Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 14 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Aus der Lehrerwelt. Magdeburg. Herr S. Winter feierte am 1. April das Fest seiner 22jährigen Amtstätigkeit als Kantor der hiesigen Synagogengemeinde. .Lemberg. Am letzten Tage des Pesachfestes stürzte in der großen Synagoge während des Aushebens vor dem offenen Araun hakaudesch der achtzigjährige Oberkantor Baruch Sch o r r plötzlich t o t zusammen. — Infolge der hierdurch verursachten Aufregung brach in der Frauenabteilnng eine Panik aus, -bei der mehrere Frauen erheblich verletzt wurden. Lobsens. Um die hiesige Synagogendienerstelle, die mit 600 ..II. Jahresgehalt ausgeschrieben worden ist, sind 30 Bewerbungen, eine sogar ans Prcßburg, cingegangen. Liga i.P., 5. April. Seinen 70. Geburtstag feierte i„-der vergangenen Woche-der Rabbiner Dr. B ä cf. Als Vorsitzender des Schulvorstandes überreichte Bürgermeister Wollburg dem GebnrtstagSkinde mit einer längeren Ansprache einen silbernen Becher. ^Jm Name» der Gemeinde gratulierten Stadtältester, Stadtrat Jaknbowski und Justizrat Wolfs. Die Karaitin und der Cha«. Eine Perle aus der Sagenwelt der Karäer habe ich hervorgeholt, doch bevor ich sie euch zeige, must ich euch erst mit den Karäer» bekannt machen. Die Karäer sind eiiie jüdische Sekte und zwar die einzige Sekte, welche wir Inden haben. — Wie so häufig im Leben, so war auch hier nur eine geringfügige Ursache der schnecbcill, der zu einer Lawine anschwoll. Als nämlich 762 der Exilarch Salomon gestorben war, sollte seine Würde auf seinen Neffen Anan übergehen. Da Anan aber talmudfeindliche Gesinnungen hegte, so schlossen ihn die Gaonim (die Leiter der Hochschulen in Susa und Pnmpaditas vom Exikarchat (das weltliche Führeramt der Juden in Babylonien, dem sich aber auch die Juden ansterhalb des babylonischen Reiches nnterordneten) aus. Anan wanderte nun nach Palästina und warb dort Anhänger für seine Lehre, das; nur die schriftliche Lehre (Thora) nicht aber die mündliche (Talmud) verbindlich >ei. Heute noch gibt es in Südrußland an hunderttausend Seelen von den Nachkommen jener, die ihm nachgegangen waren. Diese Leute nun nennt man Karäer. * * * Fremdling, dn bist schon durch die schweigenden Hallen und Laubgänge im Palaste unserer früheren Herrscher geschritten. Alles ist still und tot in ihnen, und die Hand des Pflegers wartet ihrer nur zum Gedächtnis der Verstorbenen. Fremdling, dort sähest du auch-ein ehrlvürdiges Mausoleum, das Grabmal eines Chan Dwelet. Es ist ganz von schwarzem Marmor, den der Meisel mit rohen Strichen behauen, damit cs anssehe, als ob Feuer den Stein geschwärzt habe. Nur über dem Eingang leuchtet umsomehr eine glänzend Weiße Tafel mit'goldenen Buchstaben in arabischer Schrift. Sie verkündet den gräßliche» Tod des Chans und — einen Fluch über uns Karäer. Du siehst, der Fluch hat uns nichts geschadet, denn was vermag ein toter Chan? Laß mich dir den ilntergang des Chans und die Ursache seiner Verfluchung berichten.- Der Chan Dwelet war ein junger blühender Mann, und die Geschichte beschreibt ihn als klug und wissensreich. Nur leidenschaftlich und jähzoricig soll er gewesen sein, denn das Feuer seiner Jugend wallte und brauste in ihm und wollte alles vernichten, was sich ihm entgegenstellie, dahingegen verachtete er, was er besaß. Er hatte ein Harem voll schöner Frauen, aber sein Fuß betrat ihn nicht. Seinen Schätzen schenkte er keinen Blick, sondern kleidete sich einfacher, als der geringste seiner Würdenträger, und seine Tafel war so einfach, wie die eines armen Wasserträgers. - Dabei war er sonderbarer Laune. Oft schloß er sich in sein Gemach ein und niemand durste