Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 21 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zkrartkfrtiner Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die-Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). Redaktion und Geschäftsstelle: ZranKfurl s. m.. LeUigKeuzgaße 52> Ecke Liapperftldstraße lgegenübrr der Neuen Zeit). -S-äg-ä- Hera«sgever: Kalg cheis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, den 2V. Siwan 5664 (3. Juni 1904). Ra. 21. Jüdische Weltanschauung. Von Dr. I s a k Unna, Rabbiner in Mannheim. „Du sollst heute erkennen und cs dir 311 Herzen nehmen, daß der Ewige Gott ist im Himmel oben und aus der Erde unten, keiner sonst." (Deut. 4,39.) Mit diesen Worten ist schon in der Thora selbst die Forderung einer jüdischen Weltanschauung aufgestellt. Wir sollen nicht bloß die Gebote Gottes erfüllen, sondern unser ganzes Denken und Empfinde» soll von den Ideen der Thora beherrscht sein, das Bewußtsein, daß der Gott Israels der Schöpfer und Erhalter der Welt und der Lenker der Menschenschicksale ist, soll unserem Leben sein Gepräge verleihen. Besonders nachdrücklich betont Maimonides, daß wir uns bemühen müssen, Gott zu erkennen, seine Gebote verstandesmäßig zu ersassen, und so den Geist der Lehre in uns aufzunehmen. Die. Behauptung Mendelsohns, man könne auf dem Boden des Jrcdentums denken und meinen, was man wolle, . weil das Gesetz nur Handlungen vorschreibe, ist mit Recht scharf bekämpft worden; denn nur auf dem Grunde jüdischer Gesinnung kann wahrhaft jüdisches Leben entstehen. Diese Forderung einer von den Prinzipien der Thora getragenen Welt- und Lebensbetrachtung ist in früherer Zeit auch vollkommen erfüllt worden. Nicht nur bei den Gelehrten fand man jene Harmonie der Auffassung, jene volle Nebereinst i m m U n g zwischen Gesinnung und Wandel, auch in der breiten Masse des Volkes war weit häufiger als heute jene tiefe Gttlubensinnigkeit anzntrefsen, die altes von Gott herleitete und alles auf ihn zurücksührte. Die hervorragenden Geister waren so durchtränkt von den Ideen des I u d e n t n m s, daß sie alles von dem Gesichtspunkt der Thora aus betrachteten, lind darum war es ihnen ein Leichtes, den reiche» Schatz fremder Wissenschaften, den sie sich aneigneten, mit ihrem Judentum zu verarbeiten; die jüdische Weltanschauung bildete gleichsam den Behälter, in welchen sie alles erworbene Wissen einordneten. Glänzende Beispiele dieser Art sind Maimo? nides und Nachmanides. Maimonides stand aus der Höhe der Bildung seiner Zeit; aber das Studium der aristotelischen Philosophie und die naturwissenschaftliche Erkenntnis waren ihm nur die Mittel, um von einer anderen Seite die Erhabenheit des göttlichen Schöpfers zu zeigen, der Israel am Sinai seine Thora gegeben, und der ebenso in der gesetzmäßigen Ordnung des Weltalls sich offenbart wie in dem Suchen des Menschengeistes »ach Wahrheit. Um ebenso ttef, in mancher Hinsicht vielleicht noch tiefer als er, hat Nachmanidas,' der ja ebenfalls eine vielseitige wissenschastliche Erkenntnis besaß, das Judentum aufgesaßt. — Fm Volke aber war im allgemeinen (einzelne Perioden ausgenommen) die jüdische. Weltanschauung die allein bekannte, und so wurde die innige ^Anhänglichkeit an den Glauben nicht durch fremde Einflüsse gestört. Wenn wir Umschau halten, wie es in unseren Tag e n ■ mit., der. jüdischen. Lebensauffassung bestellt ist, so werden wir die schmerzliche Erfahrung machen. daß sich auch in dieser Beziehung, vieles gegen die frühere Zeit geändert hat. Abgesehen von den östlichen Länder», wo ja die Verhältnisse in vieler Hinsicht andere sind, ist jene Harmonie der Weltanschauung, jenes Durchdrungenseiu von den jüdische» Ideen ziemlich selten, und zwar gilt dies sowohl von der geistigen Elite wie von dem Volke. Die Gründe dafür scheinen mir hauptsächlich in den Beziehungen des Judentums zur allgemeinen Kulturentwicklung zu liegen. Die Verhältnisse in Westeuropa verlangen gebieterisch die Vereinigung profanen und jüdischen Wissens. Der Charakter der modernen Wissenschaft ist aber ein anderer als der früherer Zeiten; die Probleme werden viel tiefer gefaßt, die Bezweiflungen sind radikaler, der Boden des philosophischen Denkens ist viel mehr aufgewühlt. In der Naturwissenschaft dominiert der der jüdischen Schöpsungsidee diametral entgegengesetzte Entwicklungsgedanke, der zwar fortwährend Modifikationen erfährt und, sobald er als Grundlage für eine Weltanschauung dienen soll, in haltlose Hypothesen übergeht, der aber trvtzdein schon einen gewaltigen Einfluß ans alle Wissenschaften gewonnen und bis zu einem gewissen Grade schon Eingang in die Schulbücher gesunden hat. Daß trotzdem u m s a s s e n d e moderne Bildung