Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 20 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 20. Diese Bestimmung össnet einer Fülle von Chikanen die Türe und wird die Folge haben, daß die auf dein Lande wohnenden 50000 Jude», unter denen nur 3511 selbständige Handwerkerineistcr sind, zum größten Teile — was ja auch von der rumänischen Regierung bezweckt wird — zur Auswanderung gezwungen werden; die für Nichthandwerker geforderten 1000 Francs Vermögen, haben -diese Armen nicht nick» unter ihren Brüdern in den Städten herrscht bereits eine solche Armut, daß eine Existenz auch noch für sie in den Städten unmöglich ist. — Steigt euch westeuropäischen Juden nicht die Schamröte ins Gesicht, daß ihr tatenlos dem Elende euerer Brüder gegenüber steht! Sind all' die Jaminerrufe euerer untcrgehenden Brüder in Rumänien, Rußland und Galizien nicht imstande, euer Solidaritätsgejühl zu erwecken! Mit Almosen ist nicht geholfen! Amerika. New-Aork. Der soeben veröffentlichten Einwan b e r u n g s-st a t i st i k der Vereinigten Staaten entnehmen wir folgende, die jüdische Einwanderung betreffenden Zahlen: Die gesamte jüdische E i n w a n d e r u n g betrug im vergangenen Jahre 76 203, darunter 43 985 männliche Einwanderer. 19 044 waren jünger als 14 Jahre, 53 074 zwischen 14 und 45 Jahre, 4085 über 45 Jahre alt. 4648 Einivauderer besaßen bei der Landung mehr als 30 Psd. St-, alle zusammen 783 866 Psd. St. Nur 991 wurden zurückgeschickt, 706 weil sie nicht die zur Landung erforderliche Summe besaßen, 252 wegen ansteckender Krankheiten und nur 24 als Kvntraktarbeiter. Aus Rußland kamen 47 689, also weit mehr als die Hälfte der gesamten jüdischen Einwanderung. Aus Oesterreich-Ungarn 18859, aus Rumänien 8562 Inden. Dann folgt gleich Deutschland mit 477 und England mit 420 Juden. 66 Prozent der Einwanderer d. h. 50945 blieben in der Stadt Newyork, 8206 gingen nach Pennsylvania. Die übrigen verteilen sich auf alle anderen Staaten und Territorien der Union, ausgenomnien Wyoming und Ncw-Mexiko. Unter den Eingewanderten sind alle Bcrufszweige vertreten, am stärksten die Dienstboten (!) mit 7039 und die Schneider mit 3315 Einwanderern. Im ganzen finden wir da 27 071 gelernte Arbeiter und Handwerker. Rew-Nork. Ein Naturalisations-Bureau. Noch immer versäumen es gar zu viele der jüdischen Einwanderer in Amerika, das Bürgerrecht der Vereinigten Staaten zu erwerben. Der Orden Bnei Brith hat nun im East-Side Ncivyorks ein Naturalisations- Büreau eingerichtet, in dem cs den Einwanderern so bequem wie möglich gemacht wird. Sic sollen dort über alle Rechte und Pflichten eines amerikanischen Bürgers belehrt werden. Ihnen sollen die vorbereitenden Schritte gezeigt und erleichtert werden, diezur Naturalisation führen. Personalien. Berlin. Das Fest der golden en Ho ch zeit feiert am 29. Mai das Joseph Sigal'sche Ehepaar. Paris. Over st Balabregue ist zum Kabinettschef des französischen Kriegsministers ernannt worden. Er wurde auf den maßgebenden Posten im Kriegsministerium berufen, weil er für die Neuorganisation der Armee, welche sich aus der Einführung der zweijährigen Dienstpflicht ergeben muß, unentbehrlich ist, denn Balabregue ist der Verfasser jenes Budgetberichtes über das Kricgsbudgct, welcher den Grundstein zu der Militärrcform gelegt hatte. Die Beratung des Gesetzes über