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Neue jüdische Presse · 1904-06-10 · Heft 22 (10.6.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 22 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. -—^ Nr. 22. Stimmen über Oberravbiner Roth's Broschüre. Die seit 13 Jahren in Waitzen erscheinende talmudisch-wissenschastliche Monatsschrift Tel talpiauth, herausgegeben unter beit Auspizien des berühmten Gaon Jesaja Silverstein-Waitzen von dem hochangeschenen Gelehrten Rabbi David Katzburg, bringt in ihrer Siwan-Nummer einen Artikel aus der Feder ihres Herausgebers mit dem Titel veriseliatb Lijaun, nach dessen Durchlesen inan den Eindruck gewinnt, daß Oberrabbiner Roth's Broschüre bei den Gesetzestreuen Ungarns einm nachhaltigen Eindruck hervorgerufen haben muß. Es sind 9 Jahre her, seitdeni der Toi talpiauth einen Artikel gegen den Zionismus.gebracht hat. Er begründete damals seine Gegnerschaft damit, daß man nicht mit Leuten zusammengehen dürfe, die das göttliche Gesetz und die Tradition leugnen. Bor S Jahren befand sich die moderne zionistische Bewegung in ihren bescheidensten.Anfangsstadien, und es war deshalb noch nicht abzusehen, ob und welche Bedeutung fle für das Judentum haben würde. Inzwischen hat sich jedoch vieles geändert. Aus den nach Schwärmerei aussehenden Bestrebungen einzelner ist die in positive Arbeit umgesetzte Sehnsucht von Millionen geworden, Basis und Ziel haben feste Form bekommen, und ftlr die Bedeutung dieser Bewegung als eine jüdische liegen nunmehr Fakta vor. 9 Jahre lang haben die Herausgeber des Ts! talpiauth geprüft, 9 Jahre lang haben sie geschwiegen: doch nun ist die Stunde gekommen, wo sie sprechen müssen, weil ein längeres Schweigen Sünde wäre. Und sie sprechen, wie Juden vom alten Schrot, die als wahrhafte Juden keinen Dogmen — kennt das Judentum doch keine Dogmen I — sondern der Wahrheit folgen, sprechen müssen; sie bekennen ihren Irrtum, einen Irrtum, der den orthodoxen Gegnern noch bis auf den heutigen Tag Nahrung giebt, dieser grandiosen Bewegung Steine in den Weg zu legen. Sie sehen, daß die Liebe zu Zion in großen Kreisen des jüdischm Volkes wieder erwacht ist und daß diese Liebe ehrlich und selbstlos ist. Statt, wie bisher, als Opfer der Assimilatton sich immer mehr dem Judentum zu entfremden und ihm zuletzt verloren zu gehen, hat die erwachte Zionslieve diese Kreise vor der Assimilatton gerettet und sie einer Mizwoh zugeführt, die unsere Thauro so hoch schätzt, daß die Gemoro sagt, es sei im Notfälle gestattet, um in Palästtna ein Haus zu kaufen, das Sabbatgesetz zu brechen und am Sabbat einen Konttatt zu unterschreiben. (Gitttn 8). Rabbi David Katzburg — dasselbe müssen wir selbstverständlich auch von dem Oberleiter der Zeitschrift, Rabbi Jesaja Silberstein annehmen — sieht in der zionistischen Bewegung schon deshalb einen Finger Gottes, weil die Männer, welche Zion bereits aufgegeben und bewußter Weise alles, was sich aus Zion bezieht, ausgemerzt hatten — indem sie das Ziel des jüdischm Bottes unter den Völkcm zu finden dachten —, sich nun wieder Zion's erinnern und sich als ihre Lebensaufgabe stellen, dem jüdischen Volke seine alte f eimat wiederzugebm: gerade hierin sieht Rabbi David atzburg ein Zeichen der T’schuwob, die dem Anfänge der vorbereitenden GCuloh vorherzugehen hat. Drei Behauptungen der dem Zionismus noch feindlich gesinnten Orthodoxm hat der Tel talpiauth zu untersuchm: 1) Die letzte 6suloh müsse durch ein Wunder geschehen, 2) man darf nicht mit Poschim Zusammengehen, 3) der Zionismus setze an die Stelle der Religion den Nattonalismus a<3 1) Dieser Behauptung gegenüber weist er an der Hand des Talmuds und der nachtalmudischen LiteraMr nach, daß der Anfang der letzten Gßuloh nur noch auf natürlichem Wege stattfinden wird. Die Zeichen hierfür sind nach dem Talmud, a) daß