Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 20 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. „He, he!" wendet ce sich lachend zum Feldscher und zur Barmherzigen, „der „Zid" ist schon wieder gesund, er kann' lviedcr Koiniuißbrci essen! Nun soll er 'raus!" i „Ich weis; nicht, ivozn uns die jüdischen Soldaten in unserer Armee eigentlich sollen!" meint die barmherzige Schwester, „sie sind alle Feiglinge; sic haben nicht einmal das Herz, ans einen Spion zu schießen!" „Oh, mein Täubchen!" antwortet der Doktor, „als Kanonenfutter ist ein Jnd' auch ganz gut! Jst's nicht heut', wird's morgen sein, es kommt auch an ihn die Reihe, ein Kanonenloch mit seinem verfluchten Judenkadaver zu verstopfen." Wie gerne möchte ich doch schon ein solches Kanoncnlvch mit meinem Körper verstopfen!! Es wäre besser als heriiiiiznirren ans dieser Welt, mit dem Kainsmale ans der Stirne und dem großen Riß in meinem Gewissen. Es lvüre besser, als ewig verfolgt zu werden von jenem bleichen Schatten, und nicht zu wissen, was ihm zu antworten, wenn er so wehmütig und vorwurfsvoll fragt: „Warum hast du mich ermordet? Ich bin doch so ein Mensch tute du! Meine Rechtfertigung, daß ich ihn „ans Befehl seiner Majestät des Zaren" getötet habe, will er nicht gelten lassen. Und was soll mit -mir geschehen, wenn ich selbst, die gesunde Logik, die Lehren der reinen Moral und der Menschlichkeit diese Anttvort auch nicht gelten lassen wollen? ..... Dein aufrichtiger 8. 8. (Iüd. Bolksblatt, Wien.) Aus aller Welt. Deutschland. Dresden. Seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde wurde den. anderen Gemeinden des Königreichs Sachsen der Vorschlag zur Gründung eines sächsischen G e m e i n d e v e r b a n d e s gemacht, und wird dieser Vorschlag sich voraussichtlich in Kürze verwirklichen. Dortmund. Der vierzehnte ordentliche Gemeindetag des Verbandes der S y n a g o g e n - Gern e i n d e n W e st f a l e n s, zugleich Generalversainmlung der Beamten-Pcnsionskasse des Verbandes findet am 29. Mai ds. IS. im Knrhotcl zu Königsborn bei Unna statt. Tagesordnung: 1. Bericht über unsere Tätigkeit im 13. Geschäftsjahre. 2. Kassenbericht des Rendanten und Erteilung der Decharge. 3. Bericht über die Tätigkeit der Pensionskasse; Erteilung der Decharge. -1. Stellungnahme zu der Anregung des D. I. G. B.» die Errichtung von Bezirks-Rabbinnten betreffend. Referent: Herr Rabbiner Dr. David- Bochum, Korreferent: Herr Rabbiner Dr. Eoblenz- Bielefeld. 5. Neuwahl a) eines Ausschuß-Mitgliedes an Stelle des verstorbenen Herrn S. Ncukamp-Svest, b) eines Ausschuß-Mitgliedes an Stelle des Herrn Lesfmaic Stern-Hagen, der sein Amt niederzulcgen Ivünscht. 6. Wahl des Ortes für den nächsten Berbandstag. 7. Freie Besprechungen. Um 11 Uhr wird die Sitzung zum Zwecke der Grundsteinlegung des neuen Altersheims unterbrochen. Bielefeld. Die Grundsteinlegung zur ic e n e n Synagoge wurde am 18. Mm vollzogen. Nach Verlesung der Urkunde durch Herrn Moritz Katzenstcin erfolgte das Vermauern des Grundsteins. Hammerschläge führten aus die Herren Dr. Coblenz, Oberbürgermeister Geheimrat Bunnemann, Bürgermeister Dr. Stapenhorst und Stadtbanrat Ritscher, soivie verschiedene Mitglieder des Vorstandes der Synagogengemeinde und des städtischen Bauans- -schusses. Hagenau. Der durch seine Stiftung von 109 <100 Jt sür ein israelitisches Waisenhaus in Hagenau betannte Rentner B e h n s aus Paris hat anläßlich des Todes seiner Mutter für die Armen von Hagenau und <2 ch i r r h 0 f e 1,, der Gebnrtsstättc