Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 14 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. zur Gottesähnlichkeit, und was ihr, durch die Länge der Zeit, der Moralität und Sittlichkeit Widerstrebendes aufgedrungen worden, führte, wie natürlich, zu Aberglauben und Verdorbenheit. Die erstcrc wiederhcrzustellen, indem nticm sie der Jugend in ihrer Reinheit lehrt, ist daher ein Haupterfordcrnis zu unserem irdischen Wohl. Die Unzulänglichkeit der bisherigen Lehrart, um zur Religiosität und Sittlichkeit zu gelangen, zeigt unser wirtlicher Zustand." ° Hier ist ausgesprochen, was zu allen Zeiten iu jüdischer Hinsicht das leitende Prinzip des Philantropin gewesen ist: Der Bruch mit dem auf Grund der schriftlichen und mündlichen Lehre ü b e r l i cf - f e r t e n I u d e n t u in ~u n d bic- Vertretung der Interessen des R e f o r m j n d e n t u in s. Dieses Programm ist von dem Philantropin stets treu und erfolgreich dnrchgesührt worden. Wir haben von unserem Standpunkte aus keinen Grund uns dessen zu freuen, und wenn wir trotzdem der Anstalt zu ihrer Jubelfeier unsere Huldigung darbringen, so gebührt dieselbe nur der mustergültig geleiteten Schule, deren Bestreben es stets gewesen ist, gute B ii r g e r f Ü r unser d e u t s ch e s Vaterland zu erziehen. Heute Donnerstag, den 14. April, Vormittags 10 Uhr, nahmen die Jubiläumsfeierlichkeiteii des Philantropin mit der Akademischen Feier im Saalbau ihren Anfang. Die Feier wurde eröffnet durch einen Chorgesang von Schülern und Schülerinnen, dem die Begrüßungsansprache des Vorsjtzeiideu des Zentralausschusses, Herrn Fritz Auerbach, folgte. Der Redner gab einen kürzen Ueberblick über die Geschichte der Schule und hob die Ziele der Schule hervor, die er in „Aufklärung, Humanität und Duldsamkeit" znsammenfaßte; eilte Bezugnahme auf das Judentum — auch nur mit einem Worte — haben wir hierbei vermißt. Nun betrat der Direktor der Schule, Herr Tr. Adler, das Podium, uni die Festrede zu halten. Die einleitenden Worte widmete er dem Andenken des Gründers der Schule, Geisenheimer, den die von Lessing ansgegangcne Idee der Humanität mächtig ergriffen hatte und ihn veranlagte, die allgemeine Bildung im Ghetto zu verbreiten und den Ideen der Außenwelt im Ghetto Eingang zu verschaffen. Der Redner ging dann auf den Charakter der Schule über, der bis zum heutigen Tage derselbe geblieben sei und der sich darin äußere, Ausklärung und Humanität zu verbreiten, unter Brechung der Ketten der religiösen Tradition und der Autorität. Wie cs trotz der vielen Nationen nur eine einzige Menschheit gebe, so sei trotz der vielen Glaubensformen in Wirklichkeit nur eine einzige Religion vorhanden. Der erste Direktor des Philantropin wollte deshalb am liebsten den Unterricht iu der positiven Religion streichen. Durch die Tätigkeit der Männer der Reform, die eine Umgestaltung des jüdischen Lebens auf Grund der historischen Entwickelung anstrebten, erhielt auch die Schule den Charakter der Rcformrichtung im Judentum, während sie vorher nur auf der allgemeinen Humanität fußte. .In politischer Richtung habe die Schule von den -Gründern derselben, die von der damaligen, in den gebildeten Schichten des deutschen Volkes herrschenden kosmopolitischen Anschauungen ergriffen waren, das Gepräge des Weltbürgertums erhalten: mit den großen Ereignissen der deutschen Geschichte, mußte dieser Kosmopolitismus aber der Pflege des deutschnationalen Gedankens lveichen, in dessen Dienste die Schule seitdem mit alter Kraft stehe. Treu zu Kaiser und Reich, habe die Schule Söhne erzogen, die den Ruhm des Vaterlandes vermehrt haben, indem sie den Glanz der deutschen Wissenschaft durch ihre Arbeit vergrößerten. Zum Schlüsse bezeichnete der Redner als die Leitsterne der Schule, Lessing, Mendelssohn