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Neue jüdische Presse · 1904-04-22 · Heft 15 (22.4.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 15 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15. Gelte 2. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. die „Fubenpresse" ist fertig. — Auch innerhalb des Mischer Beifall.) Bei der Betrachtung solcher Zustände falle ihm, Redner, das herrliche Gedicht RLckert's „Die Straßburger Tanne" ein, in dem es heißt: Ich sah in alten Zeiten die Kaiser und die Herr'n — Im Lande zieh'n und reiten, — Me liegt das heut' so fern! — Da möcht' ich, wohl mitrauschen, — Sie grüßen in der Nacht — Und mit den Winden tauschen — Gespräch von deutscher Macht. — Ja, meine Herren, die deutsche Herrlichkeit liegt so weit, so weit zurück. Die Geschicke von mächtigen Völkern und Staaten werden heute vielfach von unsichtbaren Judenhänden geleitet. Die Bevölkerung selbst geht immer mehr rückwärts, weil nicht wenige Fürsten entweder nicht die Einsicht von der Gemeinschädlichkeit des Judentums haben oder sich bereits zu schwach fühlen, dem Judentum entgegcnzutreten. Redner wendete sich sodann der Geschichte der Berliner antisemitischen Bewegung zu, er gedachte der alten Kämpfer, die alles daran gesetzt hatten, und schloß mit einem Appell an die jüngere Generation, sich aufzuraffen, in die Fußstapfen der Men zu treten und dafür zu sorgen, daß die Macht des Judentums gebrochen werde. * * * Die Spalten unserer Zeitung haben gewöhnlich keinen Raum zur Würdigung antisemitischer Leistungen übrig, denn wir erblicken die Aufgabe einer „jüdischen" Presse darin, positive Arbeit zu leisten, indem sie ihrem Leserkreise für das Wesen des Judentums und seine Bedeutung für uns Juden Verständnis einimpft. Wir brauchen unseren Lesern nicht erst die Unwahrhaftigkeit der aus der Luft gegriffenen Hirngespinnste antisemitischer Hetzdemagogen zu beweisen. Der Kampf hegenden Antisemitismus in einer doch nur für Juden bestimmten, jüdischen Zeitung ist zwecklos und eine jede jüdische Zeitung, die ihn auf ihre Fahne geschrieben hat, spekuliert auf die Gedankenlosigkeit ihres Publikums. Es ist ja bei den so verschiedenartigen Gesinnungen innerhalb der heutigen Judenheit so sehr praktisch, sich mit einigen den Antisemitismus betreffenden Artikeln in jeder Nummer über den gefährlichen Boden seiner jüdischen Ueberzeugung — mag sie auf Seiten des positiven oder auf Seiten des neologen Judentums stehen — heimlich hinüberzustehlen. Doch, was sehr praktisch ist, das ist darum noch keineswegs in ideeller Beziehung zu loben, sondern häufig als sehr verwerflich zu tadeln: So auch hier, wenn mit den heiligsten Gütern der jüdischen Gesamtheit Verstecken gespielt wird. Der Kampf gegen den Antisemitismus gehört einzig und allein in die Tagespresse. Wenn es trotzdem die Pflicht des Redakteurs einer jüdischen Zeitung ist, die Vorgänge im antisemitischen Lager mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, so geschieht cs nur darum, um aus ihnen Lehren zu ziehen. Ziehen wir, um gleich das Wort beim Schopf zu fassen, aus der Rede des Grafen Pückler eine Lehre und verweilen wir zu diesem Zwecke bei dem von diesem konfusen Helden anstatt „liberale" Presse gebrauchten Ausdruck „jüdische" Presse. Es ist das ein Unfug, der nicht nur dem Grafen Wickler eigen ist; in der Kreuzzeitung, Staatsbürgerzeitung und all' den anderen Wortkämpen des Judenhasses findet er tagtäglich