Palästina Früchte zu ttagen beginnt, h) daß die Abtrünnigen, die Zion verlassen hattm, sich nunmehr Zion's wieder erinnern. Beides ist geschehen! ad 2) Wie bereits oben erwähnt, weist er nach, daß bei einer solch' großm Mzwoh, wie die Rettung des jüdischen Volkes einerseits und des jüdischm Landes andererseits, von einen: Verbote, nrit Unreligiösm zu gehm, nicht die Rede fein kann, daß es vielmehr eine große Sünde wäre, die Unreligiösen von dieser großm Mizwoh abzuhaltm. Bei dieser Gelegmheit führt er' das bekannte Beispiel des Talmuds (Sauteh 21) an, wo die Rede davon ist, daß der ein frommer Narr (Chosid Schauteh) sei, der eine ertrinkmde Frau, weil sie eine Frag ist, nicht retten will. Aber nicht nur, daß die Unreligiösen nicht gehindett werden dürfen, sonden: nur sie allein sind nach der Ansicht von Orach Chajim, unter dem Namen Hakodaufch bekannt, die Berufenen für die erstm Schritte der Gäuloh; und erst nachdem man fchon im heiligen Lande etwas Positives erreicht hat, werdm die Zadikim an die Spitze gelangen, denn nach der Lehre unserer Weisen bringt schon der Boden und die Luft unseres Heimatlandes die Juden dem Judmtmn näher. ad 3) schreibt er, daß er sich vergeblich bemüht habe, in Talmud und Posttm eine Stelle zu finden, in der die Befürchtung ausgesprochen ist. daß die nationale Idee evmMell der Religion schaden könne. Der Fromme meint er, wird nie glauben, daß die Liebe zu seinem Botte und zu seinem Lande genüge, um ein gesetzestreuer Jude zu sein. Und daß es nicht angebracht ist, dm Nichtftommen von dieser Mizwoh abzuhalten, bedarf nicht eines Beweises, denn, wenn dem so wäre, müßte man diejenigen, die nur noch an der Beschneidung und dem Jomkyppur festhalten, auch an der Ausübung dieser beiden Mizwaus hindern, damit man nicht sage, daß das genüge, um Jude zu sein. Wenn wir die Gesamtausführungen des Verfassers in ihren Grundzügen resümieren, so haben wir Folgendes festzustellen: Der orthodoxe Jude darf in der zionistischen Bewegung einen Finger Gottes erblicken, da der Anfang der Oäuloh nach unseren Weisen nur auf natürlichem Wege und grade durch die dem Gesetze mtftemdetm Kreise stattzufinden Hat. Da die Dauer unseres Exils uns nicht vorausgesagt worden ist, wir Juden jetzt nach 2000 jähriger Verbannung auf eine solche Stufe herabgesunken sind, wie sie nicht ttefer fein kann und kein anderer Weg als der, den die Zionisten eingeschlagen habm, zur Rettung der Judenheit uns möglich erscheint, so müssen grade die orthodoxen Juden Gott für diese Bewegung danken, in ihr einen Finger Gottes erblicken und mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Es übcrttitt, so schließt Rabbi David Katzburg. jeder, der dem Zionismus hindern will, das Verbot: „Du sollst nicht töten", „du sollst nicht stehm bleiben bei dem Blute deines Nächsten." Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Eine Eismaschine für Jerusalem. Das tropische Klima Jerusalems steht der dortigen Bevölkerung bei Beschaffung von Natureis zu Heilzwecken sehr hindernd in dem Weg, welcher Umstand das dort erzeugte Eis bis zu dem enormen Preise von 10 Fr. per Kilo, während eines großen Teiles des Jahres verteuert. Das Bedürfnis an Eis ist aber infolge der vielen schweren epidemischen und hitzigen Krankheiten, die dort vorherrfchend sind, sehr groß. Dies hat die Vorstände und ärzttichen Körperschaften der Kraulcnhäuser Jerusalems einerseits, wie auch die dorttgen Konsulate, darunter der Generalkonsul von Deutschland in Jerusalem, veranlaßt, nach Mitteln zu trachten, wie diesem Uebel abzuhelfen sei. Als dringende Notwendigkeit wurde die Anschaffung einer Kunsteis-Maschine erkannt. Zur Beschaffung der nötigen Geldmittel unternahm Herr E l i a ch aus Jerusalem die Reise nach Europa, in der sesten Ueberzeugung, die Herzen seiner jüdischen Brüder für diese hochwichtige