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Neue jüdische Presse · 1904-05-06 · Heft 17 (6.5.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 17 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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SLr. 17. lich wird damit auch England für die russischen Juden als Znsluchtsstätte nicht mehr in Frage kommen. Rußland. Petersburg. Es verlautet wieder einmal, dag eine Reform der russischen Jndcngesctzc nahe bcvorstehc. Sicher ist jedoch vorläufig nur, das; Rußland — Geld braucht. Warschau. Arba-Kanfot undHeiligenb i t d e r. Folgendes Zirkular wurde an die Regimenter des Moskauer Militär-Rahons versendet: Der Hauptverwalter der Artillerie im Moskauer Militär- Rayon hat die Frage aufgeworfen, üb es den jüdischen Soldaten gestattet ist, während des Militärdienstes unter der Montur die durch die jüdische Religion vorgeschriebencn „Arba Kanfot" zu tragen. Seine kaiserliche Hoheit, der Kommandant des Militär- Rayons, dem die Angelegenheit vorgetragen wurde, hat nun den Befehl erlassen, den Juden unter keiner Bedingung das Tragen der „Ziz i s" z u gestatten. — Bekanntlich sührt jeder nach dem fernen Osten verkehrende Eisenbahnzug nicht so viel Proviant, wie Heiligenbilder für die russischen Soldaten. Bei allen sonstigen Chikanen seitens der russischen Regierung sind deshalb die Motive für die Verordnung, den jüdischen Soldaten das Tragen der „Arba Kanfot" zu verbieten, deren sie sich bei ihren sie für den Kampf ermutigenden Gebete bedienen, durchaus unverständlich. Amerika. St. Louis. W e l t a u s st e l l u n g. Der berühmte jüdische Bildhauer B. Schatz, einer der besten Schüler Antokolsky's, wird aus der Weltausstellung verschiedene Bildhauerarbeiten ausstelle». Unter diesen befinden sich 7 Arbeiten jüdischen Sujets, nämlich: 2 Figuren am Matisjahn, der Hasmonäer, welche Eigentum des Fürsten von Bulgarien sind, Jvchebed im Besitze des Nationalmuseums in Sofia und 5 Reliefs, Schadchen, Habdalah, Berochas Horas, Tefilas Schacharis und Dr. Theodor Herzt. Sein hervorragendstes Kunstwerk auf der Äusstellung wird „Der Kampf der Balkanvölker für ihre nationale Freiheit" sei». Afrika. Kapland. Herr Goldreich, Präsident der südafrikanischen Zionistcnvereinigung und Mitglied des Aktionskomitee, hat Herrn Dr. Herzt in Wien ermächtigt, so viel Geld, wie er für zionistische Zwecke nötig hat, für seine Rechnung auf der Kommerzbank in Wien zu erheben. Personalien. Frankfurt a. M. Wie Ivir aus sicherer Quelle erfahren, hat Herr Baron von Goldschmidt-Rothschild anläßlich des Jahrzeitstages seiner Frau verschiedenen hiesigen Vereine» größere Zuwendungen gemacht. Frankfurt a. M. Freitag, den 6. Mai, werden es 5 0 Jahre, daß Herr L e v y Hamburger aus Preungesheim in Diensten der Familie Mainz steht. Er hat jederzeit die mannigfachen Ansprüche, die an ihn gestellt wurden, treu erfüllt. Zu seinem Ehrentage soll ihm deshalb die Zufriedenheit und der Dank der dritten Generation der Mainz'schcn Familie durch eine würdige Feier entsprechend dokumentiert werden. m. Momberg, Reg.-Bez. Kagek. Eine seltene Feier — die der goldenen Hochzeit — welche nicht vielen Sterblichen zn erleben vergönnt ist, begeht am 16. Mai d. I. Herr Joseph Spier und dessen Ehegattin Sarchc» geb. Stern Hierselbst. Trotz des hohen Alters, Herr Spier wurde am 8. April 1821 hiersclbst geboren und seine Frau am 9. April 1829 zu Reichensachsen, erfreut sich das Ehepaar noch einer äußerst seltenen körperlichen und auch geistigen Frische. 