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Neue jüdische Presse · 1904-04-29 · Heft 16 (29.4.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 16 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16. Telegramme seien aber nur mit dem Namen Jules. Klein, nicht mit dem Zusatz „Konsistorialrat" unterzeichnet gewesen, wie Durlach fälschlich behauptet habe. Ebenso sei der Bischheimer Vorfall durch die Erklärungen Kleins aufgeklärt. Er ersuche daher den Rekurs Durlach als unbegründet abzuweisen. Justizrat Riff beantragte darauf, auch Dr. Levy zu hören, der als Zeuge vereidigt werden könne, während * Klein als hier vertretene Partei das nicht könne. Was den Inhalt der Schriftstücke Durlachs und dessen Ausdruck anbelange, so billige er diese durchaus nicht. Man müsse aber Durlach zugute halten, daß er in großer Aufregung gehandelt habe. D r. L e n n i g erwiderte, die Haltung Dr. Lcvys bei der Angelegenheit sei unerheblich, da er nicht beteiligt sei, es genüge die Feststellung der Sachlage durch die Aussagen Kleins. Der kaiserliche Rat erkannte, nachdem die Verhandlung etwa 2Vr Stunden in Anspruch genommen hatte, daß die Sache zur weiteren Verhandlung auf unbestimmte Zeit zu vertagen sei. England. London, 24. April. Nachfolgende an „The Jewish Chroniclc" gerichtete Zuschrift, dürfte für die Leser auf dem Kontinent von Interesse sein: Rauchen auf dem Fr i e d h o f e! „Geehrter Herr: Sie würden mich sehr zu Dank verpflichten, wollten Sie nrir erlauben „Dekorum" mit einigen Worten unterstützend auf seinen sehr ernsten Brief in der vorwöchentlichen Nummer des „I. Ehr." über das Rauchen auf dem Friedhofe zu antlvorten. Es steht fest, daß cs ohne Zweisel als Beweis mangelnder Bildung anzuseheu ist, wenn jemand bei so heiligen Anlässen als Begräbnissen diese Angewohnheit nicht unterläßt, und dies besonders für diejenigen unter uns, die orthodoxer und enger mit unserer heiligen Religion verbunden sind. Auf jeden Fall ist ein Leichenbegängnis ein betrübender Anlaß und sollte in diesem Sinne von Anfang bis Ende empfunden werden. Ich habe in meinem Leben 2 Begräbnissen, und zwar in Ramsgate, beigewohnt. Dabei wurde nichts gesehen oder gehört außer der Stimme des Borbeters, der die üblichen Gebete sprach. Außerdem herrschte tiefstes Schweigen, sowohl innerhalb als außerhalb des Friedhofs, obgleich etwa 50 Gemeindemitglicder anwesend waren. - Wohl ist von „Asche" mit Bezug auf die jüdischen Friedhöfe schon viel geredet und geschrieben worden, an einer Literatur über Cigarren-Asche auf Friedhöfen, dürfte es aber wohl noch fehlen. Nicht nur in jüdischen, sondern in allen Kreisen, wird man den Ernst und die Heiligkeit dieses Ortes zu respektieren wissen und selbst dem Ungebildeteste» wird cs nicht einfallen, dessen Weihe durch das sorgenlose Sichgehenlassen, wie cs der Rikotingenuß darstellt, zu stören. Daß bei uns in England auf diesen Punkt öffentlich hingewiesen werden muß, zeigt evident, wie mit der Energielosigkeit allen religiösen Dingen gegenüber, die ein Aufgeben der Bequemlichkeit verlangen, eine Verkennung der elementarsten ethischen Begriffe und Empfindungen Hand in Hand geht. Rußland. Petersburg. Der bekannte russische philosophische Schriftsteller Rosanow veröffentlicht im Märzhefte ^s Journals „Nowy Putj" (Neue Bahn) ei neu charakteristischen Fall radikaler Heilung von nationaler Unduldsamkeit. Rosanow erzählt: „Ich begegnete einem polnischen Arzte, der im Gouvernement Pensa geboren wurde. Ich knüpfte mit ihm ein Gespräch über die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten in Rußland an. Zu meinem Erstaunen erklärte mir der katholische Pole, daß für ihn nunmehr alle Konfessionen