Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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yuuu|uuti ^jltueuuujCB ^llMIlieNvtllN. Verständnis für die jü dische Gesa mt heit betätigt — sowohl Freunde, als auch Gegner, die die Wahrheit suchen, wissen, da das Werk zur Klärung der Sache beiträgt und der großen jüdischen Bewegung des Zionismus die richtige Würdigung zollt. Be» Ami. Budapester Brief. Ungarn hat einen großen Toten zu beklagen; den Verlust eines seiner besten Söhne, oder richtiger gesagt, seines besten Sohnes. Der ruhmgekrönte Dichter seiner Nation, der xoeta laureatus, dessen dichterischer- Ruhm weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus, in alle Länder der Kultur gedrungen, Maurus I ö k a i ist im Alter von nahezu 80 Jahren gestorben. Was seine Nation in ihm verloren hat, findet den beredtesten Ausdruck in der tiefen und aufrichtigen Trauer, die im ganzen Lande ob seines Abganges herrscht. Was hinwieder den großen Romanschriftsteller uns Juden nahegebracht und was die Juden Ungarns seinen Tod umso schmerzlicher empfinden läßt, ist der weitestgehendste, keinerlei Unterschiede kennende Liberalismus, der sich als Grnudzug seines Charakters durch all seine Werke zieht. Am Anfang seiner glänzenden schriftstellerischen Laufbahn schon ist er für die Gleichberechtigung der Juden mutig in die Schranken getreten und dies im Gegensatz zu anderen hervorragenden ungarischen Freiheitskämpfern, die trotz der Gleich b c re ch t i g u u gs idee und Proklamierung der Menschenrechte, die sie auf ihre Fahne geschrieben, nicht vorurteilsfrei genug waren, ihren Ideen auch den Juden gegenüber praktisch Ausdruck zu verleihen. (Wir erinneren hier nur daran, wie schwer es hielt, bis das Revolution? Parlament zu Szegedin die Emanzipation der Juden aussprach.) Und Jökai ist seinen liberalen Prinzi pien treu geblieben, auch als er späterhin den höch sten Gipfel dichterischen Ruhmes erklommen und hat ihnen auch offen Ausdruck verliehen zu einer Leit, als diese Prinzipien nichts weniger als populär gewesen sind. Es war am Anfang der achtziger Jahre, als das alte, unselige Nitualmordinärchen wieder einmal in Ungarn Orgien gefeiert und die Juden daselbst sich von einer Welt von Feinden umgeben sahen, da ließ cs sich Jokai nicht nehmen, einerseits für die Unschuld der Juden einzutreten, aitbc* rerseits sie ob der erlittenen Schmach und Unbill zu trösten. Und in den zahlreichen Romanen, die die ungarische Revolution zum Gegenstände haben, die Kämpfe um die staatliche Freiheit Ungarns, an denen die Juden in hervorragender Weise teilgenommen, läßt er ihnen voll uud ganz Gerechtigkeit widerfahren. Er hat da nichts übertrieben, aber — und dasür wollen wir ihm Dank wissen — er hat auch nichts verschwiege». J,l gläirzenden Farben wird uns va die Anteilnahme der Juden an dem Freiheitskampsc vor Augen geführt; die jüdische Vaterlandsliebe, Tapferkeit und Selbstverleugnung voll und ganz gewürdigt und anerkannt. Die Bedeutung gerade dieses letzten Momentes liegt in der hohen Bedeutung des verstorbenen Dichters und seiner Werke, die allent halben gelesen und als Orakel angesehen wurden mithin auf die spätere Entwickelung der Lage der Juden Ungarns nicht ohne Einfluß gewesen sind Die Juden Ungarns empfinden daher den Verluste der das Land betroffen, umso schmerzlicher, als sie in Jokai nicht nur den glühenden Patrioten und den unermüdlichen Förderer der ungarischen Kultur, sondern auch den Veteranen des ehrlicheit unentwegten Liberalismus verloren haben; den Mann, der 60 Jahre hindurch Schriftsteller und Jour nalist gewesen, und Juden wie Judentum nie beleidigt hat. — Hier wollen mir auch eines anderen Mannes Erwähnung tun, der in den traurigen Tagen von Tisza-Eszlar, auf die Gefahr hin, seinen Einfluß und seine Popularität cinzubüßcn, die Fahne der Wahrheit hochgchalten hat. Es ist dies der erste Verteidiger in dem denkwürdige» Prozesse, der Rechtsanwalt Karl Oetvös. Was uns ihn heute erwähnen läßt, ist der Umstand, daß vor kurzem die von ihm erzählte Geschichte des Pro zesses die Presse verlassen hat. In drei voluminösen Bänden werden da alle Phasen und Momente des