eine ausgiebige Verwendung. So wenig der Vorwärts als eine „christliche" Zeitung, grade so wenig sollte z. B. das von dem getauften Juden Arthur Levysohn redigierte Berliner Tageblatt als eine „jüdische" Zeittmg bezeichnet werden können. Für den Christen bleibt aber auch selbst der getaufte Jude doch Jude, und cs liegt deshalb einem jeden Gliede der jüdischen Gesamtheit die Pflicht ob, in Befolgung der hieraus zu ziehenden Konsequenzen sich stets bewußt zu bleiben, daß — solange das Recht des Stärkeren herrscht — eine Minderheit nicht vergessen darf, daß sie eine Minderheit ist und sich deshalb einer bescheidenen Zurückhaltung befleißigen muß. Und gerade diese von der Klugheit gebotene Zurückhaltung läßt bei uns sehr zu wünschen übrig. 'Man blicke nur einmal in die Familiennachrichten gewisser liberaler Zeitungen, da wimmelt es von jüdischen Geburts-, Berlobungs- und Todesanzeigen, und nur selten verirrt sich ein christlicher Name hinein. Das christliche Publikum zieht daraus seine Schlüsse — und liberalen Parteilebcns mache» sich die jüdischen Elemente dank ihres lebhaften Geistes und ihrer selbstlosen Arbeitsfreudigkcit, trotz ihrer Minderzahl, sehr 'tark geltend. Wie wenig es auch hier häufig an der nötigen Zurückhaltung fehlt, hat die Diskussion um den Paragr. 2 des Jesuitciigesetzcs gezeigt. Diese Angelegenheit ist nur aus den Interessen der protc- 'tanüschen gegenüber der katholischen Kirche zu vertehen, geht also den Juden, als den unbeteiligten Dritten, absolut nichts an. Trotzdem haben sich einzelne ■ Juden zu unberufenen Sachwaltern gcinacht und damit die Germania, bas Hanptorgan der entrumspartei, veranlaßt, für die Folge eine antiemitische Haltung des Zentrums als Revanche vorzuschlagen. Doch dieses Vordrängen wird, so lange wir Juden unseren Stolz darin setzen,. keine Juden zu sein, nicht verschwinden. Erst wenn wir gelernt haben, innerhalb unseres jüdischen Kreises unser Genüge zu finden, indem wir begriffen haben, daß wir nur als Juden im Dienste des Judentums eine Stellung einnehmen können, die uns selbst und der Menschheit gegenüber zur Ehre und znr Anerkennung gereicht, erst dann wird cs anders werden. Die Lösung der Frage des „Menschenglückes" „durch ein Volk" — sonst nichts — will das dogmenfrcie Judentum, der Jude, der sich ihm unterstellt, dient den höchsten Ausgaben der Menschheit; und er hat es deshalb nicht erst nötig, außerhalb feines jüdischen Kreises ein Feld für sein ideelles Streben zu suchen. Aus aller Wett. Deutschland. Berli«. Nach den letzten statistischen Ermittelungen waren 1902 von allen überhaupt geschlossenen Ehen etwas über Neunzehntel derselben religiös ungemischte'Ehen. Die Eheleute waren bei 272489 Heiraten beide evangelisch, bei 140191 beide katholisch und bei 3315 beide jüdisch. Mischehen wurden insgesamt 39 763 (8,7 Prozent) eingegangcn und zwar 37 957 zwischen Evangelischen und Kattioliken, 161 zwischen Evangelischen und Juden und 128 zwischen Katholiken und Juden. Berlin. Dr. I. Niemirower, Rabbiner in Jassy, und Dr. M. Friedländer, Sekretär der Alliance Jsraelite Universelle in Berlin, bereisen gegenwärtig die östlichen Gegenden Deutschlands, um durch Vorträge, die zumeist in den Geschichtsvereinen stattinden, einerseits über die Verhältnisse der Juden im Orient, anderseits über die Wirksamkeit der Alliance Aufklärung zu verbreiten. Sie sprachen am 13. d. Mts. in Bromberg, am 14. in Jnowrazlaw, am 16. in Thorn, am 17. in