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Neue jüdische Presse · 1904-05-19 · Heft 19 (19.5.1904) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 19 (19.5.1904)
Date
1904-05-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 19 Zwar hatte ft* noch niemals all di« Dinge beistimmen, die für das Gedeihen einer „Kugel" unbedingt notwendig .sind; das eine Mal fehlte ihr Mehl, das andere Mal Eier oder Fett, dennoch lvar der ,Lugel" stets süß und fett und schmeckte so vorzüglich, daß Chajim nicht genügend Worte des Lobes und der Entzückung finden konnte. „Das backt der Schabbos-Engel" Pflegte dann Chane mit einem vergnügten Lächeln zn sagen. „Ja, der Engel, gewiß!" lachte Chajim. „Der Engel, der von den Kindern und manchmal auch Von mir so viel geplagt wird ohne zn fluchen oder auch nur;tt murren, wie es bei den andren Frauen der Fall ist. Seit wir verheiratet sind, habe ich Dir noch keine vergnügte Stunde verschafft. Denn ich bin ein Schlemihl und ein Taugenichts! Nicht einmal Semiroß kann ich ordentlich singen." „Unsinn!" erwidert Chane mit geheucheltem Zorn. „Du bist doch ein guter Mann und ein guter Bater! Auf alle jüdische Töchter gesagt. . . . Lang leben sollst Dü mir nur!" Und das Ehepaar wechselt solche zärtliche, warme und liebestrunkene Blicke, daß man meinen könnte, sie kämen soeben von der Chuppe. Aus das Essen folgt das Nachmittagsschläfchen, woraus Chajim in das kleine Bet-Hamidrasch geht, Thora zu hören. Dort lehrt ein Melamcd die einfachen Leute Alschich. Es ist heiß, und die Gesichter sind noch verschlafen; der eine schlummert noch, der andere gähnt laut auf. Gelangt aber der Melamed an eine jener Stellen, wo das Jenseits geschildert wird mit seinem dunkeln Gehinnom, in dem die Sütider mit Feuerrute» geprügelt werden, und dem leuchtenden Gau-Eden, wo die Zaddilim in goldenen Kronen sitzen und Thora lernen, da lebt alles auf. Mit offenent Munde und glühenden Gesichtern lauscht die ganze Zuhörerschaft atemlos dem Schicksale der Seele zu. Chajiin steht gewöhnlich am großen Beß-Midrasch-Ofen. Er hat Tränen in den Augen, tind seine Hände und Füße zittern: er ist ganz in jener Welt! Er leidet zusammen mit den Reschoim, badet in glühendem Pech, sammelt Spähne in wüsten Wäldern und wird geschleudert durch das Kaf-Hakela. All dies macht er durch, und es bedeckt ihn ein kalter Schweiß. Dafür wird er aber nachher aller der Freuden teilhastig, die den Gerechten vergönnt sind; das in prachtvollem Glanze leuchtende Gan-Eden, die Engel, der Leviathan und alle die guten Dinge, die seit den „Sechs Tagen der Schöpfung" der Gerechten harren, stellen sich ihm so deutlich und klar vor, daß er jedesmal wie von einem Traum erwacht, wenn der Melamed mit seinem Vortrag zu Ende ist und das Buch küssend schließt. „Ah!" holt er schwer Atem, nachdem er ihn während der ganzen Zeit zurückgehalten hatte, „Ribbauneschel - Olom! Gieb mir doch ein wenig Olom - habo, wenn auch nur ein ganz kleines bischen, für mich und meine liebe Frau und alle meine Kinderchen!" Und Chajim wird dann plötzlich traurig zu Mute. Erfragt sich: „Ja, aber warum denn? . . . Für welche Verdienste? . ." Eines Samstags ging er nach dem Vortrag auf den Melamed zu: „Rebbe," sagte er und seine Stimme zitterte, „raten Sie mir, wie ich der jenseitigen Welt teilhaftig werden kann!" „Lerne Thora, mein Kind!" bekam er zur Antwort. „Ich kann nicht!" „Lerne Mischna, Eu-Jatob, wenigstens Perek." „Ich kann nicht!" ' v „Sage Tehillim!" „Ich habe keine Zeit." „Bete andächtig!" „Ich verstehe nicht die Bedeutuitg der Gebete." Der Melamed blickte ihn voll Mitleid an. „Was bist Du?" fragte er. „Ein Lastträger." „So bediene wenigstens Talinidei Chachomim." „Zum Beispiel?" „Bringe jeden Abend ein paar Eimer Wasser ins Beß-Hamidrasch, damit die Bachurim ztt trinken haben." Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Chajim strahlt vor Freude. „Rebbe," fährt er fort, „und meine Frau?" „Wen» der Mann auf einem Stuhl im Gan- Eden thront, sitzt die Frau zu seinen Füßen . . ." Als Chajim nach Maariw heimgekehrt war, fand er Chane am Fenster sitzen und „Gott von Abraham" beten. Die weinend melancholische Melodie, mit der sie betete, wirkte so auf sein Gemüt, daß er sich zn ihr warf, sie umarmte und auf sein Knie setzte: ~ „Nein, Chane," rief er aufgeregt, „ich will nicht, daß Du zu meinen Füßen sitzen sollst. . . . Ich lasse mich zu Dir herunter, hebe Dich auf itnd setze Dich an meine Seite.Wir werden auf e i n e ni Stuhl sitzen ... ivie jetzt . . . Nur so kann man gut zusammen sitzen. . . Hörst Du, Chane, auf eine m Stuhl mußt Du mit mir sitzen. Haschem jißborach wird gestatten müssen . . ." Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Man schreibt uns aus Berlin: Der Gottesdien st für den Sieg der russischen Waffen, welchen die I u d e n i n I e r u - sale m veranstaltet haben, sollte die Mißbilligung jedes anständigen Juden finden. Jeder Jude, der in Jerusalem ein Asyl gefunden, sollte eingedenk sein, daß die Türkei von Rußland in derselben brutalen Weise drangsaliert wird, in welcher Rußland feine jüdischen Untertanen behandelt. Daher hätten die Palästinenser Juden wenigstens so viel Anstandsgefühl als Ausländer in diesem von Rußland gepeinigten Lande haben müssen, um sich derartiger Kundgebungen zu enthalten, die schließlich doch nur bei den Wenigsten ehrlich gewesen sein können und nur durch die Mache und den Einfluß einiger, vom russischen Konsulat. abhängiger Kreaturen zustande gebracht worden sind. Für die Juden ist die Ansiedelung einer Bevölkerung in Jerusalem, welche für den Sieg russischer Waffen betet und einen solchen Sieg erhofft, entschieden ein Nachteil und jüdische Wohltäter sollten sich die Frage vorlegen, ob sie durch Unterstützung solcher Elemente den russischen Einfluß fördern helfen wollen. Daß ein derartiges Gebet nach Kischinew auch uns West-Europäern gegenüber eine Insulte ist, sei nebenbei bemerkt. Die Herren hätten anständiger und jüdischer gehandelt, für baldigen Frieden zn beten, anstatt für den Sieg russischer Waffen. Berlin. Aus der Sitzung des Zentral- Komitees der Alliance vom 4. Mai d. I. 1. Eine neue Summe voir 5000 Frs. wurde für die Israeliten von Stat (Marokko), die sich infolge der Dezember-Unruhen nach Casablanca geflüchtet haben, bewilligt. 2. Zur Gründung einer Darlehnskasse in der Gemeinde Bakau (Rumänien), die sich ihrerseits zu dem gleichen Beitrag verpflichtet hat, wurden 2000 Frs. bewilligt. 