Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 18 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 18. Plötzlich umarmten ih» die Greise. Gleich darauf beganncii sic einen Tanz, den sie mit Gesang bemann?" Er antwortet mit einem schweren Seufzer. Regungslos sitzt er auf seinem Platze, die Augen nach oben gerichtet. Sein Blick scheint vorwurfsvoll zu fragen: Warum? Wie lange noch? Bon „oben" erfolgt keine Antlvort . Schon lange ist er bemüht, das Wtscl zu lösen. So manches Mal schon wandte er seine Augen gen Himmel, aber — der Himmel blieb stumm. Er fleht um ein Zeichen, ein Wunder. Er fürchtet — was der Allmächtige verhüten inöge — sein Glaube könnte schwankend werden. Besonders in diesen schrecklichen Tagen. Schon seit einiger Zeit sieht er, wie sie in der Menge einander zuflüftcrn; er hört sagen, daß ihr Religionseifer in hellen Flammen lodere und schwarze Mönche von Dorf zu Dorf ziehen, welche das Volk aufstacheln, das Grab seines Erlösers zu befreien. — Wer weiß? Vielleicht wendet es sich, statt gegen seine fernen und starken Feinde zu kämpfen, gegen uns, die Nahen und Schwachen? Und wieder weint er bitterlich und fragt: Wie lange noch? Sein Schmerz erreicht seinen Höhepunkt; noch einmal seufzt er schwer auf und bleibt stumm. Ferne Stimmen unterbrechen die nächtliche Stille. — Trunkene! — sucht er sich selbst zu beruhigen. Wer die Stimmen kommen immer näher und näher. Jetzt hört er sie ganz deutlich innerhalb der Stadtmauer. Nach einigen Augenblicken glaubt er Chorgesang zu hören. Und der Gesang ist furchtbar und erschütternd, wie der Schlachtgesang der Krieger. Er horcht auf. Es scheint ihm, als ob er hebräische Worte vernehme. Jetzt hört er sie ganz deutlich: „Ueber alles werde verherrlicht und geheiligt der Name des Ewigen." Bestürzung und Schrecken ergreift ihn. Leise öffnet er sein Fenster. Der Hinnnel war klar und rein in dieser Sommernacht. Der blasse Schein des Mondes erleuchtete die Dächer der Häuser und die Sterne erglänzten wie Funken am Himmel. Plötzlich änderte sich das Bild. Das Mondlicht war noch blasser geworden. Drei weiß gekleidete Greise standen da. — Furchtbar war ihr Anblick. Mit verschlungenen Händen schritten sie tanzend einher und sangen mit lauter Stimme: „Ueber alles werde verherrlicht und gehelligt der Name des Ewigen." Ihr Lied erllang ihm wie ein Wschiedslied der Krieger, die des sicheren Todes gewiß, ausziehen, den Heldentod zu sterben. Bald darauf verblaßte das Bild. Er hatte den Eindruck, als ob die Statur Totenllcider angetan hätte. Und die Sterne glänzten wie Lichter zu Häupten eines Toten. Die Greise standen still und schwiegen. : Er stieg die Treppe hinunter und trat in's Freie. Mcht weit von seinem Hause, auf dem Pfade, der zur Synagoge führte, standen die Greise. Er näherte -sich ihnen. Mit Ruhe schauten sie ihn an, mit Todesruhe. „Kidusch Haschern?