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Neue jüdische Presse · 1904-04-29 · Heft 16 (29.4.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 16 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. nach seinem Plane leitet. — Für die sittliche Veredlung de§ Menschen dienen die „Miz-waoss“, die Gebote der Liebe, die dix Liebespflichten gegen Gott und Menschen umfassen, und Sinn und Herz reinigen und edeln sollen. — Ms unterscheidendes nationales Merkmal von allen anderen Nationen haben wir „6 du Ir Kim" Bestimmungen, die keine besondere Bedeutung haben l«n lobom taam), deren eigentümliches nationales Gepräge allein, wodurch sie die Nation, als jüdische Nation in ihrer Eigenart erhalten, sie vor Verschmelzung mit andern Nationen bewahren, ihre Bedeutung ausmacht. — Endlich „Ni s ch p o t i m“, die sozialen Gesetze, die das Volk als eine geeinte Gesellschaft betreffen, die die gesellschaftlichen Beziehungen regeln, den Staat begründen und das soziale Emporblühen des Volkes sichern. Die beiden ersten Gesetzeslücken: Edaoss und Mizwauss haben einen allgemein-sittlichen — die beiden letzten: Chukkim und Mischpotim einen nationalensozialen Charakter. * In dem großen Kampf des vergangenen Jahrhunderts zwischen überlieferter Gcsetzestreue und Reform, war der auf Seite der letzteren kämpfende Leopold Löw dem traditionellen Judentum am gefährlichsten, weil er, ausgerüstet mit einem dem der großen Kämpen der Gesctzestreue gleichwertigen jüdischen Wissen, zu beweisen suchte, daß auch der Boden, auf welchem die sogenannten Orthodoxen stehen, schon ein reformistischer sei. Zwischen Neuorthodoxie und Neologie bestehe kein prinzipieller, sondern nur ein gradueller Unterschied. Wenn wir „gesetzestrcuen" Juden aufrichtig sein wollen, so müssen wir gestehen, dieser Vorwurf unseres Gegners fängt an, traurige Berechtigung zu gewinnen. Ms der Ansturm der Reform gegen die Burg unserer Tradition Me die Getreuen zur Wehr für unsere teuersten Güter rief, da haben wir all unsere Kraft für die Rettung unserer Edauss und Mizwaass eingesetzt; an den anderen Teil unserer Tauro, an unsere Chakkim und Mischpotim haben wir nicht gedacht. Und doch legt unsere Tauro gerade auf diese nationalen Kultvorschriften und auf diese sozialeGesetzgebung einen ganz besonderen Wert. So sagt sie von ihnen: „Behütet sie und übet sie aus, henn darin besteht eure Weisheit und euer Verstand vor den Völkern . . . Und wo ist noch ein großes Volk, das solche nationale Kultvorschriften (Chukkim) und solche gerechte Sozialgesetze (Mischpotim) hätte, wie diese ganze Tauro." (5. V. M. Kap. 4, B 6 ff.) Ja, in demselben Kapitel, das die Aufforderung unsres Lehrers Moschean sein Volk enthält, die Gottesgesetze zu hüten, finden wir bei einer viermaligen Wiederholung immer wieder nur Chakkim und Mischpotim.*) Und als der letzte Prophet, Melachi, das jüdische Voll zur Treue gegen die Tauro Mosche's austust, so hebt auch er wieder nur Chokkim und Mischpotim hervor. „Gedenket der Tauro Mosche's, die ich chm am Chaorew geboten betreffs Israels, Chokkim und Mischpotim." (Melachi Kap. 3. V. 22.) * In zwei Merkworten finde ich die größten, tiefsten Gefühle, die höchsten Ideale der Menschheit ausgesprochen. Es sind die beiden Eintrittsschwellen in die Hallen höchster Gedankenpracht. Das eine heißt: „Es war einmal mal . . .", und das andere: „Es wird sein am Tage . . ." Beide sind Einleitungsworte zu den prächtigsten Bildern, worin die umfassendsten Gedanken des Menschenherzens, sein eigenster Charakter sich offenbart. Denn es' ist nicht nur ein Anfang, es ist das Wesen von zwei entgegengesetzten Simiesrichtungen. Das eine ist die a r i s ch e Art: eine wehmütige Erinnerung an eine längst verschwundene, vielleicht nie dagewesene, aber sicherlich nimmer zurückkehrende traumhast-selige Vergangenheit: das märchenhafte „es war einmal." Das andere ist die jüdtzsch e.Art: ein lebhaftes Hoffen und ein eifriges Rüsteti auf' eine lebenverheißende tätige Zukunft: die prophetisch-kräftige „es wird sein." Das erstere führt in seinen Konsequenzen zum Pessimismus, dieser echt-arischen, individuMstischen Lebensanschauung, deren Ziel das wieder echt-arische *) S. 5. B. M. Kap. 4, BBs. 1, 5, 8 und 14. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. „Nirwana" ist: das letztere verleiht den aufrechterhMenden, nie verzweifelnden, durch geduldiges Ausharren zum lebendigen Hoffen und tätigen Rüsten spornenden, O p t i m i s m u s, diese echt-jüdische, sozialistische Lebensanschauung, deren Ziel „M e s - s i a n i s m u s" heißt. * Die Voraussetzung zu einem gesunden sozialen Leben sind sittlich veredelte Individuen. Die individuell veredelte Gesellschaft sozial zu heben, zu vervollkoinmenen: dazu sind nur gerechte und weise Sozialgesetze berufen. Dieses ist der Weg des sozial e n O p t i m i s m u s; die individuelle Bersittlichung die Voraussetzung, die gerechte soziale Gesetzgebung die Vervollkommnung. Auch der pessimistische Geist verschmäht die individuelle Versittlichung nicht; ja er legt sogar grade darauf den höchsten, aber einzigen Wert. Er bleibt bei der Voraussetzung stehen, denn er glaubt an eine soziale Vervollkommnung und gerechte Ausgleichung in der diesseitigen Znkunft nicht. Und so ist wechselseitig das eine die Ursache des anderen. Sein Individualismus die Ursache seines Pessimismus und umgekehrt. Weil er die Zukunft der Gesamtheit verneint, den Zusammenhang mit dem Ganzen verloren, so kümmert er sich um die Sache der Gesamtheit, des Volkes nicht — sein ganzer Eifer ist nur auf die eigene persönliche Veredlung gerichtet, um im Sinne einer mystischen Geistesrichtung jenen mythenhaften Gestalten der Vergangenheit gleich zu sein, und teilhaftig zu werden jener Seligkeit, die durch eine mystische Kraft der Selbstverfeinerung zu erringen ist. Und die ausschließliche Pflege der eigenen individuellen Veredlung zieht ihn wieder von der Gesellschaft ab, er versenkt sich in mystische Jenseitsgedanken, die Vervollkommnung der Gesamtheit, und zwar hienieden, erscheint ihm unmöglich — er wird ein egoistisch-inystischer Pessimist. Eine jede Einseitigkeit artet in böse Extreme aus. Vergessen wir über die Voraussetzung die Vollendung, so wird uns die Voraussetzung selber ein Hemmnis. Das Judentum, wie es in seiner Vollständ i g k e i t, gleich einem wunderbaren einheitlichen gigantischen Bau, dasteht, ist der Optimismus selbst. Einseitig aufgefaßt, nur halb erfüllt, kann er in sein Gegenteil ausarten. Es gibt aber nur ein ganzes, vollkommenes Judentum, das aus der Grundlage der individuellen Sittenpflichten eine einzigartige, ideale, menschenbeglückende, kulturfördernde, national-soziale Gesetzgebung offenbart. B. f . Aus aller Welt. Deutschland. Berlin. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" bezweckt die Erringung konfessioneller Gleichberechtigung. Er ist vor 14 Jahren mit 12 Mitgliedern ins Leben gerufen worden und zählt heute über 20000 Mitglieder aller Bekenntnisse aus allen liberalen Parteien. Seine Tätigkeit basiert naturgemäß darauf, Vorurteile zu zerstreuen, also aufklärend zu wirken. Dieser Arbeit dienen in erster Linie die wöchentlich erscheinenden „Mitteilungen" des Vereins: dann ein „Kalender" mit einem für die breite Masse bestimmten, auf Toleranz und Gesittung sich aufbauenden Inhalte. Vorträge, Unterstützung der für die Gleichberechtigung aller Konfessionen xintretenden Presse und Anteilnahme an den politischen Wahlen vervollständigen das Programm. Der Vorstand des Vereines besteht seit der am 16. April abgehaltenen Generalversammlung aus den Herren: Dr. Th. Barth-Berlin, Archivdirektor Dr. Georg Winter-Osnabrück, Geh. Baurat a. D. Benoit-Karlsruhe, Stadtrat H. Fliusch und Charles Hallgarten-Franksurt und Prof. Eickhofs-Remscheid. Berlin. Ihre siebente Synagoge beabsichtigt die , Jüdische Gemeinde in Moabit zu errichten. Der Geineindevorstand ist bereits auf der Suche nach einem - geeigneten Terrain. Für den Ne ii b a u d es jüdisch e n'Ära» kenhauses ist ein elf Morgen großes Gelände: in der Seestraße, gegenüber der Mtersversorgungsanstaltgewählt worden. ' .} Berlin. Mitteilung des deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle: Gewarnt wird vor einem gewissen Kolomaru, der angeblich für das jüdische Hospital in Hebron sammelt. Auf Anfrage in Hebron hat der Ober-Rabbiner Medini mitgeteilt, daß hie jüdische Gemeinde Hebron keinen Delegierten Nr. 16. zur Sammlung von Beiträgen für das Hospital bestellt hat. Nürnberg. Dem juristischen Staatskonkurs unterzogen sich 1903 in Bayern 181 Kandidaten, darunter, 15 Juden. - Die Note I erhielten 2 Kandidaten, darunter 1 Jude. Sogenannte Brucheinser (Note I31/4o—l39/«) sielen aus 7 Kandidaten, darunter 3 Juden. 117 Kandidaten" erhielten die Note II, darunter 9 Juden. Bon den 55 „Dreiern" entfielen 2 auf jüdische Kandidaten. Unter den 8 Durchgefallenen befindet sich kein Jude. Stratzvurg, 21. April. Der Kaiserliche Rat verhandelte heute unter Vorsitz seines Präsidenten des Wirkt. Geh. Oberregierungsrats Frhrn. v. d. Goltz den am 6. Dezember 1903 eingelegten Rekurs des hiesigen Kaufmanns Aron D u r l ach gegen die am 29. November 1903 abgehalteuen Wahlen zum israelitischen K o n s i st o r i u in. Gewählt wurden damals die ausscheidenden Mitglieder Dr. Gustav Levy, Jules Klein und Mathieu Bloch, während Aron Durlach, der erst in den letzten Tagen seine Kandidatur ausgestellt hatte, unterlag. Der Vertreter Durlachs, Justizrat Riff, beantragte in der heutigen Verhandlung, diese Wahl vom 29. November für ungültig zu erklären, und zwar wegen unzulässiger Wahlbeeinslussung. In der Nacht vor dem Wahltag seien von dem Konsistorialrat Jules Klein zahlreiche Depeschen an Synagogenvorstände verschiedener Gemeinden abgesandt worden, worin die Kandidatur Dnrlachs teils als Wahlmanöver, teils als ungültig oder als zurückgezogen bezeichnet worden sei. ginn habe Durlach die Liste Dr. Levy, Klein und Durlach zwar erst in den letzten Tagen, aber, wie er behauptet, im Einverständnis mit Levy und Klein aufgestellt. Darin könne also kein Wahlmanöver erblickt werden, die Kandidatur Durlach, der übrigens schon vor Vier- Jahren