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Neue jüdische Presse · 1904-05-27 · Heft 20 (27.5.1904) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 20 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Mit regem Interesse schaute er dort zu und ging dem Meister zur Hand, der den wohlerzogenen, anstelligen Jungen gern duldete. Eines Tages brachte eine Frau eine Nähmaschine, die nicht mehr richtig funktionierte. Der Meister uiktersuchte die Maschine, schüttelte den Kopf und sagte: „Ich in ns; sie ganz anseinandernehinen. Um den Schaden heranszufindcn." Nachdem er sie aus Seite gestellt hatte, arbeitete Fritz daran herum.- Plötzlnh rief er triumphierend: „Ich habe den Fehler gefunden, hier hat sich eine Schraube gelöst." Der Meister trat heran und fand zu seinem Erstaunen, .das; der Knabe recht hatte, sprach aber lein Wort. Slbends jedoch ging er zu Weber, erzählte den Vorfall und fuhr fort: „Euer Fritz hat ausgesprochenes Talent zur Technik und wird groß, wenn er die nötige Ausbildung erhält. Schicket ihn auf das Realgymnasium und später auf die Fachschule." So redete er den Eltern eindringlich zu. Nachdem er sich entfernt hatte, sagte die Mutter in großer Aufregung: „Der Meister war vielleicht zum Mick des Kindes hier, morgen spreche ich mit seinem Lehrer." Ihr Mann aber brummte: „Törin, der Junge ist erst acht Jahre alt, was willst Du jetzt schon mit ihm machen'und woher willst Du die Mittel nehmen, ihn Jahrelang zu unterhalten?" Die F-rau stand auf. „Morgen frage ich seinen Lehrer, der mir über ■ seine Fähigkeiten Aufschluß geben tvird. Für die Kinder werde ich Tag und Nacht arbeiten, wenn es nötig ist. Es gibt auch Wege, die das Studium erleichtern und darüber weiß ich auch Auskunft zu erhalten." Tante Rika aber bemerkte: „Ich sagte ja immer, daß Fritz ein besonderes Genie hat. Gott wird schon helfen." — Andern Tags fragte Frau Weber ihren Sohn: „Fritz, was willst Du werden?" „Techniker, Mutter." „Dazu fehlen uns aber die Mittel." „Ich gehe zu einem Schlosser in die Lehre und studiere Nachts. In den Fortbildungsschulen erhält man Anleitung." Das Kind sagte dies ganz ruhig, aber mit einem Ausdrucke von Willenskraft, der weit über seine Jahre hinausging. — Der Lehrer bestärkte Frau Weber in ihrem Vorsätze, den Knaben ausbilden zu lassen. Sie ging mit Fritz zum Rentner Ster», dem früheren Besitzer einer Maschinenfabrik, sich bei ihm Rat zu holen. Stern war ein sehr wohltätiger Mann, der an den gemeinnützigen Anstalten der Gemeinde hervorragend tätig lvar. Er blickte den Knaben, der ihm auf seine Fragen bescheidene, osfcnc Antworten gab, wohlwollend an. „Ja liebe Frau Weber, Sic haben Großes vor. Der Junge muß eine höhere Schute bis zum Einjährigen besuchen, dann mehrere Jahre praktisch arbeiten und sich schließlich ans einem Technikum iveiter ausbilden. Bei dem guten Ruf, dessen Sie sich erfreuen und den Sie auch verdienen, wird cs mir wohl nicht schwer, von den Vereinen die Mittel zur Ausbildung Ihres Sohnes zu erlangen. Dann allerdings bliebe Ihnen doch noch für vieles Andere zu sorgen. Glauben Sie dies leisten zu können?" Die Frau antlvortete bedrückt: „Ich wußte nicht, daß dies Studium so langwierig ist, ich muß es aber aufzubringen suchen und das durch meine Arbeit. Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre Güte, Herr Stern, aber wir nehmen die Mittel zur Ausbildung unseres Sohnes nicht als Almosen. Ich ivürde meine Augen nicht mehr aufschlage» können." Der Knabe hörte atemlos zu, seine Augen füllten sich mit Tränen. t Herr Stern sah dies und bemerkte gerührt: „Seien Sie nicht töricht, Frail, Sie können das nicht zwingen, wenn Sie noch so fleißig arbeiten. Ich mache Ihnen übrigens einen andern Vorschlag. Sie erhalten die erforderlichen Mittel von den Vereinen durch meine Vermittelung nicht als Geschenk, sonderir als