3 Kinder und 12 Enkelchen umgeben das Jubelpaar an seinem Ehrentage. — Aus kleinlichen Verhältnissen hervorgegangc», hat Spier cs in Folge seines 'rechtschasfenen Charakters verstanden, sich soweit emporzuarbeitcn, daß er heute mit Befriedigung ans sein zurückgclegtes Leben zurückblickcn darf. Lange Jahre bekleidete er das Amt eines Vorbeters an den' hohen Festtagen in unserer Gemeinde. Das Spier'sche Ehepaar erfreut sich noch einer ganz besonderen geistigen Frische und hat heute noch großes Interesse für das Lesen guter Schriften. Schönsee. Zu Vorstandsmitgliedern der hiesigen Synagogengemeinde sind die Herren Kaufleute Hermann Ehrenberg und Jakob Moses gewählt worden. Wien. Wie aus der Mai - Avaneementsliste der österreichischen Kriegsmarine hervorgeht, wurde der bisherige oberste Schiffsbau-Ingenieur Siegfried Popper, ein Jude, zum Generat-Schiffsban i n g e n i e n r ernannt. ” Popper ist ■ der erste Schiffsbauingenieur der österreichischen Marine der den „Generalsrang" erhalten hat.. Er ist ein geborener Prager, absolvierte seine Studien an der technischen Hochschule in Prag und Karlsruhe und war dann als Maschineningenieur praktisch tätig.. 1870 trat er in die Schiffsbau-Abteilung der österreichischen Marine ein, wurde am 1. November 1873 Ingenieur 3. Klasse und avancierte allmählich so, daß er am 1. Mai . 1902 znm obersten Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schiffsbauingenieur ernannt wurde. Er verfaßte die Pläne zu sämtlichen Schifssbauten dieser Jahre. Er ist Vorstand der ersten Abteilung des marine-technischen Komitees, Ritter der Orden der eisernen Krone 3. Klasse und des Franz-Josef-Ordens und Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone. Aus der Lehrerwelt. Frankfurt a. M. Am 30. April verschied im Alter von 71 Jahren — einige Wochen nach seiner Pensionierung — Herr M. I. L ö w e n t h a l, Lehrer an der Realschule der Israelitischen Reiigionsgesellschaft. Berlin. Die Mädchenschule der hiesige» jüdischen Gemeinde ist mit dem Beginn des diesjährigen Sommerseinesters aus ihren bisherigen Räumen in der Heidereutergasse nach dem in der Kaiserstraße 29/30 errichteteil 'Neubau übergesiedelt. Am 7. Februar 1835 wurde die Schule mit zwei Klassen eröffnet. Vornehmlichstcs Lehrziel war die Erwerbung von Fertigkeiten in den weiblichen Handarbeiten: nur nebenbei wurde Unterricht in den Elementarfächern erteilt. Dies änderte sich jedoch in der Folge. Der Unterricht wurde in sechs, später in acht Stufen erteilt, der Handarbeitsuiiterricht zu Guiifteii des wissenschaftlichen beschränkt, die Lehrziele wurden erhöht, neue Lehrgegenstände in den Unterrichtsplan anfgenoiniucn, so daß die Anstalt sich allmählich in ihren Zielen und Leistungen zur Höhe einer Mädchenmittelschule emporhob. Als solche wurde sie auch rechtlich im Jahre 1865 anerkannt. Gegenüber dem stetigen Aufstieg und dem wachsenden Besuch der Schule erwiesen sich die ursprünglichen Räumlichkeiten allmählich als unzureichend, so daß eine Verlegung der Schule nach dem Grundstück Kaiserstraße 29/30 beschlossen wurde. Im Januar v. ,J. wurde der Bau in 'Angriff genommen und im Frühjahr 1904 fertiggestellt. Die neue Schule enthält in vier Stockwerken 16 Klassenzimmer, eine 150 Qmtr. große Turnhalle zu ebener Erde, eine geräumige Aula, außerdem ein Brausebad mit sechs Zellen. Eichstätt (Bayern). Am 13. April verschied nach längerem