Sache anzuregen, und es gelang ihm auch, die Summe von 6000 JL dem Verein LemaanZioninFrankfurta. M., welcher die Sache in die Hand genommen hat, zuzuführen. Da sich aber die Kosten einer Eismaschine samt Motor und Zubehör auf 14 000 JL stellen, so sind noch 8000 JL aufzubringen; Herr Lißmann Fürth, Frankfurt a. M., Sandweg 9 und Herr Alfred Geiger, Frankfurt a. M., L c e r b a ch st r a ß e 29 sind gern bereit für diesen Zweck Spenden anzunchmcn. Möge ein Jeder sein. Scherflein beitragen, damit das gute Werk seiner baldigen Verwirklichung entgegen geht. Leipzig. Wir leben im Zeitalter der Ueberraschuugen. Der neunte Delegiertentag des „Verband der Tierschutzvereine des Deutschen Reich s", der kürzlich hier tagte, hat einen Antrag auf obligatorische Einführung der Betäubung aller Schlachttiere — also ein Sch ächtverbot — mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt. Dieser Beschluß ist sehr bemerkenswert. Waren doch auf früheren Versammlungen des Verbandes entgegengesetzte Beschlüsse gefaßt worden; wie es überhaupt eine Zeitlang den Anschein hatte, daß der Verband den zweifelhaften Ruhm erstrebe, Anführer in dem Sturmlaufe gegen das Schächten zu fein und zu bleiben. Meiningen. Bor der Strafkammer I des Landgericht Meiningen fand kürzlich eine recht bemerkenswerte Verhandlung statt, deshalb bemerkenswert, weil die Anklage im öffentlichen Interesse auf Anordnung des Oberlandesgerichts Jena erfolgte. Als Nebenkläger, Beleidigter und Zeuge erfchien der Kaufmann M. aus Eisenach. Der Anklage liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Im November v. I. logierte der Kaufmann M. in einem Gasthaus in Heldburg, wo er schon öfter eingekehrt war. Der Herr ist Israelit. Er saß in der Gaststube allein an einem Tische, an' einem anderen Tische hatten 3 Herren und eine Dame Platz genommen, die sich zu den „Honorattonen" des Städtchens zählen. Es war abends 5—6 Uhr, also nicht eine Zeit, in welcher ettva eine weinfröhliche Stimmung schon Platz gegriffen haben könnte. Die Gesellschaft erging sich in antisemitische „Anulkereien", die sic direkt gegen den Reisenden richtete und die zuletzt einen solchen Charakter annahmen, daß der Reisende diesen antisemitischen Helden gegenüber das Feld räumte, den Gasthof verließ und in einen anderen übersiedclte. Aber auch dahin folgten ihm die „Honorattonen" Püülerschen Schlages, setzten ihr Unwesen wie auf gemeinschaftliche Verabredung fort, wobei sich der Apotheker des Orts besonders hervortat. Schließlich kam es zu Tättichkeiten, in deren Verlauf dem Herrn M. der Arm ausgerenkt wurde. Mer auch jetzt noch hatte die Roheit kein Ende. Einer der Herren brachte höhnisch ein großes Wandthermometer, um, wie er witzig meiute, die „Fieber- Wärme" des Verletzten zu messen. Daß solche Taten in dem freundlichen Städtchen, dessen nahe gelegene alte schöne Veste viel von Touristen besucht wird, von sehr vielen Bürgern scharf verurteilt werden, bewies die große Zahl der Zeugen in ihrer Unterhaltung. Zu ihrer Vernehmung im Gerichtssaal aber "kam es nicht. Die Angeklagten hatten nicht den Mut, ihre Vergehen offen einzugestehen, sie verkrochen sich hinter unglaubliche Ausreden. Der Vorsitzende bemühte sich um einen Vergleich, der auch zustande kam und der Gesellschaft solidarisch etwa 700 JL tut Kopen und Entschädigung auserlegte. Der tätliche Angreifer, von dem man vermuten darf, daß er im andern Aufträge gehandelt habe, erhielt noch extra 20 JL Geldrase eventuell 4 Tage Haft. Königsberg, 29. Mai. In echte Feierstimmung wurde die hiesige Gemeinde Adaß Jißroel heute versetzt; wahre Simchoh schel Mizwoh war es, die aus aller Augen leuchtete. Frau Marie Lafuck dahier hatte ein neues Seser schreiben lassen und dasselbe zum Andenken an ihren verstorbenen Gatten der Gemeinde Maß Jißroel als Geschenk verehrt. Heute fand