und Goethe als Repräsentanten der Ideen der Humanität, Aufklärung und deutschen Gesinnung. Der Festrede folgten nach wiederholtem Chorgesang die Begrüßungsansprachen, aus denen wir die Rede des Vertreters der königlichen Regierung hervorheben. Er begrüßte die Schule als ein wichtiges Glied in der Reihe der höheren Schulen Frankfurts, und indem er auf die schon vom Direktor hervorgehobencn geschichtlichen Momente der Schule nochmals hinwies und die reichen Früchte, die die Schule während eines Jahrhunderts zum 'Nutzen und. Frommen der Mlgenieinheit zeitigte, rühniend erwähnte, erklärte er, daß die Regierung auf die Granitbasis einer jeden Schule, aus 'die religiöse Erziehung, besonderes Gewicht lege. „Ich tvill", so führte er aus, „die Rede des Herrn Direktor Dr. Adler nicht abschwächen, wenn ich daraus Hinweise, daß die Verherrlichung der Vernunft auch ihre Kritik erhielt, indem nach der nationalen Aufklärungsepoche in der Philosophie Kant folgte. Wir wissen, daß die Tatkraft der Vernunft ihre Grenzen hat, daß sie nicht inistande ist, die letzten Rätsel zu lösen und das Verlangen nach Gott zu stillen. Zum Vernünftigen muß xbie treuliche Gottesfurcht sich gesellen." Für das freundliche Zusammenwirken zwischen dem Schulrat der «chute und der königlichen 'Aufsichtsbehörde, erstattete der Redner am Schlüsse seines Wortes den Dank und übergab dann in Vertretung des leider verhinderten Oberpräsidcnten, Herrn Direktor Dr. Wler und Herr Professor Dr. Epstein den Frankfurter Israelitischer Familienblaü. Roten Adlerorden 4. Klasse und Herrn Lehrer Scherer den Ktonenorden 4. Klasse. Es sprachen noch: Oberbürgermeister Ildickes im Aufträge der Stadt, Rechtsanwalt Dr. Blau für die israelitische Gemeinde, Dir. Tr. Reinhardt im Namen aller Direktoren der Frankfurter höheren Schulen, Direktor Tr. Walter von der Mustcrschule, Direktor Professor Dr. Philippson-Seesen usw. usw. Aus dem weiteren Verlauf der Feier erwähnen wir noch die Uebergabe von 100000 -M. durch ehemalige Schüler für Zwecke der «chulc. Frankfurt a. M. Die Kuranstalt für arme I srKeliten in Bad Soden a. T. hat im verflossenen Jahre 223 Personen beiderlei Geschlechts und aus aller Herren Länder die Wohltaten einer Luft- und Badekur angedeiheu lassen und so vielen armen und kranken Hülfesuchenden Linderung und Heilung gewährt. Bedauerlicherweise sind aber die Einnahmen der so äußerst notwendigen und so segensreich wirkenden Anstalt keine günstigen gewesen, denn der Rechenschaftsbericht schließt mit einem F e h l b e t r a g e v o n 2 644.5 7 „K'.'fs.b. Es gingen iu der Zeit vom l. Jan. bis 31. Dezember 1903 ein: Beiträge der Mitglieder 8616.75 Jt., Geschenke 18 004.67 Jf.L Vergütung für Verpflegung und Winterkiir 8037.75 JL, Zinsen 7524.45 Jk Dagegen wurden ausgegeben: Haushaltung 30 250.— J(., Sonstiges 14 577.69 JL Die Verwaltung besteht aus den Herren: Dr. med. Rosenbaum (Vorsitzender), Mich. Mos. Mainz, Lismann Fürth, D. A. Worms, B. Frenkel, M. S. Goldschmidt, H. Wisloch und M. A. Wolfs. Gaben und Beiträge sind an den Kassierer, Herrn L i s in a n n Fürth, S a n d w e g 9 zu richten. Göppingen. Die hiesigen Israeliten hatten seit Lahrzehnten ihren Friedhof in der Nähe von Jchenhausen. Der Friedhof war über eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Bei der Neuanlegung des städtischen Friedhofes ist nunmehr auch auf einen israel. Friedhof Bedacht genommen worden. Hier finden fortan die israelitischen Begräbnisse statt.' Köln. Endlich hat nun doch der. Borstand der hiesigen Synagogeugemeinde den Beschluß gefaßt, den Orgelkultu s eiuznführen. Jahrelang tobte schon der Kamps für und gegen die Einführung dieses I n st r u m e n t e s de r ch r i st l i ch e n K i r ch e in das jüdische Gotteshaus. Mit Leidenschaft und