Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 16 (29.4.1904)
- Date
- 1904-04-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 16. „Ich to.tll Dich nicht reizen, aber den Tiger habe . ich schon in Dir gefühlt. Wohl schmerzt es mich. Dich bitten zu sehen und Deine Bitte nicht erfühlen zu können. Fordere mein Leben und ich gebe es Dir. — aber Deine Gattin kann ich nicht werden. Gestern ist mein Vater heimgegangen — ach, nicht einmal ihn zubetrauern, war mir gestattet —, und heute schon sollt' ich ihm treulos absagen und seine Lehre verlassen?" „Mrjam, Du kannst, verlangen, dem zu folgen, was Dich Deine Eltern gelehrt, aber nur für Dich, — doch ich, was gehen mich Deine Eltern an) warum soll ich mich ihrem Willen fügen? Mirjam, noch einmal sage ich Dir, daß ich Dich haben muß, und wärest Du an den Himmel gekettet! Ergibst Du Dich mir als ein liebendes Weib, siehe, so sollst Du meine Gebieterin sein, so lange Du lebest und ich. Hinweg sollen alle jene Weiber drüben, die so sehnsüchtig herüber blicken aus ihrem verschlossenen Harem: Ich werde dem Propheten und den Sitten meines Volkes trotzen und die goldenen Stäbe und die schwarzen Wächter Deines Harems schwinden lassen. Du sollst frei sein, wie ein karaitischcs Weib. Denn wenn Du, Mirjam, sagst: Hier bin ich, nimm mich, — so traue ich Dir bis an die Enden des Himmels. Doch stellt Dein Trotz sich meinem Verlangen entgegen; dann bist Du Schuld an allem was geschieht: ich gebe den Tyrannen frei in meiner Brust. Ich zwinge Dich und wäre es durch tausend Qualen und Foltern. Dies ist mein Wort. — Heute Abend hole ich mir Deinen Bescheid." Und er ging. Fremdling, was ist das Weib? Ach, ein schwaches Geschöpf, und weh' ihm, wenn ein starker Wille, ein fester Entschluß in seine Seele gekomnicn. Dann erst zeigt sich seine Schwäche; sic findet keine Stütze, keinen Anhalt in sich und das ganze Gewicht ihres Willens zieht und drückt sie zur Erde, tief in den Staub hinab. So erging es Mirjam. Wohl fühlte sie, daß sie von ihrem Entschlüsse nicht lassen und dem Gesetze des Gottes ihrer Väter nicht untreu werden könne. Wo aber sollte sie die Kraft hernehmen, Aug' in Aug' dem Widersacher Stand zu halten. Sie wußte es nicht. Vergebens sttengte sic ihre Sinne. an, doch kein Lichtstrahl erhellte das Dunkel ihrer Gedanken. Sie rang in martcrvoller Ohnmacht Stunde auf Stunde und konnte nicht Herr werden ihrer Angst. Sie sprang auf und wollte durch das Zimmer schreiten, aber kraftlos fiel sie auf den Teppich nieder. Das Herz schlug ihrin die Höhe vis an die Kehle, aber keine Träne, kein Seufzer rang sich los, ihr Erleichterung von der Qual verschaffend. Länger und länger wurden die Schallen der Sonne, allmählich verschwand der letzte Strahl, und die Dämmerung sank mit dunkelen Schleiern aus die Erde. Es war öde und sttll, kein Laut, kein Fußtritt ließ sich hören. Sie schleppte sich nach dem Divan und warf sich darauf. Bewegungslos lag sie da, während Minute auf Minute über sie verrann, in ewiger Länge und doch so unendlich schnell. Geräuschlos öffnete sich Die Türe, sie regte sich nicht. Sklaven brachten brennende Kerzen auf goldenen Leuchtern, Speise auf goldenen Schüsseln, sie regte sich nicht. Als Die Nacht vollends herabgekommen war, erschien der Chan. Draußen gab er laut den Befehl, daß alle Diener sich entfernen sollten aus dem Gebäude und aus dem Garten. Daraus öffnete er die Türe und schloß sie von innen) ab. Er war allein mit Mirjam. In schlichtem Gewände erschien er vor ihr, nur ein goldener' Gurt um seine Hüften, in welchem ein Dolch, mit Diamanten reich besetzt, dnnkelglühend blitzte, zeugte von seiner Herrscherwürde. Mirjam erhob sich nicht. „Hast Du Dich