und alle Menschen gleich sind. „Und wissen Sie, warum sich tu mir diese lieber» zcugung gebildet hat?" fragte er mich. „Ein Fall während der jüngsten Clwlcrazeit. Es war eine schreckliche Zeit. Es brachen in den Dörfern sogenannte Cholcraunruhen aus, welche sich gegen die Aerzte kehrten. Ich und noch einige Acrzte arbeiteten in einem russischen Gouvernement, wo die feindselige Stimmung der Bauern gegen die Acrzte einen besonders bedrohlichen Charakter trug. Plötzlich brach die Epidemie in einem Dorfe aus, dessen Einwohner durch ihre Roheit allgemein bekannt waren. Die Aerzte weigerten sich in das Dorf zur Hilfeleistung zu gehen und nicht einmal hohes Geldängebot vermochte, die Aerzte umzustimmen. Ich hatte eine» Kollegen, einen Juden, unansehnlich und init dem Keim der Schwindsucht in der Brust. Und er begab sich ganz allein in dieses Dorf, wo er bis zum Erlöschen der Cholera blieb und faßt alle Bauern von dieser schrecklichen Epidemie zu retten wußte. Die Bauern begegneten ihm anfangs mit Haß,- aber er besiegte diesen Haß durch seine unendliche Güte, Liebe, ungewöhnliche Tätigkeit und durch seine verblüffende Furchtlosigkeit. Als er so viele an, Cholera erkrankte Bauern dem Tode entriß, begriffen die Unwissenden, daß er hinkam, nicht um sie zu vergifte», sondern um sie zu retten. Noch nrehr, auch seinen neuen Winterrock verkaufte -er zugunsten eines armen Bauern und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ging selbst in einem zerlumpten Pelze. Als die Epidemie zu Ende war, versammelte sich das ganze Dorf in corpore und überreichte dem jüdischen Arzt das Bild des heiligen Nikolaus. Seit damals habe ich alle diese nationalen Unterschiede aufgegeben. Ich hatte früher speziell die Juden nicht geliebt, jetzt aber ist für mich Jude, Pole, Russe gleich." Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Es war eine Kraftprobe, welche die z i o n i st i s ch e Ortsgruppe mit dem V o r - tragedes Herrn Dr. Alfred Klee zu einer Zeit, in der sonst die Vereine bereits in die Sommerferien gegangen sind, sich geleistet hat. Und diese Kraftprobe — sie ist glänzend gelungen: Bis auf den letzten Platz war der 500—600 Menschen fassende Saal der Frankfurt-Loge besetzt. Wenn man bedenkt, daß vor 6 Jahren, der Zionismus in Frankfurt noch rinbekannt war und damals seine Gründung in Frankfurt in der bescheidensten Form von einigen einfachen Männern ins Werk gesetzt wurde; wenn man sich noch einmal vergegenwärtigt, wie die Bestrebungen dieser Männer in den ersten Jahren dieser sehr kurzen Periode durch die scharfe Gegnerschaft, die Gleichgültigkeit und den gesellschaftlichen Boykott bereits in ihren Anfängen wieder zu Grunde zu gehen schienen: so muß man mit Recht den Aufschwung dieser Bewegung in Frankfurt, von dem der gestrige Mend das beredteste Beispiel ablegte, als einen alle Erwartungen übertroffen habenden bezeichnen. — Der Vorsitzende, Herr F ri tz 2 o n d h e i m e r, eröffuete mit einigen begrüßenden Worten die Versammlung und erteilte dann Herrn Dr. Klee das Wort zu seinem Vortrage, de» wir nachfolgend in Kürze wiedergebe». Die Lösung der Judenfrage, so führte der Redner aus, hat bis jetzt den Fehler gehabt, daß man sie e i n z e l n zu lösen suchte, indem man nur die Verhältnisse eines Landes ins Auge faßte. Es ist wohl wahr, daß die Situation der Juden, in jedem Lande etwas spezifisch Eigenartiges hat, aber diejc Besonderheiten sind nebensächlicher Natur, in. der Hauptsache giebt es für die verschiedenen Länder zusammen n n r eine einzige Lösung. Die Judenfrage bildet eine Anomalie unter allen Völkern, indem das Geschick der Juden von der Gnade und Laune der Völker abhängig ist und