Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 17 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 17. Blut, doch dieser bleibt von dem Schimpf ganz unberührt. Einmal hat er zwar früher zum Säbel gegriffen, um im auffteigcndcn Grimme mit seinem Gegner auf die Mensur zu treten. Wer ebenso wie die Schramme, die er davongetragen, längst vernarbt ist, ist seitdem sein Blut ruhig geworden. Er kennt nur das Gefühl des 'Ekels gegenüber diesen nichtswürdigen Gesellen, welchen der Begriff der Menschenwürde abhanden gekommen ist. Schwachheit ist aber der Inbegriff des Wesens von Götz Krafst. Er ist nur stark, sobald er die Nähe des Freundes vom Stamme Juda, des trefflichen Kameraden fühlt. Andere Freunde, andere Freuden locken, er vermag der Versuchung nicht zu trotzen und nach kurzer Weile schlingt auch er das einst gehaßte farbige Band der Burschenschaft um die jugendliche Brust. Trotz aller Vorurteile sitzt er mit den Couleurbrüdern in' müßiger Tatenlosigkeit hinter dem Glase, die Vorlesungen sucht er nicht mehr auf. Seltener trifft er seinen guten Geist Löwenfeld — bis er endlich aus Scham und Scheu nicht mehr wagt, ihm zu begegnen. Im Cafe erfolgt dennoch ein zufälliges Zusammentreffen. Der Korpsstudent darf sich seinem alten Freunde, den Satzungen seiner Verbindung entsprechend, an öffentlichein Orte nicht anschließen, denn der Verkehr mit Juden ist oberstes Verbot. Dieser Farce müde Übertritt er die Regel und klammert sich innig wieder au den gereiften, weisheitsvollen Freund an, um sich in dem Kampfe mit all den trüben Gedanken, die ihn übermannen, einen Halt zu schaffen. In dem Augenblicke als er dieses Beginnen durch Brüderschastsschluß mit Löwenfeld bekräftigen will, bricht das furchtbare Unheil herein. Einer seiner Kvrpsbrüder beschimpft den jüdischen Freund, dieser läßt sich zu einer Ohrfeige, hinreißen. Das Duell mit dem gräflichen Rowdy ist unvermeidlich. Rührende Momente folgen diesem Auftritt. Der Jude nimmt Wschied von der Welt, als habe ihn die todessichere Kugel schon getroffen. In Kraffts Geiste beginnt cs schmerzlich zu tagen. Diese Augenblicke haben es vermocht, ihn zum Manne zu reifen. Nunmehr erkennt auch er die Schäden der menschlichen Gesellschaft. Er will den Fremid, der tausendmal diese ganze Sippe aufwiegt, nicht in die Hände der Ruchlosen fallen lassen. Aber umsonst. Löwenfeld bleibt fest. Wie er gewußt zu leben; weiß er auch zu sterben. —-— Tätliche Schlaffheit überfällt Götz, da der Freund, sein zweites Selbst, ihm so grausam entrissen. Rastlos, planlos verbringt er Stunden und Tage. Immerwährend aber trägt er das Bild des geliebten Toten im Herzen und zu seinem Grabe flüchtet er, um die Seelenharmonic wiedcrzufinden, als es ihm schließlich nach unheilvoller Verirrung gelingt, seine Begierde glücklich zu zügeln .— In den einschneidendsten Punkten sind Ivir mit dem Verfasser keineswegs gleicher Ansicht. Nach der grundlegeirden Auffassung des Judentums ist stets der jüdische Jüngling ein Feigling und Verräter an der Sache seines Volkes, der, mögen ihn auch scheinbar edle Motive veranlassen, von den Satzungen des Gottesgcsetzcs läßt. In jeder Zeit? und Lebenslage bleibt der menschliche Körper und der in ihn gepflanzte göttliche Geist unveräußerlich. Eine Verkennung der Menschenbestinimung liegt in der Ansicht für eine irdische Idee ihn hingebc» zu müssen. Dennoch aber, trotz dieser "Divergenz in der Erfassung der Kerugedantcu des Judentunis, ist die Gestalt Saly Löwenseld's selbst für uns von Wert und Bedeutung. Sie ist der Tl)pus einer ganzen Gesellschaftsklasse, welche einerseits noch mit dein Judentum verbuiiden ist, anderseits aber nur die Humanitäts-Idee, ähnlich wie Nathan der Weise, repräsentiert. Mögen die wahren Dichter unseres Volkes es sich zur Aufgabe machen, ein Gegenstück zu Saly Löwenfeld zu liefern, wie es auf dem Boden treuer Pflichterfüllung sich gestaltet, ausgerüstet mit der Wahrheit, mir. der Ucberzcugungstrenc und dem Erkenntnisvermögen, das ein wahrhaft jüdischer Charakter in sich birgt. Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dein Lebe». Bon Jacob L e v y. 1. Kapitel. Frau Ehrmann knöpfte ihre Handschuhe zu und sagte zum Dienstmädchen: „Es ist schon spät. Sorgen Sie, daß mein Mann das Mittagessen pünktlich um ein Uhr serviert bekonnnt und achten Sie, auf die beiden Kinder, die im Schlafzimmer spielen. Kurt muß auch noch angezogcn werden. Adieu." Und damit rauschte sie aus dem Zimmer. Das Mädchen murme'te einige Uulicbenswürdigkeitrn und ging in die Küche. Nach kurzer Zeit ertönte ein durchdringendes Geschrei. Das Mädchen eilte in's Schlafzimmer, wo sich Kurt, ein hübscher, aber unordentlich ausschender Knabe von etwa fünf Jahren und sein noch jüngerer Freund Johann aufhieltcn. Kurt hatte seinem auf dem Boden liegenden und strampelnden Kameraden ein Kissen auf das Gesicht gepreßt, so das; dieser fast erstickte. „Johann schreit so häßlich und nun halte ich ihm den Mund zu." Das Mädchen hatte inzwischen den schreiende» Bube» aufgehoben, der stammelte: ,.Kurt -schlägt immer." Es stieß Kurt unsanft zur Seite: „Kannst Du den» nicht ruhig spielen. Du Unart." Er erwiderte in weinerlichem Ton: „Mama hatte keine Zeit, meine Spielsache» heranszulege», was solle» wir denn tun?" Plötzlich hörte man aus der Küche ein zischendes Geräusch. Das Mädchen eilte, von beide» Ändern gefolgt, hin. Ws dem Korridor schon bemerkte man einen brenzlichen Geruch. „Na, das ist etwas Schönes. Jetzt ist niir lvegen Euch Rangen die Suppe angebrannt; ist mir nun auch egal." „Marie, was sollen wir jetzt spielen?" fragte Kurt. Das Mädchen rief außer sich: „Johann, geh' jetzt herauf zu Deinen Eltern. Kurt hat keine Zeit mehr." Johann entfernte sich maulend und Kurt hing sich an Maria's Kleid, die scheltend an den Töpfen arbeitete. Mittlerweile schlug cs eins. Die Gangtür öffnete sich und gleich darauf ertönten Schritte im Wohnzimmer. „Der Papa. Jetzt giebt's Spektakel." Nach einigen Augenblicken erschien Herr Ehrmaiin, ein Mann in mittleren Jahren, mit abgespanntem Gesichtsausdruck, in der Küche. „Was ist das, Marie, noch nicht gedeckt, und wie sieht Kurt noch aus. Wo ist meine Frau?" „Die gnädige Frau ist ausgegaiigeu und läßt Sie bitten, mit dem Essen nicht auf sie zu tvarten." „So richten Sic, bitte, jetzt an. Ich muß in einer Stunde wieder ins Geschäft." Das Mädchen sputete sich, unterdessen spielte Ehrmann mit seinem Söhuche», das sich an ihn geklammert hatte und er gewann so seine gute Laune wieder. „Pfui, wie schmeckt die Suppe?" Das Änd legte auch seinen Löffel hin. „Die Suppe ist mir angebrannt, während ich zu den Kindern in's Schlafzimmer lief, die sich am Umbringen waren. Ich kann nicht überall zugleich sein." Das Mädchen, duiikclrot vor Aerger, erzählte das Abenteuer. „Tragen Sie, bitte, weiter auf." Inzwischen lvar es fast zwei Uhr geworden und nun erschien Frau Ehrmann, eine schöne,' stattliche Frau, sehr geputzt. Sic blieb befremdet i» der Tür stehen. „Aber weshalb ist Kurt noch nicht angekleidct und cs riecht so verbrannt hier. Was haben Sic denn gemacht, Marie?" „Gnädige Frau, ich kann nicht in der Küche auf's Essen achten und zugleich im Schlafzimmer Ändermädchcn spielen. Während ich Kurt vom Unfugmachen abhielt, brannte die Suppe an." „Kurt, weshalb warst Du denn nicht artig? Immerhin aber müssen Sie, Marie, sehr nachlässig gewesen sein." „Nein, gnädige Frau, ich habe meine Pflicht getan wie immer. Ich danke aber für die Wirtschaft hier im Hause und verlasse in vierzehn Tagen Ihren Dienst." Sie schlug heftig die Tür hinter sich zu. Frau Ehrmann ließ sich in einen Sessel fallen und sagte zu ihrem Mann, der sich an der Debatte nicht betelligt hatte: „Wer wie konntest Du die Frechheiten dieser Person so stillschweigend ' anhören! Weshalb hast Du sie nicht in ihre Schranken zurückgewiesen?" „Weil ich noch nicht recht weiß, ob dem Mädchen die Vorwürfe gebühren." „So bestrafe auch den Jungen. Aber diese Marie hat auf der Gottes Welt nichts zu tun, als . . . ." Ihr Mann unterbrach sie: „Ms die ganze Haushaltung zu führen und das Kind zu besorgen. Das kann kein Mensch allein. Weshalb sorgst Du. nicht für das körperliche und geistige Wohl Deines Kindes? Ter Junge verwahrlost ja ganz." - Die Frau schlug die Hände zusammen. - „Wie mich diese