Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 17 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Güte 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. daß aus ihnen allein nichts zu entnehmen ist. Er will die Gesamtintcresscu des Judentums vertrete». Dem Mchtcingeweihten sagt das nichts, dem Sachkundigen alles. Wenn die Juden von ihren Gesamtinteressen reden, so brauchen sic die Einzelheiten nicht zu berühren. Seit Jahrtausenden ist jedem Von ihnen in Fleisch und Blut übcrgegangen, was er sich dabei zu denken hat. Er hat sich nicht erst lange zu besinnen; er fühlt, worauf cs ankomnlt: die Dinge im schärfsten Gegensätze zu unserer deutschen Art auszufassen und zu' behandeln, die durchaus individuell ist und vom Rechte der Persönlichleit ansgeht." Ferner lesen wir unter dem Titel „Ein jüdisches Zentrum?" in den Mecklenburger Nachrichten: „Dieser'Verband soll den Berichte» jüdischer Zeitungen zufolge „den inneren Angelegenheiten der israelitischen Ncligionsgemeinschaft keinerlei Tätigkeit widmen". 'Er scheint also nicht' sowohl die Religion als die Interesse» der Rasse vertreten zu wollen. Berichterstatter in der begründenden Sitzung >var Professor Philippson. Dieser betonte zwar ans das allerbestimmtestc, das; man keine allgemeine Parteipolitik treiben, keine Oppositionspartei um jeden Preis sein, kein „jüdisches Zentrum" bilden ivolle. Ülber der ganze Verlauf sowohl seiner eigenen Ausführungen als der weiteren Verhandlungen widersprach dieser Darlegung. Wenn Herr Philippsohn betonte, das; der Verband sich mit der Regierung und der Volksvertretung auf möglichst guten Fuß stellen sollte, so überrascht das ja nicht zu einer Zeit, da die jüdische Denkivcise und die besondere» jüdischen Interessen immer tiefer die Regierenden und das deutsche Leben beeinflussen, wie das Schicksal des Börsengesetzes gerade in diesem Augenblick beweist. Des weiteren führte der Berichterstatter aus, das; man ja freilich bisher bereits den Zentralvercin der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gehabt habe. Indessen habe dieser einen entschiedenen Einfluß nicht ausjiben können, da ihm als Vereinigung privater Personen die Legitiinatio» einer offiziellen Vertretung der deutschen Juden gefehlt habe. Diese offizielle Vertretung solle der neue Verband Larstellen. Man beobachte, daß hier im Gegensätze zu dem Zentralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens der israelitische Glaube garnicht berührt, sondern nur von Juden gesprochen wird, loorunter natürlich auch diejenigen verstanden bleiben können, die zum christlichen Glauben übergetreten sind, ohne dadurch Angehörige des deutschen Volkes geworden zu sein. Und man beachte ferner, was der Referent bezüglich der Stellung des Judentums zu den Parteien sagte. Man wird auch zugeben müssen, das; der deutsche Liberalismus alles für das Judcntuni getan hat. Das Judentum seinerseits freilich chat nichts für den Liberalismus getan, als daß es ihn um seine nationalen Ideale gebracht hat. Den Dank dafür quittierte ihm Herr Philippsohn ausdrücklich mit dem Hinweise auf den immer geringer gewordenen Einfluß des Liberalismus und die daraus für das Judentum sich ergebende Notivendigkeit, sich aus eigene Füße zu stellen." Man. wird einwenden, daß für uns die Mcinung derjenigen Blätter, die nur von und für den Antisemitismus leben, vollständig gleichgültig sei. Das ist wohl wahr, denn die Zufriedenheit dieser Blätter können wir uns nur dann erwerben, wenn wir uns allesamt einen Kops