die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, welches den Senat bereits passiert hat, wird die Hauptaufgabe der Kuminer in der beginnenden Session bilden. Warschau. Hier starb Ch. S. Slonimski, der gelehrte Mathematiker und Astronom, Begründer und Mitinhaber per bekannten hebräischen Zeitring „H a z e f i r a h", im Alter von 95 Jahren. Aus -er Lehrerwett. Frankfurt a. M. Am 1. Juni werden es L5 Jahre, daß Herr Kantor H i r s ch P l a u t als ~ Beamter der Israelitischen Religionsgesellschaft tätig ist. Herr Plaut, ein musterhaft,pflichtgetrcuer Mann, erfreut sich allgemein der Achtung; wir wünschen ihm, daß er rwch viele Jahre gesund und rüsttg seines Amtes walte. Königsberg.Der„Verein jüdischer Religio ns lehr er Ostpreußens" hielt am Mittwoch, den 11. und Donnerstag, den 12. ds. Alts, seine 15. Jahresversammlung in Allen stein ab. Die Verhandlungen begannen abends halb 8 Uhr mit der Generalversammlung des Vereins, welcher nur Mitglieder desselben beiwohnten. Von 62 dem Vereine angehörenden Mitgliedern waren 52 erschienen; ferner.war als Gast der Vertreter des Westprenßischen Lehrcrvcreins Kollege Mannheim- Graudenz anwesend. Nach einer kurzen Begrüßung der Erschienen, erstattete der Vorsitzende, Stur m a n n - O st c - rode, den Jahresbericht.. Er erwähnte die freudigen und traurigen Ereignisse im letzten. Bcreinsjahre, besprach die allgemeinen Verhältnisse im Verein, die fortlaufend die besten und freundschaftlichsten sind, sowohl in den einzelnen Gruppen im Verein, als auch zwischen dem Lehrervereiu und dem Synagogenverband. — Er berührte auch das Verhältnis des Vereins zum allgemeinen Lehrerv erb an de, zu dem unser Provinzialvercin treu hält und von dem er sich trotz einer gewissen Spannung infolge von Meinungsverschiedenheiten in großen und schwerwiegenden Fragen der Lehrerintercsscn niemals trennen wird. — Mit besonderer Genugtuung erwähnte der Vorsitzende, daß in den Ausschuß des kürzlich begründeten Verbandes der deutschen Juden auch ein Vertreter der jüdischen Lehrerschaft, der Vorsitzende des Lchrcrverbandes, Dr. Fiegel-Charlottenburg, gewählt worden ist. Hierauf erstattete Kollege K a r o -Allenstein de» Kass en b e ri ch t, der einen Kassenbestand von 84,80 Mark zeigte. Als Revisoren wurden Roscnthal-Königsberg und Schüler-Guttstadt gewählt. Den 3. Punkt der Tagesordnung bildete ei» Referat von Peritz -Königsberg über „Bcrbandsfrage n". - Der Vortragende besprach folgende im Vordergründe der allgemeinen Verbandsinteressen stehende Punkte: Verbandsstatut, Fortbildungssrage und Verbands - Peusions - Kasse. — In Bezug auf das V e r -> bandsstatut bemerkte der Resereut, daß die in Vorschlag gebrachte Vertretung der einzelnen Verbandsvercine durch einen Delegierten, sowie die Erledigung der laufenden Geschäfte durch einen „Gcschäftsführenden Ausschuß" gutzuheißcn sei) ferner sei zu wünschen, daß dem Gesamtvorstande bei der Erledigung wichtiger Fragen selbständige Vollmacht zugestanden werde. — Für den Vorstandsdelegierten sowohl als auch für die Mitglieder des „Gcschästssührenden Ausschusses" sollten Ersatzmänner bestimmt werden, die im Behinderungssalle zur Vertretung herangezogen werden könnten. — Referent hält es ftir ganz notwendig, darauf zu dringen, daß in dem Passus betreffs Delegierten für den Verbcmdstag, die Unterscheidung von staatlich geprüften