Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 14 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aeite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. - Nr. 14. fcu ober zu Gewerbe- und Hausdiensteii aiigeiwinmen werden. Von besonderer Wichtigkeit ist 8 12 dieses Gesetzes, welcher diejenigen Juden von de» Vorteilen der Verordnung ausschließt, welche N o t h a n d e I treiben. Zu diesen wird gerechnet die Vic h in alle r e i, der geringe V ie h h a.n d e l, d. h. wenn lemand im Einzelnen ein Stück Vieh ankaust, um es gleich wieder an einein anderen Orte zu verkaufen, der Leihhandel, wie Trödel und Hansiergeschäfte. Jenen Juden werden die bürgerlichen Rechte und die damit verknüpsten Vorteile verjagt. Ihnen können nur Schutz- oder Toleranzscheine ausgestellt werden. Meines Wissens ist diese Einschränkung einzig in der Gesetzgebung damaliger Zeit. Absicht des Gesetzgebers mag wohl nur die Erziehung zu Kaufleuten, Handwerkern und Landwirten gewesen sein, denn nach § 18 sollten neue Erlaubnisscheine zum Nothandel nicht erteilt werden. Ausländischen Juden war der Nothandel nur aus den Jahrmärkten erlaubt. Die Freizügigkeit wurde auch etwas eingeschränkt, denn Jrwen durften an Orten, an denen bisher keine gewohnt, nur vermöge kurfürstlicher Erlaubnis sich niederlassen. — Das ganze Gesetz wurde nur für die kurhessischen Lande, mit Ausnahme des Bistums Fulda und des Fürstentums Hanau*) verkündigt. — Vergleicht man die Gesetze der Juden in damaligen deutschen Staaten, so gebietet es die Gerechtigkeit, dem Gesetzgeber heute noch dankbare Gesinnung zu bewahren, denn er brachte den Juden Kurhessens viel Gittes. An dem wetteren Ausbau dieses Gesetzes von 1816, das die Grundlage der von 1823 und 1833 bildete, welche heute noch im ehemaligen Kurhessen rechtsverbindlich sind, hat Dr. Jaeob Pinehas sich große Verdienste erworben. Einem berufenen Mann muß es Vorbehalten bleiben, Leben und Wirken dieses ebfen Menschen zu schildern. Nicht unerwähnt werden dabei die Mühen des vielgeschmähten Ministers Hassenflug bleiben dürfen. Wenn die Juden im jetzigen Regierungsbezirk Kassel eine Zentralbehörde haben, wenn in diesem Landesteile die jüdische Volksschule gesetzlich sestgelegt ist, so ist dies ein Erbe der Väter, das bewahrt und behütet werben möge! Kassel. L. Horwitz.. iine EczMimg füc meine lieben MckWe. Eiu Traum. Nachdruck verboten. Ein Spätsommertag war's. Im Balkonzimmer war es drückend heiß, trotzdem die Jalousie» heruntergelassen waren. Ich lag in Großmutters bequemen Schaukelstuhl und überließ mich ganz dem süßen Nichtstun. Nichts störte meine Ruhe; denn ich war ganz allein im Hause. Nur ab und zu das Rollen von Rädern, das nur gedämpft durchs Fenster klang. Vor mir auf einem Tischchen duftete ein großer Strauß Feldblumen, den ich heute einem kleinen Judenmädchen für 10 Psg. abgekauft hatte. Großmutter habe ich es nicht erzählt, denn sie sieht es nicht gern, wenn ich mit diesem Volk in Berührung komme. Den Groschen hätte ich auch einem christlichen Bettler geben können. Da hätte ich doch etwas Gutes getan. Aber die Feldblumen sind meine Schwärmerei. Es gibt für mich nichts Schöneres, als die würzig duftenden, farbenprächttgen Blumen und zu meinem 16. Geburtstag haben mich alle schönen Bouquets auf Draht garnicht so erfreut. Sie kommen mir alle so steif und arttg vor, fast wie meine französische Lehrerin, die garnicht ein wenig lustig mit mir sein kann. Und ich bin doch so gern lustig! Und niemand, mit dem ich mich so recht anstollen kann! Wie anders hat es doch die Tochter vom Kommerzienrat Simonson. Oft, wenn unsere Fenster geöffnet sind, schallt ihr fröhliches Lachen und Scherzen bis zu uns hinauf. Sie hat so viele Freundinnen und genießt ihr Leben. Während ich! — Ich habe Großmutter wirklich lieb, von Herzen lieb und sie ist so gut zu mir. Mer doch fehlt mir sehr, sehr viel, Altersgenossine», mit denen ich so recht einmal von Herzensgrund lachen könnte, alles das sorllachen, was wie ein. Alp mir auf der Brust liegt. Mer ich sehe es ja ein, was ich meinem Nmnen schuldig bin. Ich kann hier keinen standesgemäßen Umgang haben — so sagt Großmutter — und mit bürgerlichen Mädchen — nein, das geht nicht. Und nun noch gar mit Aliee Simonson. Da maß