kürzer machen. Trotzdem wäre es frevelhaft, unnötiger Weise die Zahl ihrer vergiftenden Pfeile zu vermehren. Wir können für die Zukunft durchaus keinen Gewinn in einer derartigen Organisation erblicken, die uns die Zahl unserer Feinde vermehrt, im übrigen aber nicht mehr tut, als der Centralverein bisher getan hat und halten deshalb — wie gesagt — die Gründung dieser Organisation nicht nur für überflüssig, sondern auch für schädlich. Aus dem Kreise unserer Mitarbeiter schreibt man uns über die Gesamtorganisation: Am 24. April fand in Berlin die Hanptver- », sammlung zur Begründung „des Verbandes der deutschen Juden" statt. — In längerem Referat, dem sich eine vielstündige Erörterung anschloß, suchte Herr Prof. Philippson den Zweck des neuen Verbandes darznlegcn. Bezeichnenderweise betonte der Referent zuerst, was der Verband nicht tun soll. Er soll sich nicht in die inneren Kultus- und Verwaltungsangelegenhciten der einzelnen Gemeinden cinmischen, er soll sich nicht um die Förderung der Juden im Ausland kümmern'und sich von jeder allgemeinen Politik fernhälten; dagegen soll es die Aufgabe des Verbandes sein, jegliche Verletzung der Rechte der deutschen Inden sestzusteilcn und ihr durch Vorstellungen bei den Regierungen, den Volksvertretungen und der Presse entgegcnzutretcn. — Den Einwand, das; dieses ja die Aufgabe des längst bestehenden „C e n tr a l v e r e i n deutscher Saatsbürger jüdischen Glaubens" ist, suchte der Referent damit zurnckzuwciscn, daß dem Centralverei» die Autorität einer ossiziellen oder offiziösen Vertretung der deutschen Juden fehlt, daß er vielmehr nur ein Verein von Privatpersonen ist, während der Verband im wesentlichen die Vertretung der offiziellen jüdischen Korporationen darstellen solle. Hiergegen müssen wir jedoch cinwendcn, soweit sich der Verband gegen die Verletzungen unserer Rechte als einzelne Individuell richtet, überläßt er diese Aufgabe besser dem Ccntralverein; denn unsere Rechte werden nicht verletzt, weil wir Angehörige der jüdischen Korporationen sind, sondern weil wir einzelne Individuen Juden sind, und es ist wohl das Richtigste, daß wir uns in der Eigenschaft verteidigen, in welcher wir angegrissen werde». Zwei Fälle führte allerdings der Referent an, in denen die Rechte der Juden bedroht tverden könntcn, welche die meisten jüdischen Korporationen betreffen: eine eventuelle Regelung des Judeugesetzes und die Schächtfragc. Die Regelung des Judrngesctzes im Sinne einer st a a t l i ch anerkannten Organisation der Juden wurde dann auch später von Herr» Klausner unter dem Bcisall der Versammlung als" die wesentliche Aufgabe des Verbandes bezeichnet. Wenn diese Auffassung richtig ist, so müßten wir die Bestrebungen des Verbandes nicht zwecklos, sondern geradezu bedauerlich und schädlich nennen. Denii sollte der Staat wirklich daran gehen, das in Altprcußen bestehende Jndcngesetz abzuändcrn, so wäre es höchst gefährlich, wenn er die im Verbände vorherrschende Anschauung einfach als die Anschauung der Juden betrachten könnte. Die Reglung der jüdische» Gcmeindeverhältnisse ist eine so eminent religiöse Frage, daß cs ein Unding wäre, wollten die verschiedenen religiösen Richtungen dasselbe Organ zu ihrem Sprecher machen. Sollte die Regierung wirklich geneigt sein, das bestehende Jndcngesetz zu Kuder», so ist es gerade wichtig, daß sie die unüberbrückbaren Gegensätze der heutigen Inden kennen lernt, und zwar nicht durch einen im besten Falle religiös indifferenten Verband, sondern durch die Vertretung