von ihm und seiner Mutter, 800 Jt gespendet. Von dein Gelbe wurden laut seiner Bestimmung 400 Jt an die Gemeinde Schirrhofen versandt, 100 Jt wurden hier der städtischen Armenkasse übergeben; Das klebrige wurde an die israelitischen Armen verteilt. Posen. Die Synagogengemeinde plant den Bau einer neuen Synagoge, die 350 000 Jt kosten wird und sür deren Bau eine Preiskonkurrenz ausgeschrieben worden ist. Die Preisrichter haben nun der Firma Cremer n. Wolfsenstein in Berlin den ersten Preis zuerkanut. Wreschen. Folgen des Antisemitismus. Eine tragikomische Szene spielte sich in diesen Tagen iic einem hiesigen besseren Restaurant ab. Ein Bahnbcamter und ein Fuhrivcrksbesitzcr (beide christlicher Konfession aus guter Gesellschaft) trinken friedlich ihr Glas Bier. Da traten zwei Beamte (Rechnungsftihrer und Inspektor) des königl. Kammergutes Tisch¬ Franksurter Israelitisches FamilieMatt. darf ein, einer von ihnen begrüßt den ihm bekannten Bahnbeamten, und beide nehmen schließlich am Tische Platz. Fm Laufe der Unterhaltung vermutet einer der Gntsbeamtcn in dem Spediteur einen jüdischen Herrn und glaubte seine antisemitische Gesinnung dahin äußern zu müssen, daß er diesem öfters ein brennendes Streichholz unter die Rase führt. Anfangs hielt der Belästigte dieses für Bierlanne, da aber die Ulkerei fortgesetzt wurde und antisemitische Wörter fielen, seine Rase beinahe verbrannt wurde, sertigtc er den unbeguemen Nachbar durch eine schallende handgreifliche Antwort ab, dabei betonend, daß er überhaupt ein Christ sei. Nun kam cs zwischen ihm und den Gntsbeamten zu einer solennen Rauferei, wobei die zwei Helden betonten, daß er von Glück reden könne, nicht Jude zu sein, da er in diesem Falle »och mehr verblutet worden wäre. Am Ende räumte der so Ueberfallenc das Feld, erfuhr telephonisch vom Gute die Namen der Beamten, ließ sich ein ärztliches Attest über seine erhaltenen Verletzungen geben und übergab die Sache der Staatsanwaltschaft. Nun wurde den antisemitischen Helden etwas schwül zu Mute, denn sie richteten an den Spediteur einen de- und wehmütigen Llbbittebrief des Inhaltes, daß er sie doch nicht unglücklich machen möchte. Prciskretscham (Schlesien). Kürzlich Nacht brachen Diebe in die Synagoge in Preiskretscham ein. Der Einbruch war ihnen dadurch sehr erleichtert, daß die Fenstcr des in der Synagoge besindlichen Schullokals offen waren. Im Inneren erbrachen sie den Opferkasten und entwendeten das darin besindliche ZÄeld. Die Diebe Iverden aber sehr enttäuscht gewesen sein, denn sie fanden höchstens einen Betrag von 3 Jt vor. Von den Täter» ist bis jetzt noch niemand ermittelt. Oesterreich-Ungarn. Prag, den 17. Mai. Ihre kaiserl. Hoheit F r a u F ü r st i n Elisabeth W i n d i s ch-G r a e tz erschien heute Vormittag in Begleitung der Fürstin Karl Schwarzenberg aus dem alten jüdische n F r i e d h 0 f e, um denselben zu besichtigen. Die Fürstin äußerte wiederholt ihr Interesse sür die historische Merkwürdigkeit dieses stillen Fleckens Erde in der geräuschvollen Stadt, dessen Romantik in der jetzigen Zeit durch die Schönheit der anfblühcuden Natur einen besonderen Reiz erhält, und blätterte mit besonderem Interesse in dem Gedenkbuche der Fricdhossverwaltnng. Tisza Ujlak. Herr Leopold Steinberger, hier, gründete ein B e t h - H a in i d r a s ch und spendete sür diesen Zweck den Betrag von 10000 Kronen. Ehrzanow. Aus Rache darüber, daß sie aus dem Schanklokal deS Ignatz Weinmann hinausgeworfen worden waren, v e r w ü st e t e n mehrere Burschen anS