einmal kandidiert habe, sei vielniehr durchaus ernst gewesen. In den erwähnten Depeschen sei also etwas Wahrheitswidriges behauptet worden, um die Wähler irre zu leiten. Weiter sei von Herrn Jules Klein in seiner Eigenschaft als Synagogenvorstand von Bischhcim dem Synagogendiener verboten toorden, Durlachsche Zettel zu verteilen, während er die Zettel der Gegenpartei verteilt habe. Das sei ebenso eine unzulässige Wahlbeeinflussung. Durlach habe allerdings 504 Stimmen wenigerloie Bloch erhalten, aber die Wahlbeteiligung sei auch sehr gering gewesen, jedenfalls wegen der geschilderten Vorfälle. - R e ch t s a n w a l t D r. L e n n i g führt als V e rtreter der gewählten I. Klein und M. Bloch aus, was Herr Durlach für ein Mann sei und wie es um seine Glaubwürdigkeit stehe, gehe schon daraus hervor, daß er in den verschiedenen Schriftstücken, die er zur Begründung seines Wahleinspruchs an die zuständigen Behörden sandte, die Gegenpartei eine Bande, die ins Zuchthaus gehöre, genannt habe, daß er von Wahlvcrbrechen gesprochen, die Sache als Dreyfusaffäre sn miniature bezeichnet habe nsw. Herr Durlach sei ganz abgetan gewesen, an ihn habe niemand gedacht bei der Wahl, bis er am letzten Tage vor der Wahl den Wahlaufruf mit den Namen Levy, Klein und Durlach habe erscheinen lassen. Dieser. in letzter Stunde erschienene Wahlaufruf Durlachs sei eine beabsichtigte Irreleitung der Wähler und eben ein richtiges Wahlmanöver gewesen, da es durchaus unwahr sei, daß Klein damit einverstanden gewesen sei, auf dem gleichen Wahlaufruf mit Durläch zu stehen. Er bitte, darüber den anwesenden Herrn Klein informatorisch zu vernehmen. Der Kaiserliche Rat faßte einen dementsprechenden Beschluß. > Instizrat Riff erklärte. Durlach behaupte, von Klein bei einem Gespräche in der Steinstraße und von Dr. Levy aus seinem Bureau die Einwilligung zu der gemeinsanien Liste erhalten zu haben. Herr- Dur l a ch, der anwesend war, bestätigte dies, indeni er den ungefähren Wortlaut der Gespräche wiedergab. Demgegenüber gab Herr Jules Klein, Synagogenvorstand in Bischheim, die ausdrückliche Erklärung ab, daß er nie daran gedacht habe, mit Herrn Dnrlach auf einer Liste zu kandidieren. Er-habe ihm niemals die Erlaubnis gegeben, seinen Namen auf die Liste zu setzen. Bezüglich des anderen Punttes, der Zettelverteilung, erklärte Herr Klein, daß er dem Synagogendiener nicht verboten habe, die Durlach'schen : Zettel zw verteilen: er habe ihm nur gesagt, er: dürfe sie nicht im Namen des Synagogenvorstandes verteilen, sondern müsse dabei erklären, von wem sie ihm - übergeben seien. Rechtsanwalt Dr. Lennig fuhr darauf in seinem Plaidoyer fort und erklärte, Durlach habe also die Einwilligung Kleins erfunden, ebenso wie er die Behauptung erfunden habe, . Konsistorialrat Bloch habe ebenfalls eine Depesche gesandt. Herr- Bloch. habe, eine Bescheinigung des Telegraphenämts Straßburg. vorgelegt, wonach in der fraglichen Nacht vom -28. ans den 29. November kein Telegramni mit der Unterschrift Mathieu Bloch versandt worden ist. Durlach habe also Wahlmanöver getrieben, um die Wähler irre zu führen. Dagegen habe sich Klein mit seinen Depeschen nur gewehrt, da er in diesen, welche den Wortlaut hätten: „Kandidatur Durlach Wahlmanöver. Wählt Levy, Klein, Bloch," lediglich die wahre Sachlage wieder klar stellen wollte. Die

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