Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 22 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelisches Familienblatt. Nr. 22. Fulda einen sehr eingehenden Vortrag; dieser Vortrag — das Stenogramm ist in der gleichen Nummer der „Mitteilungen" abgedruckt — gipfelt in der Forderung der Begründung einer Vereinigung der gcsctzestreuen Glieder des jüdischen Lehrerstandcs. Es wird eine Kvmmission aus Mitgliedern der Lehrer-Kollegien der Israelitischen Realschule und Israelitischen Volksschule gewählt und mit dem Recht der Kooptation ausgestattet. Ad 4 liegt eine vom Vorstände ausgearbcitetc Resolution vor, in welcher die Zwecklosigkeit (?), Planlosigkeit (?) und die Gefahren des Zionismus in religiöser und politischer Beziehung dargclcgt werden. D r. Bo nd i-Mainz begründet diese Resolution in einem ausführlichen Referate. Die Versammlung erklärt einstimmig ihr Einverständnis mit den Ausführungen des Redners; jedoch wurde von einer Seite das Bedenken geltend gemacht, ob es nicht grade im gegenwärtigen Momente, da innerhalb des zionistischen Lagers inbetrcfs des eigentlichen Zieles der Bewegung Unklarheit und Uneinigkeit hcrvorgctrctcn sei, zweckmäßiger erscheine, von der Veröffentlichung Wstand zu nehmen. So wurde die Angelegenheit dem Vorstande zur weiteren Veranlassung übergeben. — Das vorliegende Heft gedenkt des weiteren des verstorbenen Ausschuß - Mitgliedes Samuel Straus-Karlsruhe, gibt eine Uebersicht der im Jahre 1303 im Gesamtbeträge von 4340 JL gewährten Subventionen und schließt mit der Rechnungsaufstellung, die 5837 JL Mitglieds beitrage und 1500 JL Spenden aufweist. Hamburg. Der Israelitische Unterst ützungsvereiu für Obdachlose hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt I. Alexander ab. Aus dem vom Vorsitzenden erstatteten Jahresbericht ist zu entnehmen, daß der Verein auch im verflossenen Jahre vielen Auswanderern, .sotvie auch einer großen Anzahl von Rückkehrenden teils durch Barunterstützung, teils durch Naturalien seine Hilfe angedeihen ließ. Durch Vermittlung des Vereins wurden in den Auswandererhallen 20 381 Personen mit 50 776 Porttonen warmem Mittagsessen verpflegt, während im Vereinsbureau, Elbstraße, 5491 Personen eine kostenfreie Anweisung auf Nachtquartier erhielten. Auch wurden dort Anweisungen für 5557 Portionen Kaffee und 2663 Porttonen Mittagessen verteilt. Im Reiseverkehr wurden 3040 Personen unterstützt und zwar gingen hiervon 2140 nach dem Inland und 900 nach dem Ausland. In der Belleidungsabteilung des Vereins wurden 1698 Personen mit den notwendigen Kleidungsstücken versehen, während durch den Krankenfonds 312 Verpslcgungstagc im Krankenhause gezahll wurden.. Die Einnahmen des Vereins setzten sich aus folgenden Posten zusammen: Jährliche Mitgliedsbeittäge 2733 JL, einmalige Spende» aus Hamburg und außerhalb 1161 JL An größeren einmaligen Geschenken erhielt der Verein die folgenden Beittägc: Vom Komitee für russische Juden in Hamburg 1025 JL, von der Alliance Jsraelitc Universelle 400 JL, vom Hilfsverein deutscher Juden in Berlin 1000 JL, von Herrn H.' Pinkus-Hamburg 1000 JL Ferner aus dem Nachlaß der Frau Baronin Cohu-Oppenheim- Dessau 1000 JL, von Frau Baronin Einond v. Rothschild-Paris 400 JL Unter den Ausgaben figuriert an erster Stelle für Speisung, Reiseunterstützung, Zehrgeld usw. 13 735 Mark, für Nachtquartier 2179 JL Für Krankenpflege wurden 500 JL verausgabt, während die Abteilung für das Bekleidungswcscn einen Kostenaufwand von 735 JL forderte. Die Unkosten in den Auswandcrerhallen