3. Das Komitee beschloß, die Domäne La Reghaia, 30 Kilometer von Algier entfernt, zu erwerben, um dort Zöglinge der Ackerbauschulen der Alliance, namentlich aus der Acker-» bauschnlc von Djödeida, ansässig zu machen. Die Domäne umfaßt 1780 Hektar. Hannover. In der vorigen Woche brachte ein Mitglied des Repräsentanten - K o l l e g i - u m s in öffentlicher Sitzung dieser Körperschaft eine Interpellation ein, in der darauf hingewiesen wurde, daß der Name sowie der Aufuahmepassus in den Statuten*) der „I ü d i s ch e n T u r n e r s ch a f t" die schwerwiegendsten Folgen für alle jüdischen Turner Deutschlands nach sich ziehen könnten. Demgemäß beantragte der Interpellant, das Repräsentanten- Kollegium möchte gegen den Verein Stellung nehmen. Der Vorsteher der Synagogengemeiiide, Herr Dr. Hirsch, erklärte, das .Kollegium sei nicht befligt, über den Gegenstand der Interpellation zn diskutieren, noch weniger aber dürfe cs gegen den Turnverein auftreten. Dieser Auffassung trat der I. Vorsitzende des Repräsentanten-Kollegiums,. Herr Senator Fischer, entgegen und betonte ebenfalls die Gefährlichkeit einer jüdischen Turnerschast für die Gesamtjudenheit Deutschlands. Daraus trat man in die Diskussion ein. Herr Rechtsanwalt Dr. Wolfes, der das Wort ergriff, erklärte es für eine K ü h u h e i t, D r eist i g k e i t, U n e r h ö r t h e i t, für e i n e n 2 k a n - dal, daß ein solcher Verein ins Leben gerufen worden sei und bat die Versammelten, gegen den Verein auszutreten. *) Die fraglichen Paragraphen lauten wörtlich: § 1. „Der Verein führt den Namen .„Jüdische Turnerschaft Hannover". Der Zweck der Turnerschaft ist, durch regelmäßige Turnübungen im Kreise ihrer Mitglieder die allseitige Ausbildung des Körpers zu erstreben, sowie die Ausbreitung des Turnens unter der jüdischen Jugend zu fördern, dadurch geistige und sittliche Bildung zn heben, und vaterländischen Sinn zn pflegen." § 2. „Mitglied kann jeder unbescholtene Jude werden." Seite 11. Nur ein Herr trat auf, der die Angriffe aus die Gründer der Jüdischen Turnerschast, die immerhin doch nur Gutes beabsichtigt hatten, unerhört fand. Das Kollegium nahm schließlich folgenden, dem Sinne nach wicdergegebenen „Beschluß" an: „Das Repräsentanten-Kollegium der jüdischen Gemeinde Hannover mißbilligt den Namen und den Aufnahmeparagraphen des neue» Vereins „Jüdische Turnerschaft Hannover". Das Repräsentanten-Kollegium wird sich mit dem Turnrat in Verbindung setzen zwecks Aenderung der obengenannten Paragraphen." Herr Dr. Hirsch gab darauf zu Protokoll: Ich halte' das Repräsentanten-Kollegium nicht für befugt, einen solchen Beschluß zu fassen. — Das jüdische Repräsentanten-Kollegium tadelt es, daß ein Turnverein sich jüdisch nennt und nur Juden als Mitglieder annehmen will. Die reife Besonnenheit des weisen Genteinderats wird die jugendlich unbesonnenen Bereinsgründer — vielleicht väterlich mild, vielleicht auch drohend — davor warnen, auf der schiefen Ebene des jüdischen Particularismus zu verharren. Die Mitglieder eines Kollegiums, das sich als jüdisch bezeichnet, wollen es einem jüdischen Turnverein verwehren, sich noch länger jüdisch zu nennen. Derartige Vereine gefährden die Judenheit! Denn was wird Hinz und Kunz zu einem jüdischen Turnverein sagen? Ein solcher ist ausfällig und ihr sollt nicht auffallen! Nntertauchen sollt Ihr, tief untertauchen. Eure Reden und Handlungen sollt Ihr bemessen nach der Normalelle des israelitifchhannoveranischen Repräsentantcn-Kollegiunis, zerbrechen sollt Ihr Euren jüdischen Eigensinn, oder