Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 14 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Stile 2 Z.Z- ^jiantfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 14. von kleinen Geschäfts« und Handwerksbetrieben, und für die Umsicht, mit welcher dieser Zweig ihrer Tätigkeit betrieben wird, ist es kennzeichnend, daß nur 2 Prozent durchschnittlich von diesen Darlehen verloren gehen. Sie läßt ferner Knaben und Mädchen nützliche Handwerke erlernen.. Die so Unterstützten müssen, damit ihnen das drückende und erniedrigende Gefühl des Mmosenempfangcs gcnonimcn Ivird, sobald sie Lohn empfangen, einen Teil der auf sie verwandten Auslagen wiebercrstatte». Ein letzter Zweig ihrer Wirksamkeit, der indessen nicht allerseits günstige Beurteilung findet, ist die Heimsendung solcher Personen, welche mittellos cingewandcrt sind und sich keine Existenz haben gründen können, in ihr Vaterland. Ohne die häufig äußerst schwierige Situation, in der sich die Jewish Board oj Guardians befindet, zu verkennen, muß man die Rücksendung der Unglücklichen in den Nachen des russischen Despotismus für einen Ausweg halten, der unter keinen Umständen benutzt werden darf. Zu einer neuen Geißel für viele jüdische Detail- Händler könnte ein von Lord Aveburg eingebrachtcs Gesetz über das Feilbieten von Waren in öffentlichen Verkaussstätten am Sonntag werden. Es steht aber zu hoffen, daß, wie es bei dem Fabrikgesetz gelungen ist, flir solche Juden, die ihre Fabriken am Sabbat geschlossen halten, die Erlaubnis zu erwirken, am Sonntag arbeiten zu lassen, eine gleiche Ausnahme sich auch im Handel ermöglichen lassen wird. Daß an solche Ausnahmen hierzulande überhaupt gedacht werden kann, beweist doch wiederum, daß die englische Gesetzgebung von cinenr Geiste der religiösen Toleranz und Gerechtigkeit erfüllt ist, an dem andere Länder sich ein Muster nehmen könnten. In dieser Beziehung gibt die königliche Familie ein schönes und nachahmenswertes Beispiel. Es ist ja bekannt, daß der jetzige König schon als Kronprinz mit Lord Rothschild und anderen Größen der jüdischen Hochfinanz, welche hier noch an allen jüdischen Gemeindcangelcgenhciten einen lebhaften Anteil nimmt, in freundschaftlichen! 'Verkehre stand. Daran' hat sich auch seit seiner Thronbesteigung nichts geändert. So, können wir alle paar Wochen in dem Hofberichte die Notiz finden, daß Sc. Majestät der König bei Lord Rothschild zu Gaste war. Auch der vor einigen Wochen verstorbene Herzog von Cambridge war ein großer Freund der Juden. Es steht noch in aller Erinnerung, wie er im-Jahre 1897 als Mitglied der königlichen Familie persönlich einen zum Jubiläum der Königin neu errichteten Flügel des großen .jüdischen Siechen- und Waisenhauses eröffnete und bei dieser Gelegenheit Worte wärmster Anerkennung für den großartigen Wohltätigkeitssinn der Juden fand. Einen schweren Verlust erlitt die englische Judenheit durch den Tod des Ober st en Albert Eb- >vard Goldsmid. Er gehörte zu der alten, sich zur spanisch-portugiesischen Gemeinde haltenden Familie der Goldsmid, welche mit zu den ersten gehörte, die sich nach der von Cromwell erteilten Erlaubnis wieder in England ansiedelten. Der Zweig der Familie, welchem er angehörte, war zmn Christentume übergetretcn. Sein Vater ivar ein angesehener höherer Zivilbeamtc in Indien. Der Söhn erhielt seine Erziehung in England und hier erwachte, als er schon in die Armee eingetreten ivar, in ihm die Liebe zu dem angestammten Glauben. Er wurde von