Darlehen, rückzahlbar von Ihrem Sohn, ivenn er dereinst im Verdienste ist. Die Raten mag er dann selbst festsetzen. Und wenn er fleißig ist, kann er vielleicht ein Stipendium für freien Unterricht erhalten." ' - Frau Weber ergriff seiire Haild. „Das nehme ich dankbar an und ivenn Gott uns gesund läßt, werden wir unsere Schuld mit tausend Dank abtragen." Und es mag schon jetzt erzählt werde», daß Fritz das Versprechen seiner Mutter glänzend eingelöst hat. Von seinem, ersten Verdienst an begann er den Wohltätigkeitsanstalten Rückzahlungen zu machen, ungleich so Vieler, die den Vereinen ihre Ausbildung, ihre Existenz verdanken und später dafür keinen Dank haben. — Weber konnte an seinem Handwerk gar nichts mehr schassen, auch die Gelegciiheitsverdicnstr wurden ihm schwerer, da er nicht so viel gehen konnte, wie es für seine Botendienste nötig ivar. Da halfen nun seine Kinder gerne aus. Frau Weber hatte in einigen großen Familien ihren regelmäßigen Verdienst und noch eine weitere, wenn auch bescheidene Eriverbsguelle wurde den Leuten durch das Talent ihrer Tochter. Fanny, jetzt ein zwölfjähriges Mädchen, ging nämlich eines Morgens früh zur Schule. In der Nacht ivar der erste Schneegefallen, jetzt war es bitterkalt. Als das Kind an den Kaiserplatz kam, blieb es wie geblendet stehen. Die Wiesen, die Sträucher, die entlaubte» Bäume waren mit Schnee bedeckt. Da der Schneefall nur ein leichter gewesen, so war die weiße Decke wie ein leiser Flaum, sodaß die Formen der Aeste, der zartesten Jweige, ganz märchenhaft hervortratcn. Die Morgensonne spiegelte sich in den Fenstern der hohen Häuser, deren blanke Scheiben wie lodernde Flammen funkelten. Das Mädchen blickte lange bewundernd hin und ging dann langsam der Esplanade zu. Dort jauchzte es auf und rief: „Wie schön, wie schön!" Die Bäume zeigten denselben weißen Schmuck, der auch das Massiv des Domes krönte. Aber "den Abschluß der Perspektive bildete der Hinnnel, blutrot von der Morgensonne gefärbt, sich nach dem Horizont zu in kalte, grünliche Töne auflösend. Dieser wunderbare Anblick der Winterlaiidschaft mitten in der Großstadt, von Tausenden achtlos übersehen, fesselte Fanny derart, daß sie in der Schule zerstreut war. In Hanse nahm sic den Farbkasten ihres Bruders und versuchte auf dem Papier das wiederzugeben, was sie gesehen hatte. Sie machte natürlich eine unbeholfene Klexerei, aber sie ließ nicht nach und zeichnete und malte in jedem freien Augenblick. Fritz, der nun schon in eine höhere Klasse des Realgymnasiums ging und selbst ein tüchtiger Zeichner war, gab ihr gerne Anleitung. Diese, verbunden mit dem Zeichenunterricht in der Schule und ihrem Talent, befähigte sie bald, allerliebste kleine Jeichnnngen zu machen und zu kolorieren. Die Eltern zeigten ihren Gönnern diese Bildchen und nun erhielt die kleine Künstlerin andauernd Bestellungen auf Ansichtskarten, Tischkärtchen und dergleichen Dinge. Das Honorar für diese Arbeiten wurde von den Auftraggebendcn meist reichlich bemessen. — Nach der Entlassung aus der Schule nahm Fanny einen Kursus in kaufmännischen Fächer», lernte Stenographie und Maschinenschreiben und trat nun zur weiteren Ausbildung in eine Seidenwaarengroßhandlung ein. Des Mädchens Freude und Stolz war, daß nun sein, wenn auch noch bescheidenes Einkommen der Familie eine wertvolle Beihülfe war. — Wenn abends das Heranwachsende Geschwisterpaar, beide sauber und nett, wenn auch sehr einfach gekleidet, da saß und sich über irgend eine Tagesfrage unterhielt, wobei naturgemäß Fritz immer der Belehrende war, hörten die Eltern und Tante Rika stillvergnügt zu. Das schöne Stillleben der Alten dauerte jedoch niemals lauge. Die Mutter oder Tante Rika konnten ihre Freude nicht verschweigen und immer fand sich eine Gelegenheit, daß Eine bewnuderud bemerkte: „Was ein .Kopf! Gott soll sie gesund