Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 15 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion nnd chefchäftsstetts: Srankfurt a. ITC., Veiligkeuzgaffe sr, Ecke Liapperfeldstraße (gegenüber brr Neuen Zeit). HsvansgeSer: Kali; chsis. 2. Jahrgang. Freitag, den 7. ljar 5664 (22. April 1904). Ro. 15. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- I ~ " ~ Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten deS In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). ' . , ■ - - . — - , — Zählen. Eine O in e r b e t r a ch t u n g. Wenn wir den gewaltigen Monninentalban betrachten, als welche» die Wissenschaft sich heute nnserem Auge darbictet, mit all seinen ragenden Türmen, seinen mächtigen Bogenfenstern, seinen vielgestaltigen Verzierungen, seinen säst nicht mehr zählbaren, auf das Mannigfaltigste ausgestatteten Räumen im Innern, so lassen wir »ns gar leicht von der Masse nnd Jmposantheit der Erscheinung erdrücken und vergessen, das; im Grunde doch dieses wunderbare Werk aus wenigen einfachen Elementen wie Stein, Holz, Eisen ausgesührt worden ist. A l s der e r st e M e n s ch z u m e r st e n M a l e die Finger seiner Hand zählte, da legte er die Grundlage n zur Wissenschaft und alles weitere Zählen, Messen, Wägen, Rechnen, Ordnen, Znsammenstellen, wie cs sich im Laufe der Jahrtausende in so raffinierter Weise in den verschiedenen Zweigen der menschlichen Gcistestätigkeit entwickelt hat, ist schließlich doch nichts Anderes als eine Fortführung und Ausgestaltung dieses ursprünglichen Zählens. Als der Mensch das Zählen lernte, da eröffnete sich ihm, der um sich herum nur Werden und Vergehen, Tod und Vergänglichkeit sah, der Ausblick ans etwas Neues und Unerhörtes. I» lichter Ferne blinkte, von strahlendem Sonnenglanze übergossen, wogend nnd brausend das Meer der Unendlichkeit. Und da ging er daran, diese weite, schier unabsehbare Fläche zu erforschen. Er wollte das Meer gewissermaßen im ersten Rausche der Begeisterung mit der Hand ausschöpfen. Er baute sich einen schwanken, leichten Kahn, die Wissenschaft, der ihm zur Stillung seiner Wißbegicrde verhelfen sollte. Aber der Rausch verflog bald. Die Sonne war untergcgangen, und ernüchtert sah er sich nun rings umgeben von schwarzen, Wassermasscn, über welche der spärliche Schein der Sterne eben nur einen schwachen Lichtschimmer verbreitete. Schreckensbleich witterte er überall tödliche Riffe, verderbliche .Felsen, an-denen sein gebrechliches Schifflein scheitern konnte. Und nirgends ein Hafen, und nirgends ein Heim, und nirgends ein Ziel, deni er hoffend und vertrauend zustreben konnte. Unabsehbar, unermeßlich, undnrchdringbar, grenzenlos dehnt sich vor ihm die Unendlichkeit. Dahin mußte ihn führen das schrankenlose Zählen, das Zählen der Wissenschaft. Sie wag uns befriedigen in den Ranschstunden unseres Lebens, wo wir selbstvergessen Flügel zu haben wähnen, die nns zum Himmel zu tragen vermögen. Besinnen wir uns wieder ans nns selbst, ans unser schwaches, hilfloses Alltagsich, so müssen wir ans anderem Wege Befriedigung suchen. Der Ausgangspunkt ist ganz derselbe. Wir beginnen mit dem Zählen, aber dieses Zählen, die Wissenschaft, wie sie uns mit dem schillernden Blendwerk der .Unendlichkeit ins Unglück lockt, sie. ist. nicht Selbstzweck, sie ist nicht Ziel, sondern Mittel zum Ziel. Wir zählen, aber wir wissen, daß dieses Zählen nicht nutznnd zwecklos ist. Wir wissen, wie lange wir zählen und wohin uns dieses Zählen führen wird. Wir tappen nicht unsicher im Dunkeln, wir werden nicht von den Stürinen unserer Phantasie haltlos umhergetrieben, die nns auf den tückischen Fluten des Ozeans der Unendlichkeit immer neues Gaukelwerk von vermeintlichen Inseln nnd Schlössern und Zusluchtsorten vorzaubert. Unser Ziel cs liegt nicht ans den wankelniütigen, treulosen Wogen, cs ruht aus unserer Mutter Erde, ciu majestätischer Berg, der bis über die Wolken ragt, uns zwar den Weg weist, der zum Himmel führt, aber doch die Verbindung mit der Erde aufrecht erhält. Unser Ziel, das Ziel unseres Zählens, Rechnens und Wägens es ist der „Si n ai." Ist deshalb unser Zählen weniger ersprießlich, weniger ergebnisreich, weniger zuverlässig, weil wir den Endpunkt kennen? Zählen mir nicht genau methodisch, Tag für Tag, geben wir nicht gewissenhaft die Wochen an? Zählen wir nicht, wenn die stille, lautlose Nacht beginnt, wo nichts nns in unserem Denken und Forschen stört? Können wir nicht ans einer Forschungsreise nach einem gegebenen Zielpunkte seltene und wundersame Entdeckungen machen? Ist nicht auch, wenn wir wissen» daß wir nur die Verbindungslinie zwischen einem gegebenen Anfangs¬ und Endpunkt zu