Lehrer» und anderen Mitgliedern (Rabbinern und Rcligionslehrern mit autodidaktischer Vorbildung) sortfällt und überall nur von Mitgliedern gesprochen - wird, weil die Vereine in der allgemeinen Verbindung nur gleich geachtet werden könnend Zur Fortbildungsfrage, bemerkt der Referent, daß die Forderung unseres Vereins weder nach einem orthodoxen, noch nach einem freisinnigen Programme geht, sondern nach einem solche», das als wissenschaftliche Anweisung für alle Kollege», welcher religiösen Anschauung sie auch huldigen möge», gelten kann. Es sei zu bedauern, daß der Berbandsvorstand für die Verhandlungen des Verbandstages kein Korreferat zu der Arbeit des Dr. Gutmanil-Berlin zu bieten vermochte-. Die Frage der verbesserten Ausbildung im Seminar (Referent Gut-Köln) hätte gut bis zur Erledigung der Fortbildungssrage zurückgestellt Iverden können. In Sachen der V e r b a n d s - Pensions- Kasse besprach der Referent noch einmal die Lage der Verhältnisse nach dem Beschlüsse der Hamburger Delegiertcn-Versaminlnng, ivie ebenso die Stellung des Kuratoriums und die Beschlüsse desselben dazu. Nach eingehender Beleuchtung der neueste» Beschlüsse in der Knratoriumssitzung vom 21. Dez. 1903 und der Anträge Steinhardt und Adler, beantragte der Referent folgende Resolution: „Der Verein jüd. Religionslehrer Ostpreußens sieht in der vom Kuratorium der V. P. K. bekundeten Absicht, Gelder zur Gründung einer Darlehenskasse zu sammeln, ein Vorhaben, das nur zur weiteren Zersplitterung unserer materiellen Kräfte führen muß. Der Verein erkennt auf dem Gebiete allgemeiner materieller Lehrerförderung nichts dringlicher au, , als eine Verbesserung unserer Versorgungsverhältnisse und hält für notwendig, daß die Mittel des Verbandes zunächst ausschließlich dieser Aufgabe zugewendet iverden. Zur Vertretung allgemeiner Verbandsinteresscn erachtet der Verein das Kuratorium der V. P. K. so lange nicht geeignet, als es sich nicht mit seinen Absichten und Maßnahmen unbedingt denr Willen der Verbandsleitung unterstellt." Der Antrag wurde e i n st i m m i g a n g c - n 0 ni m c n. Den nächsten Punkt der Tagesordnung bildeten die Wahlen zum Delegiertentag in Kussel. Es wurden gewählt Sturmann-Osterode und Peritz-Königsberg, sowie als eventueller Vertreter Rosenthal-Königsbcrg. Nach Erledigung einiger interner Vercinsangelegenheitcn und diverser Besprechungen — besonders ausführlich wurde auch über den neuen Normalkontrakt für die jüdischen Religionslehrer und Kultusbeamten in Ostpreußen diskutiert — schloß der Vorsitzende gegen 11 Uhr abends die Generalversammlung. b. B. ki. Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von I a c o b L e v Y. (Fortsetzung.) Als Herr Direktor Epstein und Gemahlin vom Feste heimgekehrt und in ihrem zu dieser Stunde ungemütlich kalten Wohnzimmer waren, fiel die lächelnde Maske von ihren Gesichtern. Er sah sorgenvoll, sie wütend aus. Die junge Frau riß. ihren kostbaren Pelzmantel ab und schleuderte ihn in die nächste Ecke. „Da haben wir uns ein volles Jahr um diese dünkelhafte Gesellschaft bemüht, glaubten ihnen zu imponieren, in ihre Kreise Eingang, zu erlangen, und nun schlägt der erste Versuch, einen intimeren Verkehr mit ihnen anzubahuen, fehl. Sie weisen uns ab." Die junge Frau in ihrem phantastischen Kostüme, mit den finsteren Augen, der ivogenden Brust, sah -• unheimlich