bettugen 2234 JL, während für Gehälter 1839 JL bezahlt wurden. Am Schluß wies der Vorsitzende dann noch darauf hin, daß die Abrechnung leider m it eine m größeren Defizit abschließe und sei es daher nöttg, dem Verein größere Geldmittel zur Verfügung zu stellen, wenn er seine Tätigkeit in derselben Weise wie bisher ausüben solle. Bonn a. Rh. Zu den bisher in unserer Gemeinde bestehenden Vereinen, welche sich zur Aufgabe gestellt haben, die Kenntnisse des Judentums unter den Gemeindemitgliedcrn zu fördern (Verein für jüdische Geschichtt und Literatur, Chevroh G'mielus Ehassodim) ist nunmehr auch ein dritter Verein mit ähnlichen Zielen hinzugettcten. Derselbe führt den Namen „Israelitischer Jüuglingsverci n" und verfolgt insbesondere den Zweck, bei der reiferen Jugend der Gemeinde Bibelkcnntnisse zu verbreiten. Derselbe hat am 1. d. M. seine konstituierende Sitzung ab^eh alten, bei der Herr,-Ra b b in er Dr. Kali f ch e r die Aufgabe des Vereins, sowie die Mittel und Wege derselben gerecht zu werden, des Näheren erötterte. Nach stattgehabter Vorstandswahl wurde Herr Rabbiner D r. Kalischer zum Ehrenvorsitzenden, Herr Kantor Baum, sowie der Vorsitzende der Chevroh G'mielus Ehassodim, Herr V o ß, zu Ehrenmitgliedern ernannt. Aus -er Lehrerwett. Hanau. 36. Jahresversammlung der israelitischen Lehrerkonferenz Hessen. Der Vorsitzende, Herr A m rm in - Borken, begrüßt die Mitglieder und die Gäste, insbesondere die Herren Provinzialrabbiner Dr. Ba m beiger - Hanau, Dr. Prager-Kassel, D r. Munk-Marburg, erstattete den Jahresbericht und erteilte Herrn Oppen Heime r-Wehrda das Wort zu seinem Referate: „Die Verwendung der Pirkc Aboth beim ll n t e r r i ch t". Nach längerer anregender Debatte gelange» schließlich die vom Redner aufgestellten Leitsätze mit geringen Abänderungen zur Annahme: „1. Die Pirkc Aboth vermögen als gediegene Kernsprüche und erhabene Sittcnlehrcn das Wissen zu bereichern und Charakter und Gemüt zu bilden. 2. Die Kenntnis der Pirkc Aboth ist umsomehr ersorderlich, als sie einen Bestandteil unserer Gcbetsordnung bilden. 3. Durch ihre Sentcnzcnform sind sie zur sicheren Einprägung der im Rcligions- und Deutsch-Unterrichte gewonnenen Lehren geeignet. 4. Die Pirkc Math geben dem Lehrer beachtenswerte pädagogische Winke." Die Lescbuchkommission berichtet, daß ihr kürzlich von der Regierung .aufgctragcn wurde, mit dem Ausschuß des hessischen Volksschullchrcrvereins zwecks Ausarbeitung des neuen Lesebuches in Verbindung zu trete». Sic hofft, daß in etwa zwei Jahren das neue Lesebuch erscheine» wird. Als Notbehelf sei vorläufig das Lesebuch des Volksschullehrervereins zu empfehlen. Ueber die P c n s i o n s - und W i t w e n k a s s e der Ko m m u n a l b e a m t e n des Regierungsbezirks Kassel referierte Herr Strauß- Gelnhausen. Danach steht sämtlichen israelitischen Lehrern, auch wenn sie nicht zugleich Lehrer der Volksschule sind, laut Rcgicrungsbeschcid der Beitritt offen. Redner tadelte die Lässigkeit der Vorsteherämter in dieser Beziehung. Es sei Pflicht derselben, für Anschluß der Gemeinden und damit siir ihre Lehrer zu sorgen. Herr Landrabbiner D r. Prager vertrat demgegenüber die Ansicht, daß es Sache der'Lehrer sei, sich zu diesem Behufe an die Vorstchcrämter zu wenden. Für Erfüllung der Wünsche würden letztere dann sicher eintretcn. Eine ausgedehnte und ziemlich erregte Debatte entspann sich sodann über die von den Vorstehcrämtern angestrebtc und von der Regierung kürzlich genehmigte Zulassung der Gründung von Privats ch u l e