besonnen, Mirjam?" sprach er mit feierlichem Tone. Sie antwortete nicht, denn unsägliche Angst verschloß 'ihr den Mund. „Wie soll ich Dein Schweigen deuten?" Und abermals schwieg sie. „Hat Dich meine Liebe bezwungen, und willst Du mein Weib Iverden, teueres, holdes Mädchen?" Da brach ihr der Schmerz durch alle Poren der Seele, Tränen entrollten ihren Augen, aber ihre Sttmmc sprach hell und fest: „Ich kann nicht!" „Und mii-, er zornig. „Wenn ich es befehle, wenn Du mußt?" „Ich tann nicht! Bei dem Gotte, der allein uns schaut in dieser Stunde, schone meiner." „Wohlan, Mirjam, ich rede nicht weiter, ich frage Dich noch einmal mit aller Innigkeit, mit aller Liebe, willst Du mein Weib werden?" „Du weißt es, ich kann nicht, mein Glaube, meine Jugend, meine Eltern stehen zwischen uns; — ich kann nicht." „So werde auch ich tun, >vas ich nicht lassen kann!" rief er mit vor Grimm erstickter Stimme. „Ich habe geschworen. Du sollst mein sein, und ich halte meinen Schwur!" — Da sprang er auf sie und riß sie empor.. Sie aber hatte mit schnellem Griffe feinen Dolch gefaßt. Doch mit einem Ruck hatte seine starke Hand ihr denselben entrissen und ihn nach der Wand geschleudert, wo er stecken blieb. Durch diese Bewegung war sie frei geworden, schnellentschlüpfte sie ihm; und ehe er ihr nachgesprungen war, hatte sic eine Kerze ergriffen. „So wollen wir beide sterben!" rief sie, — und mit gräßlicher Schnelligkeit ergriffen die Flammen der Kerze die Vorhänge, und im Nu standen Tapeten und limhänge, Teppiche und Decken in Hellen Flammen. Die Funken sprühten wie Regen und dichter Dampf erfüllte das enge Gemach. „Mirjam, wir sind verloren!" rief entsetzt der Chan und sprang nach der Türe, sie zu entriegeln. Wer die Angst machte seine Hand zittern und die Glut versengte ihm das Gesicht und blendete ihm die Augen, so daß er zurücktaumelte. Die hölzernen Wände brannten, Gesims und Boden brannten. „Ich bin gerettet," rief Mirjam und sank mitten in die Glut hinein, deren Feuer sie und den Chan verzehrte.- Bald züngelten die Flammen aus den geborstenen Fenstern und verrieten den entfernten Dienern, was hier vorgegangen Ivar. Sie stürzten kreischend herbei, aber nichts war mehr zu retten. In kurzer Zeit war das ganze Gebäude zusammengesunken. Am anderen Morgen zog man die verkohlten Ueberreste des Chan aus den Trümmern, von der Jüdin aber fand man nicht die geringste Spur mehr. — Auf dem Platze seines ) Unterganges wurde dem Chan das Grabmal gebaut mit dem schwarzen Brandstriche und die weiße Marmortafel hineingesetzt, welche die traurige Geschichte meldet. Briefkasten. Literaturfreund. Die jüngst in Paris verstorbene Witwe Georg Herwegy's war eine geborene Berlinerin und zwar die Tochter des Bankier Siegmund. 1843 lernte sie Herwegh im Hause ihres Vaters am Schloßplatz, das häufig Künstler und Gelehrte in seinen Räumen sah, kennen. Emma Herwegh ist nicht Jüdin geblieben, sondern sie ist zum Christentum übergetreten. __ Trauungen. (Ohne redaktionelle Berantwottlichkeit. Wir bitten um gefl. Mitteilung der Trauungen; die Aufnahme geschieht kostenlos.) Dienstag den 3. Mai. Trauung des Herrn Ludwig M. Bier, dahier, mit Frl. Adler aus Mainz, in Homburg v. d. H., Restaurant Braunschweig, Nachm. 3 X Uhr. Das „Frankfurter Jsraelttische Familienblatt" kostet in Frankfurt a. M. Mk. 1.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. 1.02 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der, Post 12 Psg. weniger). Auch im Auslande nehmen sämtliche Postanstalten Abonnements entgegen. - Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich Ausland Mk 2.—). Kaiser Friedrich Quelle -Offenbach a. 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