“*) fragte er. Leise neigten die drei ihre"Kvpse und ihre weißen Bärte. ,^hier?" fragte er nochmals. Der älteste der Greise wies mit der Hand nach allen Seiten. „Im ganzen Lande?" fragte der Rabbi. In seinem Auge erglänzte eine Träne. Einer der Greise legte ihm die Hand auf das Haupt. ,Löre auf!" sprach er zum Rabbi „Weine nicht! Es geziemt sich nicht für einen Juden zu weinen." „Auch ich war bereit, meinen einzigen Sohn zu opfern," sagte der älteste der Greise. Dem Rabbi stand der Atem still. „Auch ich bin bereit," sagte er ruhig. „Und niemand wird entrinnen," fügte der dritte Greis hinzu, der bis dahiu geschwiegen hatte, „nur die Wtrünnigen werden gerettet werden." „Warum?" seufzte der Rabbi. *) Eigentlich: Verherrlichung des Namens (des Ewigen), hier — der Märtyrertod für den Glauben. Der Rabbi fragt also, ob man Religionsverfolgungen erwarten müsse. gleiteten. Wie ein Totentanz erschien er dem Rabbi. So erreichten sic tanzend die Synagoge. „Soll ich diese verstecken?" fragte der -Rabbi, auf die Thorarolleu hinweisend. „Möge E r sie beschützen!" antivortete der Aeltcstc der Greise, seine Hand gen Himmel erhebend. Im nächsten Augenblick zog ein entsetzliches Bild an seinen Auge» vorüber. Er sah hingcschlachtete Männer, Frauen, die sich in ihrem Blute wälzte», zerstückelte Kinder. Gleich darauf erblickte er auch zerrissene Thorarolleu, auf einen Schutthaufen hingeworfen. Und plötzlich sieht er — Die Buchstaben der Thora erheben sich: verwandeln sich in Feuertränen und rollen vor den Thron der Herrlichkeit. Herzzerreißende Klagetöne werden hörbar. Er sieht Tausende von Seelen hin- und herschweben und Weinen. „Tue uns Wohl um deren willen, die Deines heiligen Namens wegen umkommen," ringt sich ein furchtbares Schluchzen los und Tränen fließen. — „Ueber alles werde verherrlicht und geheiligt der Name des Ewigen," ertönt cs im Gesang. Und die Tränen werden zu Saphiren. Im nächsten Augenblick dehnt sich ein Meer von Tränen zu den Füßen des Thrones aus. Und es ist wie erstarrt: die Saphirenträncn ruhen. Und siehe da — auf einmal schäumen die Feuertränen auf. „Tue uns wohl um der zerrissenen und verbrannten Thorarolleu willen," ertönt eine donnernde Stimme. Tanz und Gesang übertönen diese Stimme. „Ueber alles werde verherrlicht und geheiligt der Name des Ewigen." — Und der Rabbi -sieht: Alle Seelen erheben sich und belvegen sich im Tanze. Und wunderbar ist der Tanz und wunderbar ist die Melodie: Ein Tanz ewigen Lebens, eine Melodie siegreicher Seelen. „Ueber alles werde verherrlicht und geheiligt der Name des Ewigen." — ■ * * * Als der Rabbi aus diesem Traume erwachte, sah er sich an der Schwelle der Synagoge stehen. Die Greise waren verschwunden. Er näherte sich der Wohnung des Synagogendieners und klopfte an sein Fenster. Der Synagogendiener erwachte. „Was ist geschehen, Rabbi?" fragte er bestürzt. „Gehe, llopfe überall an die Fenster und wecke die Gemeindcglieder auf," sprach der Rabbi mit voller Ruhe. „Es gibt einen ,,Lickusch Haschern“. Wir müssen bereit sein." Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Die Vossische Zeitung meldet: Die nach Jerusalem ausgcwanderten russischen Juden Haben, wie die „Revue Russe" meldet, in der ältesten Synagoge der Stadt einen Gottesdienst für den Sieg der russischen Waffen im fernen Osten abgehalteu. Nach dem Gottesdienst hielt einer der Teilnehmer eine patriotische Ansprache in russischer Sprache. Es war das erste Mal, daß diese in dem alten Tempel gehört wurde. Berlin. Die Alliance Jfraölite Universelle berichtet: Die Herren Rabbiner Dr. Niemirower aus Jassy und Dr. M. Friedländer, Sekretär des deutschen Bureaus der Alliance in Berlin, setzten ihre Propagandareise mit bestem Erfolge fort. Sie sprachen am 18. April in Graudenz (Vors. Rabb. Dr. Loevy), sodann in Danzig (Rabb. Dr. Freudenthal), Elbing (Rabb. Dr. Silberstein), Königsberg (Prof. Dr. Saalschütz), Tilsit (Rabb. Dr. Ehrlich), Memel (Rabb. Dr. Carlebach), Wreschen (Rabb. Dr. Lewin), Posen (Stadtrat Schleyer, Präsident der Bue - Brith - Loge; Discussion: R. - A. Placzek, Rabb. Dr. Bloch), Kempen (Mor. Lubliner), Ratibor (Rabb. Dr. Dienemann), Gleiwitz (Rabb. Dr. Münz), Zabrze (Rabb. Tr. Kaatz; Epstein), Kattowitz (Rabb. Dr. Cohn; Zahnarzt Tr. Glogauer), endlich in Breslau ani 5. Mai (Vors. Rabb. Dr. Rosenthal). Ueberall wuchs die Mitglicderzahl oder es bildete sich, wo die Alliance noch nicht vertreten war, wie in Graudenz, Kattolvitz, eine neue Ortsgruppe. Ems, 4. Mai. Das Gesuch des israelitischen Mädchen- und W.a i senheims, den die Volksschule besuchenden Zöglingen das Schulgeld zu erlassen, da nach einer Oberverwaltungsgerichtsentscheidung Waisenhauszöglinge schuldgeldfrei seien, wurde von den städtischen Behörde» abgclchnt, da die Regierung in« Jahre li)01 die Äonzessivniernug der Anstalt von der Erhebung von Schulgeld, seitens der Stadt abhängig gemacht habe. Altona. Fast alle israelitischen Gemeinden in der Provinz Schleswig-Holstein haben dem Verband der deutsche» Juden Zustiinmnngscrklärnngen übersandt. ' . Erfurt. Ein Sabbatfreund. Der hiesige Bäckermeister Hnckc versendet folgendes Zirkular: „Meiner geehrten Kundschaft mache ich die ergebene Mitteilung, daß ich von jetzt ab jeden Freitag abend bis Sonntag abend mein Geschäft geschlossen halte» werde. Der Grund ist folgender: Ta jeder Mensch weiß, daß der Sabbat (Sonnabend) der siebente Tag, der von Gott eingesetzte Ruhetag ist, und ich die volle Ueberzcngung bekomme» habe, daß nicht nur die Israeliten, sondern alle Menschen diesen Tag zil beobachten haben. Da der Sabbat nicht erst, wie viele glauben, auf dem Berge Sinai dem israelitischen Volke gegeben wurde, sondern der von Gott im Paradiese für alle Menschen eingesetzte Ruhetag ist, und ich als wahrer Christ gesonnen bin, meineil Glauben in der Tat zu beweisen. Indem ich für das mir bisher geschenkte Wohlwollen meinen aufrichtigen Dank sage, werde ich mich bemühen, auch fernerhin gute Backwaren pünktlich zu liefern. Hochachtungsvoll Paul Hucke, Bäckermeister." Fürth. Seit einigen Wochen schon kommen Tausende von russischen Juden hier durch, die, wie sie erzählen, ans ihrer bisherigen Heimat vertrieben wurden. Fast jeder Zug bringt solche Flüchtlinge, die oft schon viele Tage unterwegs sind, ohne ans den Kleidern gekoimnen zu sein. In den Wartesälcn unterwegs richten sie sich, so gut es eben geht, häuslich ein, essen, schlafen, inachen Toilette,- ihre wenigen Siebensachen immer bei sich führend. Die Leute, vielfach in der jüdisch-russischen Tracht, in Kaftan, hohen Stiefeln und der charakteristischen Schirmmütze leben äußerst