Dr. Ascher in die Lehren des Judentums cingeführt und er wurde ein begeisterter Anhänger seiner Religion, für deren Wohlfahrt und Interessen er bei jeder Gelegenheit, die sich "ihm bot, mit der ganzen ihm eigenen Wärme und Entschiedenheit cintrat. Aus aftex Wett. Deutschland. Berlin. Beim Abschluß des Schuljahres werden diejenigen Eltern, die noch keinen bestimmten Beruf für ihre schulentlassenen Söhne gewählt haben, vom Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden daraus aufmerksam .gemacht, daß aus dem der Bodcnkulturgesellschaft m. b. H. gehörigen Gute Reuhos bei Posen noch einige Zöglinge zur Ausbildung in der Landwirtschaft angenommen werden können. Diese müssen das 15. Lebensjahr überschritten haben und körperlich gesund sein. Sie haben einen praktischen Kursus von drei Jahren durchzumachen und werden in dieser Zeit mit allen landwirtschaftlichen Verrichtungen vertraut gemacht. Die Verpflegung ist rituell. Alle Einzelheiten sind von dem Geschäftsführer Mühlcnbesitzec I. Roscnthal,' Posen, Wilhelmstr. 25, zu erfahren. Leipzig. In der Stadtverordneten-Versammlung ries 'der Punkt der Tagesordnung, einen Beitrag von 600 Jk a n di c israelitische Gemeinde z u gewähren, eine' längere Debatte hervor. Der Berichterstatter Herr Bizevorsteher Rehwoldt wies zur Begründung aus die von der israelitischen Gemeinde für ihre Mitglieder geübte Wohltätigkeit hin, wodurch die Arnicnausgabcn der Stadt vermindert werden. Herr Rcchtsanioalt Schnauf; sagte, der Antisemitismus sei durchaus nicht gegen die Juden gerichtet, aber für die Bewilligung könne er nicht sein, weil die israelitische Gemeinde viele ausländische Juden unterstütze, die dadurch hier bleiben und so den hiesigen Einwohnxrn Konkurrenz machten. Herr Bürgermeister Dr. Dittrich betonte, daß nicht die israelitische Gemeinde nach der ersten Ablehnung an den Rat herangetreten sei, sondern letzterer habe aus eigenem Antriebe remonstriert. Herr Seifert war, wie früher, wieder gegen die Gewährung der Beihülse. Herr Vorsteher Dr. Junck: Eine SI6* lehnung des geringen Betrages von 600 Jk werde immer wie eine Unfreundlichkeit gegen den israelitischen Teil der Bürgerschaft ausschen; einer solchen Auslegung wolle er sich nicht aussetzen'. Herr Gocrger erklärte, daß er sein Mandat immer in paritätischem Sinne anszuüben gedenke und demgemäß für die Bewilligung stimmen werde. Nach . weiterer Debatte wurden die 600 .11. mit 32 gegen 24 Stimmen bewilligt. Schivelbein» den 1. April. Nette Früchtchen sind, wie ein jüngst entdecktes Komplott zeigt, unter den Zöglingen des jüdischen Erzichungshauscs in Rcpzin. Am Dienstag Abend brannte das Wirtschaftsgebäude genannter Anstalt ab. Mit. dem Ausbruch des Feuers waren auch zwei Zöglinge, welche von einem Wärter, der deswegen sofort entlassen wurde, ihre Kleider erhalten hatten, entflohen. In den Wohnräumen, dem alten Schlosse, fand man zwei Eimer Petroleum zur Entzündung bereit vor. Wie nun die beiden am Mittwoch in Anklam ergriffenen Ausreißer eingestanden haben, ist von ihnen die übernommene Aufgabe, das Wirtschaftsgebäude in Brand zu stecken, gelöst worden, während vier andere ihr Versprechen, zu gleicher Zeit das Schloß anzuzündcn, nicht gehalten haben. Die Gemeinde Repzi» . stellt während der Nächte drei Mann Wache, bis es gelungen ist, vollständige Klarheit über die Sache zu schaffen und um weitere Exzesse zu verhüten. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Die „Jüdische Haushalt u n g s s ch u l e" bezweckt, den aus den Erlverb angewiesenen jungen Mädchen jene Kenntnisse anzueignen, welche sie befähigen, eine Stelle als Hausmädchen, Köchin, Stütze der Hausfrau oder dergleichen mit Erfolg zu bekleiden. Da die Schule kein Pensionat für höhere Töchter, sondern eine soziale Hülfe für Minderbemittelte sein will, so ist das Honorar für 6 Monate einschließlich Pension auf nur ,1k 120 festgesetzt. Es werden für jeden Kursus nur 12 Schülerinnen ausgenommen. Mit der Haushaltungsschnle ist ein „M ä d ch e n - h e i m" verbunden, das für Jk 51 pro Monat junge Mädchen in Kost und Logis nimmt, die in Frankfurt in Geschäften usw. tätig sind. Auch unterhält die Haushaltungsschnle einen M i t t a g s t i s ch f ü r Damen zu 70 Pfennig pro Mahlzeit. Frankfurt a.M. Der „Verein zur Verköstigung jüdischer Soldaten hatte iin Jahre 1903 Jk 8811,96 Einnahme (Mitgliedcrbciträge Jk 3161,36, Geschenke Jk 1444;—, Zuschüsse der Soldaten und Menagegeld Jk 4206,60) und Jk 8459,77 Ausgaben (verabreichte 10 460 Portionen ,1k 7814,72, Lokalmiete Jk 312,50, Verköstigung auf dem Schießplatz Griesheim Jk 148 usw.). Frankfurt a. M. Dem 8. Bericht des „Verein zur Pflege und Unterstützung israelitischer Kranker, Bikkur Cholim" cntiichmen wir, daß der Verein im abgelaufenen Jahre Jk 3384,60 für 16 923 Liter Milch, Jk 2217,28 für 31533 Stück Eier, Jk. 845,80 für 1056 Psd. Fleisch, JL 457,80 für Krankenwärterdienste und Jk 846,09 für Diverses verausgabt hat. Die Mitgliederbeiträge bezifferten sich auf Jk 5186. Berlin. Dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen gehören heute 54 Schwestern und 14 Schülerinnen an, welche im Krankenhanse der jüdischen Gemeinde, in der Privatpslcge und in auswärtigen Tochteranstaltcn wirke». — Das Schwesiernheim befindet sich Auguststraße 17, die Oberin Frl. Blau ist gern bereit, Anmeldungen neuer Schülerinnen entgegenznnehmen und jede Auskunft zu erteilen. Hamburg. Der Verein zur Unterstützung r e f p. Speisung h i l s s b e d ii r f t i g c r i s r a e - litis ch er Kinder hielt seine diesjährige Generalversanimlnng unter Vorsitz des Herrn L. Mathiason ab. Ans dem erstatteten Jahresbericht ist zu entnehmen, daß der Verein im verflossenen Jahre 34 544 Portionen warmes Mittagessen verabfolgt hat, wodurch eine Ausgabe von 6502 Jk verursacht ward. Der Preis jedes einzelnen Mttagessens. kommt aus 18,83 Pfg. zu stehen. Hamburg. Der Israelitische Franen- Verein für K r a u k c u p f l ege hielt seine diesjährige General-Versammlung unter Vorsitz der Frau M. Norden ab. Die Vorsitzende begrüßte die Anwesenden und teilte mit, daß der Verein auch im letzten Jahre einer größeren Anzahl von mittellosen Rekonvaleszenten auf Anordnung, des Arztes während der ersten vier Wochen nach überstandener Krankheit kräftiges, nahrhaftes Mittagessen nebst Wein verabfolgen ließ. Jedes Vereinsmitglied ist berechtigt»' mittellose Rekonvaleszenten der Vereinsvorsitzenden anfzugcben, denen dann unter vollständiger Diskretion nach. Einholung eines ärztlichen Gutachtens das Mittagessen ins Haus geschickt wird. Dem alsdann vom Kassierer erstatteten Kassenbericht ist zu entnehmen, daß an Mitgliedsbeiträgen 1921.15 ./L und an Geschenken 265 Jk vereinnahmt wurde». Die Einnahmen an Zinsen betrugen 392.44 Jk Die Ausgabe» wäre»: für Vcrciuszweckc l 149 Verpslegungstage (Mittagessen und Wein) 1995.10 Jk, für Bcrwaltungs-- zivecke (Botengeyalt, Drucksachen »sw.) 399.35 ' JL Der Vorstand des Vereins besteht zur Zeit ans den Damen M. Norden, 2- Moses