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Neue jüdische Presse · 1904-05-27 · Heft 20 (27.5.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 20 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Ente 2. über den erhabenen Ideen der Propheten und des Deuteronomiums durch seine Forderung der strengen und peinlichen Gesetzlichkeit einen Rückschritt darstelle. Aus diesen beiden Schristcn sei dann i» Verbindung mit noch einigen anderen Quellenschriften unsere Thora entstanden. Unsere alte traditionelle Anschauung wird ganz auf den Kopf gestellt. Während cs da heißt: Zuerst Moses und das Gesetz und dann die Propheten, heißt cs in der Modernen Lesart: Zuerst die Propheten und dann eine Verwässerung derselben durch das Gesetz. So absurd diese Anschauung auch zuerst erscheinen mochte, sie trat von vornherein mit großer Zuversicht und Entschiedenheit auf und bot zu ihrer Begründung einen gewaltigen wissenschaftlichen Apparat auf. Und cs gelang ihr auch, sich die Geister zu erobern. Schwand doch dadurch alles Wunderbare aus der Geschichte Israels. Spielte sich doch diese nach demselben Schema ab, wie die Geschichte der anderen Völker. Lag doch darin unbewußt eine Herabsetzung unseres heutigen Judentums, dessen Gesetzlichkeit als etwas später Gemachtes erschien, während das Christentum daun an die ursprünglichen reinen Ideen der Propheten anknüpft. Ist man sich auf jüdischer Seite der Schwere dieses Angriffs nicht bewußt gewesen oder hatte man seitens der leitenden Kreise den jedenfalls wichtigen Kampf mit den Reformern um Orgel, Piutim und Gestaltung des Gottesdienstes zu führen. Nur eine Widerlegung erschien von dem jetzigen, Rektor des Rabbinerseminars in Berlin im Magazin für die Wissenschaft des Judentums. Die Gefahr ist aber mit der Zeit immer größer geworden, besonders auch für die sich dem Lchrernnd Rabbinerberuf widmende Jugend. Da ist cs denn mit Freuden zu begrüßen, daß der damalige einzige Kritiker der Wellhauscnschcn Theorie, jetzt seine damalige Ausführung in erheblichem Umfange erweitert und vertieft unter dem Titel: „D i e w i chtigsten Instanzen gegen die Graf-Wcllhansensche Hypothese, Heft I" herausgegeben hat. Das Buch ist keine Lektüre, um sich bannt die Zeit zu vertreiben. Es tvill ernst und aufmerksam studiert werde». Es bietet aber für jeden gebildeten Juden, oder sei» Chunicsch, in klarer, übersichtlicher, haarscharfer Beweisführung die Gelegenheit, sich von der Unhaltbarkcit der besagten Hypothese zu überzeugen. Der Verfasser stellt sich ganz auf den wissenschaftlichen Boden seines Gegners. Er sieht einmal ganz von seiner persönlichen Ueberzeugung der Unantastbarkeit des heiligen Buches ab und schlägt den Feind ganz objektiv auf seinem eigenen Felde. Diesem Borpostengefccht lvirb später der eigene Pcntateuchkommcntar des Gelehrten folgen, in welchem nicht nur im Einzelnen Wort für Wort alle Einwendungen der Kritik zurückgewiesen, sondern auch die Wissenschaftlichkeit der halachischcn Erklärung und die Authcnticität des Ganzen festgestellt wird. Möge es ihm vergönnt sein, das große Werk, von dem ein Teil, die erste Hälfte des Kvmmcntares zu Leviticus, noch im Laufe dieses Jahres erscheinen lvird, zum Segen für die israelitische Gesamtheit zu vollenden. Brief eines jüdische« Soldaten aus Port Arthur. Lieber Freund! Wenn du wüßtest, wie' schwer es mir fällt, dir heute zu schreiben! Meine Finger zittern, mein Herz klopft zum Zerspringen, mein Kopf ruht zentnerschwer auf meinen Schultern, wilde Stürme rauschen an meinen Ohren vorbei und meine Auge» sehen nichts wie — Blut. Du bist auf Neuigkeiten ans dem Kriege neugierig; du liest sie abseits vom Schauplätze mit einem gewissen Behagest, aber ich . . . ich muß sie hier niederschreiben. Ich kam erst heute morgens aus dem Spital, in welchem ich drei Tage und drei Nächte in einem Starrkrampf lag, bis mein gelähmter Körper heute früh jeiiie Beweglichkeit wieder