brennendem Eifer verteidigten die Gesetzcstreuen, die Zionisten und auch manche das Judentum crhaltcnwollende, sonst gleichgültige Leute, ihren Standpunkt; trotzdem aber hat der Vorstand den Schritt getan, der einen Keil in die Mustergcmeinde, wie sie von Vielen genannt wird, hineintreibt. «eit Wochen war in allen Vereinen, in jeder Chewro, iu allen jüdischen Gasthöfen — aklwo nur einige Juden zusanimenkoinmen — immer dasselbe Thema zu hören, stets die gleiche Frage: „Sind Sie für oder gegen die Orgel?" — Und Hunderte Zungen drohten dem Vorstand der Gemeinde: „Wenn ihr es wagt, eine Orgel zu bauen: wenn ihr eine Bresche legt in die jüdische Synagoge, eine Bresche, die zur christlichen Kirche führt: wenn ihr so intolerant seid, die Minorität einfach zu ignorieren, dann zwingt ihr uns zur Trennung!" Mit bewegten Worten bat und beschwor man den Vorstand, den Frieden nicht zu stören, wies ihn ans 'die herrliche Einheitsstcllung hin, die gerade die Kölner Gemeinde bisher unter allen Gemeinden eingenommen habe; doch alles vergeblich. Es ward beschlossen dem M o l o ch der 'Assimilation das Opfer der Orgel zu bringen und der Beschluß wurde unbarmherzig ausgeführt. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Jüdische Patrizier. Es ist die alte Geschichte: Der Großvater, ein guter Jude, rackert und plagt sich, Dis er sich ein ansehnliches Vermögen zusammengescharrt hat und zum Schlüsse baronisiert wird. Sein Sohn erbt von ihm Geld, Titel und Judentum. Dieser hinterläßt dann nach seinem Tode Geld und Titel, aber — kein Judentum. Beweis hierfür der Fall des Barons Viktor «choßberger de Toruya. Zur selben Zeit, da in Budapest Rabbiner Dr. Samuel Kohn anläßlich einer Feier des jüdischen Siechenhauses in erhebenden Worten das Andenken des seligen Baron Wolf Schloßberger de Tornya als eines mit „allen Tugenden eines guten Juden ausgestattetcn Mannes" seiert und ihn als nachahmendes Beispiel hinstellt, zur selben Zeit empfängt der Sprosse dieses also gefeierten Mannes, der Baron Viktor Schloßberger de Tornya samt Frau und Kinder in einer Wiener Kirche das'Sakrament der Taufe. — Ebenso haben sich in jüngster Zeit taufen lassen: Advokat Dr. Leo Munk nebst Frau und Kind, Herr de Bnzias aus Eisenstadt und Herr de Buda aus Goldberg. Rußland. Dem sozialistischen Pariser Blatt „Action" zufolge hat der Kriegsminister Kuropatkin einen vertraulichen Erlaß an die Armeekommandos gerichtet, in dem auf die revolutionäre Propaganda in der Truppe hingewiesen wird. Es sei bisher trotz scharfer polizeilicher Maßregeln nicht gelungen, die Verbreiter der aufreizenden Schriften ausfindig zu machen, zum Teil weil manche Korpskonimandeure sich Seite 11 mit der Vernichtung der Drucksachen begnügt und weitere Maßregeln unterlassen haben, weil sie sich andernfalls selbst zu kompromittieren fürchteten. Der Minister befiehlt, daß 'in den Kaserncnhöfen und an allen Türen ei» strenger Ileberwachungsdienst eingeführt werde. Im besonderen aber sollen die jüdischen Soldaten aufs schärfste beobachtet werden, da die Erfahrung gezeigt habe, daß sie mit ihren Glaubensgenossen am Orte meist in enger Fühlung stehen und unter diesen viele zur revolutionären Partei gehören. Es soll ein ganz besonderer Geheimdienst organisiert werden, der die jüdischen Soldaten und ihre Habseligkeiten zu kontrollieren hat. — Der „jüdische Revolirtionärismns" scheint nachgerade bei der russische» Regierung zur krankhaften Manie zu werden. In Wirklichkeit gibt es verhältnismäßig durchaus nicht mehr jüdische als russisch-orthodoxe revolutionäre Elemente, wahrscheinlich sogar noch weniger. Personalien. Frankfurt a. M. Herr Dr. Isaak Heinemann hat dem ehrenvollen Rufe an das Goethe-Gymnasium wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht Folge