suchen haben, doch unsere m Tätigkeitsdrange ein weiter Spielraum gelassen, immer noch säst zu groß sür die Kraft unserer doch nur menschlichen Begriffe? - Allerdings auf eines müssen wir verzichten, aus dieses Sichverlieren in unabsehbare Fernen, aus dieses schwindelnde Hiueinstarren von vermessener Höhe in die abgrundtiefen Schlünde, auf dieses ekstatische Sichselbstvergesscn, auf dieses ziellos schweifende Träumen, auf diese wilden Tanmelstnnden der Höhenmenschen. Das ist aber doch alles Schein nnd Trug, Betäubungsmittel für eine kurze Stunde, erkauft auf Kosten eines ganzen siechen »nd verzweifelnden Lebens. Wir missen sie gerne, diese wahntrunkenen Momente sich für Wahrheit ausgebcndcn Irrtums. Wir gewinnen dafür etwas Bleibendes und Dauerndes. Wir hören ans, wie törichte Kinder nach der Sonne zu Haschen. Wir begnügen uns mit dem wärmenden und erleuchtenden Feuer des Gesetzes. Dieses führt uns den goldenen Mittelweg zwischen zügelloser Freiheit nnd niederdrückender Notwendigkeit. Es lehrt uns zwar, daß wienur Hutten aufschlagen können im Tale des Lebens, daß es sich aber auch in Hütten freundlich und behaglich leben läßt, zumal wenn uns vor den Türen erwartet der erhebende Anblick des göttlichen Sinai. So zählen wir, aber nicht hastig, eilig, vorwärtsstürmend, als ob es nie ein Ende gebe, nein ruhig und bedächtig, im Bewußtsein, daß nns doch nur siebenmal sieben Wochen gegönnt sind, jede Stunde genießend nnd auskostend nnd wenn wir zu Ende sind, doch nicht verzweifelnd, im sicheren Vertrauen auf 'das uns verheißene, gottgewollte Hochziel. J. T. Das Gastspiel des Graf Pückler in der Berliner „Tonhalle" steht auf der Höhe des Kasperltheater und findet, wie jedes Kasperltheater, ein verständnisinniges, genügsames Publikum. Die Hauptrolke, der Kasperl, wird selbstverständlich von dem Herrn Grafen in höchsteigener Person gespielt, und gar lustig ist es anzuschauen, wie der Herr Graf mit seinem Knüppel um sich haut. Jüngst haben wir ums das Theater auch einmal angesehen. „Das Judentum und die Stadt Berlin" verkündete der Zettel. Glücklicher Weise waren wir rechtzeitig gekommen, denn sonst hätten wir keinen Einlaß mehr gefunden, so überfüllt war der Saal. Graf Pückler, bei seinem Eintritt in den Saal stürmisch begrüßt, beschäftigte sich zunächst mit Artikeln in der jüdischen (eine kleine Begriffsverwirrung; der Redner meint die „liberale" Presse. Anm. der Redakt.; Presse, die aus Anlaß der voraufgegangenen Versammlung erschienen waren. Der „Vorwärts" habe, während er früher immer von „totaler Verrücktheit" gesprochen, diesmal von einem „milden und gelinden Wahnsinn" geschrieben; das sei schon immer ein Fortschritt. Ich bin aber, so führte Graf Pückler weiter ans, bis jetzt weder gelinde, noch total verrückt, sondern ich habe meine fünf gesunden Sinne beisammen und habe nur das eine Bestreben, Berlin und Deutschland von der Judenmacht zu befreien. Eine Zeitschrift, „Die Jugend", habe vor einigen Tagen auf ihn, Redner, ein Gedicht verössentlicht, in dem es heißt, Graf Pückler werde demnächst mit 35 Flegeln durchs Brandenburger Tor einziehen, um in Berlin Ordnung zu schaffe». Gewiß, meine Herren, ich habe der „Jugend" darauf nur zu antworten: Ich zieh' durchs Brandenburger Tor — Mit 35 Flegeln, — Dann soll der rote Isidor — Bon seinem Throne kegeln! — (Stürmische Heiterkeit). Die bravste Tat Bülow's war es, die Mandel« stamm und Silberfarb aus Deutschland auszuweisen. Bülow durfte aber hierbei nicht stehen bleiben. Und die Genossen von der rote» Fahne sollte» in diesem Kampfe zur Befreiung Deutschlands mithelfen, dann wird auch das Los der Arbeiter sich verbessern» während sie auf. eine Verbesserung durch die jüdischen Führer vergeblich warten werden. (Also ein Appell an die Sozialdemokraten. Anm. d. Redakt.) .Der Redner beschwerte sich dann bitter über den Bildungstrieb der Juden. Am Wilhelmsgymnasium z. B. seien 268 Wische Schüler, d. h. die Hälfte aller Schüler bestehe aus Asiaten. In den höheren Töchterschulen sei es noch schlimmer. An der Charlottenschule seien 365 Jndenmädchen, ebenfalls beinahe die Hälfte aller Schülerinnen, Sticht viel anders sei es in den übrigen Anstalten, besonders im Westen und ini Zentrum. Auch in die Lehrkörper der höheren Schulen halte das Judentum seinen Siegeszug. Wie sei dies alles nur möglich? Bei Theatern-.sei die Perjudung ebenfalls fürchterlich. An den IS Berliner Theatern habe man 1k jüdische Direktoren und über 460 jüdische Schauspieler, sogar die Königlichen Theater seien mit jüdischen Kräften überfüllt. Wenn Friedrich Wilhelm I. noch lebte, so würde er diese mit seinem Krückstock Hinausgetrieben haben (Stür«