dann vor sein Angesicht treten; oft wieder jagte er auf ivildem Rosse hinaus in die Steppen oder in die Felsen und irrte tagelang in der Oede umher, mit dem Getier der Wildnis es aufnehmcnd, Leben um Leben. Man erzählt sich auch, daß er bisweilen verkleidet im Volke umhergcgangen war. Beständig war darob die Aufregung, in der sein Volk lebte, und jeder Tag brachte ein Neues, was man sich leise zuflüsterte ans den Bazars und weiter berichtete in den Hütten der Leute. Dort, wo die Stadt den Abhang hinuntersteigt, lag, etwas entfernt von den übrigen Wohnungen, das Häuschen einer Karäerfamilie. Sie war arm, denn der Vater war bettlägerig und der einzigen Tochter lag die Ernährung der Familie — des alten Vaters und eines kleinen Bruders — ob. Doch ein fester Wille und große Kraft lebte in dein jugendlichen Körper des Mädchens; mit der einen Hand hob und pflegte sie den Vater, mit der anderen förderte sie ihre harte Arbeit. Ach, Fremdling» fühlst du, wie groß eine Seele sein muß, die sich und die Freuden der Jugend opfert für die Ihrigen. Warum ist es so vielen gegeben, nur Wohltaten von den Eltern zu empfangen, und nichts dafür leisten zu können? — Und Mirjam mar auch fromm und gottesfürchtig. Kein Gebet verfehlte sie, kein Gesetz ließ sie unbeachtet. Außerhalb der Hütte sah man Mirjam nur, wenn sie ihre Arbeiten zum Lohnherrn trug, um den täglichen Sold zu erhalten und dafür die Bedürfnisse des Lebens einzukausen. Ernst war für sie das Leben, und ohne den Flittertand der Vergnügungen floß cs gleichförmig dahin. Dafür aber hatte sie Gott — ohne daß sie es wußte — mit großer Schöicheit gesegnet. Vor ihrem glühenden Auge hielt kein anderes Stand, in hoher Gestalt schritt sie majestätisch eiligen Schrittes durch die Straßen und öffnete sie den Mund, dann erklang die purpurne Lippe von süßer Rede. Aber kein Jüngling warb um sic, denn niemand wagte eS, weil keiner sich würdig dünkte, sie zu besitzen. — — Eines Freitags Abends war die sonne früh untergegangen und Dunkel in der Hütte. — Ich höre zwar, Fremdling, daß ihr anderen Juden Licht zündet au des Sabbats Vorabend, aber uns bleibt solche Entheiligung fern, denn die Lehre des Herrn .hat sie verboten. — Mirjam saß am Lager ihres Vaters, der vor großen Schmerzen stöhnte. Sie strich mit ihrer zarten Hand den steifen Arm des Greises, daß cs ihm ivohl tat. süß schlummernd ruhte das Lockenhaupt ihres Brüderchens aus ihrem Schoße. Tiefe Stille herrschte überall, nicht einmal das Zirpen eines Heimchen war vernehmbar. Plötzlich erschollen kräftige Männerschritte und gleich darauf pochte es an die Türe des Hauses. „Tritt herein!" rief die Jungfrau, „denn die Pforte ist offen." Ein Druck auf die Klinge und im Rahmen der Tür erscheinen die Umrisse einer breitschultrigen, imposanten Erscheinung. „Ein Tricnk Wasser für einen Durstenden!" „Du sollst ihn haben, wenn Tu im Finstern scheu kannst." Da stieß der Fremdling das Fenster auf, und hercinquoll das volle Licht des Mondc-s und übergoß mit seinen Strahle» die herrliche Gestalt und das edle Antlitz der Jungfrau, die ausgestanden war, nachdem sie den schlummernden Knaben auf sein kleines Lager gelegt hatte. Der Fremde wich bestürzt zurück, und mehrere Male mußte sie ihm den geforderten Trunk anbieteu, bevor er sich dazu, verstand, ihn anzunehmen. „Zündet Ihr," fragte er endlich, „ans Armut keiic Licht an?" „Nein," antwortete sie, „ivir sind Karäer und das Gesetz der Väter verbietet das Lichtanzünben am Sabbat des Herrn." „Wie kann ich Dir danken, daß Tu mich erquickt hast/ der ich dem Verschmachten nahe war, denn ich war zwei Sonnenaufgänge in der steppe?" „Es ist des Dankes nicht wert; erquicke dafür eilt anderes