Leiden Herr Lehrer Schaalmann, eine weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus wegen seiner tiefe» Religiösität und der Lauterkeit seines Charakters geschätzter Mann. Gollantsch. Der Kultusbeamte Wittenberg ist vom 1. Mai an der hiesigen jüdischen Gemeinde angestellt worden. Jnowrazlaw. Zum Kantor der hiesigen Synagogengemeiude wurde der Knltnsbeamte Nclkon aus Briefen (Westpr.) gewählt. Bukarest. Ani Samstag ist hier der in allen Kreisen der Residenz hochgeachtete Oberkantor Gers o n W e i ß im 66. Lebensjahre gestorben. Weiß, ein geborener Ungar, der 36 Jahre im Dienste der Knltusgemeinde stand, war als Wohltäter und Philanthrop weit bekannt und angesehen. Es ist ihm in Kreisen der österreichisch-ungarischen Kolonie unvergessen, daß er sich bei der Szegediner Hochwassc^rkatastrophe und während der bosnischen Okkupation an die Spitze großer und erfolgreicher Hilfsaktionen stellte. Amsterdam. Herr I. Vredenburg, Schwager des Herrn Provinzialrabbiners Dr. Bamberger in Hanau, wurde von dem Shnagogcnvorstand der Ricderländ. Jsr. .Hanptsynagogc zum Rabbiner gewählt. Aus den Vereinen. Frankfurt «. M. Sonntag, den 1. Mai fand in Karlsruhe eine Konferenz der süddeutschen Zionisten statt, die aus alten Teilen gut besucht war. Vom Mannheimer Distriktsbürcau aus war ein neues Organisationsstatut ausgcarbeitet worden, das durchberaten wurde und dem Hamburger Delegiertentag vorgelegt werden soll. Die Frankfurter Zionisten werden sich Dienstag, den 10. Mal, in einer Mitgliederversammlung mit dem Oreanisationsstatnt beschäftigen. (Siehe auch Bcreinsnachrichten.j Berlin. A.lliance Jsraölite Universelle: Die General-Versammlung findet Sonntag, den 15. Mai, Nachmittags 3 Uhr im Lokal des Lehrer- Seminars (Ecole Normale Jsraölite Orientale), 59. rue d'Auteuil in Paris statt, wovon die Mitglieder auf diesem Wege benachrichtigt werde». Berlin. Die Jüdisch-Musikalische Bereinigung veranstaltet anläßlich der Centenarfeier Salomon Sulzer's ani Samstag, den 11. Mai, abends 9 Uhr im Saale des Vereins Berliner Musiker) Kaiser- Wilhelmstr. 18m, einen Sulzer-Le wando wski- Abend. Nach einem erläuternden Bortrage gelangen Solo- und Chorgesänge beider Komponisten zur Aufführung. Der Zutritt ist unentgeltlich. Berlin. Der „E s r a". Berein zur 11 nterst ü tz u n g ackerbautreibender Inden in Palästina und Syrien zählt zur Zeit in 286 Städten gegen 4100 Mitglieder. Er vereinnahmte im Jahre 1903 an Beiträgen und Spenden Jk 14 497,23, an Zinse» ■!(. 661,70; er verausgabte im gleichen Zeiträume für die Kolonie Bneh Jehuda M. 11991,45, Sekretariat und Agitation .!(. 2519,41, Propaganda- Kommission der Chowawoh-Zion ,lf. 500 usw. Die Vorsitzenden des Frankfurter Lokalkomitees, das 170 Mitglieder zählt, sind die Herren Charles L. Hallgarteu und Joseph WiSloch. Seite 3-. Götz Krafft.*) Die neuzeitliche Belletristik hat vielfach jüdische Typen innerhalb der Stoffe allgemeiner Natur zu behandeln gesucht. Mit dem Auge des modernen Schriftstellers geschaut, hält man fast durchweg die oberflächlich erkannten Außenseiten des Gesellschaftsjuden den Kraftgestalte» arischer Herkunft — auf die es ankommt — entgegen, um durch Aufsetze» solcher Schlaglichter die Bedeutung der Hauptcharaktere ans dem Gesamtbilde plastischer hervortreten zu lassen. Nur selten trifft der jüdische Leser innerhalb dieser Literatur, dort wo von Inden die Rede ist, auf charakteristische jüdische Persönlichkeiten und wohl ganz vereinzelt