der einzelnen Richtungen selbst. Der Staat, der uns ein neues Jndcngesetz geben würde, müßte cS wissen, das; cs Fälle gicbt, in denen nach der laxeren Auffassung der ncologeu Rabbiner Proselytc» als Jude», Ehen rcligionsgesctzlich als geschlossen gelten, während nach der traditionell gcsetzestrcuen Ansicht die betreffenden Handlungen für ungesetzlich erklärt werden. Wie dürfte ein gcsetzestreucr Jude dem Staate gegenüber als sachverständige Instanz einen Verband hinstelle», dessen Mitglieder zum großen Teil neologen Anschauungen huldigen? Für die im neuen Verband herrschende Anschauung ist cs wohl bezeichnend, das; es abgclchnt wurde, den beiden größeren Vereinigungen, deren Ztveck die Erhaltung des gesctzestrcuen Judentums ist, der „traditionellen gesetzestreuen Rabbincrvercinigung" und der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Juden-, tums" Delegierte zuzugestehen. Was die Schächtfragc betrifft, so erkennen wir es dankbar an, daß uns auch von neologcr Seite tatkräftige Unterstützung zukommt, und würden wir auch immer dafür dankbar sein. Unsere Dankbarkeit darf aber nie bis zur Sclbstcntänßcrung gehen, daß wir daraus verzichten sollten, diese für uns rein religiöse Frage als solche durch uns selbst, so weit es in unseren Kräften steht, zu verteidigen. Was von religiös nicht gleich uns interessierter Seite dafür geschehen kann, geschieht und wird hoffentlich, solange es nötig ist, in anerkennenswertester Weise vom Zcntralverein geschehe». Eine Tätigkeit des neuen Verbandes in dieser Frage scheint demnach durchaus überflüssig. Daß der Verband in dem geplanten Sinne, Vertretung aller deutschen Juden zu' sein, zu stände kommt, ist kaum anzunehmen, da sich einerseits die Juden Bayerns und Württembergs von ihm sernhalten, andrerseits eine - der hervorragendsten orthodoxen Gemeinden, die „Adas; Jeschurun" in Frankfurt a. M., die Einladung bereits abgelehnt hat. Ihrem Beispiel werden die meisten kleineren orthodoxen Gemeinden, die ja nunmehr auch Aufforderung zuin Eintritt in den Verband erhalten werden, hoffentlich solgen. Aus d c m Verbände der deutschen Juden wird demnach voraussichtlich ein Verband deutscher Inden werden. Daß eine Vereinigung aller deutschen Juden in all ihren Lebensfragen nicht zustande kommen kan», bedauern wir am ■RS9nm«an(*i Nr. 17. meisten. Die Scl»>ld daran tragen nicht die gesepestreuen Juden, sondern die, welche sich von ihnen trennen. dl. Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Das von dem hiesigen verstorbenen Rentier Simson Simon gestiftete Stipendium an der Universität im Betrage von jährlich 1200 JL soll von Neuem verliehen werde». Nach den testamentarischen Bestimmungen muß der Bewerber in Preußen geboren und jüdischen Glaubens sein, mit einem unbedingt guten Zeugnis der Reife von einem hiesigen Gymnasium abgegangen, auf der hiesige» Universität als Studierender der Medizin immatriknliert sein und ein Zellgnis seiner Bedürftigkeit vorlegen. Ferner muß er, von; Beginn des zweiten Seniesters seines Studiums ab, bei Erhebung des Stipendiums, das in vierteljährlichen Raten im Voraus gezahlt wird, in jedem. Semester ein Fleiß- und Sittenzeugnis vorlcgen. Bewerbungen sind schriftlich unter Beifügung der erforderten Zeugnisse bis zum 22. Mai beim köuigl. Universitätsknratorium einzureichen. ' Mainz. Im letzten' Halbjahr sind von dem Großherzog nachstehende Schenkungen genehmigt worden: Schenkung des Gustav Hirsch, Konstanz an den Israelitischen Hülssverein in Mainz im Werte von 50000 