sie selbst ihren irgendwo unterdrückten Brüdern keinen Schutz gewähren können. Das kleinste Volk — wenn es nur eine Zentrale hat — kann die Rechte seiner zerstreuten Glieder vertreten. Es ist die Aufgabe, die der Zionismus sich gestellt hat, auch für das jüdische Volk eine solche Zentrale zu erstreben, damit seine in allen Ländern in der Minderheit lebenden Volksgenossen anfhören, schutzlos zu sei». Das Charakteristische am Zionismus ist, daß er sich au alle Juden wendet. Jeder Jude hat kraft des Umstandes, daß er ein Glied dieser alten und großen Nation ist, die Verpflichtung, sich s o l i d a r i s ch mit seinen Brüder» zu fühlen. Das S o l i d a r i t ä t s g e f ü h l ist in dem letzten Halbjahrhuudert unter den westeuropäischen Juden infolge der Emancipation fast verloren gegangen, und es wieder zu erwecke», bezweckt der Zionisinus, damit das jüdische Volk die alte Einheit, die sich noch bis vor einem Jahrhundert bewahrt hatte, wieder findet. Die Judenfrage ist eine universelle Frage und kann nur universell gelöst werden von dem ganzen jüdischen Volke für das ganze jüdische Volk. Man bezweifelt die Ausführbarkeit der zionistischen Sache und stellt sie als u t o p i st i s ch hin. Jeder gebildete Mensch weiß, daß es in der Weltgeschichte kein einziges Ereignis jemals gegeben hat, das sich hätte Voraussagen lassen wst: 2 m>al 2 ist 4. Sehen wir uns doch einmal an, wie die Verhältnisse in der Türkei liegen. Die Türkei hat bereits Länderstrecken mit Selbstverwaltung unter sich, so der Libanon und Samos. Die türkische Regierung weiß sehr wohl, daß eine Judeninvasion nur zum Segen für sie ist, und es ist deshalb anzilnehmen, daß im Laufe der Zeit die Verhandlungen zwischen der Regierung und der zionistischen Leitung zu einem Resultate führen werden. Dürfte doch die Zeit nicht mehr ferne sein, wo zwischen Euphrat und Tigris die alten Kanäle wieder schiffbar gemacht worden sind und wo zwischen Euphrat und mittelländischem Meere die lange Winteruacht apathischer Stagnation vorbei ist. Dann ist dort ein Element nötig, das — ausgerüstet mit modernen Mitteln — den Aufschwung des Landes zu bewertstelligen versteht. Die Türkei ist nicht imstande, diese Kulturaufgabe zu lösen: die Mächte selbst .haben — da keiner dem anderen Vorteile gönnt) — ein Interesse daran, daß niemand von ihnen' sich festsetzt, und so kommt, dank seiner Intelligenz und seiner Anhänglichkeit an seinen Heimatsboden nur das jüdische Volk in Frage. Deshalb haben auch die Großmächte durchaus Sympathie für die Ziele des Zionismus. - Der Redner berührte nun das El-Arisch- und das Uganda-Projekt, betonte die politische Errungenschaft, die in der Tatsache sich dokumentiert. Seite 3. daß eine Großmacht, wie England, durch seine Verhandlungen mit den zionistischen Führern uns Juden als Volk anerkannt hat und ging dann auf R u ß l a n d über. Die russische Regierung hat es ausgesprochen, daß sie jede Organisation oder Stärkung der Juden innerhalb des russischen Reiches verhindert und daß es ihr Ziel ist, daß Vs der jüdischen Bevölkerung in die christliche aufgeht, V» verkommt und Vs auswandert. Die russische Regierung hat aber ferner ausgesprochen, daß jede Verminderung durch Auswanderung ihrer Unterstützung sicher sein darf. Der Weg zur Rettung der 5 Millionen Volksgenossen im Osten ist uns hier also präzis gegeben. Aber auch wir westeuropäischen Juden haben den Zionismus nötig. Wie sehr hat unter uns der jüdische Geist gelitten; ivie sehr ist der uralte jüdische Stolz geschwunden? Nun kommt der Zionismus und sagt: Wir bringen euch jüdisches Selbstbewußtsein und jüdisches Bolksgefühl. Selbst treu sein und den anderen, die treu bleiben wollen, zur