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Neue jüdische Presse · 1904-05-13 · Heft 18 (13.5.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 18 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. eingesenkt war, wurde die Oesfnung vermauert und mit einem anderen Haustein gedeckt". Eine Rede des Herrn Rabbiners, handelnd über Wesen und Zweck des Gebäudes, sowie die üblichen Hammerschläge schlosse» die Feier. Zweibrücken, 3. Mai, Heute fand vor der hiesigen Strafkammer die Berufungsverhandlung über die Beleidigungsklage des Bezirksrabbi n c r s Dr. Meyer in Zweibrücken gegen den Lehrer Max B a ch e n h e i m e r daselbst statt, über deren erstinstanzicllen Ausgang wir seiner Zeit berichtet hatten. Bor Eintritt in die Beweisaufnahme kam ein Vergleich zustande. Darnach gibt der Angeklagte folgende Erklärung ab: „Die gegen Herrn Bezirksrabbiner Dr. Meyer in Zweibrücken gemachten beleidigenden Aeußernngen nehme ich unter dem Ausdruck des Bedauerns zurück, insbesondere nehme ich die den Gegenstand der Anklage bildenden Beleidigungen als unwahr zurück; ich verpflichte mich, die sämtlichen Kosten beider Instanzen zu tragen." Der Privatkläger Tr. Meyer zieht die Klage und den Strafantrag zurück und wird auch eine Iveitere, beim Schöffengerichte hier anhängige Privatklage gegen den Angeklagten zurückziehen. — Letzterer verpflichtet sich dagegen, auch die durch diese Klage entstandenen Kosten zu tragen. In der Privatklage des Herrn D r. M eher gegen Herrn Fruchthändler D a v i d M a i hier, wurde der Angeklagte, der vom Schöffengerichte mangels Beweises sreigesprochen wurde, zu 20 Mark Geldstrafe und zur Zahlung säintlicher Kosten 1. und 2. Instanz verurteilt. Oesterretch-Ungarn. Wien, 6. Mai. Das Lemverger Blatt „Slowo Polskie" meldet aus Kolomea: In der Gemeinde Zabje im Bezirk Kossow brachen gestern bei der Rekrutenaushebung Exzesse der ruthenischen Bevölkerung gegen Polen und Juden ans. Die ruthenischen Bauern versuchten, die Telegraphenleitung zwischen Zabje und Kossow zu zerstören, wurden aber durch Gendarmen daran verhindert. Die Polen und Juden in Zabje baten die Statthalterei telegraphisch um militärische Hilfe, worauf eine Kompagnie Infanterie von Kolomea nach Zabje entsendet wurde. Wien, 6. Mai. Telegramme aus Kossow erklären die Gründe der Unruhen in der Gemeinde Zabje, welche die Entsendung von Militär notwendig machten, folgendermaßen: In Dolhopole hat jüngst unter dem Borsitz eines griechisch-katholischen Pfarrers eine Versammlung stattgefunden, in welcher der übelbeleumdete Bauer Saloniiczuk, der-schon wegen Totschlages eine zweijährige Kerkerstrafe verbüßte, aufreizende Reden gegen Polen und Juden hielt. Er mußte verhaftet und an das Bezirksgericht in Kutty eingeliefert werden. Ein anderer rnthenischer Bauer forderte nun die Leute von Zabje auf, Salomiczuk ans dem Gefängnis zu befreien; auch er wurde verhaftet und gestand beim Verhör ein, in Zabje und Kutty wurden Judcnmassakres vorbereitet. Daraufhin entstand eine große Panik, welche die Entsendung von Militär notwendig machte. In Kutty fürchtet man den Ausbruch von Exzessen. Rutzland. Jelisawetgrav. Nach einer Meldung der „Odeßkija Nowosti" hat in letzter Zeit die A u s - w a n d e r n n g s b e w e g u n g unter den Juden von Jelisawetgrad erschreckende Dimensionen angenommen. Die große ökonomische K vife, welche in Odessa infolge des K