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Neue jüdische Presse · 1904-03-30 · Heft 13 (30.3.1904) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 13 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13. Schließlich sehen wir noch 10 bis 12 Mann in der Kürschnerei bei - der Anfertigung von Damenkvlliers, Muffen, Pelzkragen, Pellerine» und Kindcrgarnituren. Gerade die Kürschnerei bietet den Leuten die beste Aussicht auf schnelle, lohnende Beschäftigung als freie Arbeiter. Inzwischen ist es 7 Uhr geworden und damit winkt den fleißigen Arbeitern die Ruhe, sie rüsten sich zum Abendgottesdienste. Wir begleiten sie in den schlichten und würdigen Raum der A n staltss y n a g o g e, der zu ebener Erde des Hauptgebäudes gelegen ist und durch die anwesenden 70 bis 80 Mann, unter denen wir auch unsere Neulinge, die einen Heuen Menschen angezogen zu haben scheinen, erblicken, nicht völlig ausgefüllt wird. An Männern, die im Nor- Vorbeten geübt sind, fehlt es unter den Kolonisten niemals. Tein Gottesdienst an Sabbathen und Festtagen steht der Friedhofsbeamte, Herr M. Goldemann, mit dankenswertem Pflichteifer vor. Ter regelmäßige Morgen- und Abendgottesdienst, der wie ein goldener Rahmen die Tagesarbcit in der Kolonie einschließt, bietet auch Gelegenheit znm Abhalten von Jahrzeiten Ter Borstand beabsichtigt die Begründung von J a h rz e i t st i f t u n g e n in größerem Maße vorzunehmen, und sein zweiter Vorsitzender, Herr Moritz Rosenow, hat bereits einen Betrag von Jt< 500 zum Zwecke der notwendigen Propaganda gestiftet. Möge sie Erfolg haben und der Kolonie reiche Mittel zuführen! Gegen eine einmalige Zahlung von JL 100 werden die Namen Verstorbener auf der Jahrzeittafcl verewigt und alljährlich am Todestage das Kaddischgcbet verrichtet und die Jahrzeitlampe gebrannt. Ter Gottesdienst ist;u Ende und mit lvenigen Schritten befinden wir uns im S p e i s e z i m m e r, das an die Anstaltsküche angrenzt. Hier hat inzwischen Frau Inspektor Behrendt den hungrigen Kolonisten eine kräftige Abendsuppe bereitet, der sie mit gutem Appetit znsprechen. Auch in diesem Speiseranm, den die Bilder des deutschen Kaiserpaares schmücken, herrscht gute, deutsche Sitte, und um diese zu bekräfttgen, läßt der Herr Inspektor nach Beendigung des Abendessens den Besuchern zu Ehren von - den Kolonisten ein deutsches Volkslied anstimmeil: „Nach der Heiniat möcht' ich wieder" erklingt es wohllautend von 80 krästigen Kehlen. Ob sich die Männer wohl alle nach der Heimat znrücksehnen? Wohl kaum, denn manchen hat Unduldsamkeit und Mißgeschick aus der Heimat getrieben, aber allen mag wohl das Elternhaus und die Jugendzeit vorschtocben. Ter veredelnden Pflege des Liedes lvird durch den Inspektor in den Mußestunden die wohlverdiente Sorgfalt gewidmet, Aber auch der intellektuellen Kultur wird durch die Herren von der Vortragskommission ebenso Pflege erwiesen, wie der körperlichen Ausbildung, besonders dem Turnunterricht. So geschieht alles, damit in den gesunden Körper der Kolonisten ein gesunder Geist einziehe, und dieser Geist ist derjenige des religiösen Judentums und des werktüchtigen Deutschtums. Von diesem Geiste zeugen die religiöse und die patriotische Feier, die in das eintönige Arbeitslebcn einen hellen Ton der harmlosen Freude bringen. Wir beenden unseren Besuch in der jüdischen Arbeiterkolonie mit dem Gefühl, daß hier nicht blos von den Kolonisten, sondern auch von denjenigen, die die Anstalt führen und leiten, gute und tüchtige Arbeit geleistet wird, und mit der Hoffnung, daß die Insassen, wenn sie ins Leben zurückkehren, nicht nur die erlangten Fertigkeiten, sondern auch, als schönsten Erwerb den guten Geist mitnehmen, der sie in dieser Oase ihres Wanderlebens ümfangen hat; ihre Vorgänger haben ja bereits zahlreiche Beweise ihrer Erkenntlichkeit geliefert. Ter