heimatlichen Scholle zu verhelfen, wo sie treu bleiben können; nur das wollen wir. Und wenn wir Juden offen bekennen, daß wir treue Söhne des jüdischen Volkes sind, so sind wir doch oder gerade deshalb treue Söhne unseres Vaterlandes. Patriotismus und Zionism u s sind keine Gegensätze. Als unser Kaiser Wilhelm vor einigen Jahren bei einem Besuch in Holland eine Deputation holländischer Deutscher empfing, da sagte er zu derselben: „Ich freue mich, daß Sie Ihr deutsches Volkstum bewahrt haben, ich freue mich, daß Sie treue holländische Staatsbürger sind, ich danke Ihnen für beides." Wie die Eltern, Vater und Mutter, für das Kind nur eins sind in seiner Liebe, so auch beim Zionismus: Die Liebe zum Vaterland als Vater und die Anhänglichkeit ans jüdische Volkstum als Mutter. Wir leben als Juden in einer großen Zeit — es ist die größte seit 2000 Jahren —; möge die große Zeit keine kleinen Männer finden! — Tosender Beifall durchbrauste den Saal, als der Redner seinen durch eine glänzende Rhetorik und zwingende Logik hinreißenden Bortrag beendet hatte. Die Anmeldung von über 30 Mitgliedern zeigte den Eindruck, den die Worte auf die Zuhörer gemacht hatten. © Feuilleton. @ Die Karaitin und der Chan. (Schluß.) Noch habe ich keines Weibes begehrt, mein Mund hat noch keine Lippe berührt. Aber Dich will ich haben, und wärst Du an den Himmel gekettet. Ms ich in jener Nacht fast verschmachtet aus Deinem Kruge trank und dabei tief in Dein leuchtendes Auge schaute; als ich wiederkehrte und da der Ernst Deiner Stirn das Wort und den Blick mir verwehrte, als Du mich verschmähtest und von Dir jagtest: Da ward es mir, wie Allah's Gebot, zur Notwendigkeit, Dich zu besitzen. Wie ivillst Du Dich mir versage»? Du kannst es nicht, so wenig, wie es Dir möglich ist. Dich aus diesein Palaste zu entfernen. Mirjam, ich bin Dein Herr, also Dir gewiß ebenbürtig; ich bin jung wie Du, wohlgestaltet wie Du und biete Dir ein liebendes Herz und alle Schätze, die Du wünschst. Werde mein!" .„Herr," antwortete darauf die Jungfrau nach tiefem Nachdenken, „meine Antwort ist bald gegeben. Ich bin eine Karaitin. Meine Religion gestattet mir nicht, einem Jsmaeliten die Hand zu reichen. Willst Du, der Starke, Deine Kraft damit beweisen, einen schwachen Stecken zu zerbrechen?" „Was kümmert mich der Wahnwitz Deines niederen Volkes; ich, der Chan, will nicht unter dem leiden, was Deine Väter zusammeugewitzelt haben!" ,^Oaß Dil die Weisheit ineiner Väter für Wahnwitz hältst, vergebe ich Dir. So gar niedrig aber müssen sie nicht sein, da sie dem Herrscher gegenüber ihren Glauben nicht beugen." „Das allein, Mirjain, hält Dich ab? Und wen» Du an den Propheten glaubtest, dann würdest Du Dich mir nicht versagen?" „Was ich dann tun würden weiß ich 'nicht. Vielleicht würde ich dem Befehle des Herrschers mich untetwersen. So aber gebietet mir meine angestammte Religion, Dich zu meiden, und ich tue es." „Will denn Deine Religion den Haß?" „O nein, sie will die Liebe, die ewige Liebe und unter allen Menschen, aber die irdische Liebe nur unter Gleichgesinnten, weil vor dieser sonst der heilige Glauben verlöschen würde." „Mirjam, das sind Worte, das sind -Sprüche der Menschen. Der Gott in mir spricht. Dir mußt mich lieben, wie er mir unbesiegbar gebietet. Dich zu lieben. — Soll ich flehen, Mirjam, vor Dir, der ich zu gebieten nur gewohnt bin? — Mädchen, ich beuge mich und flehe! — Mirjam, noch spricht die Milde und Zärte aus mir: wehe, wenn der Sturnc losbricht, wenn die Kette zerreißt, die den Tiger in mir fesselt. Mirjam, um unserer Beider willen, laß es nicht dahin kommen — steh', ich flehe — —“

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