Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 14 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692358-2692372--00820-2695260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
UsdaKMil irnd chefchäftsfielte: Srsnkfurr s. IN.. Leiligkreuzgaffe sr. Ecke Alapperfeldstraße (gegenüber -er Neuen Zeit). -3-3S-S- Herausgeber: Sarg Geis. 2. Jahrgang. Freitag, den 3V. Nissan 5664 (15. April 1904). Ro. 14. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. W Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8. ' i -- Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). I , ■■ „ --- Ans der Zeit für die Zeit. Gedanken eines gcsetzestreuen Inden. Nichts beschäftigt heute die jüdische Welt bewußt und unbewußt mehr, als die „Judenfrage" die für jeden Einsichtigen nur in der Lösung des Problems des Judentums bestehen kann. All unser Strebeil und Hoffen, Wirken und Wünschen zur Erhebung des Judentums, sowohl die wissenschaftliche, wie die wirtschaftliche, die religiöse, wie die nationale Seite desselben betreffend — umfaßt dasselbe. Und es ist ein günstiges Zeichen, ein Zeichen der so notwendigen Gesundung, daß dieses Problem unter nns allgemeines Interesse gewonnen hat. # Aber zu seinem Verständnis ist etwas nötig, was leider noch so wenig allgemein geworden, was nur die wenigsten und erlesensten unter nns besitzen, nämlich: j n d i s ch e B i l d n n g, jene unifassende Bildung, die uns begreisen läßt: als Wesen innerhalb der N a tu r und als M e n s ch e „ innerhalb der großen M e n s ch h e i t, als Jude n mit unseren Pflichte», bestimmt durch die T a n r o und als Volk mit unserem nationalen Beruf, vorgezeichnet durch unsere Geschichte und Tradition. Durch diese, nach vier Seiten hin ansgcstaltete Bildung, begreifen wir erst unseren Zusammenhang init den.Naturwesen und erkennen unseren Platz im Universum; erlangen wir das Verständnis für alles Menschliche und.verstehen es sür's Leben fruchtbar zu machen; gewinnen wir die Schätze für Verstand und Herz und besitzen damit ein Regulativ für unsere Anschauungen, Gesinnungen und Handlungen; durch sie wird uns erst klar der. Sinn unserer Vergangenheit und erhalten wir die Weisung zur Gestaltung unserer Znknnst. * Man hört oft von intellektuell hochstehender Seite gegen den im überlieferten Judentum unverkennbare» jüdischen Nationalismus den Borwurf des Kultur-Rückschritts erheben, indem man, nnt nicht völligem llnrecht, jeden ausschließenden Nationalismus als kultnrhemmend bezeichnet. Ich glaube aber doch, daß jede historisch gewordene Nation durch die Vorsehung ihren besonderen Beruf 'hat, den ihr keine andere abnehmen kann, und den sie auch nicht ohne Nachteil für die Gesamtmenschheit vernachlässigen darf. Daher ist gerade Lum Kultur f o r t s ch r i t t notwendig, daß eine jede Nation ihre besonderen Kräfte und Fähigkeiten entfalte. Eben ans dieser Etitsaltung der eigentüinlichen nationalen Kräfte, ans dieser Erfüllung der besonderen nationalen Berufe, aus dieser Individualität und Vielheit der Kulturen, erwächst die Gesa in t knltur der Menschheit, erblüht der Kultur forts ch r i tt. Ein eigentlicher Internationalismus ist nur am Ende. der Zeiten, am Ausgang der Weltgeschichte, im niessianischen Zeitalter denkbar und am Platze; in einem Zeitalter, das doch wahrlich noch gar;u fern ist. . * Wenn aber jeder Nationalismus, solange er als eine Betätigung des besonderen nationalen Berufes ansgefaßt tvird, nicht kultnrhemmend sein kann, um so weniger ist es der jüdische, dessen Ziel, nach seinen Traditionen, nicht in einem Kanrpf nach außen, sondern nur in der Stärkung nach "innen besteht. Denn während allerdings andere für ihren Nationalismus keine höhere Rechtfertigung kennen, als den Naturtrieb der Selbsterhaltung, den Rassenegoismus, der nur all zu oft auf Kosten anderer sein Dasein fortführen will, erkennt der jüdische Nationalismus seine Grundlage in dem alten, heiligen Gotteswort: „lind ihr sollet mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." Er steht demnach nnt den Interessen der anderen Nationen nicht nur in keinem Widerspruch, sondern will gerade dieselben fördern, lins aber erfüllt er mit dem lebensfreudigen, zur Tat aneifernden Bewußtsein, daß wir einen ernsthaften, hohen menschheitlichen Zweck haben, welchen wir vor der gesamten Welt, angesichts unserer Vergangenheit und gegenüber unserer Gegenwart und Zukunft begreifen und erfüllen müssen, sollen wir anders den Vorwurf zu tragen haben, ein unnützes und damit ein schädliches Glied der Menschheit zu sein. * Und wenn wir, ans diesen gesunden Nationalismus bauend, unsere ererbten jüdischen Geistesschätze, besonders auch jene, die schon lange, lange in dem tiefen Schacht unseres Schrifttums unbesehen und unbenützt dalagen, wieder hcrvorholen, und unser Volk für diese unsere nationale „Kultur" erziehen, so wird sich zwar die allgemeine Weltkultnr nicht gleich 'nach uns richten; aber sie lvird uns beachten müssen, wenn es uns gelingt, einen Nationalthpns in dem inneren Wesen desselben entsprechender Form darzustellen, der in irgend einer Richtung die allgemeine Kultur zu fördern verm a g. Völker müssen wie Individuen erzogen werden; und von der Erziehung des Einzelnen enthalten unsere „Sprüche" das pädagogisch anerkannte Wort: „Chanauch lenaar al-pi dar kan." Und wie der einzelne Mensch in seinem Typus, den ihm die Natur verliehen hat, erzogen werden muß, so auch e i n V o l k. B. f. Londoner Brief. London, 15. April. Wenn es nach der altjüdischen Anschauung, welche sich mif das Schriftwort: „So dein Bruder verarmt und seine Existenz gerät ins Wanken, dann sollst dn ihn stützen," gründet. die idealste Form der Wohltätigkeit ist, der Armut vorzubengen, so darf man unserer hiesigen Armenbehörde (Jewish Board of Guardians) die Anerkennung nicht versagen, daß sie sich streng an unsere bewährten Traditionen hält. Sic beschränkt sich nämlich nicht darauf, nach eingehender Prüfung der Würdigkeit der vorliegenden Gesuche —. wobei ihr in großartigster Weise freiwillige Hilfskräste, besonders die tvcit mehr als ihre festländischen Kollegen auf Wohltätigkeitspflege bedachten englischen Prediger, zur Seite stehe» — einmaligeUnterstützungen und wöchentliche Beihiilfen an Witwe,» und an die hier leider recht beträchtliche Zahl der von ihren Männern zeitweilig im Stich gelassenen Frauen zu gewähren, sondern sie ist auch bestrebt, was ihr bei ihrer Kenntnis der Verhältnisse besser als besonderen Vereinen gelingen muß, ihre Schutzbefohlenen aus den Niederungen der Armut und aus dem Sumpf des Proletariats emporzuheben. Sie gewährt im größten Maßstabe Darlehen/ zur Gründung Kgpsjs»' C.uint Bella" von H. Rothschilds