n. Wie nämlich Herr D r. Prager erklärt, ist die nunmehrige Bereitwilligkeit der Regierung, nachdem sie früher einen ablehnenden Standpunkt eingenommen, zugestandenermaßen auf die Absicht zurückzuführen, bei Schulen mit geringer Schülerzahl sür die Zukunft tzen Staatszuschuß von 500 JL zu verweigern und die Gründung einer Privatschule anhcimzugeben. Für diese schädlichen Folgen machen verschiedene Redner die Vorstchcrämter verantwortlich. Herr D r. Prager verteidigt das Vorgehen der Vorsteherämter, die allerdings eine solche Wirkung nicht vorausgesehcn hätten. Der Ausschuß wurde in seiner Gesamtheit wicdergewählt. Die nächstjährige Versammlung findet zu Pfingsten in Kassel statt. Auf die Tagesordnung sür dieselbe wird ein Referat über das Thema „Der Bibelunterricht unter Berücksichtigung der Literatur dieses Gegenstandes" >gesctzt und als Referent Herr N c u h a u s - Stcrbfritz, als Korreferent Herr Lö - w e n st c i u - Fulda bestellt. 0 Feuilleton. 0 Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von Jacob Levy. (Fortsetzung.) 8. Kapitel. Einige Jahre sind vergangen. Es ist ein Sommcrnachmittag und Frau Ehrmann und Frau Löser weilen zusammen im Volksgarten. Die Damen sind älter und behäbig geworden. Während jedoch Frau Löser den Gcsichtsausdruck einer in sich gefestigten, zufriedenen und heiteren Natur trägt, hat ihre Cousine einen unruhig flackernden Ausdruck in den Augen, der nicht recht zu ihren Jahren paßt. » Sie sagt mit einer nervösen Handbcweguug: „Ach, wenn ich doch auch eine Tochter hätte. Mein Mann reist noch.beständig und Kurt will sich seiner alten Mutter nicht widmen. Er hat kein kindliches Gefühl. Als ich ihm gestern deshalb Vorstellungen machte, drohte er mir, er würde ausziehen, um ganz unbehelligt .zu sein." ' . l Frau Löser erwiderte ernsthaft: „Auch uns gefällt Kurt nicht mehr, es scheint uns allen, daß er sich bei uns nicht mehr heimisch fühlt. Er ist durch seine lockere Gesellschaft auf Abwege geraten und er hat — ich möchte wohl sagen, leider — ein so bedeutendes Einkommen, daß er alle seine Wünsche befriedigen kann. Und er gesällt auch Hilde's Bräutigam nicht. Karl ist, wie Du weißt, ziemlich religiös, so wie auch wir und wenn Kurt auch vom Jüdischen nichts wissen will, so braucht er doch nicht über alles zu spotten. Karl sagt, es sei schade sür einen so begabten, geistreichen Menschen, daß er so wenig moralisches und ethisches Empfinden zeige." Frau Ehrmann hörte diese derbe Krittk zuerst chweigend an, dann aber brach sie los. „Mso jetzt soll Kurt ein unmoralischerMensch ein. Ihr engherzigen Naturen versteht ihn einfach nicht. Ich hwbe ihn allerdings nicht zum frommen Juden erzogen, weil ich über diesen Standpunkt hinaus 'bin. Und er soll auch sein Leben genießen. Ich lvill kein Kopfhänger und Stubenhocker haben." „Nun, dann darfst Du Dich auch über seinen Gefühlsniangel nicht beklagen, dieser ist eben die Folge Deiner neumodischen Erziehung. Uebrigens ist er heute Abend unser Gast, da werde ich ihm einmal in's Gewissen reden." — In der Familie Löser war frohe Tätigkeit. Eben war der Vater mit seinem zukünstigeu Schwiegersohn heimgekommen. Der junge Mann, eine flotte, schneidige Erscheinung, war vom Reisenden zum Teilhaber im schwiegerelterlichen Geschäft aufgerückt. Hilde war ihnen entgegengeeilt und schritt nun zwischen den beiden Herren in's Wohnzimmer. Sie begann mit ihreni Bräutigam flüsternd eines jener zärtlichen, eifrigen Gespräche, die den strengen Weetzen der Logik wohl nicht genügen, die Beteiligten aber