ich wirklich lachen. Die Enkelin des antisemittschen Wgeordneten und die Jüdin! *) Fulda kam erst int Jahre 1816 an Kurhessen, Hanau 182L Wir wollten damals kündigen, als Kommerzienrats die Beletage bezogen, aber wir fanden keine passende Wohnung und da blieben wir. — Wie schwül es doch ist! Ich lehne mich bequemer zurück, die Hitze wirkt wirtlich einschläfernd, denn ich fühle, wie meine Lider schwer werden. Die Blumen duften süß zu mir herüber. Wie niedlich ist doch dieser Fingerhut! Es ist wirklich schade, daß er Gift in sich birgt. Und dieser prächtige Mohn! Wie steif er auf seinem Stengel steht. Wie sonderbar die Blumen aussehen! Sie bewegen sich durcheinander 'und es ist doch kein Luftzug in dem verschlossenen Zimmer. Und was ist das? Ganz deutlich höre ich jetzt Stimuieii lieblich Und süß und entzückt lausche ich. Von den Blumen kommen die küßen Laute. „Guten Tag, Schwestern", sagte eine Kornblume, wie eng ist's doch hier! Ach, und so erstickend heiß! Mein liebes, schönes Feld mit den wogendeit Halmen und dein erfrischenden Wind, der zur Wendzeit darüber hinstrich. Wie sehne ich mich wieder nach dort!" „Mein Freund/ der Schinetterling, hat mich wohl heute vergeblich gesucht, sagte eine andere. „Sonst hat er sein Abendmahl immer bei mir verzehrt und hat mir zum Dank dafür immer erzählt von dem schönen Walde, der jenseits unseres Raines lag. Ach, wie wunderherrlich muß es da sein. Da giebt es Banmriesen, die bis in die Wolken ragen, so erzählte er, und die Erde ist mit einem grünen Moosteppich bedeckt und ein lustiger Bach plätschert dort und erzählt von bett Menschen ba draußen mb der großen Stadt, wo alles durcheinander hastet. Ich habe so gerne zugehört." Die große Mohnblume mischte sich jetzt in das Gespräch. Sie schien die Vornehmste unter beit Blumen zu sein, denn die Anderen schwiegen, als sie das Wort ergriff. „Wir haben sie ja gesehen. Deine prächtige Stadt"; sie lachte spöttisch, „fi done, ich kamt nichts Schönes an diesen grauen, häßlicheit Mauern, an diesen elenden Kasten finden, die die Menschen Häuser nennen. Man sieht ja nicht ein Stückchen blauen Himniels. Und nun gar das Zimmer, in das uns die Kleine brachte. Wie sah die halbdunkle Kammer aus!" „Das arme Kiitd," sagte eitle Rade, „ich muß gestehen, ich ließ mich ganz gern von ihr pflücken, denn mir tat ihr trauriges Gesichtchen so leib. Warum weinte sie nur so herzzerbrechend, als der Junge mt der Straße ihr „Jude" nachrief. Das mutz doch ein gar arges Schimpfwort sein." „Wo denkst Du hin," sagte die Kornblume, „entsitmst Du Dich noch des Greises, der einst über unser Feld schritt, auf einen .Knaben gelehnt, den er Enkel nannte? "Sein grauer Bart wallte über die Brust und er sah so ehrwürdig aus, daß wir Blutuett uns vor ihm neigten. O, ich weiß noch jedes Wort, das er sprach. „Blicke hin über dieses Aehrenfeld", sprach er, „und erkenne aus jedetn Halt» Gottes Mlmacht und Größe. Wo ist der Künstler, der das Geringste in der Natur, sei es auch nur solch' einen Grashalm, nachznbilden vermag? O, über die Ameisenhirne, die nach Beweisen für eine Gottheit suchen. Tritthinaus in die Natur, und mif jedem Schritt blühen, duften, atmen dir die lebendigen Beweise entgegen, lind wir, meitt Sohn, wir sind es, die der irrenden Menschheit zuerst den Glauben an den Einzig Einigen brachten, wir Inden. Du bist noch jung; doch auch für Dich wird die Stunde schlagen, wo Du allein in die Welt treten tvirst. Es werden manche Versuchnngen an Dich herantreten. Da sei Dir das Beivußtsein, Jude zu sein, der Talisman, der Dich vor allen Gefahren schützen wirb. Wie sehr auch die Spottsncht, der Haß an Deinem Glauben zerren werden, halte es hoch. Dein "teuerstes Gut, für das so viel Blut Deiner Vorfahren geflossen ist. Nie verlasse Dich der Stolz, Jude zu sein, zu dem Volke zu gehören, das durch Jahrtausende hindurch "trotz Anfeindungen von den Andersgläubigen das Panier des wahren Glaubens hochgehalten hat." So sprach der Greis und die Augen des Knaben leuchteten, als er voll Bewunderung zu dem Großvater aufschaute. Nein, Jude zu heißen, ist keine Schande. Wer ich weiß, warum unsere liebe Kleine so bitterlich Iveinte, als der Junge ihr nachri.es. Der Schmetterling, der gerade bei mir war, als der alte