JL, Schenkung desselben an de» „Verein zur Unterstützung mittelloser Waisen der israelitischen Religionsgemeiude in -Mainz" im Werte von 20000 JL Meiningen, 30. April. Vor der Strafkammer des Landgerichts Meiningen fand heute eine recht bemerkenswerte Verhandlung statt, der eine im öffentlichen Interesse auf Anordnung des OberlandcSgerichts Jena erhobene Klage zu Grunde lag. Als Nebenkläger, Beleidigter und Zeuge erschien ein Kaufmann Al. aus Eisenach. Der Anklage liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Im November v. I. logierte Al. in einem Gasthaus in Heldburg, wo er schon öfter eiugekehrt war. Der Herr ist Israelit. Er saß in der Gaststube allein an einem Tische, an einem andern Tische hatten drei Herren und eine Dame Platz genommen, die sich zu Aen Honoratioren des Städtchens zählen. Es war abends 2 bis L Uhr. Die Gesellschaft erging sich in antisemitischen Anulkereien, die sie direkt gegen den Reisenden richtete, und die zuletzt einen solchen Charakter annahmen, daß der Reisende den Gasthof verlies; und in einen andern übersiedelte. Aber auch dahin folgten .ihm die Radaubrüder, setzten ihr Unwesen fort, wie auf gemeinschaftliche Verabredung. Dabei tat sich ein?lpotheker besonders hervor. Endlich kam cs zu Tätigkeiten, in deren Verlauf dem Herrn Al. der Arm a u s g e - r c ii k t wurde. Aber auch jetzt noch hatte die Roheit kein Ende. Einer der Herren brachte höhnisch ein großes Wandthermometer, um die Fieberwärme des Verletzten zu messen. Daß solche Taten in dem sreundlichen Städtchen, dessen nahe gelegene, alte schöne Feste viel von Touristen besucht wird, von vielen Bürgern scharf verurteilt werden, bewies die große Zahl der Zeugen in ihrer Unterhaltung. Zu ihrer Vernehmung im Gerichtssaal kam es nicht. Der Vorsitzende bemühte sich um einen Vergleich, der auch zustande kam und der Gesellschaft solidarisch etwa 700 JL an Kosten und Entschädigung auferlegte. Der tätliche Angreifer, von dem man annahm, daß er in anderem Aufträge gehandelt habe, erhielt noch extra eine Geldstrafe von 20 JL eventuell 4 Tage Haft. England London. Stiftung. Lord Wandsworth hat. zum Andenken an seine verstorbenen Eltern, Baron und Baronin Stern, ein großes Gebäude für ein jüdische-; Altersheim geschenkt. London. Es ivar unvermeidlich, daß im Laufe der Erörterungen über „ungewünschte" Einwanderer auch die Rassensrage berührt wurde." Mr. Sidney Buxton machte einen scharfen Unterschied zwischen deutschen und skandinavischen Einwanderern einerseits und Einwanderern aus Rußland und Polen, anderseits. Die erstercn, meinte er, seien wünschenswert, die letzteren aber nicht. Sir Charles Dilkc drückte die „Befürchtung" aus, daß hinter der Bill „eine wachsende judenfeindliche Stimmung" zu suchen sei, und er gab sogar zu verstehen, daß sich wahrscheinlich die königliche Einwanderungs-Kommission von antisemitischen Vorurteilen habe leiten lassen. Ob diese Andeutung mit dem Hinweis Mr. Normans, daß Lord Rothschild zu den Mitgliedern der Kommission gehörte, völlig widerlegt war, dürfte vielleicht bezweifelt werden. In seiner gewohnten drastischen Weise wetterte zum Schluß auch der „ehrliche" John, Burns. drein. „Die Juden, gegen die diese Gesetzgebung - gerichtet werden sollte," sagte der Arbeitervertreter, „sind die Juden von Pack-Lane und Throgmorton- Street (d. h. die südafrikanischen Rand-Millionäre usw.), aber nicht die armen Juden, die sich nützlich machen." — Trotzdem ist das Einwanderungsgesetz in zweiter Lesung angenommen worden. Voraussicht-