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Neue jüdische Presse · 1904-03-30 · Heft 13 (30.3.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 13 (30.3.1904)
Date
1904-03-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vellage zu Nr. 13 des Frankfurter Jsraelttifchen Famllieublattes. Hu ttttfecc Icfet;! lüir richten an unsere Leser, welche das Blatt bei der Post abonniert haben, die Bitte, das Abonnement für das zweite Quartal (YOH rechtzeitig zu erneuern, damit die Zusendung des Blattes, keine Unterbrechung erleidet. — Preis pro Quartal inkl. franko- Zusendung (,02 21Tarf. Diejenigen Abonnenten, welche unsere Zeitung von uns direkt beziehen, erhalten dieselbe ohne besondere Erneuerung des Abonnements fortlaufend zugesandt. Nach Beginn des neuen Quartals können wir Abbestellungen nicht mehr annehmen. ä#' Infolge vielfacher an uns ergangener Anfragen und um den Wünschen der meisten unserer geehrten Abonnenten zu entsprechen, erklären wir uns gern bereit, der Einfachheit und der Porto-Ersparnis wegen Abonnementsbeträge auch für -m ehrere Quartale auf einmal im voraus entgegenzunehmen. Die Geschäftsstelle des „Franks. Jsr. Famllieublattes." Auch eine Pafsahbetrachtung. Von einem russischen Inden. Frühling! . . Passah! . . In den jüdischen Zeitungen wird es ein wüstes Gerede in gehobener Sprache gebe,,; der reichhaltige Lexikon poetischer Naturschildernnge» wird gehörig ausgebeutet werden; spaltenlang werden uns die Leitartikel von Blumen und Zephyr, von einem wunderbaren Keimen und Sproßen im ganzen. Reiche der Natur, von der Verjüngung der Mutter-Erde usw. erzählen. Zum Schlüsse ivird man wohl auch der Lage des jüdischen Volkes und der wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit mit einigen Worten gedenken. Es geht ja heutzutage nicht anders. . . Tie. erfahrenen Journalisten werden es jedoch verstehen, geschickt zwischen diesen Klippen zu lavieren und sich um die „verfluchten Fragen" heriimzudrücken, um nicht einen Mißton in die festliche gehobene Stimmung zu bringen. Man wird es sogar nicht unterlassen, dem frommen, vertrauensseligen Leser den berückendsten Ausblick auf eine glückliche, glänzende Zukunft seines Volkes, die schon hinter der Tür stehe, zu eröffnen. Ter harte, schwere Winter sei vorüber, ein neuer Frühling sei im Anzug usw. usw., mit Pathos, mit Emphase. Tie anheimelnden, prophetischen Zukunftsbilder werden mit einem Zitat aus der Bibel, oder aus einem deutschen Klassiker, je nach der Richtung der Zeitung und dem „jüdischen Wissen" des Artikelschreibers, bekräftigt, der „geneigte Leser" ist gerührt und ... das Ziel ist erreicht. Besonders stramm werden sich die sog. neologen Blätter zeigen. Gefallen sie sich doch iminer in der Rolle der falschen Propheten, „die das Unglück ihres Volkes mit Leichtigkeit heilen, indeni sie sprechen: Friede, Friede! während es keinen Frieden giebt." (Jeremias, 8, 11) . . . Irgend ein Heißsporn von einem Journalisten wird seinen Lesern die allerdings sehr interessante Nachricht bringen, daß wir bereits auf dem verheißenen Boden stehe». . . Tie Rabbiner werden das ihrige tun, um in den Gemeindemitgliedern eine festliche, selige Stimmung zu erwecken. Ist es doch ihre BerufsaufgaLe für die Seelenruhe ihrer Herde zu so'rgen. Und so vereinigt sich alles, um den behäbigen Philister die Feiertage bei guter Laune zu erhalten. „ . . . Tie Welt ist ja auch gar zu schön. Wohl giebt es Leute, die es nicht so gut haben, aber man tut ja auch seine Pflicht diesen Leuten gegenüber. Hatte man ja noch vor Kurzem einen namhaften Beitrag zu leisten,, um die Armen mit Mazzoth zum Passahfest zu versorgen!" . . . * - Ich wünschte, ich könnte mit gutein Gewissen in dieses einlullende Chor unserer Friedensverkünder cinstimmen. Leider geht es nicht gut. . . . Freuen sollen wir uns über das Pasfahfest? Ungefähr zur selben Zeit, wo wir das Fest der Befreiung aus dem „Hause der Sklaverei" begehen, feiern unsere Wirtsvölker die Auferstehung ihres Erlösers, und mit der Regelmäßigkeit eines Naturgesetzes kehrt drüben, im weiten Zarenreiche mit diesem Feste der Hexensabbath menschlicher Bestialität immer wieder zurück. Es ist dies'die Saison der Judenexcesse. Tie bete humaine feiert ihre wildesten Orgien, und Ströme jüdischen Blutes und jüdischer Tränen fließen in das uferlose Meer des ewigen Martyriums Jsreals. Tie