Arbeiterkolonic selbst aber wünschen wir beim Verlassen, daß sie als ein Tenkmal werktätigen Menscheutiviis weiterhin bestehe, daß sie in den Herzen von Wohltätern den Boden zu ihrem weiteren Wachstum, zu einer ferneren glücklichen Entwickelung finde. Die verkürzte Haüelhymne. Aus einem Briefwechsel. Lieber Jonathan! ' Als ich gestern mein Machsor durchblätterte, wie ich dies immer einige Tage vor einem herannahenden Feste zu tun pflege, fiel mir, als ich beim Halle! angelangt tvar, plötzlich ein, daß Du mich vor kurzem einmal fragtest, was cs damit für eine Bewandtnis habe, daß nur an den beiden ersten Tagen des Pesachfestes das .Hallel vollständig gesagt, später aber abgekürzt werde. Ich konnte Dir damals nicht antworten, da inan mich, wie Dir erinnerlich sein wirb, im selben Augenblicke abberief, um beim Entladen einer großen Warensendung zugegen zu sein. — Die schuldig gebliebene Aufklärung will ich Tir nunmehr geben, sie hat, obgleich verspätet, doch infolge des imincr näher rückenden Frühlingsfestes den Vorzug der Aktualität. Tas Hallel wurde ursprünglich für die Gcdächtnistage großer nationaler Rettungstaten angeordnet. So sprachen wir es am Pesach. dem Feste Unserer körperlichen Befreiung, am Schowuaus, dem Feste der Befreiung unseres Geistes, am Sukaus- und Schmini-Azeres-Festc, den der Erinnerung an die fortdauernde Erhaltung unseres Körper- und Geisteslebens geweihten Tagen. Ebenso wurde für - das Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Chanuko-Fest, — es wurden uns ja in jener HaSmonäerzeit dieselben Nationalgeschenkc in verjüngtem Maßstab neu gegeben — die Einreihung des Hallelsangs in unsere Gebetsordnnng bestimmt. An den beiden ersten Pesachtagen sowie an allen weiter genannten Zeiten wird das Hallel unverkürzt gesprochen, es bleibt, ganz, weil wir d. h. unsere Freudengefühle ganz und vollkommen sind. Tie Erinnerung der an uns geübten göttlichen Wohltaten ist wohl geeignet, unser Herz mit ungetrübter Freude, mit unendlicher Tankbarkeit und mit froher Zuversicht zu erfüllen. Anders aber bei den zwei letzten Pesachtagen. Ta ist unsere Freude nicht ungetrübt, nicht ganz vollkommen, da mischt sich in das Frohgefühl ob der eigenen Rettung doch ein Wehmutsgefühl durch den Gedanken, daß an dem siebten Pesachtage, die Egypter in den Wellen des Schilfmeeres ihren Tod fanden. Als am Tage, da das jüdische Voll durchs Meer zog, die Engel um Gottes Thron ihren alltäglichen Gesang anstimmen wollten, so lautet eine a te Ueberlieferung, da verwies ihnen Gott dieses Vorhaben mit den Worten: Ein Teil meiner Geschöpfe versinkt, dem Tode verfallen, in des Meeres Wellen, und ihr seid zu Sangesweisen gestimmt? — In das Gottes Volk ist ein Fünkchen dieses Geistes verpflanzt. Selbsterhaltung, eigene Rettung ist selbstverständlich auch unser erster Trieb, aber nimmer begleitet von dem Verlangen nach Vernichtung der Gegner, niinmer in Schadenfreude, dieses Zeichen krassester Charakterverrohung verfallend, nimmer Nutzen ziehend aus dem Unglück der Feinde. Waren auch die Juden im persisch-medischen Lande gezwungen, zur Verteidigung ihres Lebens zum Schwerte zu greifen, so wird doch b r e i m a l von von ihnen berichtet — wahrlich kein edleres Ruhmeszcngnis könnte ihnen ansgestellt werden — daß sie nach Beute mit Nichte» lüstern waren. — Auch am Seder-Abend, wenn wir frohgestimmt die bei der Gründung des jüdischen Volkes geübten göttlichen Rettungswuuder uns vergegenwärtigen und wir gelangen dann zu der infolge der chronologischen Ordnung der Geschehnisse notwendigen Aufzählung der 10 Plagen, dann entfernen wir bei der Erwähnung jeder einzelnen Plage einen Tropfen aus unserm Becher, unser Frcudenkelch ist nicht vollkommen, erinnern wir uns der Leiden irgend einer und sei es auch der niedrigsten und verabschenungswürdigsten Menschenklasse. Was