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Neue jüdische Presse · 1904-06-10 · Heft 22 (10.6.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 22 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zlrartkfrtrker Sfrarlitifriirs faiiiilirublitt. < ■1 Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen Teiles). < - _— ' KedaLrtoir imd SrsnKfurl s. M.. Leiligkreuzgaffe 3L> Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber der Urne» Zeit). Kalg cheks. . Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- , 2. Jahrgang. Freitag, den 27. Livan 5664 (16. Jnni 1964). No. 22. Briefe ans der Schweiz. i. Die Schweiz zählt über 15 OM Juden, deren größter Teil, wie in den meisten Ländern, die Städte bewohnt. Ihrer Herkunft und daher auch ihrem ganzen Wesen nach zerfallen sie in „hiesige" und „llsländer", die wiederum einerseits in „Urchige", Elsässer und Deutsche, anderseits in Russen, Galizier und — Studenten zergliedert werden. Die Urchigen sind dieeigentlichen schweizerischen Juden. Zu ihnen gehören die Kehilloth der beiden nebeneinanderliegenden Dörfer Endingen und Lengnau im Kanton Aargau, die zwei einzigen Gemeinden der Schweiz, in denen allein im Mittelalter und ungefähr bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts den Juden das Wohnrecht gestattet war, und die Nachkommen derer, die, nachdem die Freiheitssonne auch den Schweizer Juden aufgegangen war, aus diesen „Orö Millot" nach den größeren Städten auswanderten. Ihre Zahl beläuft sich aus kaum 2000 Seelen, aus welchem Grunde und vor allem da sie auch finanziell nicht besonders hochstehen, ihr Einsluß sowohl nach Innen als nach Außen nur ganz gering ist. Numerisch wie finanziell stark überlegen sind ihnen die E l s ä s s i s ch e n Juden, deren Einwanderung zwar, bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts begonnen hatte, die aber erst nach dem deutsch-französischen Kriege in großen Massen in das Land hineinkamen. Sie bilden in den meisten Städten den Kern der Gemeinden und sind daher die eigentlichen Repräsentanten der schweizerischen Judenheit. Gut gestellt, wenn auch nur sehr wenig vertreten, sind die deutschen Juden; sie stammen größtenteils aus dem Großherzogtum Baden und sind vornehmlich in Zürich ansässig. Etwa vor zwei Lahrzehnten begann auch eine Immigration von russischenundgalizi scheu Juden, die ebenfalls in Zürich besonders stark vertreten sind, die sich aber in den letzten Jahren auch in den übrigen größeren Städten niedergelassen haben. Eine Gruppe siir sich bilden die jüdischen Studierenden beider Geschlechter, die fast ausnahmslos aus Rußland sind und denen man vornehmlich in den Universitätsstädten Bern, Zürich, Genf und Lausanne und in den Städten mit technischen Schulen wie Winterthur und Biel begegnen kann. Ihrem Berufe nach sind die schweizerischen Juden mit wenigen Ausnahmen Kaufleute, und zwar in erster Reihe ^Viehhändler, Konfektionäre und Warenhausbesitzer. Die Zahl der Handwerker ist verschwindend klein. In gleicher Weise Verhält es sich mit den akademisch Gebildeten, im Gegensatz zu den übrigen Ländern Europas, in denen die verschiedenartigsten Hochschulen von Juden überfüllt sind, soweit sie nur zugelassen werden. Der Schweizer Jude ist äußerst bescheiden und drängt sich so wenig als möglich in die Oeffentlichkeit. DaS Leben außerhalb seiner Kehilloh scheint für ihn nur ganz geringes Interesse zu haben, wenn er auch an den verschiedensten Turn- und Bergnügungsvereinen regen Anteil nimmt und alle allgemeinen Wohltätigkeitsinstitutionen nach Krästen zu fördern sucht. Praktisch wie er ist, nimmt er den richtigen Platz im politischen Treiben seines Landes ein, auf den uns unsre Leidensgeschichte zu unsrem Frieden und Wähle unverhohlen auweist. Er übt Wohltaten überall, wo der Ruf an ihn ergeht, steht aber fern jedem Streite der Parteien des Landes. Und das ist der hauptsächlichste Grund, warum die Inden in der Schweiz am wenigsten antiseniitischen Angriffen ausgesetzt sind, obwohl die Urenkel Tells keinesfalls als rein von der „altmodernen Krankheit des Antisemitismus" betrachtet werden dürfen. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Gruppen der Schweizer Judenheit war ein ziemlich gespanntes. Die „hiesigen" betrachteten ihre russisch - galizischen Brüder, die „Pollackeu", als untergeordnete Wesen, und die polnischen Juden fühlten sich ihrerseits den hiesigen Glaubensgenossen geistig überlegen und sprachen von ihnen nur in einem wegwerfenden Tone. Auch in den Unterabteilungen herrschte große Uneinigkeit. Der Urchige sah mit Neid und Verachtung auf den einwandernden Elsässer herab, der ihm bald auf jedem Gebiete des Handels und des ösfentlichen Lebens überhaupt die stärkste Konkurrenz böt, und der russische Student schuf sich überall ein Ghetto und vermied aus das sorgfältigste jede Beriihrung mit seinem nicht akademischen Landsmann wie Volksgenossen überhaupt. Dauert dieses unjüdische Wesen noch immer fort, so hat doch der Zionismus, der hier zu Lande tiefe Wurzeln gefaßt hat, wesentlich dazu beitragen, dieses Verhältnis zu mildern und die Gegensätze so weit als möglich beiseite zu legen. Durch gemeinsame Ideale und Interessen und durch ein ganzes Netz von Vereinen, in denen Juden der verschiedensten Länder und Klassen verbrüdert sind, hat er den hiesigen Juden die Gelegenheit gegeben, einander näher kennen zu lernen und zu achten und nicht mehr einer in dem Andren bloß den Konkurrenten und den Gegner im Struggls kor Iife zu erblicken. In ihren religiösen An schau ungen sind die Schweizer Juden vorwiegend konservativ. Bei allen Schwierigkeiten, die hier, infolge des Schechitah-Verbots, mit Kaschruß verbunden sind, gibt es doch nur ganz wenige Familien, die Trefah- Haushaltungen führen. Verschwindend klein ist auch die Zahl der Mischehen. Auch der Sabbat erfteut sich einer mehr oder weniger strengen Beobachtung, in erster Reihe natürlich von Seiten der Viehhändler, bei denen diese Mizwah, dank der Natur dieses ihres Berufs, nicht mit solchen großen Opfern verbunden ist, wie es bei den andren Handelszweigen der Fall ist. Was das Studium der Torah betrifft, so ist es leider sehr vernachlässigt bei jung und alt, wenn es auch hier und da, namentlich in der deutschen Schweiz noch einige Talmide Chachomim gibt. An diesem Uebel tragen in erster Reihe zwei Umstände schuld: Der Mangel einer starken Organisation und jeden Bandes zwischen den Gemeinden und last not least: Das gehlen von Rabbinern in einer Anzahl von größeren Geineinden, in denen der Religionsunterricht wie alle die übrigen Pslichten der Seelsorge einzig und allein einem Chasan überlassen werden, dem in vielen Fällen eine Schnlung in religiöser und.profaner Natur abgeht und der erst dann zum „Minister" in der Schweiz geworden ist, nachdem er sein Vermögen in Geschäften im Elsaß verloren chatte. Die polnischen Juden bilden zwar überall, wo sie in größerer Zahl vorhanden sind, separate Gemeinden, in denen sie sich bestreben, die Minhagim wie überhaupt die Lebensweise ihrer Heimat treu zu bewahren, richten sich aber stets in ihrem religiösen Leben nach den „hiesigen" und sind in orthodoxen Kehilloth „fromm", in mehr oder weniger reformierten „neu". Vielleicht sind es auch die religiösen Institutionen, die dem strenggläubigen Teil gerade in die orthodoxe Kehilloth lockt. Die Reform hat hier keine großen Eroberungen machen können; sie beschenkte nur ein paar Synagogen mit kleinen Orgeln oder großen Fuß-Harmonien, die teilweise den ganzen Schabbos, teilweise nur bis „Boi w'scholoum" die Gemeinde „andächtig stimmen." Als die typischsten Vertreter der K'sirah, „Freiheit" in ihrem Jargon, galten hier stets die russischen Studenten. Dem Dunkel ihres halbasiatischen Vaterlandes entlausen, konnten sie unmöglich die Freiheitssonne ihres neuen Aufenthaltortes vertragen. Sie hielten sich allem Jiiüischen nicht nur fern, sondern haßten es vielmehr und verachteten es aus dem Innersten ihrer Seele, obgleich sie zuweilen es nicht verschmähten, die Hilfe ihrer „Glaubensgenossen" in Anspruch zu nehmen. Aber auch in diesem Punkte hat der Zionismus seine wundertätige Kraft bewiesen. Mit dem Einzug des Zionismus in die Schweiz dringt in die „Kolonien" langsam aber sicher ein Element von Studierenden, die nicht nur theoretisch für das' alte Judentum sind, sondern die es mehr oder weniger praktisch befolgen. Es gibt jetzt überall eine Anzahl von Mademikern, die rituell speisen, die Thephillin legen und Schabbos halten, ja die sogar einen Schiur Gemoro täglich lernen. Zwar ist noch überall das alte faule Element vorherrschend, aber die progressive Zunahme der strenggläubigen Studenten ist ein unverkennbares Zeichen, daß bessere Zeiten für das echte Judentum im Anrücken sind, wo die Begriffe russischer Student und Kopher beikor sich nicht mehr decken werben. Die z i o n i st i s ch e n Kongresse, die 5mal in Basel abgehalten wurden, haben hier einen tiesen, unverwischbaren Eindruck gelassen und die Schweiz zählt jetzt zu den besten zionistischen Ländern. Bei. der kleinen Anzahl der Juden im Lande, zählt doch die Schweiz über 11M Schekelzahler, also etwa 12°/o. Bedenkt man aber, daß sehr oft ein Schekel für eine ganze Familie entrichtet wird, so ist der Prozentsatz zu verdoppeln, ja zu verdreifachen. Soweit meine allgemeinen Betrachtungen. In den weiteren Briefen werde ich mir gestatten, auf einzelne Punkte und GemeinLeverhältnisse näher einzugehen. B.R.D.

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