r i e g e s eingetretcn ist, hat ihre uuheimlichcii Schatten auf ganz Südrußland geworfen. Es verlassen die Stadt meist junge Handwerker, Kommis und Kleinhändler, sodaß ganze Gassen allmählich menschenleer werden. Die Auswanderer wenden sich fast alle nach Amerika. Kischinew. Die offiziellen „Bessarabskija Gubernskija Wjedemosti" publizieren eine Verordnung des Gouverneurs von Bessarabien, wonach über 32 Inden, welche sich am 30. März versammelt hatten, um über Maßnahmen zum Schutze der Inden gegen eventuelle Judenexzessc zu beraten, verschiedene Arrest- und Geldstrafen verhängt werden. G Feuilleton. G Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte ans dem Leben. Von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Der Direktor wandte sich gleich an Frau Ehrmann, die strahlte. „Gnädige Fran, wir beabsichtigen auf unserem Wohltätigkeitsfest auch lebende Bilder zu veranstalten. Wir dürfen doch aus Ihre Mitwirkung rechnen?" „Ach, fehlt Ihnen eine Hexe oder eine Parze," sagte sie kokett. „Aber welche Blasphemie, gnädige Frau." Fra»; Direktor Epstein lachte. „In einigen Tagen ist bei uns eine vorberatende Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Sitzung, zu der wir Sie bitten werden. Dort zerstreuen wir Ihre Bedenken." Löser, der von einer mehrwöchentlichen Geschäftsreise zurückgekommen war, nnd von all diesen Veranstaltungen nichts wußte, hörte verwundert zu. Ehrmann wagte die Bemerkung: „Meine Frau wird für alle diese Geschichten wohl wenig Zeit haben." Seine Frau aber entgegnete lächelnd: „Sorge nicht, lieber Louis. Ich beabsichtige nicht, von dein zurückzntreten, was ich begonnen habe. An Zeit fehlt es nur dem, der sich nicht einzurichten weiß." Beim Heimweg fragte Löser seinen schweigend neben ihm wandelnden Vetter leise, „wer ist eigentlich dieser Direktor Epstein?" ' Ehrmann erwiderte grimmig: „Das ist mein böser Geist. Er scheint über ungezählte Mittel zu verfügen und macht niit gesellschaftlichen Veranstal-- tungen und Vergnügungen meine Frau ganz toll, und seine Fran ist ebenso lebenslustig." „Was ist er denn?" „Er ist Direktor einer Gesellschaft zur Gewinnung von Kautschuk aus deutschen Bäumen. Ich halte es für den größten Schwindel." „Es wäre für Sidonie besser, wenn sie mehr Sorgen hätte. Meine Fran erzählt Wunderdinge von dem Bergiingungsleben Deiner Frau. Dein Knrt leidet entschieden darunter, daß seine Mutter so wenig Zeit für ihn hat." „Das sicher, obscho» das Mädchen, die Marie, den Jungen lieb hat. Mir fehlt leider die Zeit, um mich dem Kinde mehr zu widmen und die Koste» für ein Fräulein sind mir zu groß." „Schicke ihn doch häufiger zu uns. Er kann tagelang bei unserer Hilde sein, die Kinder vertragen sich ja gut." „Das will ich gerne tun. Ueberdies kommt er nächstes Jahr in die Schule nnd dann sehen wir, wie es weiter geht." Inzwischen hatten sich die Herren mit der Gesellschaft, die vorausgegangen war, wieder vereinigt. Epstein sagte heiter zu Ehrmann: „Ihre Frau Gemahlin ist in der Tat eine Wohltäterin der Armen. Sie gab mir die feste Zusage, in den lebenden Bildern iilitzuwirken. Es ist wohltuend, unter uns Juden so viele Franc» zu finden, welche ein weiches Herz für ihre notleidenden Brüder haben." Ehrmann glaubte, daß Epstein sich über ihn lustig machen wollte. Dieser zeigte aber ein so harmloses Gesicht, daß Ehrmann eine derbe Entgegnung, die ihm auf der Zunge