Mann vorüberging, hat mir davon erzählt. Er weiß es vom Waldbach, der ein gar weiser Mann ist. „Siehe," hat der Waldbach gesagt, „da in der Stadt, die jenseits unseres Waldes liegt, wohueir auch Juden. Doch die Christen hassen sie und da sie in der Mehrzahl sind, so nutzen sie ihre Macht aus und zeigen ihren Haß, Ivo immer sie können. Ja, denkt nur, auch die Kinder, diese unschuldigen Geschöpfe, lehren sie, die Juden zu verachten. Ihre Religion aber nennen sie die Religion der Nächstenliebe. Ich wollte so manches Mal überschäumeit vor Entrüstung, wenn eine Rotte Straßenjungen einen alten Mann, der gebückt unter der Last eines Tragkorb.es ging, um sein Brot sauer genug mit Hausieren zu verdienen, Jude, Jude tiach schrie." „Wie," sagte der Mohn, „und gar dieses Mädchen hier! Schaut Euch uni in diesem Ziinmer und dann denkt an die elende Kammer, iti die die Kleine uns zuerst brachte." „Habt Ihr bemertt," sagte die Rade, '„wie chüchtern das Kind herantrat? lind wie verächtlich das.Mädchen ihr das Geldstück hinwarf, sodaß sich die Kleine in die Gosse bücken mußte, um es anfzn-- heben?! Empört wandten sich alle Blntnen nach mir hin. Immer näher und näher beugten sie sich. Erschreckt hob ich den Arm zur Abwehr — ein lautes Gepolter — ich erwachte und die Vase lag in tausend Scherben am Boden. O, Weh, was hatte ich ungerichtet! Tiechinesische Vase, der Stolz meiner Großmutter, die sie einst von einer Fürstin am Hofe geschenkt bekommen. Doch ich tver.de das schon einrenken! Es ist ja nicht aus Mutwillen geschehen. Aber die Hitze liegt wie Blei auf mir, oder ist es der dumme Traum, der mich so verstimmt. Aas hatten die Blumen gesagt? Wir predigen die Nächstenliebe und hassen die Juden, die doch ebenso gut Menschen sind wie wir!-Ebenso gut? Würde da die Großmutter mich lehren, sie zu verachten, wenn es gute Menschen Ivären. Allerdings, mir haben sie noch nichts getan, und der Alice da unten könnte ich sogar gut sein, weint sie nicht gerade eine Jüdin wäre. Die Inden sind engherzig, feige und tun Böses, ivo sich ihnen Gelegenheit bietet, so ist mir immer erzählt worden. Doch ich habe kürzlich selbst gesehen, wie der Kominerzienrat einen Armen reich beschenkt hat, der nicht einmal ein Jude war. Bei uns wird nicht gebettelt, denn meine Großmutter ist Mitglied des Vereins gegen Bettelei.- Wie kommen mir. »un alle diese Gedanken? Ich habe doch sonst über solche Dinge nie nachgedacht!! Das hat der Traum bewirkt, der mich 'auch "wachend noch betinruhigt. Ich muß ihn doch einmal der Großmutter erzählen. Blume Michaelis. Aus aiXex Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Unter den Schulen Frankfurts hat die Realschule der israelitischen Gemeinde (Philantropin), deren H u ndertjahrfeier am 14.—16. April begangen wird, von jeher eine angesehene Stelle eingenommen, lind mit Recht, denn tüchtige Schulmänner als Leiter und Lehrer haben stets an ihr gewirkt und haben zu allen Zeiten freudig ihr bestes Können geopfert, die ihnen anvertrante Schule in wissenschaftticher Beziehung auf einem Niveau zu halten, welches ihren pädagogischen Fähigkeiten und ihrer Berufsfreudigkeit zur Ehre gereicht. Das Philantropiii ist in der sogenannten -Aufklärungsperiode mit der Absicht gegründet worden, in erster Linie den Unbemittelten, denen zur Zeit des Entstehens der Schule die allgemeinen Schulen noch verschlossen ivaren, allgemeine Bildung zuzusühren, erst später wurde aus ihr eine Realschule. In dem 1808 veröffentlichten Unterricht plan der Schulsektion der jüdischen Gemeinde heißt es: „Nicht die Natur hat uns zu dem bestimmt, was wir in den meisten Staaten gegenwärtig sind, nicht unsere ursprüngliche mosaische Religion in ihrer Reinheit hat Mißtrauen gegen uns-erregenkönnen, sondern die einzelnen Auslegungen und Meinungen der Gelehrten der verschiedenen Zeitalter, deren Doktrinen in dem Mlans von Jahrhunderten Anhänger gefunden und so nach und nach Sanktion und Autorität erhalten haben. Die Reihe hält nun an uns, mit dem Zeitgeiste fortzurücken, und so lange dieses nicht geschieht, werden alle wohltätigen politischen Verbesserungen keine heilsamen Wirkungen auf uns haben." „Unsere reine Religion, so wie jede andere, heischt die Beförderung der Moralität und Sittlichkeit, bis