ärmlich und sind in sehrgedrückter Stimmung. Dabei geht ihr Mißtrauen so weit, daß sie selbst gegen kleine Geschenke, teilnehmende Fragen und dergleichen sich ablehnend verhalten — wenigstens anfangs. Deutsch reden sie säst alle, jedoch wenig. Das Ziel ihrer Reise ist Kanada, ihr Eiuschifsungshafcn Rotterdani. Oldenburg, Großh. Die diesjährige Sitzung des Jüdischen Landesgemcinde-Ratcs fand am 1. Mai statt. Auf Antrag des Vorsitzende», Herrn Landesrabbiuer D r. M a nnheimer, wurde einstimmig der Anschluß der Oldenburgischen Synagogengemeinde'an die Gesamtorganisation der deutschen Judenheit beschlossen. Aus dem Berichte des Voritzenden über das verflossene Jahr entnehmen wir, daß ein Antrag der Schlachterinnung in Oldenburg um Aufhebung des rituellen Schächtens vom Magistrat abgelehnt wurde. Herr Dr. Mannheimer hatte durch die von Seiten der Freien Vereinigung für das orthodoxe Judentum gütigst zur Verfügung gestellten Gutachtensammlungen rechtzeitig den Magistrat aufgellärt. Der Bericht der Zentral-Unterstützungs- und Lehrer-Pensionskasse lvurde genehmigt. Msdanu folgte ein hochinteressanter Vortrag des Vorsitzenden „über die soziale Lage der Judenheit im Allgemeinen," welcher kein sehr erfreuliches Bild für die Juden ergab, lveder in auswärts noch in Preußen. Im übrigen, verlief die Sitzung sehr anregend und ruhig, da in allen Gemeinden ein erfolgreiches friedliches Wirken des Vorstandes und des Landrabbiners zu verzeichnen ist. Durch die Zentralunterstützungskasse, in welche jede Gemeinde 2 Proz. ihrer Umlagen gesetzlich zu ^zahlen hat, helfen die größeren Gemeinden den kleineren zur Erhaltung ihrer religiösen Institutionen, ihrer Schulen, Schechitoh und ihres Kultus, so daß die Gemeinden zusammen ein Ganzes bilden und gedeihlich sich entwickeln. Janowitz (Posen). (Streit zwischen dem Bahnfiskus und der Synagogengem e i u d e.) Um auf dein hiesigen Bahnhofe für die neue Bahn Janolvitz-Posen weitere Geleise anlegen zu können, mußte das Bahnhossgelände vergrößert und um ctlva 1 Meter aufgeschüttet werden. Von dem jüdischen Friedhöfe, der an dem Bahnhofe liegt, wurde mit Einwilligung des Vorstandes der Synagogengemeinde ein Teil hergegeben. Bei der Ausführung der Arbeiten stellte es sich nun heraus,-daß auch noch der Weg zu dem Friedhofe abgcschnittc» wird. Hiergegen erhob der Vorstand der Synagogengemeinde Protest. Der Unternehmer stellte deshalb einstweilen die Arbeiten ein und wandte sich an die Eisenbahndirektion. Diese verfügte, daß die Arbeiten sofort wieder aufzunehmcn seien, und begründete dieses damit, daß der Weg fiskalisch sei. Da aber die Synagogengemcinde ihn seit 1803 benutzt hat, will sie den Klagcweg beschreiten und den Bahnfiskus zwinge», ihr diesen Weg frei zu geben oder ihr einen anderen zu schassen. - Weiler, 3- Mai. — Heute Mittag um I Uhr fand hier vre Grundsteinlegung der zu erbauenden Synagoge statt, welche durch den Hcrrir Rabbiner Dr. Bloch-Tambach vorgenommen wurde. Die ganze israelitische Gemeinde und viele Neugierige aus den anderen Konfessionen hatten sich dazu eingcfunden. Nachdem eine blecherne Lade enthaltend die Urkunden und Münzen in den Stein