war, niKerdrückte. Er sagte mir kurz: „Für all diese schönen Sachen habe ich leider weder Zeit noch Neigung, Herr Direktor. Ich möchte eine llnterhaltnng über dieses Thema ablehnen, iveil mein Nichtverstehen Sie langweilen würde." Seine Frau blickte ihn zornig an. „Sie müssen meinen Mann entschuldigen, Herr Direktor. Der denkt nur an sein Geschäft nnd hat keine höheren Interessen." Löser, der keinen Streit entstehen lassen wollte, rief lustig: „Jaivohl. Meinem Vetter geht's wie mir. Unsere Interessen hängen so enge mit dem Geschäft zusammen, daß das „Höhere" den Frauen überlassen bleibt. Gute Nacht." „Habe die Ehre" — „Ans Wiedersehen" — nnd so trennte man sich. — Zu Hause angelangt, setzte sich Ehrmann auf bas Sopha und sagte: „Ich rauche meine Cigarre noch zu Ende." Seine Frau verschwand, kehrte jedoch nach kurzer Zeit, i» ein duftiges Neglige gehüllt, zurück nnd setzte sich neben ihn. „Nun, Du Brummbär, weshalb warst Du gegen Epsteins so unartig?" „Weil sie keinen guten Einfluß auf Dich ausüben, Dich Deiner Häuslichkeit, Deinem Kinde entfremden." Sie seufzte. „Lasse mir doch mein Vergnügen. Wenn ich einmal alt bin, verzichte ich auf alles. Es ist ja auch für unser» Jungen vorteilhaft, wenn unser Hauswesen, unser Bekanntenkreis große Züge gewinnt. Ich kann absolut ohne Geselligkeit nicht existieren und werde wahnsinnig, wenn Du mich an die häusliche 'Misere fesselst. Schließlich sorge ich ja doch für alles und der Junge wird wachsen! und gedeihen, wenn er auch nicht immer an meiner Schürze hängt." Er sagte bitter: „Mein .Heim bleibt also derart, daß mich nur mein Sohn daran fesselt." Sie lachte und schlang ihren Arm um seinen Hals. „Brummle nicht. Du hast mich doch lieb und bist auch stolz auf Deine Sidonie." Und der Willensschwäche Mann erwiderte den Kuß seiner Frau und schwieg. — Es gelang ihm. Marie durch ein Geschenk zur Rücknahme ihrer Kündigung zu bewegen nnd Fran Ehrmann war froh, daß die „freche Person" blieb. 3. Kapitel. Ehrmann. dessen Enaros-Keschäft am Kirchplahe war, hatte die zweite Etage eines Mictpalastes an der Friedrichallee inne. Das Haus hatte ein vierstöckiges Hintergebäude, in dem kleine Leute wohnten. Auf dem Hof spielte Knrt häufig mit einem kleinen Knaben nnd einem Mädchen, Kinder armer Seite 3. Leute, die im Parterre des Hinterhauses einige Zimmer bewohnten. Mlerdings, ungestört konnten die Kinder nicht zusammen spielen, denn jeden Augenblick wurden sie. an ihre Pflichten erinnert. „Fritz, gehe dies holen; Fanny, mache Deine Schürze nicht schmutzig." So rief nämlich immer Tante Rika. Die Familie Weber, zu der die Kinder gehörten, bestand aus mehr Köpfen, als die Familie Ehrmann. Der Vater war Schuster, konnte jedoch seiner schwachen Brust wegen nicht mehr anhaltend arbeiten. Nun machte er Botengänge für einige jüdische Vereine, ging zu Minjan, lernte für Verstorbene, oder wo es sonst gewünscht wurde, Schiur, denn er war als ein frommer und braver Mann bekannt. Dies hätte zum Unterhalt der Familie nicht gereicht, wenn ihn seine Frau nicht unterstützt hätte. Sie ging kochen, strickte und nähte für Herrschaften, half in Haushaltungen aus, handelte mit Kaffee und anderem, kurz, tat alles, um etwas zu verdienen, nnd ihre reicheren Glaubensgenossen unterstützten die frische, bescheidene nnd immer heitere Frau gerne. Dabei hatte sie noch Zeit, ihren beiden Kindern alle Sorgfalt angedeihen zu lassen. Allerdings