Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1904)
- Date
- 1904-05-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 19 des Frankfurter Zfraelitischeu FaMieublattes. Gefühlsreligiun oder Gesetzesreligion i Eine Schowuausbetrachtung. Walter und Moritz waren Jugendfreunde. Sie waren beide Kuusleute, die zwar keine Not litten, aber auch nicht allzuviel übrig hatten. Das verursachte ihnen aber keine trüben Stunden. Sie waren glücklich in ihre»: Familienleben und dankten Gott zufrieden für alles, was er ihnen in seiner Gnade schenkte. Sie Ivaren ein Herz und eine Seele. Ihr Bildungsgang war der gleiche gewesen; die gleichen geistigen Interessen erfüllte sie. Kurz, sie hätten ein sehr harmonisches Freundepaar gebildet, wenn nicht in einem Punkt ständiger Streit zwischen ihnen geschwebt hätte. Sie konnten sich nämlich über ihre religiösen Auffassungen nicht einigen. Beide hielten sich für gute Juden; aber, während Moritz gewissenhaft alle Forderungen des überlieferten Gesetzes beobachtete, glaubte sich Walter eine, wie er es nannte, freiere und modernere Lebensführung gestatten zn dürfen. „Ich bin ja gewiß," so pflegte er zn sagen, „von der Vortresflichkeit unseres großen Judentums überzeugt. Aber es ist doch in manchen Punkten ein Wenig kleinlich und beschränkt. Es gewährt uns gar zu wenig Freiheit und Selbständigkeit. Es schreibt uns zu peinlich genau in jedem einzelnen Falle vor, was wir tun sollen, und überläßt so gar nichts unserem Gefühl, unserem selbständig tätigen Liebeswalten. Gewiß, wer wollte es leugnen, unsere Religion entwickelt erhabene Gedanken, großartige Institutionen. Da ist z. B. der Gedanke des Sabbat, mit dem sie die Menschheit zu ihrem ewigen Heile beschenkt hat. Aber warum begnügt sie sich nicht uns einfach Ruhe vorzuschreibcn. Warum erschwert sie Ms das Leben mit dieser Fülle und Reichhaltigkeit einzelner Bestimmungen? Könnte sie nicht zufrieden sein, uns die Idee gegeben zn haben? Könnte sie nicht die Ausführung unserm eigenen Takt und Feingefühl überlassen?" Moritz hatte des Freundes leidenschaftlichen Erguß ruhig mit angehört. Als dieser geendet hatte, erwiderte er in seiner ernsten und gemessenen Art: „Ich könnte mir die Sache leicht machen. Ich könnte Dir eine einfache Antwort geben, welche alle Deine Einwürfe für mich kurz und entschieden abschneidet. Für mich ist nicht nur die Idee eine göttliche, meine Ueberzeugung ist vielmehr, daß auch alle einzelnen Vorschriften der Ausführung von Gott gewollt sind, deshalb gibt es für mich keine Kritik. Ich erfülle sie vertrauensvoll, wie der Krieger die Befehle seines Feldherrn. Mer ich will mich einmal ans Deinen Standpunkt stellen und hoffe Dich auch durch die Erfahrungen der Geschichte eines besseren zu belehren. Ist nicht der Versuch, welcher Dir vorschwebt, von einer andern weltumfassenden Religion gemacht. Hat sie nicht vom Sabbat nur die Idee übernommen, hat sie nicht, wie sie meint, den Kern losgelöst von der lästigen, jüdisch-gesetzlichen Schale und hat es dem Gefühle des einzelnen überlassen, wie er sich diesen Tag des Herrn zu einem ruhigen und weihevollen gestalten möge? Und was war die Folge?.Das Gefühl hat eben, wie so ost, versagt, und um den Armen, den wirtschaftlich Schwachen, wenigstens einen Teil ihres Ruhetages zu sichern, hat man wieder zur Aushilfe strenger ins einzelne gehenden Gesetzesbestimmungen greifen müssen. Gibt es einen schöneren Triumps des jüdischen, praktischen, den Verhältnissen der Wirklichkeit angemessenen Geistes der Gesetzlichkeit über eine in die erhabensten Verzückungen sich verlierende, dabei aber die Erde zu einem Jammertals gestaltende Gefühlsreligion?" „Ich will Dir zugeben," sagte Walter betroffen, „daß unser nach strengem Gesetze geheiligter Sabbat - vieles vor dem freien Ruhetage der anderen Religion voraus hat, deren Bekenner ja, selbst wenn sie nicht arbeiten, doch infolge der lärmenden und berauschenden Vergnügungen, denen sie sich an diesem Tage hingeben, - doch nicht jene viel gefeierten und besungenen Anneg