lassen." .Der Vater sagte darauf aus vollem Herzen: „Omein" (Amen), aber da er stets nörgeln mußte, brach er sofort danach los: „Was tue ich damit? Sie lerne» die neumodische» Sachen und verlernen ihr bischen jüdisch." Fanny lachte dann, Fritz aber ärgerte sich und erwiderte: ,^,Jch lerne bei Reb Hirsch jeden Tag eine Stunde und das ist genug. Ich ivill kein Rabbiner werden." Die Mutter aber sagte leise zu ihrem Manne: „Lass' die Kinder in Ruhe, sie sollen es weiter bringen als wir, sie könne» geschickte, gebildete Menschen werden und doch gute Inden dabei bleiben." Der Alte gab sich aber nicht zufrieden. Er prophezeite eine entsetzliche Zukunft ohne jede Religion und erweckte damit gewöhnlich eine Wortplänkelei zwischen ihm und seiner Frau, woran sich schließlich alle beteiligten. Tante Rika aber war inzwischen verschwunden. Man hörte sie in der Küche hantieren und bald erschien sie wieder mit Tee und nun war der Frieden wieder hcrgestellt — um bei nächster Gelegenheit ebenso sicher wieder gestört zu werde». Das hinderte aber nicht, daß die Leute das glücklichste Familienleben führten und die Kinder, von der Mutter sorgsam und liebevoll erzogen, die Eltern innig verehrten. (Fortsetzung folgt.) Familiemrachrichten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) Seburte«. Einen Sohn, Herrn Emil Fiebermann, Frankfurt a. M„ Langestraße 51. Einen Sohn, Herrn Goldschmidt, Frankfurt a. M., Markt 37. Einen Sohn. Herrn Simon F. Schlesinger, Frankfurt a. M., Leerüachstraße 13. Einen Sohn, Herrn Julius Herniann, Bockenheim, Juliusstraße. Berlobte. Amelie Roß, Frankfurt a. M„ mit Ludwig Ritter. Berlin. Clara Meyer, Boppard a. Rh.» mit Julius Meyer, Mülheim a. d. Ruhr. Selma Kahn, Mannheim, mit Simon Kaffenburger, Brüssel. Elise Wechsler, Fürth i. B-, mit Rabbiner Moses Hoffmann. Randegg i. B. Amelie Liebmann, Aschaffenburg, mit Aron Freund. München. Bertha Maier, Lang-Göns b. Gießen, mit Hermann Hamniel, Ober-Roßbach b. Friedberg. Sterbefälle. Helene Rotschild, Frankfurt a. M„ 63 I. alt. Julius Strauß. Frankfurt a. M., 66 I. alt. Recha Strauß, Frankfurt a. M. 59 I. alt. Rosalie Joseph. Frankfurt a. M„ 43 I. alt. Sinion Marxsohn, Großgcran, 6V I. alt. Bertha Henoch, Neunkirchen. 28 I. alt. Sarah Lindauer, Cannstatt, 69 I. alt. Hermann Blum, Köln a. Rh., 50 I. alt. Beruh. Schott, Stuttgart, 64 I. alt. Barmizwohs. (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gcsl. Mitteilung der Barmizwohs; die Aufnahme geschieht kostenlos.) Samstag, den 28. Mai, Barnlizwoh des Alfred Koschland, Sohn des Herrn N. Koschland, Sternstraße 35, in der Reuen Gemeinde-Synagoge am Börneplatz. _ Wochen-Kalender. Samstag, den 28. Mai. Wochenabschnitt: Nossau. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 15 Min., Berlin 9 Uhr 10 Min., Straßburg 9 Uhr 10 Min. Das »Frankfurter Israelitische Familienblatt" kostet in Frankfurt a. M. Mk. 1.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. 1.03 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der Post 12 Pfg. weniger). Auch im Auslande nehmen sämtliche Postanstalten Abonnements entgegen. Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich Ausland Mk 2.-). Kaiser Friedrich Quelle -Offeubach a. M.- Vornehmstes Tafelwasser. G. Wagner, Dentist, stein weg s. Sprechstunden von 9—12 und 2—6 Uhr. Zahnpiombeu in Gold, Porzellan, Silber a. Emaille, sowie Zahnkronen n. Gebisse ln Gold, Platin o. s. nr. in nur feiner Aus- _fnhrnng. Schmerzlose Behandlung unter Garantie. Koscher. Koscher. Hdtel und Pension Parkhans Bad Harzburg. Schönste Lage. — Vornehmes Etablissement I. Ranges. — 48 Salons. Illustrirte Prospecte gratis und franco. Israelitischer Mädchenklub Fahrgaaae 146. DV Jeden Abend von 7Va—10 Uhr geöffnet. *3 8teltm«ermiiluug für jütMe JfilMdtm und Frauen, Langestraße 30. 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