nur kann er bei dem Verfasser in dieser Beziehung Objektivität und eigene Anschauung voraussetzen. Umso freudiger ist es zu begrüßen, wenn ein außerhalb des Judentums stehender Poet es sich angelegen sein läßt, in einer romantischen Erzählung die Gestalt eines jüdischen Studenten so zu verkörpern, daß unausdringlich, aber darum nicht weniger empsindsam, die Achtung des jüdischen Mitbürgers, ja oft sogar Ehrfurcht vor seiner Geistesgröße, Liebe zn seinem Streben nach Wahrheit, die darin zum 'Ausdruck kommt, uns tief ergreift und wir das Buch aus der Hand lege», im Vollbewußtsein der edlen, vorurteilsfreien Msichten des Verfassers, einesgeborenen Frankfurter s.*) Der Student Salt) Löwenfeld au4 Mannheim, ein Hausgenosse des aus Frankfurt a. M. zur Universität nach Lausanne gegangenen stud. theol. G ö tz K r a s s t kreuzt den Lebensweg dieses innerlich durchaus haltlosen Pfarrerssohnes in dem Augenblicke, als der 19jährige Jüngling anfängt, die Augen zu dem Wissen der Menschheit aufzuschlagen, sie aber senken muß, da dieser Ausblick seine Sinne verwirrt. „Saly Löwenfcld war ein schwarzhaariger Krauskops von über 23 Jahren. Bis zur Häßlichkeit deutlich trat der orientalische Typus aus seinen scharfen Gesichtszügen hervor. Aber eine hohe, geistreiche Stirne baute sich über der stark gebogenen und großen Nase aus. Uird die tiefbraunen, unter schweren Lidern liegenden Augen gaben dem Gesichte/ zusammen mit dem weichen weiblichen Munde einen Strich ins Schwärmerisch - Sentimentale. Wie traumverloren pflegten die etwas kurzsichtigen Auge» in die Welt hinaus zn blicken, ein leiser Zug der Wehmut lagerte sich stets um faie Lippen. Götz Krafft mußte immer an das Bild denken, das den großen Dulder und Dichter Heine in den letzten Jahren seines Lebens darstellt." Was dem Theologiebestisseuen heimlich in der Seele den Stachel des Zweifels erregt hatte, brach bei der Anssprache mit dem weltklugen Juden mit lebendiger Kraft hervor. Wo ihm jedoch Neigung und Festigkeit des Willens fehlte, sich über die Probleme des Lebens selbst Klarheit zu verschaffen, fand er bei seinem jüdischen Freunde ein abgeklärtes System zielbewusster Zukunstsarbcit vor. Keine der zahllosen Schmierigkeiten, die er als Jude zu überwinden hat, ist ihm verborgen geblieben, aber trotz aller zeitweiligen Bitterkeit sieht er sein Ziel klar vor Augen. i „Mein Studium ist auch von der Bibel ausgegangen. Nicht nur vom 'Alten Testament, »ein auch vom Neuen. Ich entstamme einer orthodoxen jüdischen Familie und mein Großvater ist Rabbiner und Borbeter gewesen. In meinem Elternhause brennt noch heute am Freitag 'Abend der kleine siebenarmige Leuchter und meine Eltern dürfen cs beileibe nicht wisse», daß ich zn den Schweinesleischjuden gehöre. Aber was wollen Sie? So ist das moderne Leben. Es erzieht uns alle mehr oder weniger zur Heuchelei. — Ilm mich einigermaßen frei zn machen, kam ich ans den Gedanken, nach beendetem Studium nach Berlin zu gehen und Journalist zn werden." Götz Krafft lernt bald i» Gegenwart des Freundes an der Universität die Gesinnung — wenn von einer solchen zu reden ist — der Studenten-Korps kennen, die seine deutschen Brüder auch im AuSlande pflegen. Angesichts einer Beleidigung, die Löwenfeld als dem Juden gilt, erhitzt sich sein *) Edward Stilgebauer, Götz Krasft, dieGeschichte einer Jugend. Band I. Mit tausend Masten. Berlin. Verlag von Richard Bong.

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