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Neue jüdische Presse · 1904-05-27 · Heft 20 (27.5.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 20 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Iraitkfrtrtei: Zstiiklitislhes fmilirililiill. : » Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). ... MedaKtt-it und Hefchäfrssterre: Zranksurt 2. M., Leiligkeuzgafle sr, Lcke Llapxerfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -'MM- - Herausgeber: Salg Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, de« 13. 8ivkm 5664 (27. Mai 1904).. Ro. 20. Bivelkritik. Wie das jüdische Bolk von Beginn seiner vieltausendjährigen Geschichte an mit gefährlichen Feinden ringen mußte und gar selten und. nur für kurze Zeit sich der Ruhe und des Friedens erfreue» durfte, so ivar auch sei» Gesetzkodex, die schriftliche und die niündliche Lehre, worin sein religiöses, rechtliches und soziales Leben festgelegt, fast zu allen Zeiten den Angriffen feindlicher Geistesrichtnngen ausgesetzt. Unsere Propheten, die Weisen des Talmud und die Gelehrten und großen Männer späterer Zeiten waren ztvar stets in erster Linie darauf bedacht, im Innern ihrer Gemeinschaft zu wirken, durch Erziehung und Belehrung den religiösen Sinn und das Gottvertrauen zu festigen und zu stärken, aber sie waren auch jedesmal ans der Schanze, wenn es galt, mit den Waffen des Geistes die äußeren Widersacher unserer Gesetzesprinzipien zurückziiweisen. Mit welch treffendem .Hohne vernichtet doch ein Jesaja die Anhänger der polytheistischen Religionssysteme! Mit wie scharfem Spotte und mit welch überzeugender Entschicdeiiheit weist Jeremias die falschen Propheten zurück. Wie tresflich führen unsere Weisen griechische und römische Philosophen mit ihren Einwänden gegen die Wahrheit unserer Lehre all absuräam! Wie stellen sie durch das Axiom Da maschetoschiw lepikaures es gewissermaßen als eine religiöse Pflicht hin, sich wissenschaftlich derart ansznrüsten, daß man allen Angriffen auf unser heiliges Schrifttum mit sicherer Abwehr begegnen kann. Diese Pflicht haben unsere großen religiösen Autoritäten stets auf das Gewissenhafteste erfüllt und sich je nachdem auf - das Ernsteste mit' den karäischen, mohammedanischen, christlichen und philosophischen Angriffen aus unser Religionssystem auseinander gesetzt. So haben wir im Laufe der Jahrhunderte eine große, apologetische Literatur erhalten, deren Geschichte und Methode leider noch 'nicht im Zusammenhänge beschrieben worden sind. War nun eine solche Verteidigung gegen religionSseindliche Angriffe schon in früheren Jahrhunderten erforderlich, wo ihre Kenntnis sich doch immerhin auf einen engen Kreis von Gelehrten beschränkte; um wieviel dringender und notwendiger ist sie erst in unserer Zeit, wo alle diese Fragen öffentlich in der Presse und in Vorträgen erörtert werden. Wir senden unsere Mädchen und Knaben ans die höheren. Schulen, auf die Universitäten, wo ihnen meistens im Unterricht und in den Vorlesungen eine Weltanschauung entgegentritt, welche in striktem Gegensätze zu unserer religiösjüdischen steht. Es ist nicht so sehr der direkte Angriff, die direkte Verspottung und Herabsetzung biblischer Erzählungen, Persönlichkeiten und Anschauungen, welche schädlich wirken, das werden die Lehrer meistens, wenn sie ivirklich gebildete Männer sind, vernreide»: Nein, cs ist die Selbstver-, stän dlichkeit, mit der all' unsere Traditionen als lächerlich und veraltet. gar nicht mehr b e r ü ck s i ch t i g e n s w e r t h i n g e st e l l t w e r d e n. Es ist dieses verächtliche Herabsehen ans den, der »och heute in unserer aufgeklärten Jeit an derlei Dinge hängt, sodaß unsere Jugend sich gar leicht ihrer Ueberzeugungen chämt, umsomehr als dies in einem Alter geschieht, in dem der angehende Mann sich in einer Sturm- und Drang-Periode befindet und so wie so schon von Natur aus zum bequemen Scepticismus neigt. Einem solchen gefährlichen Gegner ist nun nicht mit Phrasen, mit mehr oder tveniger geistreich ansgelegten Midraschim in einer Predigt, oder mit Schimpfen und Wettern von der Kanzel beizukonimen. Da hilft nur ein gründliches Studieren der gegnerischen Anschauungen und ein ebenso eingehendes und gründliches Widerlegen. Es giebt hier nur ein Entweder oder. Die Lehre von der doppelten Wahrheit, der theologischen und der philosophisch-wissenschaftlichen, welche in den Köpfen mittelalterlicher Gelehrter spukte, kann heute keinen ernsten Menschen mehr befriedigen. Wer von. der Wahrheit seiner religiösen Anschauungen überzeugt ist, der muß auch die Ueberzeugung haben, daß es Mittel und Wege geben muß, die ihr entgegenstehenden