschieden ist, hat in unserer Stadt nahezu 50 Jahre lang als S o f e r gewirkt und war wohl nicht allein in der näheren Umgebung, sondern auch in weiteren Bezirken allgemein bekannt und geschätzt. Seine Kunstfertigkeit in seinem Fache, seine penible Redlichkeit, Rechtlichkeit und warme Menschenliebe verschafften ihm einen allseitig gesicherten Ruf: sein sprichwörtlich gewordener Fleiß, seine bescheidene Lebensführung und seine tiefempfundene, nicht zur Schau getragene Rcligiösität sicherten ihm die Sympathie Aller. Er hat wohl selten während 60 Jahren die Synagoge des Morgens und des Abends verfäilmt und jeder Besucher der Klaus, in welcher er Jahrzehnte lang als Vorbeter fungierte, dürfte die straffe Gestalt des Dahingeschiedenen noch lange in der Erinnerung behalten. Wenigen, wie ihm, war es bcschicden, den beiden hiesigen jüdischen Gemeinden in gleich zufriedenstellender Weise ihre Dienste zu widinen. Auch war es ihm vergönnt, seine Söhne und Töchter in jüdischem Sinne zu erziehen. — Auch die Armen hatten — soviel in seinen Kräften stand — einen Freund und Berater an ihm, wenn auch über diese Seite seines Charakters wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen sein dürfte. Ehre seinem Andenken! Hanau. Hier starb am 26. Mai im 77. Lebensjahre Frau Jeanette Schwab Wwe., geborene Hachenburg, eine Frau, deren Heimgang in der hiesigen jüdischen Gemeinde tief empfunden wird, denn in der Ausübung unserer heiligen Vorschriften, besonders in den Werken der Liebestätigkeit war sie ein leuchtendes Vorbild. Berlin. Zum Oberlehrer am Lessing-Ghnrnastum ist der Lehrer Dr. Siegfried Jaffa und zum Oberlehrer an der 13. städtischen Realschule der wissenschaftliche Lehrer Dr. Victor Lowinsky ernannt worden. Hamburg, 30. Mai. Herr N. E l k a n und Frau geb. Levy feierten gestern das Fest der goldenen Hochzeit. Das Ehepaar, das im 79. Lebensjahre steht und sich noch voller geistiger und körperlicher Frische erfreut, genießt große Beliebtheit; es wetteiferten Verwandte, Freunde und Nachbarn, dem Jubelpaar vielfache Ovationen darzubringen. Herr Elkan ist einer der ältesten Graveure unserer Stadt und den alten Hamburgern gewiß noch eine bekannte Persönlichkeit, mehr als 35 Jahre hatte er seinen Stand mit Petschaften, Stempeln und Siegeln bei der früheren Mühlenbrücke vor dem Gebäude der jetzigen Reichsbank. — In der Wohnung des Jubelpaares in der Markusstraße Nr. 5 fanden sich schon zu früher Morgenstunde viele Gratulanten ein, später erschien Herr Oberrabbiner M. Hirsch, um im Aufträge des Senats die von diesem gestiftete Ehejubiläumsmedaille zu überreichen. Köln a. Rh. Das Kuratorium des Vereines des jüdischen Lehrer-Seminars im Rheinland hat in seiner Sitzung vom 6. Juni den Rabbiner der Synagogengemeinde Memel, Herrn Dr. Emanuel Carlebach, einstimmig zum Direktor des Lehrer-Seminars gewählt. Saarunion. Bei der Neuwahl des Vorstandes der israelitischen Gemeinde wurden gewählt: B. Levy, I. Loeb. I. Coblenz, B. W. Wolf, David Cerf, B. Meyer und Lazare Levy. Wien. Baron F. Königswarter, der Erbe des „steinreichen", durch seine Allüren seinerzeit bekannt gewesenen Gründers, wird sich mit Frl. Adolfine Sosna, die bis vor nicht langer Zeit am Karltheater engagiert war, vermählen. Das wäre nun gerade nichts besonderes, allein die Nebenumstände verdienen Erwähnung. Der alte Königswarter hat nämlich ein Testament hinterlafsen, in welchem es u. a. heißt, daß für den Fall, als eines seiner Kinder einen Glaubenswechsel vornehmen sollte, die Wiener Seite 3. israelitische Kultusgemeinde mit einer Spende von einer Million Gulden bedacht werden müßte. Dieser Fall ist nun tatsächlich eingetreten: der Erbe der viele Millionen betragenden Hinterlassenschaft ist zum Katholizismus übergetreten und wird die genannte Dame heirate». Moskau, 30. Mai. Am 12./25. d. M. starb hier im hohen Alter von 83 Jahren der bekannte Philantrop Wolf I. W y sotzk i. rein großes Teegeschäft besteht seit einer Reihe von Jahren in der alten Zarenstadt und hat Filialen in vielen Städten des russischen Reiches; cs hatte in der letzten Zeit einen jährlichen Umsatz von mehr als s e ch S M i l l i o n e n Rubel. Mit der Eiltwicktung des Geschäftes vergrößerte sich das Kontingent der Angestellten, auch beschäftigte dasselbe