Spytkoivice auf de m j ü d i s ch c n F r i e d h 0 f e daselbst eine große Anzahl Gräber, zertrümmerten die Grabsteine und demolierten stellenweise die Friedhofsmauer. Erst als die Gendarmerie anrückte, flüchteten die Burschen, doch gelang es, zwei derselben, Szibulka und Ledwoy, festzunchmen. ( Frankreich. Paris. Generalversammlung derAllgemein e n I s r. A l l i a n z (Alliance Jsraölite Universelle). Am 15. Mai fand in dem neueingerichteten, geräumigen Bibliotheksaale der Normalschule (Ecole Normale Jsraölite Orientale) die Generalversammlung der Allianz statt. Der Generalsekretär, Herr Jacques B i g a r t, erstattete Bericht über die Wirksamkeit der Allianz im verflossenen Jahre. Zunächst faßte er mit kurzen Worten die Greueltaten von K i s ch i n e iv icnd H v m e f zusammen und wies auf die Sammlungen hin, die von der Allianz veranstaltet wurden, um den Notstände» der jüdischen Bevölkerung wirksani zu steuern. Sodann kam er auf unsere Glaubensgenossen in R n m ü n i c n zu sprechen und konstatierte, daß sich ihre Lage im abgelaufenen Fahre kaum verändert hat. Dementsprechend mußte die Allianz ihre Hilfsaktion sortsetzen, namentlich durch Unterstützung der Vorschußkassen, die sich als sehr wohltätig erwiesen und daher in letzter Zeit vermehrt wurden; ferner wurden in den jüdischen Volksschulen Mittags- Freitische geschaffen; auch wurden Subventionen für Heizung, «chnlgelder usw. bewilligt. Gegen die falsche Anklage des Ritnalm 0 r - des zu kämpfen, ist das Zentralkomitee stets bestrebt, und dank der Vermittelung seiner Vertreter gelang es ihm, namentlich in Egypten, im Lause des Jahres 1903 zwei dieser ungeheuerlichen Anschuldigungen zu nichte zu niachen. Die Verhältnisse der Juden in M a r 0 k k 0 waren besonders mißlich, und die Allianz mußte den von Räuberbanden ins Elend gestürzten Juden namentlich in Stat, Demnat, Tcffrou, ihre moralische und materielle Hilfe angcdeihen lassen. Weiter berichtete Herr Bigart über das Schnlwerk der Allianz, das jetzt 120 Elementarunb Gewerbeschulen umfaßt. mit einer Gesamtzahl von 33 000 Schüler n. (Bei aller Anerkennung muß konstatiert werden, das; die Altianzschulen von jeher nur französische Bildung und k e i» e j ü d i s ch e im Auge haben. Anm. d. Redakt.) Seite 3. Er betonte mit besonderem Nachdruck den segensreichen Einfluß dieser Schulen in Persien, wo die jüdische Bevölkerung auf einem niedrigen kulturellen Niveau stehe. Die bloße Anwesenheit eines Schuldirektors der Allianz bedeute dort eine Bürgschaft für die Sicherheit unserer oft bedrängten Glaubensgenossen. Zum Schluß gab er den Mitgliedern bekannt, daß vor kurzem vom Zentralkomitee der Ankauf eines Landgutes in der Nähe von Algier beschlossen wurde, dessen Gesamtfläche t800 Hektar beträgt. Es ist zur Pacht bestimmt für ehemalige Zöglinge der von der Mianz in Tunis und im Orient unterhaltenen A ck e r b a n s ch n l e n. Sodann erstattete der Schatzmeister Bericht über Einnahmen und Ausgaben. Er beklagte es, daß die Zahl der Mitglieder der A l l i a n z nicht zuiichme, und erklärte es als erforderlich, die Propaganda wieder aufziinehmen. Herr Konsul S i in 0 n aus Hannover sprach einige Worte des Dankes an die Allianz für ihre eifrige und segensvolle Tätigkeit zu Gunsten der unglücklichen und kulturell zurückstehenden Juden und brachte in ergreifender Weise die Anerkennung zum Ausdruck, die die Gesellschaft ihrem Präsidenten Herrn Narcisse Leven, schuldet; auf den Vorschlag des Redners erhob sich die ganze Versammlung voller