IVZährigeii Prozesses in glänzender Sprache beleuchtet. Alle offenen und geheimen Triebfedern des von allen Seiten gegen die Juden inszenierten Kesseltreibens werden uns da vor Äugen geführt, wie auch schließlich der Sieg' der ewigen Wahrheit gefeiert. Der Verfasser, der früher schon einige Episoden aus dem Prozesse in größeren Feuilletons und Leitungsartikeln erzählt hat, nennt den Prozeß von Tisza-Eszlar den größten, der jemals einen 'Gerichtshof beschäftigt hat. (Ter Dreysus-Prozeß —1 ägt Oetvös — mit all seinem Getriebe und seinen endlosen Jntrigue» reicht nur einigermaßen an ihn heran.) Es sei hier eine der vielen von Oetvös erzählten Episoden erwähnt, die uns den Prozeß in seiner erschütternden Tragik zeigt. Oetvös stellt in der ichlußverhandlung de» als Hauptankläger figurierenden 12jährigen Moriz Scharf einem der Angeklagten, einem alten, gebrochene» Mann mit den. Worten gegenüber: „Sich doch mein Junge, was hat Dir der alte Mann hier getan'?", worauf der Junge entgegnete: „Was scher ich mich um den alten Jnd'!" Der Vater des Jungen, der Hanptangeklagte Josef Scharf sagte zu ihm in vorwurfsvollem Tone: „Wie kannst Du nur so sprechen, bist Du denn kein Jude?" „Nein," lautete die trotzige Antwort des Jungen, „ich bin kein Jude uud ivill es auch nicht sein!" Der Vater wankt hierauf der Anklagebank zu und indem er sein Obertleid zerreißt, sinkt er ans derelben zusammen. „Was machen Sie denn, Schars?" -ragte nun der Vorsitzende. Gebrochenen Tones erwiderte dieser: „Ich habe einen Toten zu beklagen, Herr Präsident, in der Trauer um ihn habe ich mein Kleid zerrissen." Und, wie Oetvös erzählt, ist im ganzen Saale kein Auge tränenleer geblieben. In all den im Luschnuerraunl anwesenden Magnaten und ihren Gattincn, die sich da an der größten ragödie des Jahrhunderts ergötzten, mag es vielleicht damals zum ersten Male aufgedämmert sein, welch ein grausames Spiel es sei, das hier nicht nur mit den Angeklagten, sondern mit einem ganzen Volke getrieben ivard. — Der Jahresbericht der hiesigen K nltusgemeinde pro 1303 weist Zahlen und Daten ans, die in dem Leser recht gemischte Gefühle auslösen. Auf der einen Seite das große Budget der Gemeinde und der Chcwra-Kadischa, die von einer beispiellosen Opferwilligkeit und Munifizenz der Mitglieder zeugen. Es sind wahrhaft grandiose Summen, die hier alljährlich zur Erhaltung einer ganzen Reihe humanitärer Anstalten und zur Armen-Untertütznng verwendet werden. Nach anderer Seite aber, wenn man zum Bericht der Knltuskommisfion gelangt, nimmt man zu seinem größten Bedauern wahr, welch' große Dimensionen die in den jüdischen Kreisen der ungarischen Hauptstadt herrschende religiöse Indolenz angenommen hat und von welch verheerenden Folgen diese begleitet ist. Wir erwähnen hier nur die Austritte aus der jüdischen Religion (in den meisten Fällen Taufe»), deren im Jahre 1903 beim Budapester Rabbinat nicht weniger als 220 angemeldet worden sind. (Die Zahl der Mischehen zwischen Juden und Anders gläubigen, die übrigens init beul Verluste der jüdischen Hälfte für das Judentum identisch sind, ist hier nicht angegeben. Sie dürfte in Budapest allein der Zahl der Austritte gleichkommen.) Ilm uun der immerweitere Kreise ergreifenden religiösen Anarchie Schranken zu setzen, hat der Knltusrat der Gemeinde beschlossen, zu einem neuen Mittel zu greisen, das aber alt genug ist, um seine Erfolglosigkeit erkennen zu lassen. Es soll nach dem Muster der Wiener und anderer großstädtischer Gemeinden die Konfirmation der Mädchen eingefnhrt werden Die jüdischen Mädchen sollen, wenn sie die Schule verlassen, feierlich geloben, oder gar einen Eid leisten daß sie unter keinen Umständen ihre angestammte Religion verraten, derselben niemals den Rücken kehren werden. Es ist höchst sonderbar, und für die religiösen Bestrebungen der Neologie bezeichnend, daß sie es ab und zu versucht, dem Judentum mit Mitteln aufzuhclfen, die unjüdischen Ursprungs sind und daher zur weitere» Eutjudung führen müssen. Das ist nicht der Weg zur Rückkehr zum Judentum. Eine bloße Anfrage an die Knltusgemeinde der benachbarten österreichischen Metropole hätte den Kultusrat belehre» müssen, daß