geleistet. Frankfurt a. M. Bor hundert Jahren war in 5 hessischen Dörfern mehr jüdisches Wissen vorhanden, wie Heute in 5 preußischen Provinzen zu finden ist. Es ist deshalb ein unersetzlicher Verlust für die deutsche Judenheit, wenn von den Wenigen, die noch bedeutende jüdische Gelehrtheit besitzen, wieder einer aus ihrer 'Mitte gerissen wird. Rabbi C h a j i m M e i r H o r o w i tz, der vergangenen Montag zur ewigen Ruhe getragen wurde, war einer der vorzüglichsten Kenner des Talmuds, sowie der Haskala-Literatur,' man kann sagen ein „Zano molei Safro". Trotz der geringen Zeit, die ihm durch den Kampf um das tägliche Brot übrig blieb — er hatte schwer um seine Existenz zu känipfen und war der Not ausgesetzt —, hat er fortwährend umfassende Studien betrieben; zu diesem Zwecke machte er verschiedentlich Reisen nach Italien und anderen Ländern, umnach alten jüdischen Manuskripten und Büchern zu suchen, die er dann katalogisch ordnete. Er hat eine Anzahl Schriften und Kataloge herausgegeben; wir nennen nur: „Bibliotheka Hagadica für die Berösfeutlichung und Bearbeitung älterer hagad. Schriften", „«ammlung von uralten noch iinedierten halachischen und hagadischen Borajta's" und .Kommentar zu de» Sprüchen Salomons von R. Abraham Abe» Esra, mit Einleitung und Unmerkungen versehen." Heber den Lebensgang Rabbi Horowitz ist zu berichten, daß er 1855 in Pinsk geboren wurde, die Jeschiwoh in Woloznie und später das Hildesheimersche Rabbiner-Seminar in Berlin besuchte. Stratzburg. Dr. Israel Friedländer, Privatdozent für Arabisch-Syrisch an 4>er hiesigen philosophischen Falkultät hat einen Ruf an da ■ theologische Jentsch-Seminar in N e w y o r k erhalten und angenommen. Fürth» 12. April. Kommerzienrat Simon Frankel ist heute geswrben. Derselbe stand hier in hohem Ansehen. Für Arme und Bedrückte hatte er stets eine hilfsbereite, offene Hand. Ans der Lehrerwelt. Colmar. Dem „Elsäffer Tageblatt" wird aus Grussenheim unter der ileberschrift „T o l e r a n z" berichtet: Der freie Lehrerverein des Kantons Andolsheim hielt am 22. d. M. zu Grussenheim eine Konferenz ab, wobei Herr Lehrer Weiß eine Gesangprobe und Herr Lehrer Stüssel eine Lehrprobe im Rechnen hielten. Die Versamnilung fand nm 2 Uhr im i s r a e l i t i s ch e n S ch u l h a u s statt. Am Morgen desselben Tages kamen die Schüler des Herrn Lehrer Weiß aus der Kirche und sagten ihrem Herrn Lehrer, daß der Herr Pfarrer ihnen verboten habe, die jüdische Schule zu besuche n. Er würde keinen zur Beichte hören, der in die Schule ginge. Sie sollten dann nach Jebsheim zur Beichte gehen. Sogleich ließ Herr Lehrer Weiß den Herrn Bürgermeister in die Schule rusen, um die Aussagen der Schüler z» bestätigen. Nachmittags ging nun Herr Lehrer Weiß mit seinen Schülern in die israelitische Schule und hielt daselbst eine glänzende Lehrprobe im Gesang, Herr Lehrer Stüssel hielt ebenfalls seine Rechenlehrprobe ab. Alles verlief zu voller Zufriedenheit der Anwesenden. Weder ein evangelischer noch ein israelitischer Lehrer suchten einen katholischen Knaben zu bekehren. Es ist traurig und recht zu bedauern, daß noch im 20. Jahrhinidert diejenigen, die den Frieden und die Liebe im sinne des Religionsstifters predigen sollten, schon in die Herzen der Jugend den Samen der Zwietracht und des Hasses säen. Zweibrückea. In der Angelegenheit des hiesigen Rabbin als hat nach dem „Merk." auf 'eine neuerliche Vorstellung der israelitischen Kuktusgemeinde Zwcibrücken das K. Kultusministerium und zwar zufolge seiner Entschließung vom 17. Januar 1904 erkannt, daß in eine Würdigung, der einschlägigen Verhältnisse einzutreten sei. Die K. Regierung hat deshalb über die'Sachlage zu befinden und die Entscheidung des Obcrlandesgerichts ist bis dahin zurückgeftellt. Im Verlause der durchgeführten