Mal einen Durstenden!" „Dn bist eine Houri, aus dem Paradiese zum Trost der Menschen auf Erden gesandt." „Wenn Du, Moslitn, solches erwartest, so schmähe das Himmlische nicht." „Darf ich wiederkommen? — siehe, Tein Vater ist — wie ich bemerke — krank, und ich bin Arzt." „Wir haben leinen Loh» dafür zu bieten." „Den Lohn gebe Allah und Tein Anblick, Mädchen!" „Kommst Du, meinell Vater zu besuchen, und seine Schmerzen zil lindern, so wird Dir unser Segen danken; aber Du mnßt einfach reden und tun, wie wir einfache Leute es verstehen." „So werde ich kommen und schweigen." — — Der Fremdling ging und kam öfter tvieder und brachte Balsain und' kühlende Getränke mit, die dem Vater Linderung brachte»; aber er kam stets in der Dämmerung und immer in anderer Tracht. Mirjam dankte ihm nlit Wort und Blick. Eines Tages aber brachte er auch Geschenke mit, Geschmeide für Mirjam und süßes Backwerk für den Bruder. Da wies ihn Mirjam sanft zurück; sie wollte nicht nehmen, lvas sie nicht verdient hatte. Vergebens drang er in sie, und als alle Bitten nichts halfen, da wurde er wild und ließ häßliche Worte fallen. Da weinte sie bitterlich nüd ging hinaus. Ihr Vater aber richtete sich von seinem Lager auf und sprach: „Herr, Ihr habt mir Gutes getan, und tief kränkt es mich, es nicht mit Gutein vergelten zu können. Aber störe nicht unsere Ruhe, denn ich will nicht leibliche Ruhe mit dem Frieden der Seele erkaufen. Nach den Worten, die Ihr gesprochen, dürft Ihr meine Töchter nicht mehr sehen, also mein Haus nicht mehr betreten. Der Herr lohne Euch für alles Gute, so ihr mir getan; ewig werde ich Euch dafür dankbar sein. Und nun geht! Bringt euere Güte anderen Leidenden. Da wurde der Fremde bleich, krampfhaft biß er die Zähne zusammen, plötzlich schwollen ihm die Zornesadern an und seiner Wut freien Lauf lassend, entfuhren ihi» die Worte: „Was, Hund von einem Juden, Dic verbietest Deine Schwelle Deinem Herrn? — Wisse, ich bin der Chan! Fürchte meine Rache!" Und ohne sich umzublicken, stürzte er zum Hause hinaus. Deic armen Kranken aber hatte bei den furchtbaren Worten der Schrecken übermannt, seine steifen Glieder brachen zusammen, der Kopf siel machtlos in den Rücken, er war tot. Mirjam stand tief in ihren Schmerz versunken am Totenlager des Bater-s. Der Knabe war hinausgeeilt, um einige Leute zu holen, den Vater zu betrauern und zic beweinen. Sie hatte die letzten Worte des fremden Arztes vernommen; sie wußte nun, daß es der Chan selbst gewesen war, ln dessen Hand ihr Leben stand. Und, was für ein Feuer in ihm loderte, hatten ihr seine brennenden Augen nicht erst seit heute verraten. Schon längst hatte sie auf schritt und Tritt feine gierig verfolgenden Blicke an ihren Fersen heften gefühlt — und nun die schreckliche Erkenntnis, daß sie schütz- und hülslos dem Willen dieses wild eck Menschen preisgegeben sei. Fremdling, so fühlt sich das schutzlose Lamm, wenn der Geier in immer näheren Kreisen über ihm schwebt; so zittert das Böglein, wenn die flln- ,Die Gebetriemen" von H. Rothschild. Zu unfern Bildern. Am 22. März fand bei Rudolf Bangel in der Kaiserstraße hier eine Bersteigerung von Gemälden statt, unter welchen sich zwei befanden, die unsere Leser ganz besonders interessieren dürften und die wir auf Seite 1 und 3 in Abbildung bringen. „Quint Bella" und „Die Gebetriemen" betiteln sich die Bilder, welche ein junger Krakauer Maler, der seiner Veranlagung gemäß zu hohen Erwartungen berechtigt, angefertigt hat. Die Gemälde gingen um die unverhältnismäßig billigen Preise von Mk. 310.— und Mk. 95.— weg, in wenigen Jahren dürsten sie das vielfache wert sein, denn sie haben unleugbar einen bedeutenden, künstlerischen Wert.