und den Herren 20. Plocki und E. Ealniau. Hamburg. Der Verein zur Gesandheitspflege schwacher, israelitischer Kinder (Ferienkolonien) war in der Lage, im Jahre 1903 81 Knaben und 68 Mädchen, also insgesamt 149 Kindern den ihnen von ärztlicher Seite vorgeschriebenen vierwöchentlichen Aufenthalt an der Sec zu ermöglichen. Von diesen Kindern waren 60 für Rechnung auswärtiger Vereine. — Die Jahresabrechnung ergibt, daß an Mitgliedsbeiträgen im Jahre 1903 3829 Jk und an Zinsen 2437.50 Jk vereinnahmt wurden. Unter den einmaligen Beiträgen figuriert an erster Stelle „Louis Stern Testament" 1000 Jk, ferner Testament Schlochauer 250 Jk Weitere größere einmalige Beiträge erhielt der Verein von der „Henry Jones Loge" und dem Israelitischen humanitären. Frauenvcrein, nämlich 100 resp. 50 Jk; insgesamt erhielt der Verein an einmaligen Beiträgen 1816 Jk Für die Ferienkolonien wurden von der Verwaltung 10 034.04 Jk verausgabt, wovon 5138.50 Jk als Zahlung für bestimmte Kinder wiedermn vergütet wurden. Für Verpflegung mit Milch und Eiern wurden 1038.67 Jk verausgabt, sodaß also die Gesamtausgabe für Vereiuszwecke im Jahre 1903 6000 Jk betrug. Das^Kinderhospiz in Duhnen bei Cuxhaven ist nach einer Mitteilung des Vorsitzenden im Bau so weit vorgeschritten, daß die allen hygienischen Anforderungen der Neuzeit entsprechende Anstalt voraussichtlich Ende Mai resp. Anfang Juni eröffnet wird. Der Bau wird mit einem Kostcnanfwande von etwa 120000 Jk errichtet. Personalien. Liegnitz. Sein 25jähriges Jubiläum als Vorsitzender der hiesigen Synagogen-Gcmeinde feierte am Montag, den 11. April, der Stadtverordneten-Vorsteher Herr Heinrich Cohn. London, den 1. April. Oberst Goldsmid ist ans der Heimreise von der Riviera in Paris an den .Folgen einer plötzlich ciiigetrctcnen Darmverschlingimg g e st o r b e n. Albert Edward Goldsmid wurde im Fahre 1846 als Sohn des zum Christentum übergctretenen General-Sekretär. der Bombayer Regierung Henry Edward Goldsmid geboren und von seinem Vater im Christentum erzogen. 1855 siedelte die Familie von Indien nach England über. Die Reife führte über Egypten, wo damals die Cholera wütete, und fiel Henry Edward Goldsmid dieser Krankheit znm Opfer. Albert Edward Goldsmid ivar 11 Jahre alt, als er erfuhr, daß er jüdischer Abstammung sei. Dieser Gedanke lies; ihn nicht nicht zur Ruhe kommen, es reiste in ihm der Entschluß znm Judentniu znrückzukehren, und kaum hatte er die Militärschule von Sandhiirst mit glänzende»! Erfolge absolviert, so führte er auch seinen Entschluß aus. Bei seiner gkückkehr zum Jndentnm nahm er den Namen Michael an. Trotz seiner glänzenden militärischen Karriere — er nahm zuletzt als General-Quartiermeister am südafrikanischen Feldzüge teil — war Oberst Goldsniid mit vollem Herzen Jude und bemühte sich auch stets, sich als solcher zu betätigen. Er hat die argentinischen K o l o n i e n d e s Baron H i r s ch eingerichtet und in den Jahren 1892 und 1893 als Direktor geleitet. Er war ferner Vorstandsmitglied der „An glo-Jew i s h -Asso c i at i o n", Präsident des „M ac c ab ea u -Cln b" und gehörte als begeisterter Zionist dem Vorstand der „English Zionist Federation" an, auch beteiligte er sich an der El-Ari s h-Exp ed itio n. Das Andenten Oberst Goldsmids toird ein dancrndes und ein gesegnetes in Israel sein. Möge er lins voranleucht'eii in der militärischen Disziplin und in der Pflichterfüllung, die er straff und unermüdlich aus jedem Posten, ans den seine Pflicht ihn ries, betätigte.