zurückgcwaun. Kaum bewegte ich meine Glieder,, da erklärte mich der Spitalsarzt für gesund und' der Oberausseher befahl mir, das Lazaret zu verlassen. - Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Wie gut wäre cs doch gewesen, hätte man mich hinausgctragen auf jenes große Feld hinter der Stadt, wo Hunderte meiner Kameraden, von japauichcn Kugel» getroffen, mit zerrissenen Leibern vercharrt liegen. Ich bin totkrank, und sollte ich das lluglück Haben, von den Kugeln des Feindes verschont zu bleiben, so werde ich diese Krankheit wie eine chmerzlichc Kriegsmedaille mein Leben lang mit mir herumtragen. Wo ich gehe und wo ich stehe, sehe ich nichts als eine Wolke von Blut. Auf meinem Wege verfolgt mich stets ein Schatten und es ist mir, als beugte er sich zu mir und flüsterte mir mit seinen dürren Lippen ins Ohr: „Kain! wo ist die Bruder Abel?" Und mein Herz zieht sich zusammen vor Schmerz. „Du hast deinen Bruder ermordet! Tu bist der Kain! Deine Hände sind mit dem Blute deines Bruders befleckt!" Das ist die Stimme meines Herzens. Wahrhaftig! Ich habe meinen Bruder ermordet; ich habe ihn ermordet, „poukazujewöimperatorskawo welitschestwa“, auf Befehl seiner kaiserlichen Majestät; ich bin zum kaiserlich privilegierten Mörder geworden. .... Vor vier Tagen wurde ein Japaner gefangen und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er beteuerte und bewies, daß er kein Offizier, überhaupt kein Soldat sei und der japanischen Armee gar nicht angehöre. Er hat den weiten, beschwerlichen Weg von Tokio nach Port Arthur nur zu dem Ziveck zurückgclcgt, um das Grab seiner in Port Arthur begrabenen Braut zu besuchen Und eine» Kranz auf dasselbe zu legen. Füns Zeugen bestätigten seine Angabe, daß er vor Ausbruch des Krieges mit seiner Mutter u n d seiner inzwischen v e r st o r b c n c n Braut ständig in Port Arthur gewohnt und die Stadt nach dem Tode seiner Braut verlassen hat. Sic erzählten rührende Geschichten von der aufopfernden Liebe, die den Angeklagte» an seine vcrr storbcne Braut fesselte. Mer die Kriegsrichter hatten für diese wahren Erzählungen taube Ohren; für sie ist jeder Japaner ein Offizier (oft sogar ein Prinz) und ein Spion. Sie machten kurzen Prozeß: er wurde zum Tode durch Erschieße» verurteilt und ehe der Tag der Nacht gewichen >var, war das barbarische Urteil durch zwölf Manu aus unserer Kompagnie vollstreckt .... Ich war einer der zwölf, welchen die blutige „Ehre" zuteil wurde, den unschuldigen Mcnschenbrudcr zu ermorden! Zur „Parade" wurde ein ganzes Regiment Soldaten kommandiert. Draußen vor der Stadt, in der nächsten Nähe des japanischen Friedhofes, wurde die Zeremouic durchgcführt. In einer eleganten Equipage, mit strahlenden Orden auf seiner stolzen Brust, kam der General, der Kommandant der Parade, angefahren. Hinter ihm flogen seine Adjutanten hin und her, so ernst und so geschäftig, als würde cs sich um die Besiegung einer ganzen japanischen Armee handeln. Ich siehe in der Front, durch meine Glieder fährt ein eisiger Schauer. Vor meinen Angen wird cs plötzlich dunkel und nur durch einen Nebelschleier sehe ich ungesähr hundert Schritt von mir entfernt einen schwarzen Holzpflock und hinter dem Pflock ein Häuflein ftisch aufgeworfener Erde: das Grab für den „Spion". . . . Da wird er nun hcrbeigeführt, der Todeskandidat! Aller Augen sind ans ihn gerichtet, er schreitet ruhig und gelassen vor seinen Henkern einher. Der Scharftichter will ihm die Augen mit einem schwarzen Tuche verbinden ..... Er hat noch Zeit, einen kurzen, raschen Blick zu werfen auf den japanischen Friedhof, einen, letzten Blick ans das Grab seiner Braut. Der Henkersknecht bindet den Unglücklichen an den schwarzen Pflock.Ich stehe wie angewurzelt auf meinem Platze, unbeweglich >vie eine Statue ..... Meine Sinne sind wie ansgestorben. Plötzlich übcrkommt mich ein unsägliches Gefühl, ich möchte in ein ivildes, unbezähmbares Gelächter ansbrechen ..... Der Adjutant