dies neue unjüdische Mittel nicht geeignet ist, dem tief darniederlicgenden Judentum in Budapest aufzuhelfen. Will man hier Wandel schassen, will man etwas zur Hebung der tristen Lnstände tun, so ist dies nur ans einem Wege möglich. Größere Sorgfalt auf die jüdischen Disziplinen, intensiverer Religionsunterricht durch Lehrer, denen die Religion Ueberzeugungssache ist und die selber glauben, was sie lehren. Die Kultusgemeinde hat in den ihrer Leitung unterstehenden Schulen das geeignete Mittel in Händen, bessere Zustände herbeizuführen. Was die Gemeinden zur Hebung der Religiösität tun können, erschöpft sich letzten Endes in dem einen Worte: Schul e. Erweiterung des Religionsunterrichtes in den bestehenden, Kreierung neuer Schulen und die Wahrung des strengjüdischen Charakters dieser Schulen, das ist es, was die Gemeinde tun kann und, so sie der stetig zunehmenden Jrreligiösität ent- _ Nr. 19. gegentreten will, tun mutz. Vor allem aber sollte chon einmal mit dem alten Humbug der Nachäfferei aufgeräumt werden. b. Haussriede. Aus.dem Jargon von I. L. Peretz, übertragen von I. M. Salkind. Chajim ist ein Lastträger. Wenn er unter einem schweren Warenballen eingckauert durch die Straße geht, ist er ganz unichtbar, als ob er gar nicht existierte und der Ballen elbst auf zwei Füßen ginge. . . . Man hört nur ein schweres Atme». Hat er aber die Last niedergelegt und einige Groschen dafür bekommen, so streckt er seinen Riesenkörper, atmet stark auf, wischt sich mit dem Aermel die dicken Schweißsträhnen vom Gesicht, geht dannan einen Brunnen, wo er, nachdem er „Brache" gemacht, ein paar kräftige Züge aus dem daran befestigten Wassereimer tut, und rennt schnell in einen Hof. I» den Hof angelangt, bleibt er an einer Wand stehe», wirft de» Kopf nach oben, sodaß der Schiri» seiner „Casquette" mit den Spitzen der Nase und des Bartes eine gerade Linie bildet und ruft mit lauter Stimme: „Chane!" Es öffnet sich das Fenster einer Dachstube, aus welchem ein kleines-Frauenköpfchen in weißer Haube hervorblickt und antwortet: „Chajim!" Das Ehepaar sieht sich eine Weile zufrieden und liebevoll an. Manche neugierige Nachbarin eilt ebenfalls an das Fenster, lächelt und kehrt bald in das Innere des Gemaches zurück, einige spöttische Bemerkungen vor sich machend. Dann wickelt Chajim das Geld in ein Stückchen Papier ein und wirst es nach oben, so daß Chane es geschickt in der Luft auffängt. Es ist ihr nicht das erste Mal. „Bravo!" ruft Chajim vergnügt und macht eine Miene, als ob er von hier gar nicht fortgehen wollte. „Geh, Chajim, geh!" — lächelt ihm Chane zu. — „Ich kann vom Kinde nicht fortgehen. Ich habe die Wiege dicht an den Herd gestellt. . . . Mit der Hand schäume ich die Suppe ab und mit dem Fuße wiege ich. ..." „Was macht das Kind?" „Besser!" „Gott sei dank! Und Henne?" „Bei der. Schneiderin." . „Und Söffet?" „Im Cheder." Chajim verabschiedet sich und geht fort, und Chane schaut ihm nach bis er ihren Blicken verschwindet. Donnerstag und Freitag dauert die Unterhaltung etwas länger. „Wieviel hast Du da im Papier?" fragt Chane. „Zweiundzwanzig Groschen." „Ich fürchte, daß ich damit nicht auskomme." „Was brauchst Du denn, Chane?" „Für einen Sechser Salbe für das Kind, für ein paar Groschen Kerzen, Barches habe ich schon. Fleisch auch, anderthalb Pfund. Dann, Wein zum Kiddusch! .... dann, ein Bündel Reiser." „Reiser werde ich Dir schon verschaffen; es sind noch welche auf dem Märkt da." „Dann brauche ich noch . . ." Und sie zählt alles auf, was sie noch für den heiligen Schabbos braucht. Es entsteht eine Debatte, über die einzelnen Gegenstände; endlich wird beschlossen, daß man Kiddnsch wohl auch über Barches machen darf und noch so manches, ohne dem „Sabbatvergnügen" Einbruch zu tun, leicht entbehren könnte. Die Hauptsache ist — Kerzen zum Licht — benschen und Salbe für das Kind! Und doch wie glücklich und vergnügt sind sie am Schabbos, ganz besonders aber, wenn die Kinder gesund sind, die Messingleuchter nicht im Pfandhaus liegen und ein duftender „Kugel" auf dem mit einem weißen Tischtuch gedeckten Tisch dampft! Den» für Kugel ist Chane eine ganz besonders hervorragende Spezialistin!