Schneidemühl. Es zeigte sich überall, wie lebhaft das Interesse auch für unsere fernwohnenden Glaubensgenossen ist und wie gern und eifrig man eine nähere und anschauliche Schilderung ihrer eigenartigen und oft so traurigen Verhältnisse vernimmt. Berlin, 20. April. Der Verleger der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung", der dann inzwischen bei den letzten Reichstagswahlcn das Mandat Ahlwardts erlangt hat, Herr Bruhn, ist wegen Beleidigung aus Anlaß der Konitzer Mordafsäre zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden und verbüßt zur Zeit diese Strafe in Tegel. Das ist in: politischen Kampfe schon manchem Redakteur passiert und cs sind höhere Gefängnisstrafen von Politikern und Journalisten ruhig hingenommen worden. Der Krieg schlägt Wunde». Herr Bruhn hatte vor einiger Zeit ein Gnadengesuch eingcreicht öder seine Freunde hatten es eingereicht, und das war zurückgewicsenworden. Neuerdings hat er sich in einem Gnadengesuch um Erlaß des Restes seiner Strafe gebeten und dasselbe hatten für ihn die 29 antisemitischen Bürgervcreine Berlins getan. Diese Gesuche hat der Kaiser, wie die „Staatsbürgerztg." heute mittcilt, auf Grund höch st eigener Entschließung abgelehut. Fürth. Der Arbeiter Gustav Roth aus Galizien, ein geborener Jsraelite, ging, trotzdem , er zur christlichen Kirche übergetreten ist, unter Verschweigung dieses Umstandes darauf aus, die israelitischen Wand'erunterstützungsvereine um Rcisennterstützung anzugehen und sie so zu betrügen. Bei seiner Festnahme dahier wurden ihm über 100 Jk abgenommen. Den hiesigen israelitischen Wanderunterstützungsverein betrog Roth im Februar d. Js. um 4 Jk und eine Fahrkarte nach Gunzenhausen, einen Monat später sprach er schon wieder beim genannten Verein vor.' Das Schöffengericht verurteilte den seit 16. März verhafteten Angeklagten zu 17 Tagen Gefängnis. Freivurg i. B. Die hiesige Universität hat eine Bestimmung erlassen, der zufolge vom nächsten Semester ab, keine russische Hörerinnen mehr anfgcnömmen werden. Stratzburg i. E. Hier ist die Errichtung eines israelitischen Friedhofs neben dem Ientralfriedhos. beschlossen worden. Hamburg. Die Hamburger Israelitische Gemeinde hat im abgelaufenen Rechnungsjahre bei einer Einnahnie von 141031 Jk an Gemeindesteuern für Zwecke des Armenwescns 61026 Jk, also fast die Hälfte, verausgabt. Es werden nicht nur Ortsarme unterstützt, sondern auch arme durchreisende Inden, von denen die meisten ans Rußland kommen. Königsberg. Der Verband der Synagoge n g e m e i n d e n O st p r e u ß e n s hielt am 11. d. Mts. seine 20. ordentliche Generalversammlung in Insterburg ab. Montag Vormittag 9tya Uhr wurde dieselbe durch den Senior des Ausschusses, H. Elösscr-Jnstcrburg, eröffnet, der die Versammlung sowohl namens des Ausschusses wie namens der Jnstcrburgec Gemeinde begrüßte und dem im vergangenen Jahre verstorbenen Verbandsvorsitzenden, Isaak Eichelbanm-Jnsterburg einen ehrenden Nachruf widmete. Auf Vorschlag der Versammlung übernahm Rechtsanwalt Schey-Allenstcin darauf die Leitung der Versammlung, und bei der folgenden Wahl des ersten Vorsitzenden des Verbandsausschusses wurde Rechtsanwalt Schey auch zum Verbandsvorsteher für das Jahr 1904/05 gewählt. Der Sitz des Verbandes 'geht damit auf die Gemeinde Alle n st ein über. Im weiteren wurde» zu Mitgliedern des Verbandsausschusses gewählt: Stadtrat S. Magnus und Jul. Lazar-Königsberg, Dr. med. Kamnitzer und Jakob