wissenschaftlichen Anschauungen als falsch zu eriveisen. tlnd wenn das nicht immer gleich gelingt, so dürscn doch unsere Bemühungen und Bestrebungen nie erlahmen. Wenn die Wahrheiten unseres Judentums das Göttliche und Ewige sind, die sie bekämpfenden wissenschaftlichen Wahrheiten aber das M e n s ch l i ch e und Vergängliche, so müssen die Rätsel, welche uns von menschlicher W e i s h e i t a u f g e g e b e n w o r - den sind, auch von ihr g e l ö st w e r d e n könne ». Es giebt allerdings einen Standpunkt, der leider von einem großen Teile des konservativen Judentums geteilt wird, der sich etwa folgendermaßen ausspricht: „Mein Glaube ist fest und unerschütterlich. Was kümmern mich die jedes Jahrzehnt wechselnden wissenschaftlichen Hypothesen? Sie kömien mir meine Emunoh, die mich glücklich macht, nicht rauben." Das klingt sehr groß und heldenmütig. Liegt, aber nicht hier in. diesem mutigen Bekenntnis oft einerseits eine gewisse Selbstsucht, andererseits auch ein gut Teil Faulheit und Bequemlichkeit verborgen. Man fühlt sich selbst sicher im ruhigen Port. Hat man aber denn kein Herz für die vielen Tausende, welche draußen aus stürmischem Meere der Wut der Elemente ausgesetzt sind. Man meint, Israel hat ja schon soviel feindliche Anschauungen überdauert. Auch dieser Sturm wird ihm nichts anhaben können. Ja, hat man denn nur Gedanken für die Zukunft? Giebt es nicht auch Pflichten in der Gegenwart! Kennt man nicht die wahrhast schweren Gewjssenszweifel, welche die Seele vieler taufe»der junger Leute gerade ans religiösen Häusern, mit noch echt jüdischem Empfinden, in qualvoller Aufregung und Spannung erhalten. Es ist nicht immer der Leichtsinn und die Verlockungen eines von religionsge- 'etzlichcn Schranken ungehemmten Lebens, welche unsere Jugend znm Absall verleiten. - Gerade auch diese theoretischen Erwägungen und Schwierigkeiten, sie bilden meistens den Anfang auf dieser so gefahrvollen abschüssigen Bahn. Wie sucht man nun auf streng konservativer Seite diesen liebeln zu steuern? Man ist der Ansicht, die Jugend nehme nur möglichst viel jüdisches Wissen in sich au? nur Lerne» "ernen und wieder Lernen, das giebt die beste Waffe in die Hand gegen die verderblichen Richtungen des Zeitgeistes. Aber so nützlich und heilsam auch eine möglichst gründliche Kenntnis unserer religiösen Quellenschristen ist, sie allein verniag doch auch nicht zu helfen. Das sehen wir am besten au den vielen Hunderten von begabten jungen Männern aus Rußland und Ungarn, welche dort in den Jeschibot aus der Quelle des lebendigen Wassers geschöpst haben, und doch zu Feinden der Religion und zu Abtrünnigen wurden. Nein, wenn wir uns die gebildete Jugend unserer Zeit nicht bloß als äußerliche National- und Stammesjuden, sondern als überzeugte Bekenner unserer jüdischen Religion erhalten wollen, so müssen wir mit dem gründlichen Unterrichte in der Thora auch eine eingehende und durchschlagende Älpologetik verbinden! Man wende nicht ein: dadurch wird das Uebel vielleicht nur schlimmer. Man nmcht die Leute mit Einwürfen, mit Schwierigkeiten bekannt, auf welche sie ohne diesen Hinweis' gar nicht gekommen wären. Das ist in unserer Zeit eine ganz verfehlte Spekulation. Die meist liberalen Zeitungen, welche von uns Juden gelesen werden, stehen in religiöser Beziehung aus einem so radikalen Standpunkt, daß sie unvermeidlich ihre Leser auch mit den gewagtesten und ungereimtesten neuen Hypothesen aus religiöswissenschaftlichem Gebiet bekannt machen und in marktschreierischer Weise ihre sogenannten neuen Wahrheiten anpreisen. In de» letzten Jahrzehnten ist nun der Angriff nicht mehr wie früher auf einzelne Lehren und Glaubenssätze beschränkt geblieben, sondern er hat sich mit unerhörter Heftigkeit gegen die Quelle aller. Religion überhaupt, gegen unsere Bibel, gerichtet. Man hatte ja schon längst im Allgemeinen ihre Wunderberichte, ihre göttliche Inspiration geleugnet. Jetzt .ging man aber daran, speziell im Einzelnen literarkritisch zu beweisen, daß speziell die Thora kein einheitliches Werk, sondern aus von verschiedenen Verfassern herrührenden, später von einem Ueber« arbeiter tendenziös zusammengestellten Büchern bestände. Die erst auseinandergehenden Ansichten haben sich zuletzt zu dem jetzt schon allgemein aus allen Universitäten gelehrten Wellhausensche» System verdichtet. Bon Moses selbst sei überhaupt nichts überliefert. Das erste Gesetzbuch, welches unter Josia ver- : öfsentlicht wurde, sei das Deuteronomium gewesen. Später habe dann Esra ein neues Buch, die sos genannte Priesterschrist bekanntgegeben, welche gegen-

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