Schabbos kennen lernen, dessen sich der gesetzestreue Jude zu erfreuen hat. Aber da ist ein anderes Gebiet, das der Menschenliebe, der Wohltätigkeit, da könntest Du mir doch ruhig einräumen, daß das die Sphäre des Gefühles ist. Da möchte sich doch niemand gerne von regelnden und hemmenden Gesetzen hineinsprechen lassen. Und doch, da wird uns vorgeschrieben, wen wir in der Mildtätigkeit bevorzugen müssen, wieviel von unserem Einkommen wir darauf verwenden sollen und was dergleichen hennnende Gebote mehr sind. In unserer Zeit, die voin Geiste wahrhafter Humanität erfüllt ist, sollte doch der Persönlichkeit des Einzelnen in diesen Punkten wenigstens freier Spielraum gelassen werden." „Du bist wiederum im Irrtum, lieber Freund," bemerkte Moritz, über die Aufgeregtheit des andern lächelnd. „Wenn Du etwas weniger mitTheor i e li, dafür aber m e h r mit E r s a h r u n g e n arbeiten würdest, dann hättest Du aus den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit eine gute Lehre ziehen können. Ja dieser Geist der wahrhaften Humanität, auf den Du Dich berusst, die Menschheit hat sich wirklich geraume Zeit aus ihn verlassen. Man betrieb die Politik des laissor kairs laisser aller und meinte, der gute Geist der menschlichen Natur würde schon alles zum besten lenken, alle Disharmonien anflösen. Aber was zeigte sich schließlich? Das Gefühl in der Menschenbrust war wieder eininal eine wenig zuverlässige Stütze. Man ließ die Kranken und Verunglückten liegen, inan warf die alten und abgearbeiteten Werlleute unbarmherzig auf die Straße, man ließ die Witwen und Waisen hungern. Da erfolgte allerdings dann jene ausgezeichnete Gesetzcstätigkeit, welche alle diese Verhältnisse in der genauesten und fürsorglichsten Weise regelte. Und jo hatte wieder der vielfach verleumdete Geist jüdischer Gesetzlichkeit sich siegreich erwiesen über jenes bloße Hin dämmern und Spielen mit dem erhabenen Gefühle der Menschenlieb e." Walter schwieg ein wenig beschämt durch diese gründliche Mfertigung seitens seines Freundes. Doch schien er noch nicht völlig überzeugt. Einige Wochen später kam ein armer Verwandter zu ihm und bat ihn um Hülfe. Er sei durch Unglück und Krankheit tief herabgekommen. Eine nicht allzu große Summe aber würde ihn wieder emporbringen. Walter war in großer Verlegenheit. Er besaß ein gutes und großmütiges Herz. Er hätte mit Freuden seinem Verwandten geholfen. Aber er verfügte nicht über die verlangte Summe, wenn er sich nicht selbst entblößen wollte. Er hatte auch viel an Arme verschenkt, aber blindlings, ohne Ueberlegung, ohne Berechnung und System, so daß.seine Mittel bald erschöpft waren. In seiner Not dachte er an seinen Freund Moritz. Dieser hörte ihn freundlich an und erllärte: „Ich will Dir gerne behilflich sein und Deinem Verwandten in seinem Unglück beistehen. Du weißt, ich bin durchaus nicht reich, aber ich habe doch immer für. solche Zwecke etwas übrig. Du wirst mich kleinlich nennen, denn ich halte meine besondere Armenkasse für mich, in diese hinterlege ich jeden Monat den zehnten Teil meines Gewinnstes, wie das Gesetz es uns vorschreibt, und sühre genau über alles Buch. So habe ich noch stets für einen Fall dringender Not etwas zur Verfügung gehabt." Walter dankte dem treuen Freunde herzlich und beschloß in Zukunst sich seine Verfahren zum Muster zu nehmen. Die Praxis des Lebens belehrte ihn, daß man mit der strengen Erfüllung des Gesetzes größere Erfolge auch in der Liebestätigkeit erzielt, als mit dem bloßen Nachgeben gegenüber spontaner Gefühlsregungen. J- '1. Stimmen über Oberrabbiner Roth's Broschüre. i. Manche Ereignisse in der letzten Zeit drücken mir die Feder in die Hand, um das der Oeffentlichkeit zu übergeben, was schon längst in mir wogt; und Ihre Sprechsaalnotiz in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung, daß Sie rein sachlichen Ausführungen, die nur in der Absicht geschrieben sind, dem gesetzestreuen Judentum zu dienen, gern die Aufnahme gewähren, lassen mich als selbstredend voraussetzen, daß Sie meinen Zeilen