Silbcrstein-Allenstein, Amtsgerichtsrat Blumenfeld, H. Elösser und B. Holz-Jnsterbnrg, S. Jacoby-Osterode, E. Jacoby-Rastenburg, N. Lublinski-Johannisburg und M. Jacobsberg-Zinten; ferner zu Stellvertretern Prof. Dr. Lassar-Cohn-Königsberg, Otto Eichelbaum-Jnsterburg und I. Sebba- Tilsit. Als zeitiger Vorsitzender der Schulinspcktion des Verbandes gehört dem Verbände ferner an: Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsbcrg. Den Kassenbericht des Verbandes erstattete der Kassenkurator B. Holz-Insterburg. Im Anschluß daran wurde die Bitte ausgesprochen, die bedeutsamen Zwecke des Verbandes durch Gewinnung neuer persönlicher Mitglieder zu unterstütze». lieber den Stand und die Entwickelung der Pensionskasse für jüdische Rcligionsl e h r e r und K u l t us b e a mt e Ostpreußens berichtete der Schatzmeister der Pensionskasse Joseph Simonsohn-Königsberg. Die Versammlung nahm mit freudigem Interesse von der gedeihlichen Entwickelung dieses jungen Kasseninstituts Kenntnis. Rabbiner Dr. Beermann-Jnsterburg erstattete den Bericht der vom Verbände eingerichteten Schulinspektion. In ausführlicher Debatte wurden die Religionsschulverhältnisse der Provinz eingehend besprochen. lieber den von der Schulkommission des Verbandes ausgearbeitetcn N o r m a l k o n t r a k t für die jüdischen Religionslehrer und Knltllsbeamten der Provinz referierte Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg. Der Entwurf wurde mit geringen Abänderungen angenommen. Woythaler-Allenstein erstattete den Bericht der Kommission, betr. Errichtung einesjüdischen Provinzial Siechen Hauses und teilte mit, daß eine Gründungsstiftung in Aussicht gestellt und die Einrichtungskosten-für ein kleines Heim als gedeckt zu bezeichnen seien. Die für diese Angelegenheit bestehende Kommission wurde mit der weiteren Erledigung der Sache betraut und ihr das Recht zuerkannt, sich in geeigneter Weise durch Zuwahl zu vergrößern. Der voin Ausschuß vorgelegte Etat pro 1904/05 wurde genehmigt.- Nach Erörterung einiger allgemeiner Angelegenheiten schloß der Vorsitzende die Versammlung. Oesterreich-Ungarn. Wie«. Vom 11.—13. April fand hier eine Konf e r e n z d e s g r o ß e u z i o n i st i s ch en A k t i o n skomitees statt. .Seit Monaten hatte man dieser Zusammenkunft mit Spannung entgegengeseheu, denn es. handelte sich um die schwerwiegende ' Entscheidung, ob die Führer der zionistischen Bewegung einen Modus finden werden, die durch das Ostafrikaprojekt in den Reihen der Partei entstandene Verwirrung zu beseitigen. In Erwägung dessen, daß sich sämtliche kultivierte Staaten gegen die Einwanderung jüdischer Elemente hermetisch verschließen, in fernerer Erwägung, daß durch die unhaltbaren Zustände, in denen die Juden Osteuropas schmachten, eine fortwährende Auswanderung eine dringende Notwendigkeit ist und daß durch etwa eintretende Katastrophen ä la Kischinew eine Massenanswanderung unversehens zur zwingenden Frage werden kann, hatte der im August in Basel tagende Kongreß beschlossen, das Anerbieten Englands, der zionistischen Partei in seiner Uganda-Kolonie eilt autonomes Stück Land zu überlassen, nicht ohne lveiteres vonder Hand zu weisen, sondern ernst zu prüfen und erst im nächsten Kongresse jur Abstimmung vorzulcgcn. Ein Teil der russischen Zionisten — also diejenigen, denen zur Liebe der Beschluß überhaupt nur gefaßt worden ist — erblickte aber schon in

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