aus. Ihr Mann erwiderte düster: „Auf die Gründung des Vereins hatte ich meine Hoffnung gesetzt, das Scheitern des Planes macht meine ganze Berechnung zu Schanden. Als Vorsitzender hätte es mir nicht fehlen können, in den maßgebenden Kreisen heimisch zu werde» und in denselben Käufer für die neuen Aktien der Kautschukgesellschaft zu gewinnen. Dies ist mir nun gänzlich unmöglich. Ja, wenn man nur einige wenige klingende Namen gewänne, wenn schon Ehrmanu unterzeichnen würde! Der Mann gilt so solid wie die Reichsbank, einem Unternehme», woran er sich beteiligt, würde man vertrauen. Könntest Dü nicht durch seine Frau auf ihn einwirten?" Sie lachte auf. „Durch seine Frau? Die Närrin kau» sonst alles mit ihm aufangen, was sie will, aber in Geschäftsangelegenheitcn hat sic nicht die geringste Macht." Nach einer langen Pause sagte er: „Dann ist der baldige Zusammenbruch unvermeidlich. Jetzt gilt cs nur, fiir mich so viel zu retten, wie möglich ist und sofort nach der Katastrophe Europa zu verlassen. Halte Dich täglich reisefertig." — Die weiteren Schicksale des edlen Paares sind rasch erzählt. Die Kautschukgcsellschaft brach elend zusammen, da von de» neuen Aktien nicht eine gezeichnet wurde. Das ganze Kapital der paar Geldlcute, die Epstein schon vorher zu betören gewußt hatte, war verloren. Die wertlosen Patente, welche er der Gesellschaft für ungeheure Summen verkauft hatte, der kostspielige Verwaltungsapparat, die teueren technischen Versuche, hatten alles verschlungen. In der jüdischen Gesellschaft wunderte man sich nicht sonderlich über diesen Znsainmenbruch, da man Epstein trotz seines prunkvollen Auftretens immer mißtraut hatte. Wohl herrschte an den Kaffeetischeii, wenn die Dame» nachmittags zusaininenkamen, große Aufregung, als Familie Epstein plötzlich verschwunden war. Aber nach einigen Tagen sprach man schon nicht mehr davon. Frau' Ehrmauii aber ivar untröstlich über das Unglück ihrer Freunde. Sie schalt ihren Mann herzlos, weil er ohne jeden Aufwand von Bedauern behauptete, das Ende vorausgcschcn und Vvrausgesagt zu haben. 6. Kapitel. . Das Leben ging seinen Gang weiter. .- Kurt verlor seine Freundin Marie, die heiratete. Frau Ehrmann mußte nun erfahren, daß nichts dauernd ist, wie der Wechsel, und zwar bei ihr der Dienstbotcnwechsel. ' . Dies konnte nur ungünstig auf das körperliche und geistige Gedeihen des Knaben einwirken, da ermit seiner Pflege ausschließlich auf die Mägde angewiesen ivar. Mit dem sechsten Jahre kam er auf die Vorschule eines Gymnasiums und lernte rasch und gut; sein Betragen ließ freilich zu Ivünschen übrig, da er zu Hause der Erziehung gänzlich ermangelte. Oh»e Aussicht, trieb er sich viel auf der Straße umher; ivenu er dann spät und erhitzt nach Hause kam, und seine Mutter ihn zur Rede stellte, gab er unartige Antivorten. Der Verkehr mit Familie Weber, der einen so guten Einfluß auf Kurt ausgeübt hatte, hörte auch auf. Die Leute erhielten in einer Cigarrcnfabrik freie Wohnung, wofür Frau Weber die Burcauräume reinigen mußte. Fritz besuchte die Volksschule. In seinen freien Stunden wurde er von scinein Vater zum Thoralcrnen angchalten, besorgte auch bisweilen leichte Dienste für seine Mutter. Sobald er aber eine freie Viertelstunde erhaschen kouute, fand. man ihn iu der Werkstätteeines Mechanikers, der Fahrräder und Nähmaschinen reparierte.