nicht die Aufnahme versagen. Das Darniederliegen jeglichen jüdischen Lebens in den jüdischen Gemeinden beschäftigt mich seit Jahren. Wo der Spaten anzusetzen ist, ist eine Frage, zu deren Lösung ein zweiter Samson Raphael Hirsch nötig wäre. Wenn ich mir trotzdem ein bescheidenes Laienwörtlein erlaube, so geschieht es in Würdigung der Worte unserer Weisen: In Zeiten, wo es an Männern fehlt, bemühe dich ein Mann zu sein. Meines Erachtens nach sind es unsere Rabbiner, von denen sehr viel sür das Wiederausblühen der jüdischen Gemeinden geschehen könnte. Jedoch müßten unsere Rabbiner erst einmal in ihrem eigenen Kreise regenerierend wirken, denn die heutigen Rabbiner sind nicht mehr das, was die früheren gewesen sind. Unsere f r ü h e r e u Rabbiner waren Männer des Lebens, unsere heutigen Rabbiner sind in e i st Gelehrte. Die Ersteren waren Praktiker (raw — vielseitig), denen das Leben reiche Erfahrung und damit einen llaren Blick und eine abgeklärte Welt- und Lebensaussassuilg gegeben hatte; die letzteren sind meist Theoretiker, die trotz der ehrlichsten Absicht, zum Segen des Judentums zu wirken, als lebensfrenid sich gar zu leicht auf dem Wege zu ihrem Ziele verirren und bei ihrem Irren auch noch die ihnen vertrauensselig Folgenden irre führen. Hier liegt ein Grundübel, das an all dem Wirrwarr und alt' der Unfruchtbarkeit und Verelendung innerhalb der Judenheit unserer Tage mit schuldig ist. Eine Konfession kann man vertreten, wenn man nur die ethischen und moralischen Grundsätze derselben kennt; anders aber ist es mit einer Religion, wie die unsrige, die nicht nur die religiösen Angelegenheiten des Menschen, sondern auch die sozialen, die mit einem Worte das ganze menschliche Leben regelt. Eine solche Religion bedarf Vertreter, die das Leben voll und ganz kennen, praktische Männer voll reicher Lebenserfahrung und klarem Urteil. Mit Kennen und Wissen des Juden« tunrs allein ist es noch nicht getan. Und wenn wir uns unsere Weisen, die Träger und Erhalter des Judentums vergegenwärtigen, so sehen wir lauter Männer unermeßlicher Erfahrung und Lebensweisheit. Wir sehen unsere Weisen auf allen Gebieten tätig. Sogar den exakten Wissenschaften — Medizin, Naturwissenschaft usw. — widmen sie ihre ernste Forscherarbeit; davon legt unser Talmud sowie unsere Größen wie Rambam, Rabbi Simon ans Mainz, Abarbanel usw., Hirsch Kalischer, Malbin usw. Rabbi Jizchok Elchanan und Rabbi Mvhilewer usw. Zeugnis ab. So waren denn unsere Weisen zu allen Zeiten nicht nur die Vertreter des Judentums, sondern auch die Führer Israels. Sie standen über ihren Gemeinden mit ihrem Wissen und mit ihrer Lebenserfahrung. Niemals gab es eine große Aktion in Israel, wo nicht seine Weisen an der Spitze standen und mit Rat und Tat selbstlos und unermüdlich der Sache ihres Volkes dienten. Es genügt ein Blick in die Geschichte des jüdischen Volkes, um Beispiele dafür in Hülle und Fülle vorzufinden. Unsere Weisen begnügten sich jedoch nicht nur mit Gegenwartsarbeit, ihr Sorgen und Denken galt auch der Zukunft. Sie haben sich daher stets mit dem Schicksal Israels befaßt und zwar so weit, daß sie bis ins Kleinste sich Vorstellungen machten über die Erlösung des jüdischen Volkes aus der Zerstreuung. Von diesem Standpunkte aus begrüße ich eine Broschüre, die unlängst von einem hervorragenden, orthodoxen Rabbiner erschienen ist. Ich meine die Liebe sür das überlieferte Judentum und das jüdischen Orthodoxie von Oberrabbiner A. Roth, Päpa", aus dessen Worten die wärmste Liebe für das überlieferte Judentum und das jüdische Volk herausspricht und die an der Hand des Talmuds und der nachtalmudischen Literatur zn beweisen sucht, spie eminent wichtig die zionistische Bewegung gerade für das orthodoxe Judentum sein muß. Es kann selbstverständlich ein Jeder vom Zionismus denken, was er will; aber Dank müssen dem ehrwürdigen Verfasser, der sein Amt in der Auffassung unserer alten Weisen betätigt — indem er außer der vollen Erfüllung seines Amtes seiner Gemeinde gegenüber noch einen weiten Blick und