der Siunt des nach jeder Richtung hin schönen Sefers statt. In der Wohnung der pietätvollen Spenderin hatten sich der Vorstand der Maß Jißroel und deren sämtliche Beamten, sowie eine große Anzahl Gemeindemitglieder eingefunden. Namens des Vorstandes brachte Herr George Marx den Dank für das der Gemeinde gewordene schöne Geschenk zuni Ausdruck. Nachdem sich sämtliche Anwesenden an der Fertigstellung des neuen Sefers beteiligt und Herr A Aron die letzten Textesverse ausgefüllt hatte, wurde die neue Seser - Thora in die Synagoge der Maß Jißroel überführt. — Nach den hier vorgenommenen Hakofos und den: Wsingen von „Wajehi binsoa" und „uwenucho jaumar" bestieg der hochverehrte Rabbiner Dr. Liebermann die Kanzel. In geistteicher Weise führte derselbe aus, warum wir dem Sium und Chinuch einer neuen Seser - Thauroh solch große Bedeutung beilegen, und warum die dabei zu Tage tretende Freude als Sinichoh schel Mizwoh eine so berechtigte ist. In Anlehnung an die dieswöchenüiche Sidroh zeigte der verehrte Redner, wie nach der Erklärung unserer Weisen sich Israel stets vor den Umaus hoaulom ausgezeichnet hatte. Unter den schiwaß haneraus sind nach der Erklärung der Mesorschim die schewa chochmauß zu verstehen, welche der Gesamtmenschheit zur freien beliebigen Forschung von Gott übergeben worden sind und in denen die umauß hoaulom wohl auch ganz hervorragende Leistungen auszuweisen haben; während aber bei ihnen die Forschung oft zu falschen Resultaten führte, haben bei Jißroel die schewa chochmaus zu dessen Erleuchtung beigetragen, bei ihm allein ist das Geisteslicht: joer haschem ponow elecho w i ch u n e k o durch Gottes Gnade zum Segen geworden; so haben dieselben Ergebnisse, die bei den umauß hoaulom — besonders in alter Zeit — heidnische Anschauungen Hervorriesen, bei Jißroel die Erkenntnis des Wahren und Guten: den richtigen Gottesbegriff und echten Gottesgläuben gefördert und bestärkt. — Zum Schlüsse sprach der verehrte Rabbiner den Wunsch aus, daß wie sich soeben die Anzahl der Ssorin: im Araun hakaudesch erhöht habe, ebenso Thaurostudium und Thaurogeist in Israel inehren und ausbreiten möge. Oesterreich-Ungarn. Prag. Das .Prager Tagblatt" enthielt vor kurzem die folgende Annonce: „Ich wünsche möglichst bald in eine, wenn auch kleine Bahnrestauratton einzuheiraten. Bin alleinstehender, intelligenter Herr, besitze ca. 20 000 Kr. Barvermögen, Fachkenntnisse, ledig, 40er, beider Landessprachen mächtig, b i n z w a r Israelit, habe jedoch christliche, sehr au g en e h me Umg an gsf o rmeu . . . . Budapest, lieber die Militärgei st lichen der verschiedenen Konfessionen entspann sich eine Debatte in der jüngsten Sitzung des Heeres- Ausschusses der ungarischen Delegation. Bei diesem Anlasse gab Kriegsminister Pitreich folgende Auskünfte: Bezüglich der Verteilung der Militärgeistlichen der verschiedenen Konfessionen bestehen keine besonderen Unterschiede. So entfallen z. B. auf einen Militärgeistlichen bei den Römisch-Katholischen 2720, bei den j Griechisch-Katholischen 2626, bei den Griechisch-Orientalischen 2315, bei den Evangelischen A. B. 2350 und bei den Evangelisch-Reformierten 3009 Soldaten. Was den Religionsunterricht in den Erziehungs- und Bildungsanstalten betrifft, so wird derselbe selbstverständlich von den Seelsorgern der betreffenden Konfessionen erteilt. Bezüglich der Einteilung der Militär-Seelsorger in den Militärbezirken. sind die in diesen Bezirken bestehenden Konfessionen und sonstigen Dienstverhältnisse maßgebend. — Die jüdisch eReligion scheint für den Kriegsminister garnicht oder nur dann zu existteren, wenn es sich darum handelt, die Juden bei der Beförderung zu — übergehen. Bei der Verteilung der Mehrersordernisse des Heeres werden die Juden gewiß nicht unberücksichtigt bleiben.

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