wir hier im kleinen symbolisch üben, betätigen wir auch im größeren beim Hallelgebete. Nicht ganz, nicht ungetrübt, nicht voll tönt am siebenten Tag unser Lobgesang, verkürzt, halb unterdrückt verläßt das Hallellied unsere Kehlen. Tie Anordnung des halben Hallel auch für Chaul Hamaued dürste einzig und allein in der mehr äußerlichen Festsetzung begründet sein, daß der Cbaul Hamaued den späteren zwei Feiertagen gegenüber nicht bevorzugt erscheine. Bist Tu zufrieden Jonathan? Nein, Tu bist's noch nicht, ich lese auf Deinem Gesichte die Frage: lind Chanuko? Warum während der sämtlichen 8 Tage des Lichterfestcs das ungekürzte Hallel, trübt uns denn nicht die Besiegung der Syrer in irgend etwas unsere Freude? Tn hast so unrecht nicht, lieber Jonathan, und trotzdem, Tn hast Tir die Antwort unbewußt selber gegeben. Ein Lichterfcst ist es ja, ein Fest der Erinnerung an das damalige Neuciitdecken und Wiederentzündcn des verloren gegangenen Lichtes der Erkenntnis von der Bestimmung des jüdischen Volkes, der Erkenntnis dessen, was zur glücklichen Gestaltung der Beziehungen des Volkes zu Gott unbedingt nötig war. Tiefer neugelvonnenen Erkenntnis, dem erneuten, im alten Geiste wieder sich vollziehenden Entzünden des Lichtes im Gesetzesheiligtnm gilt unser Chanuko-Fest, nicht aber den Wasfenerfolgen der jüdischen Mannschaft. Tas Hallel-Lied braucht deshalb von der Zahl seiner volltönenden Tankeshymnen keinen Buchstaben abzugeben. Etwas anderes allerdings ist es mit dem Hallel an unseren Neumondstagen. Ter Gebrauch, an jedem Monatsanfang das Hallel zu sprechen ist nicht eine von den „Männern der großen Versammlung" eingesetzte Verordnung, sonder», wie Samson Raph. Hirsch in seincin Tcsillo-Kommentar ausführt, ein aus nnscrm Volksleben frei hervorgcgangener Minhag. Ter Ursprung dieses Brauches dürfte nicht schwer zu finden sein. In den dunklen Golußzeiten waren und sind die das jüdische Volk bedrohenden Gefahren so häufig und die Rettungen so zahlreich, daß man fast jeden Tag zu einem mit preisendem Hällelgesang zu begehenden Festtag machen müßte. Ta dies jedoch nach' einem Ausspruch unserer Weisen nicht angängig, mag man sich damit begnügt haben, einmal im Monat für den ganzen vorhergegangenen Monat, und zwar an dem hervorragendsten Tage des Monats, dem Neumondstage, die Tankesweisen des Hallel hinauftönen zu lassen. Tas Hallel am Rausch-Chandesch erinnert also ebenso an unsere Errettung von zahlreichen Gefahren, wie an die Heimsuchung und oft empfindliche göttliche Bestrafung unserer Widersacher. Taß in diesem Gedanken unsere Freude wiederum keine ganz ungetrübte ist und deshalb die Hallelhymne nur unvollkommen erschallt, dürste ohne weiteres verständlich sein. Leite 11 Ich hoffe, lieber Jonathan, Deinen Wissensdurst nunmehr, soweit es mir möglich war, einigermaßen gestillt zu haben, ich stehe jedoch mit weiteren Auskünften mit Vergnügen zu Deiner Verfügung. Begehe unser Frühlingsfest frohen, erhobenen Herzens und schließe Dich mit Deinen Empfindungen und Stimmungen den: zuin Turchbruch gekommenen Lenze, dem neuen Erwachen der Natur an, denn i» der Natur ist ja der Winter vorüber, die Regenzeit geschwunden, Blütenkeime schauen aus dem Boden, die Zeit des Sanges ist da und bald wird auch der Taube Stimme wieder vernommen in unserm Lande. Lebe wohl, für heute, lieber Jonathan, sei herzlich gegrüßt von Deinem David L. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Dem Berichte über die Generalversanlmliing des „Moutefiore, Verein zur Pflege der idealen Interessen jüdischer junger Leute", tragen wir noch nach, daß laut Beschluß der Generalversammlung der Mitgliedsbeitraz von t JL auf 2 JL erhöht worden ist, ein Betrag, der bei den großen Leistungen des Vereins — Vereinsräume, bestehend aus Lesezimmer, Schreibziminer. Spielzimmer, Bibliothek und Restauration; im Winter wöchentliche Vorträge und Diskussionen; — auch noch ein sehr bescheidener zu nennen ist. — In den revidierte» Statutin ist der Passus, kaut dem im Verein nichts geschehen darf,' was dem jüdischen Religionsgesetz widerspricht, als „Grundbestimmung" und somit als unabänderlich festgelcgt worden. Dem neugewählten Vorstände gehören folgende Herren an: Max Eisenkraeiner, Dr. I. Heinerilann, F. B. Levy, S. Singer, H. Ettinger, F. Meyer, W. Mainz, I. Loewenthal, Ä. Mayer, 2. Spangcnthal und M. Earlebach. Frankfurt a. M. In der gestern Abend stattgehabten 5. ordentlichen Hauptversammlung des „Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit Schomre Schabbos" erstattete der Vorsitzende zunächst den Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr. Der Bericht wurde genehmigt und dem Vorstande Decharge erteilt. Die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder Herr Moritz A. Loeb, «am. Weil und I. Besthoff wurden einstimmig wiedergewählt und nahmen die Wahl dankend an. Der Verein hatte im Beginn dieses Jahres den Verlust seines AufsichtsratSmitglicds des Herrn Sam. Straus in Karlsruhe zu beklage», der seit Gründung des Vereins demselben das wärmste Interesse entgegenbrachte. Die Anwesenden ehrten das Andenken des Verstorbenen in der üblichen Weise. Sodann teilte der Vorsitzende mit, daß der Vorstand im Einverständnis mit den» Berwaltungsrat beabsichtige, das Programm des Vereins durch Vermittlung von Associationen zu erweitern. Gerade die den Schabbos beobachtenden jungen Kanfleute sehen sich häufig schon frühzeitig in die Notwendigkeit versetzt, sich selbständig zu machen, für sie soll der Verein die Zentralstelle bilden, wo sie mit anderen, das gleiche Ziel erstrebenden jungen Kaufleuten oder mit Kapitalisteil sich zwecks Association begegnen können. Der Verein würde natürlich nur solche Associationsprojekte zur weitere» Behandlung entgegenzunchmcn, die ihm nach bestem Wissen und Ermessen als seriös und empfehlenswert erscheinen, müßte aber im liebrigei, naturgemäß jede Verantwortung für de» Erfolg eines daraus resultierenden Unternehmens ablehneu. Das Ganze ist zunächst ein Versuch, wenn es aber gelingt, ans diesem Wege eine Anzahl Geschäfte zu etablieren, die am Schabbos geschlossen sind, so wäre dies das wirksamste Mittel, um die Zwecke des Vereins, das ist die Heilighaltuug des Sabbats im Kaufmanilsstande zu jördern. Der Antrag des Vorstands fand denn auch dankbare Anerkenung und einstimmige Genehmigung seitens der Hauptversammlung. Eine längere Debatte entspann sich am Schluß über eine eventuelle Propaganda zwecks stärkerer Heranziehung der jungen Kanfleute zum Eintritt in den Verein. __ Es wurde wiederholt als beschämende Tatsache bezeichnet, das; von den den Sabbat beobachtenden jungen Leuten, nur ein negativ kleiner Teil einem Vereine angehört, dem anzugehören Alle als Ehrenpflicht betrachten müßten. Der Jndifserentismus macht sich auch anf'diesein Gebiete allenthalben geltend und lähmt dadurch die Wirksamkeit des Vereins. Den geistigen Führer» unseres Volkes, den Rabbinern, die ja berufe» sind, Begeisterung für jüdische Ideale zu wecken und bis zur Umsetzung in die Tat zu entfachen, sollte es nicht zu gering sein, in ihren Kreisen und speziell den jungen Kauflenten gegenüber, von Zeit zu Zeit auf das Bestehen des Schomre Schabbos - Vereins und auf die Pflicht eines leben jungen Mannes, ihm anzugehören, hiuzuweisen und es wäre sehr zu wünschen, das überall da, wo dies bis jetzt nicht, oder nur ungenügend geschah, das Versäumte nachgeholt würde. Es wurde eine Resolution vorgeschlagen und schließlich angenommen, wonach '1. der Verein künftig alljährlich 2 größere Propaganda-Versammlungen, gemeinsam mit den übrigen auf verschiedenem jüdischen

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