hatte sie eine große Stütze an einer alten Tante ihres Mannes, die bei ihnen lebte und mit der sie ihr kärgliches Brot teilten. Tante Mka, die außer den leichtesten Hausarbeiten nichts mehr tun konnte, wußte die Kinder stundenlang mit schönen Erzählungen zu fesseln. Sie ließ ihre kleinen Zuhörer selbst den moralischen Kern herausfinden. Das Kind, das zuerst zu antworten wußte, erhielt zur Belohnung eine getrocknete Pflaume, wovon die Tante immer einige in der Tasche nachtrug. Das andere Kind empfing aber auch «ine, weil. es so gut zugehört hatte. Der Verkehr der Kinder mit Kurt spielte sich aber nur auf dem Hofe ab, weil es Kurt von seiner Mama streng verboten war, in's Hinterhaus zu gehen. Auch durften die Kinder Kurt nicht besuchen, weil Frau Ehrmann den Verkehr nicht liebte. Nun geschah es einmal, daß Kurt auf dem Hofe spielte. Marie ivar der Meinung, seine Mutter hätte ihn auf ihrem Ausgange mitgenommen und war zu ihrer Kleidermacherin gegangen. Frau Ehrmann, die vorher in großer Eile das Haus verlassen hatte, bekümmerte sich überhaupt nicht um das Kind und so war die Wohnung zugeschlossen. Es begann zu regnen. Kurt ging hinauf und fand die Tür verschlossen. Er begab sich wieder in den Hof und fing an;» weinen. Das bemerkten seine kleinen Freunde und eilten zu ihm. „Ich kann nicht in's Zimmer gehen, es ist alles zugeschlossen." Weber, der das hörte, sagte zu Tante Mka: „Man kann das Kind doch nicht im Regen stehen lassen, wir wollen es herein holen." So geschah es. Knrt sah sich groß um. „Hier ist es viel enger als bei uns." Und nun begann er ungeniert nach allem zu fragen, was ihm fremd war. Dort hing ein Bild von Moscheh mit den Gesetzestafeln, aus kleinen hebräischen Buchstaben gebildet. „Was ist das für ein komisches Bild?" „Das ist ein Misrach." „Was ist das, ein Misrach." „Was für ein Amhoorez, weiß nicht, was ein Misrach ist," brummte Weber. „Ich muß meine Frau abholen, sie kann den Korb Wäsche nicht allein tragen, gib' auf die Kinder acht, Tante Mka." Kaum war der Vater fort, bestürmten die Kinder, die ihren müde gewordenen Gast nicht mehr recht unterhalten konnten, ihre Tante: „Erzähle uns etwas, liebe Tante." „Gut Kinder, setzt Euch artig dahin." „Tante Mka erzählt," jubelten die Kinder, gaben Knrt ein Bänkchen und setzten sich dicht vor die Erzählerin. „Nun paßt auf, liebe Kiirder." Und jetzt folgte eine jener herrlichen Geschichten, die später immer eine lebhafte Diskussion veranlassen. „Kürt, wie hat Dir die Oiesichte, gefallen?" Kürt, der nur mit Mühe von seinen Freunden ruhig gehalten werben konnte, sprang auf und sagte: „O, sehr gut, ich habe sie nur nicht verstanden." Die anderen Kinder riefen auch: „Tante Mka, Du mußt uns viel erklären." Bevor die Tante, der es etwas schwül wurde, antworten konnte, öffnete sich die Tür und das Ehepaar Weber trat ein, einen mächtigen Korb zwischen sich tragend. Die Mutter, der ihr Mann unterwegs von ihrem kleinen Gast erzählt hatte, winkte diesem freundlich zu, während ihre Kinder an ihr heraufsprangen und jedes zuerst seinen Küß haben wollte. Die Mutter lachte. „Bringt mich nicht um, Ihr Quälgeister. Was soll Kurt von Euch denken. Uebrigens solltest Du einnial Nachsehen, mein Kind, ob nicht Jemand oben ist. Wen» dies der Fall ist, werden sie in Unruhe um Dich sein." •'!-4 1 I 4 4 >1 k '1 '4 "ß- -I

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