Begeisterung zu Ehre» Herrn Leven's, der seit 10 Jahren hingebungsvoll für die Allianz wirkt. Dieser ergriff tiesgeriihrt das Wort und dankte herzlich für die ihm dargebrachte Huldigung. Die Fortschritte der Allianz wären nicht auf ihn zurückzuführen, sondern vielmehr auf alle die Mitarbeiter, die ihm stets treu zur Seite gestanden und die heute wie vordem ihre .Straft in den Dienst der Allianz stellten. Zu ihnen gehöre in erster Reihe Herr Konsul Simon, dessen Verdienste um das Judentum nicht zu hoch veranschlagt lverden könnten. Ferner gedachte der Präsident aller Derjenigen, die sich der Allianz ass Helfer bcigesellt, besonders der bewährten Männer, die cs ihr ermöglichten, die schöne Bibliothek zu gründen, in der man tage und die man au diesem Tage einweihe. Vor Allen sei der verewigte I. M. Rothschild zu nennen; ihm sei es zu verdanken, daß die Allianz heute eine jüdische Büchcrsammlnug besitze, wie keine zweite in der ganzen Welt vorhanden sei. Auf das allgemeine Werk der Allianz zurückkommend, betonte Herr Leven zum Schluß, daß es sein Ziel noch nicht erreicht habe, und daß es sich immer weiter ausdehnen müsse zum Besten unserer leidenden und bedrückten Glaubensbriider und zur Ehre der gesamten Jndenheit. Rußland. Petersburg. Das Unterrichtsministerium hat verfügt, daß künftighin die Erteilung von Erlaubn i s s ch e i n c n a n IK e l a in d i in zur Eröffnung von jüdischen Schulen (Eheder) nicht ohne vorheriges Befragen der Verwaltungsbehörde über die p 0 l i t i s ch e Z n v e r l ä s s i g k e i t der um den Erlaubnisschein ansnchenden Melamdim erfolgen darf. Diese Verfügung stellt sich als ein weiteres Hindernis zur Erlangung der behördlichen Erlaubnis zur Eröffnung eines Chedcrs dar. Petersburg. $it den soeben vom Ministerium des Innern publizierten „Regeln für de» ständigen und temporären Aufenthalt der Juden im Niederlassungsgcbiete und außerhalb desselben" sind zum erstenmale unter den den Juden z u ttt Aufenthalte verbotenen Städten auch die Städte R i k 0 l a j e iv, S e w a st 0 p 0 l und P a l t a verzeichnet. Die in Nikolajew erscheinende Zeitschrift „Juschnaja Rossija" (Südrußland) spricht ihr Erstaunen darüber aus, daß die Stadt Nikolajew nunmehr als für die Juden verbotener Wohnort gilt, wiewohl sie durch die Verfügung des Senates vom 25. November 1866 und durch kaiserliche» Mas von 1866 dem russischen Nicderlassungsrnyo» einverleibt wurde. Rumänien. Bukarest. Das neue Gesetz, betreffend die Organisierung der Landgemeinden, das bereits am 14. Mai in Kraft getreten ist, ist endlich veröffentlicht worden. Es hat für die Juden keine Erleichterung, sondern im Gegenteil nur eine weitere Erschwerung ihrer so wie so schon keineswegs beneidenswerten Lage gebracht. Der auf die Jude» — in rumänischer Amtssprache: Fremden — bezügliche Paragraph lautet: „Jeder Einwohner gehört einer Gemeinde an und muß zu deren Lasten beisteuern. Der Fremde (lies: Jude), der sich in einer Gemeinde niederlassen will, muß die Bewilligung des Gemeinderates erlangen. Eine solche Bewilligung kann nur dann gewährt werden, wenn der Fremde durch ein Zeugnis der Behörde des Orts, den er verlassen, Nachweisen kann, daß er sich gut betragen hat; daß er, falls er volljährig ist, dem Rekrntierungsgesetz entsprochen habe; daß er nicht wegen Verbrechen oder Delikte vorbestraft ist und daß er ein Handwerk ausüben kann oder ein Kapital von 1000 Francs besitzt. Die Bewilligung. des Gemeinderats kann nicht in Kraft treten ehe sie vom Präsekten bestätigt worden ist."