Ihr sollt ihn wenigstens von uns, den jüdischen Repräsentanten, zerbrechen lassen! Der Mißbilligungsbeschluß der Herren Warner und Retter trifft nicht nur die „Jüdische Turnerschast Hannover", sondern indirekt auch die Repräsentanzen der jüdischen Gemeinden in denjenigen Städten Deutschlands, in welchen jüdische Turnvereine, von jüdischen Behörden nngewarnt, existieren. Ein Blick auf die „Turntafcl" der Jüdischen Turnzeitung lehrt uns, daß außer dem Turnverein zn Hannover in Deutschland allein noch zehn jüdische Turnvereine bestehen. Die „Jüdische Turnerschast Hamburg", aus deren Statuten die perhorreszierten Paragraphen 1 und 2 in die Satzungen der „Jüdischen Turnerschaft Hannover" wörtlich übergegangen sind, findet seitens der jüdischen Gemeindebehörde» warme Anerkennung. Atich den ausgesprochen national-jüdischen Turnvereinen — und das sind gerade die kraftvoll aufstrebenden» mitgliederreichen Organisationen — haben die jüdischen Gemeinden kein Hindernis in den Weg gelegt. Ja, dem national-jüdischen Turnverein Bar Kochba ist sogar die Halle der jüdischen Knabenschule zur Benutzung für den Turnbetrieb von der hiesigen jüdischen Gemeinde unentgeltlich überlassen worden, auch hat der Berliner Turnverein von ihr materielle Unterstützung erfahren. Und in Hannover wird der jüdische Turnverein mit der zahmsten aller Tendenzen wegen seiner „(Gefährlichkeit für die Gesamtjudenheit in Deutschland" mißbilligt! Bisher ist weder iu Hamburg noch in einer anderen deutschen Stadt bei irgend einer jüdischen Gemeinde der Gedanke aufgetaucht, daß „Israel in Gefahr" sei, wenn Inden als Juden turnen und sich offen als Juden bekennen. Der Beschluß des Repräseutaiitcn-Kollegiums zu Hannover steht also einzig da. England. London, 11. Mai. Der Premierminister B a l f o u r hat solgenden Brief geschrieben und veröffentlichen lassen: „Ich glaube, es ist ganz unwahr, daß England, um mit einem mir vorgelegten Zeitungsausschnitte zu reden, von der Epideiiiic augesteckt wird, die überall anderwärts gegen die Juden grassiert. Das Fremdengesetz ist bestimmt, das Land zu schützen nicht gegen die Juden, sondern gegen den lästigen Fremden ganz ohne Rücksicht auf Nationalität oder Religion. Ich würde in dem Entstehen und Anwachsen jediveder antisemitischen Geiinnnng in England ein äußerst ernstes nationales Unglück erblicken." Ans den Vereine«. Frankfurt a. M., den 13. Mai. Gestern fand dahier im Hotel Neuhof die erste Mitgliederversammlung der I ü d i s ch - L i t e r a r i s ch e n (Gesellschaft statt. Die zahlreich erschienenen Mitglieder nahmen mit großer Befriedigung den vom Vorsitzenden, Herrn D i r e k t o r D r. Lange, erstatteten Geschäftsbericht entgegen, aus dem wir in Erwartung der demnächst erfolgenden Veröffentlichung des Rechenschaftsberichtes einstweilen folgendes hervorheben: Die Gesellschaft wurde im Januar 1002 konstituiert und hat alsbald eine vielseitige Tätigkeit begonnen. Sie hat namhafte Subventionen an Gelehrte verteilt, um dieselben in den Stand zu setzen, ungestört ihren wissenschaftlichen Arbeiten leben zu können, anderen durch Gewährung von Beihilfen die Dritcklegung ihrer Werke, die eine Förderung der jüdischen Wissenschaft bedeuten, erinöglicht bezw. erleichtert. Das anfangs dieses Jahres erschienene

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