doch in jeder Weise befriedigen. Mittlerweile hatte der Vater es >sich bequem gemacht und auf dem Sessel Platz genommen. „Nun Kinder," sragte er wohlgemut, „gleich wird Kurt erscheinen und dann speisen wir. Mein Magen mahnt mich gebieterisch." Ein Schatten überflog das Angesicht Karls. „Wenn Kurt nur nicht immer über unsere, wie er sagt, Rückständigkeit, spotten würde. Er reizt mich absichtlich. Ueberhaupt ist er moralisch nicht gefestigt." Hilde drückte ihrem Bräutigam die Hand und sagte bittend: „Lass' ihn doch seine schlechte Erziehung nicht entgelten. Er ist ein guter Mensch mit losem Mundwerk, Kurt geniert sich nicht bei uns, weil er sich eben hier zu Hause fiihlt. Und sür seinen Mangel an Religiösität ist er nicht verantwortlich zu machen, da solche in seinem elterlichen Heim ja gänzlich mangelt." Karl erwiderte: „Seine hypermodernen "Ansichten in Bezug auf Religion berühren mich nicht und gehn auch keinen Dritten etwas an. Ich tadle an ihm sein absichtliches Verächtlichmachen jedes religiösen Gefühles bei Anderen. Wie ich vorhin schon sagte, verschlechtert sich sein Charakter, unheilvoll beeinflußt durch schlechte Gesellschaft. Ich bin nicht ungerecht gegen Kurt. Wenn sich mit seinem Geist ein moralischer Charakter vereinigen würde, wäre er ein vorzüglicher Mensch." Das Gespräch wurde abgebrochen, weil Frau Löser mit Kurt eintrat. Kurt war ein eleganter Herr geworden, mit seinstcn Umgangsformen. Mit seine»! blassen, schmalen Gesicht, dem großen Schnurrbart und dem ruhigen, etwas spöttischen Wesen, schien er zehn Jahre älter, als er wirpich war. Er hatte sich vom Lehrling zum Bureauchef und Prokuristen in die Höhe gearbeitet und dem Geschäfte durch kluge Voraussicht von Konjunkturen, durch Einführung neuer Spezialitäten, die er aus einer Studienreise durch England und Nordamerika kennen gelernt hatte, solchen Aufschwung verliehen, daß die Chefs ihm außer einem hohen Gehalt noch einen Nutzanteil zubilligten. Er sagte heiter: „Entschuldigen die Herrschaften mein spätes Erscheinen, wir hatten eine wichtige Konferenz." Karl drückte ihm die Hand und sagte: „Wollt Ihr einen Trust bilden?" „Nein, etwas Unschuldigeres. Mein Chef ließ mich in den Aussichtsrat einer Aktiengesellschaft wählen» an der er stark beteiligt ist." Alle gratulierten. Mittlerweile wurde serviert. Es wurde Mauzoh gemacht, Kurt aß sein Stückchen Brot mit spöttischem Lächeln, ohne seinen Kvps zm bedecken. „Wie geht's Deinem Baker, Kurt, bleibt er noch lange auf Tour?" „Wir werden ihn noch drei Wochen entbehren müssen." Löser sagte: „Ich werde mein Reisen einschränken und Karl meine Haupttouren überlassen. Man wird älter und bequemer. Dein Vater sollte es sich auch leichter machen." „Ich bitte ihn ja beständig darum. Mein Papa aber sagt, das Geschäst wird immer schwieriger und mich 'kann Niemand auf der Reise ersetzen. Ich hielt ihm vor, daß er sicher sich doch nicht mehr so sehr zu plagen brauche; im Uebrigen verdiene ich -.genug Geld für uns Me-undes würde mich beglücken, wenn ich es ,ibm etwas leichter machen dürfte. Dann lachte er und erwiderte, ich solle mein Geld sparen. Und nun spare ich zum Trotz nicht. Das habe ich auch meinem Vater gesagt und es ihm bewiesen." Hilde lachte. „Wo vergeudest Du denn deinen Mammon?" „Das sagt man Keinen Mädchen nicht, auch nicht, wenn sie verlobt sind." Frau Löser bemerkte: „Mir sollst Du es aber beichten, wenn wir allein sind." Karl sagte warm: „Du bist im Grunde ein guter Kerl, schade, daß Du manchmal unausstehlich bist." Alle lachten.