verliest das Urteil. „Auf Befehl Seiner kaiserlichen Majestät u. s. w. .... ." Das Opfer steht ruhig, cs versteht kein Wort russisch, so wenig,'wie er cs begreifen kann. _ , Nr. 20. weshalb er jetzt sterben müsse, weshalb er jetzt hiugcrichtct werden soll. Ist es nicht zum Lachen?! „Auf Befehl Seiner kaiserlichen Majestät!" Der Kaiser hat mich mit Gewalt herausgerissen aus meiner Familie, hat mich mit Gewalt in eine grobe Gewandung gesteckt, mir mit Gewalt die Flinte in die Hand gedrückt und befiehlt mir jetzt, ciucn unschuldigen Menschen zu ermorden! Was hat mir dieser Mensch denn getan? Sehe ich ihn doch heute zum ersten und letzten Male! Vor drei Monaten noch wohnte ich in Kischincw und er — in Tokio! Und ich muß den Faden seines jungen Leben? entzweischneidcu! Ich muß, Wohl zielend, eine Kugel in sein Herz jagen — auf Befehl Seiner kaiserlichen Majestät! Schrecklich! Der Adjutant hat die Verlesung des Urteils beendet und das Opfer steht noch inimcr ruhig, unbeweglich an den Richtpflock gefesselt. Vielleicht ist er gar schon tot, vielleicht hat der Schreck vor dem Tode uns die „Arbeit" bereits erspart? „Vorwärts, marsch!" kommandiert unser Leutnant, und wir zwölf „Auserlesenen" treten ans der Front. Mein Atem stockt, mein Herz steht still, .... mir ist's, als wenn das Leben ans meinem Körper gcslohen wäre ..... ich bin nur noch eine tote - Maschine, die durch eine fremde Kraft belvcgt wird, ich bin kein Mensch mehr . . . ., ich bin eine autoiuatische Flinte..... Der Kaiser hat mein „Ich", den Menschen in mir, zerhackt in kleine Stückchen, sie dann i» einen Schmelzofen geivorfcn und sic so lange in dem brennende», siedenden Ofen der Disziplin gelassen, bis ans mir eine Flinte geivorden! » Der Leutnant kommandiert: „Zielt!" Wir erheben unsere Büchsen .... mein Mcnschcnbruder steht noch immer ruhig . . Ob er noch atmet? .... Wir zielen, mein Finger liegt auf dem Stückchen Eisen, welches ich nicderzudrücken habe ..... Wie wenn tausend Ameisen sich ans meinen Finger gesetzt hätten, so stichts. ..... „Feuer!" erschallt das Koininando unseres Leutnants .... Zivölffaches Krachen .... eine dichte Rauchwolke .... ein Blntstrom . . . und er steht nicht mehr wie vor einer Minute so ruhig und unbeweglich .... er zappelt, ... er martert sich ab, er möchte seine Hände aus den Fesseln reißen. Noch eine letzte konvulsivische Bewegung, und er ist wieder ruhig, unbeweglich wie zuvor . . . . ein Menschenleben weniger auf der Welt! ... lind ich liege zwischen den übrigen Henkern! Die Büchse entfiel meinen Händen und ich liege zusammengcbrochcn ans der Erde ..... „Versluchtcr Jude! Feigling!" ruft mir der Leutnant zu und versetzt mir einen Stoß mit den Füßen. Aber ich fühle ihn nicht. In meinein Hirne tobt ein wilder Sturm, in meinen Ohren tönt cs, wie ein trauriges Glockengeläute: „Kain! Kain! Wo ist dein Menschcnbrndcr Abel?" Eine Minute später sah und hörte ich nichts mehr, ich hatte das Bewußtsein verloren! Volle drei Tage lag ich so, bewegungslos und ohne Lebenszeichen im Spital. Erst heute früh habe ich das Bewußtsein wieder erlangt. Der erste Gegenstand, den mein geistiges Auge erblickte, war der Japaner. Ich sah ihn, wie er am Richtpfahl stand, mit den toten Augen gegen den japanischen Friedhof gewendet. . Ich tvollte mich von meinem Lager erheben, aber ein plötzliches Gelächter, das von allen Seiten auf einmal in meine Ohren scholl, warf mich zurück. Alle haben mich ausgelacht: die „barmherzige" Schwester mit dem roten Kreuze auf dem Aermcl, der Feldscher, die Krankenwärter und die Kranken. Unter Lachen erzählten sie, wie ich auf den. „Spion" geschossen, wie ich, gleich nachdem ich losgedrückt hatte, zusammenbrach und man mich dann in .das Spital -brachte. Und ich wurde Mt Zurufen, wie „Jub!!" und „Feigling!" überschüttet. Der Doktor erschien, kam auf mein Bett zu und betappte meinen Puls. -

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