und jüdische Weltanschauung sich aufs innigste mit einander verschmelzen lassen, das beweisen Männer wie Israel H i l d e s h e i m e t s. A. und S. R. Hirsch s. Ä., der ja in seinem „Jcschurnn" viele der modernen „weltbewegenden" Frage» behandelt und zeigt, wie auch die heutige Wissenschaft nicht im stände ist, den festen Bau des Judentums zu erschüttern; aber ein solcher Ausgleich zwischen Judentum und Wissenschaft erfordert eben neben einer tiefen Thora-Kenntnis auch einen klaren, kritischen Geist, der sich von den Resultaten der modernen Forschung nicht bestricken läßt. Nicht jedem sind die Hilfsmittel gegeben, um sich zu einer harmonischen Weltanschauung durchzuringen, und es ist klar, daß derjenige, der nicht selbst eine in sich gefestigte und tiefwurzelnde Ueberzeugung besitzt, auf weitere Kreise keine Einwirkung ausüben kann. Diese Einwirkung ist aber heute notwendiger als je. Denn bei der Masse des Volkes, bei der Jugend insbesondere, ist in unserem Zeitalter von wahrhast begeistertem Eintreten für Glauben und Lehre wenig zu bemerken. Die Kinder werden, wenn ihr Geist zu erwachen beginnt, nicht z u e r st in die jüdische, sondern in eine andere Weltanschauung eingeführt. Die Bildung ist nicht mehr das Privilegium : weniger, sie ist bis zu einem gewissen Grade Gemeingut aller. Bei uns Juden, die wir einen so hohen Prozentsatz zu den höheren Schulen stellen, trisft dies in ganz besonderem Maße zu. Naturgemäß können in den Schulen nur gewisse Resultate der Wissenschaft mitgeteilt werden; mau kann die Schüler nicht mit den Methoden der Forschung bekannt machen und sie so in den Stand setzen, zwischen Tatsachen und Hypothesen zu unterscheiden. Aber für die 'Anschauungsweise, sür die Weltaussajsung wird in den Schulen der Grund gelegt, und es fehlt das Gegengewicht des gründlichen, jüdischen Wissens, durch welches die Wirkungen der fremden Einflüsse auf den Glauben paralysiert werden könnte». Es ist, nebenbei bemerkt, ans diesem Gesichtspunkte heraus begreiflich, weshalb unsere 'Alten gegen die prosane Bildung überhaupt auftrate», und weshalb mau heute noch in den östlichen Ländern der Wissenschaft ein so tiefes Mißtrauen entgegenbringt. Es ist nicht, wie so oft behauptet wird, Wissensfeindlichkeit, das Judentum ist nie bildungsseindlich gewesen; es ist vielmehr das Gesühl, daß hier fremde Anschauungen eingeführt werden, welche das unreife Kind oder der Mann aus dem Volke nicht zu prüfen vermögen und denen sie deshalb einen zu großen Einfluß ans ihr Geistesleben einräumen werden. Es gibt gegen diesen Mißstand nur ein Mittel: jüdische Schulen. Wenn der ganze Unterricht von jüdischein Geiste erfüllt ist, wenn die Bildung im Zusammenhang mit dem Judentum vermittelt wird, wenn gezeigt wird, was Wissenschaft und was Hypothese ist, dann ist die Möglichkeit vorhanden, daß wahrhafte Geistesbildung und umfassendes Wissen aus allen Gebieten sich vereinigt mit echt jüdischer Weltauschauung. Ost- und West-Aste«. Ob Rußland oder ob Japan schließlich als Sieger den Kriegsschauplatz behaupten werden, dieser Frage mögen wohl Bierbankpolitiker mit Spannung entgegensehen: die Staatsmänner haben nur das eine Interesse, daß der Krieg sich möglichst lange hinziehe, denn je länger er dauert, desto schwerer werden die Wunden werden, die er zwei Mächten schlägt,, von denen jede in ihrer Weise für die Wettlage gefährlich ist. Es verrät daher auch stets ein sehr geringes politisches Verständnis, wenn die Zeitungen nicht müde werden, von einer Intervention der Großmächte zu phantasieren. Japan ist dadurch in gewissem Sinne gefährlich geworden, daß seine rapide Industrie-Entwicklung im letzten Jahrzehnt von Jahr zu Jahr die Exportmöglichkeit nach Ostasien verringert hat. Nunmehr werde» die riesenhaften Kriegskosten und die Verluste an jugendlichem, tatkräftigen Menschenmaterial durch Tod und Verstümmelung aus den Schlachtfeldern seinem weiteren Fortschreiten Einhalt gebieten und es sür lange Zeit hinaus zwingen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die Freude hierüber vars freilich — was wir uns nicht verhehlen wollen — sür Westeuropa nur als eine sehr gemischte bezeichnet werden, denn Freund Dankee wird die besten Brocken schon siir sich zu holen wissen. Biel wichttger als eine Schwächung Japans ist dagegen ein kräftiger Aderlaß des ungeschlachteten, brutalen, russischen Bären, der dort, wo er seine dreiköpjige Adlerstandarte aufgepslanzt hat, jede Betätigung und Geltung freier Menschenrechte rücksichtslos niedertritt und der unablässig seine Ländergrenzen zu erweitern bestrebt ist. Bis jetzt hat sich der gewalttätige» Weltpolitit des starken Riesen kein Hindernis in den Weg gestellt. Immer mehr hatte er