eine große Anzahl von Arbeitern. Der Verewigte war außerordentlich wohltätig. Er tat sehr viel zugunsten seiner armen Glaubensgenossen. Der Kolonisation seiner Mitbrüdcr in P a l ä st i n a herzlich Erfolg wünschend, und trotz seines hohen Alters und seiner großen Unteriiehinungen, ging er persönlich nach Palästina, um an Ort und Stelle mit den Bedingungen der Kolonisation sich bekannt zu machen, und hierauf etablierte er dort aUf seine Unkosten einige intelligente jüdische Familien aus Rußland als erste Pioniere. Aus seinen Mitteln wurden viele Bildungsanstalten in Rußland erhalten; zu gunsten vieler wohltätiger Institute deponierte er in der Reichsbank bedeutende Summen auf ewige Zeiten. Auf seine Rechnung wird eine Klasse in der jüdischen Schule zu Jaffa erhalten, und die wissenschaftliche Zeitschrift „H a s ch i - loach" in hebräischer Sprache in Rußland wurde ebenfalls auf seine Unkosten herausgegeben. Er spendete viel zu der „Alliance Jsraelite Universelle" für Volks- und höhere Bildung der Juden. Blor 3 Fahren schenkte er einen Betrag von 60000 Rubel zum Bau eines Hauses für eine Handwerkerschule in Bialystok. Der Heimgegangene versagte niemals jemandem, der sich an ihn um Unterstützung wendete. Er ließ ein bedeutendes Vermögen und eine ziemlich große Familie zurück. Mailand, den 26. Mai. Eine Aufsehen erregende Taufe fand heute im erzbischöflichen Palast statt: Fräulein Anöreina Costa, die Tochter des bekannten sozialistischen Abgeordneten Andrea Costa und der Frauenrechtlerin Anna Kulischow, trat vom jüdischen zum katholischen Glauben über, und der Kardinal-Erzbischof Ferrari gab ihr nach der Taufe auch das Sakrament der Firmung und der Kommunion. Fräulein Costa's Konversion ist auch aus politischen Gründen bemerkenswert. Sie, die Tochter des aufrichtigsten und sympathischesten unter den italienischen Sozialistensührern, heiratet demnächst den bekannten Mailänder Großindustriellen Gavazzi, der ein Neffe des streng monarchisch gesinnten Abgeordneten gleichen Namens ist. Florenz. D r. H. P. C h a j e s, Professor am Rabbinerseminar in Florenz, hat sich als Dozent an der dortigen Universität habilitiert. Dr. Chajes. der seine Studien am hiesigen Rabbinerseminare absolvierte, hat sich bereits als Exeget einen bekannten Namen erworben. Biel beachtet wurde in Gelehrtenkreisen seine jüngste Arbeit, ein kritischer Kommentar zu den Psalmen in hebräischer Sprache. Ans den Vereinen. Frankfurt a. M. Die .Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Jude n t u m s" veröffentlicht soeben Heft 17 ihrer „Mitteilungen", das erste Heft nach dem Dahinscheiden des bisherigen Leiters der Mitteilungen, Justizrat Dr. Naphtali Hirsch. Mit einem Gedenkblatte des unvergeßlichen Mannes beginnt das Heft. Dem schließt sich ein Bericht der Tätigkeit der aus 40 orthodoxen Rabbinern Deutschlands sich zusammensetzenden „Rabbiner- K o m m i s s i o n" an. Am 4. Januar d. I. hatte die Generalversammlung dieser Kommission stattgefunden. Herr Provinzialrabbiner D r. H i r s ch f e l d - Gießen referierte über das Wirken des Vor st an des. Ein Antrag des Herrn D i stri ktsr ab b in er s N. Bamberg e r - Würzburg, die Rabbiner-Kommission möge zu der Frage der rituellen Behandlung von Leiche», die zur Verbrennung bestimmt sind, und der Beisetzung von Aschenresten Stellung nehmen, rief eine längere Debatte hervor. Es wird beschlossen: Der Vorstand soll eine Erklärung abfassen, in der ausgesprochen wird, daß sowohl jede Beteiligung der Chewraus als auch die Beisetzung der Urnen aus dem Friedhofe unzulässig ist, und diese Erklärung im Namen der Rabbiner-Kommission veröffentlichen. lieber die Ausbildung von 2 chochtim referierte Herr Prov.-Rabb. Dr. Bamberger- Hanau; er verlangt, daß die Freie Vereinigung die Unterbringung der Schächt - Eleven bei geeigneten Schächtern in die Hand nehmen, den Lehrerseminarien und den Rabbinern die vorhandenen 'Ausbildungsgelegenheiten regelmäßig mitteilen und bei June- Haltung der von ihr zu stellenden Bedingungen den Schächt-Eleve» Subventionen bewilligen soll. lieber Punkt 3 der Tagesordnung „Die jüdischen Lehrervereine und der allgerneiite israelitische Lehrerverband hält Herr Provinzialrabbiner D r. Cahn-

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