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Neue jüdische Presse · 1904-03-30 · Heft 13 (30.3.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 13 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ' Nr. 13. prinzipiellen Bedenken" bewenden lassen, gab es wohl immer und überall. , . . Merkwürdige Tatsachen und Zustände, aus denen unsere antizionisnschen Fachhistoriker und Archivstöberer von den verschiedenen Gesellschaften für Geschichte und Wissenschaft des Judentums etwas lernen könnten. Jedoch, die Geschichte wiederholt sich nie ganz. Während damals die Egypter zehn Plagen ausstcheu mußten, damit die Befreiung der Juden möglich ward, müssen wir heute selbst die Zeche bezahlen und der Ruf zur Selbstbcfreiung dringt zu unseren Ohren erst durch den Lärm der Schläge, die aus unseren Rücken heruntersausen. Wenn wir doch so gelehrig wären, wie die Egypter! : . . Hoosedri. Die jüdische Arbeiterkolonie in Weitzeusee bei Berlin. Eine in der Nähe des jüdischen Friedhofes in Weißensee ausgestellte Tafxl zeigt uns den Weg zur Anstalt, die sich uns bald in ihrem stattlichen Rohziegelbau, mit ihrem Lorgärtchcn in vorteilhafter Weise präsentiert. Aus ein Glockenzeichen öffnet sich die Gittertür, wir betreten durch den Eingang von der Seite her das Gebäude. Unser erster Blick fällt auf die dem Geber des Grundstücks, Herrn Oberamtniann Ludwig Meyer, getvidmctc Gedenktafel, und Herr Inspektor Behrendt empfängt uns in dem hellen, als Bureau dienenden Zimmer. Ehe wir das Bureau zu einem Rundgang verlassen, werden wir Zeugen einer Szene, die sich in diesem Raum fast täglich abspielt. Zwei Männer, ein recht jugendlicher und ein solcher in den besten Manncsjahren, melden sich zur A u f n a h m e; der eine ist, wie wohl 80 vom Hundert aller Insassen, von der Armcn-Kommission der jüdischen Gemeinde, der andere vom Bureau für Arbeitsnachweis hierher gewiesen. Manch einer kommt auch auf Empfehlung früherer Insassen. Tie Neulinge tragen die Spuren langen obdachlosen Umhcrwandcrns nicht bloß an ihrer reduzierten Kleidung, sondern vor allein in ihren tiefbekümnierten, in ihrer ganzen, die hoffnungslose Niedergedrücktheit eines entbehrungsvollen Lebens veranschaulichenden Körperhaltung. Wir würden den jüngeren Mann geradezu für krank halten, doch bestätigt ein Zeugnis des Anstaltsarztes, daß der Jüngling gesund und nur durch Entbehrungen erschöpft ist. Bei solchen Leuten wirken schon die ersten Tage des Anstaltsaufenthaltes Wunder. Ta die Papiere der Aufnahmebegchrenden in Ordnung sind, und sic sich mit den Vorschriften der Anstaltsordnuug durch Unterschrift einverstanden erklären, so wird ihnen die freudige Mitteilung, daß sie in der Anstalt sogleich Aufnahme finden können. Ein Strahl der Freude leuchtet im Auge auf, geht doch bereits der Tag zur Steige, an dem den Wanderern seit langer Zeit zum ersten Male ein sicheres Obdach für längere Zeit winkt. Zuvor aber ist noch einer wichtigen Aufnahmeprozedur zu genügen — das Bad. Die Neulinge werden in den im Keller befindlichen Wasch- und Baderanm geführt, und während dort der. Körper einer gründlichen Reinigung unterzogen wird, haben auch die Kleidungsstücke eine meist sehr notwendige Tesinsektion durchzumachen. Besonders die Wäsche muß öfters der Vernichtung preisgegcben und durch neue ersetzt werden. Wir durcheilen inzwischen schnell die erste und zweite Etage des Hauptgebäudes mit ihren hohen luftigen Schlafräumen, aus deren Fenstern sich reizvolle Blicke über die naheliegenden Friedhöfe der jüdischen und katholischen Gemeinde hinweg, nach den in der Ferne hervortretenden Monumcntalgebäuden der Rcichshauptstadt öffnen. Vor allem aber sind wir bedacht, das Wichtigste zu sehen, um dessentwillen wir hierhergekommen sind: die Arbeiterkolonie bei der Arbeit, lieber den geräumigen, sauber gehaltenen Hof hinweg begeben wir uns nach einem auf der linken Seite befindlichen schuppenartigen Gebäude. Beim Eintritt fühlen wir uns in einen lebhaften Fabrikbetrieb versetzt. In der Tat ist die von der Firma Schmeling u. Barta betriebene Fabrikation von Schirm- und Spazierstöcken der bei weitem wichtigste der in der Kolonie betriebenen Industriezweige. Es sind 43 Kolonisten darin beschäftigt, mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Manipulationen. Unser erster Blick gilt aber nicht diesen einzelnen Tätigkeiten, sondern den Arbeitern. Die fleißigen und geschickt limitierenden Leute sollen ganz gewöhnliche Bettler gewesen sein! Hätten wir nicht eben einem Rekrutierungsakte beigewohnt, so möchten-wir an eine Täuschung glauben. Ta sehen wir, wie unter Aufsicht des in der Mitte der ihm zugetcilten Kolonisten mitarbeitenden Unternehmers, ein Teil der Leute bei offener Gasflamme den Schirmen und Spazierstöcken runde Krücken biegt, ein miderer die Stöcke schleift, wieder ein anderer sie feilt, während noch andere die Kantterung, das Schnitzen der Verzierung, das Zufammenstellen der Krücken mit den Stöcken durch Leimen bewirkt. In einer besonderen maschinellen Abteilung wird das Bohren und Fräsen vorgenommen, Jeder der Kolonisten hat Gelegenheit alle die verschiedenen Manipulationen kennen zu lernen. Ten geübteren und geschickteren winkt ein ansehnlicher Akkordlohn. Wir verfügen uns dann in die R o h r f l e ch t e - r e i, in der etwa 15 Manu mit der Herstellung von Teppich- und Kleiderklopfern, Eimerbügeln beschäftigt werden' Etwa ebenso viele Leute werden zur Herst e l l u n g von Hosenträgern verwendet. 1. Schlafsaal, 2. Stockfabrik, 3. Hosenträgeru. Gürtelfabrik, 4 Speisesaal der jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee bei Berlin. MM m 8 ELA ItääS MW MM MM wrti^.vaatti BSÖS iiasssi

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