kleinlichen Sorgen und Geschäfte anwidern! Engagiere doch eine Erzieherin für den Jungen. Jetzt ist mir der Appetit zum Mittagessen verdorben." Sie eilte aus dem Zimmer. Ihr Mann seufzte, küßte seinen Jungen und ging in's Geschäft. — — — — — — — Auf der Terrasse im Völksgarten herrschte buntes Leben und Treiben. An den Tischen saßen Damen, mit Handarbeiten beschäftigt, plaudernd; nur wenige Herren bemerkte man. Dazwischen liefen Kinder, jauchzend, schreiend. Auf dem breiten Hauptweg die zahlreichen Spaziergänger, die schnlucken Kindermädchen den Wagen vor sich herschiebend und meistens noch einige Kinder beaufsichtigend, die sich lärincnd und spielend auf den Wegen herumtrieben. Hinter dem Wege blinkte die Fläche des buschumgebenen Weihers, auf dem die Kähne mit den fröhlichen Insassen hin- und herglitten. An einem Tisch zunächst der Restauration saß eine Damengesellschaft, die kein Auge für die lebendige Unigebung hatte, sondern sich lebhaft unterhielt. Frau Ehrmann hatte eben einen Beitrag zur Dicnstbotenfragc geliefert und behauptete, noch krank vor Aerger zu sein. Eine sehr elegant gekleidete junge Frau sagte: „Engagieren Sie doch ein Fräulein als Stütze, die ist dann für alles verantworttich und Sie haben Ruhe und Muße." Ein lebhafter Widerspruch der anderen Dame» erhob sich. „Nein, Frau Direktor, es ist in den mittleren kaufmännische» Kreise» unserer Stadt nicht Brauch, zu einer Haushaltung von drei Personen außer dem Dienstmädchen noch ein Fräulein zu nehmen. Womit soll sich dieses denn den ganzen Tag beschäftigen?" „Wenn es hier noch nicht Gebrauch ist, sind die hiesigen Damen eben noch zurück. Bei meinen beiden Ändern haben meine drei Dienstboten ausreichende Beschäftigung. Wie soll Frau Ehrmann ihren gesellschaftlichen Wichten Nachkommen, wenn sie ihr Kind warten und für die Äiche sorgen soll?" Eine junge Frau lachte. „Dann wartet sie ihr Kind, beaufsichtigt ihr Dienstmädchen und läßt ihre geselligen Pflichten sein, wie mein Haustyrann es von mir verlangt, gelt, Sidonie!" , Frau Ehrmann seufzte: „Die Charaktere sind nicht alle gleich. Außerdem will mein Mann, daß ivir die Geselligkeit pflegen, uns am Vereinsleben beteiligen." „Nun," nieinte ihre Cousine. Frau Löser, ironisch, „ich glaube, Du würdest Deinen Mann erbitten können. Dir einen Teil der gesellschaftlichen Pflichten zu erlassen." Die Unterhaltung ging lebhaft weiter, bis die vorgerückte Stunde an den Aufbruch mahnte. Die Dänien holten ihre Kinder zusammen, die unter Aufsicht der Mädchen gespielt hatten.' Kurt, der jetzt schön gekleidet war, kam mit dem Töchterchen der Frau Löser, einem allerliebsten, dreijährigen Mädchen an der Hand, erhitzt, bestaubt, hungrig, aber lustig und guter Dinge. Frau Ehrmann verabredete mit ihrer Cousine noch ein Zusammentreffen für den Abend im Stadtgartcn, und so trennte man sich. 2. Kapitel. Frau Ehrmann herrschte, zu Hause angelangt, dein Atädchen zu: „Marie, ziehen Sie Kurt aus und geben ihm seine Milch, damit er in's Bett kommt." „Mama, bleibe bei mir." Er wollte seiner Mutter auf den Schoß klettern. „Nein, mein Kind, ich habe keine Zeit, ich muß noch üben." Sie machte sich lös. Marie nahm das Kind. „Kouun', armer Junge." Kurt schmiegte sich an Marie, die mit ihm plauderte und ihm Milch und Brödchen gab.- Die Milch war sauer geworden, das mit Arbeit überhäufte Mädchen versüßte sie einfach durch einige Stücke Zucker. „Herzchen, Du mußt jetzt schön essen und trinken. Der Sandmann wartet schon." „Marie, wo ist der Sandmann?" Während dar Mädchen nun erzählte, entkleidete es das schon halb schlafende Kind und legte es in sein Bettchen. Plötzlich ertönten in säst unmittelbarer' Nähe Tonleitern, in rasendem Tempo aus dem Klavier gespielt. - . Der Kleine schreckte auf und fing an zu weinen. „Da r hat sie wieder vergessen, die Türen zu schließen und jetzt kann ich eine Stunde am Bett sitzen," sagte das Mädchen erbittert. Es eilte aus dein Zimmer und man hörte einige Türen heftig zuschlagen. Der Junge schrie immer stärker, bis Marie znrückkam und sich neben ihn setzte. „Schlaf', Kärtchen, schlafe." Ärrt'hörte auf zu weinen und schlief endlich ein.