gesittete Menschheit aber, die schon auf der Schulbank gelernt hat, sich gegen die Greuel der Bartholomäusnacht vom Jahre 1572 zu empören, regt sich nicht, wenn im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, die Bekenner der Religioit der Liebe ihren jüdischen Mitbürgern" Osterbescherungen ä la Äischinew bereiten. Vielleicht macht das die . Gewöhnung. Scheint es doch für die Rechtgläubigen im heiligen Rußland seit 1881 kanonisierte Sitte geworden zu sein, jüdisches Blut zu Ostern zu gebrauchen. Unter solchen Zuständen, muß da nicht der russische Jude das „Frühlingsfest" mit sehr gemischten Gefühlen erwarten? Haben doch in der letzten Zeit die Bluthunde voll der Nowoje-Wremja und vom Swjet, allen voran der Exliberale Menschikow, das Aeußerste getan, um die blinde Wut des Pöbels gegen die wehrlosen Inden lvomöglich noch mehr anzustacheln. Beschuldigungen wie: die Juden hätten den Krieg mit Japan aus Rache für Kischinew heraufbeschworen, die jüdischen Soldaten auf dem Kriegsschauplatz verrieten das Vaterland an den Feind ». ä. müssen doch zweifellos bei der kritiklosen, ohnehin sehr judenseindlichen Masse eine durchaus unheilvolle Wirkung Hervorrufen. Und dann noch das Frü hl in gsfest! Was soll der Frühling einem Volke, dem man den Pflug aus der Hand gerissen und das man in enge schmutzige Ghettis eingesperrt hat? Was weiß der bleichsichtige Bewohner der dunklen, feuchten Kellerränme von Warschau und Berditschew von dem schönen Licht, von der lieblichen Luft, die der Frühling de» Leuten dort weit draußen, jenseits der Stadtmauer, bringt? Ja, es will uns-Fogar beinahe scheinen, daß der Frühling nur da ist, um unsere Tantalusqualen womöglich noch 31t erhöhen, unseren abgrundtiefen Schmerz zu vermehren. „Tie Sonne schien, die Akazie blühte und der Henker würgte (Bjolik)." H * Und wenn ich nun an das „Awodim hojinu" denke, so muß ich vor Scham erröten und meine Fäuste ballen sich in ohnmächtiger Wut. Wir waren Sklaven? Sind wir es jetzt nicht mehr, physisch und — und was noch viel schlimmer ist — moralisch?? Haben wir denn schon alle Versuche gemacht, die schmachvollen Fesseln der Knechtschaft zu sprengen, das Tyrannenjoch ein für allemal abzuschütteln? Begnügen wir uns nicht vielmehr in erbärnilicher Kopflosigkeit, . wenn es uns gelingt, die einzelnen Wunden, die uns die Fesseln gerieben und die Tag für Tag an anderen Stellen unseres Organismus zu Tage treten, mit knapper Not zu verquacksalbern? Wir leben auf einem Vulkan, der ab und zu losbricht und Teile unserer Niederlassungen unter der Lava begräbt; wir aber sind glücklich, wenn wir die einzelnen gestürzten Hütten Jahr ails, Jahr ein wiederherzustellen vermögen und haben nicht die Entschlossenheit, dem unwirtlichen Boden den Rücken zu wenden, die alten heimatlichen Gefilde wieder aufzusuchen, die alte herrliche Hütte wieder aufznrichten. Als man dem jüdischen Volke die ungeheure Schmach von Kischinew zufügte, die uns jetzt noch wie ein Brandmal auf der Stirn brennt, wie antworteten daraus unsere Hochniögenden? Und die sog. Judenpresse, der ja sonst Recht und Menschlichkeit noch nicht abhanden gekommen ist, stimmt d i e jetzt nicht ein in die große Lügensymphonie des vereinigten Weltorchesters zu Ehren des kulturspendenden Rußland, das Europa vor der gelben, asiatischen Gefahr zu retten berufen sei! Hat diese Presse vielleicht den Milt, das Verdammenswerte offen zu verdammen, oder macht sie nicht vielmehr die allgemeine Verbeugung des zivilisierten Europas vor diesem barbarischen Rußland mit, trotz Kischinew und Homel? Kamen nicht jüdische Bankiers in Paris, deren Namen man vergebens in der Spendenliste zum Besten der Äischinewer Opfer gesucht hätte, Rußland mit reichen Geldgaben zu gunsten des Krieges zu Hilfe? Und dabei haben >vir noch den Mut zu sagen: Aivodini hojinu. * .... Und an die Art und Weise, wie die Befreiung aus der egyptischen Verbannung vor sich ging, wie sich das Volk zum Erlösungswerk verhielt, muß ich unwillkürlich denken. Es ist dies sehr interessant und lehrreich, wie wir heut sagen würden. . . . Als Moses zu seinen in Knechtschaft und Er-> niedrigung schmachtenden Brüdern kam, um ihnen die frohe, wunderbare Botschaft der Erlösung zu verkünden, da hörten die Kinder Israels nicht auf ihn" (Exodus 6, 9). Wie war denn das nur möglich? Wie konnten diese Leute blind gegen ihre eigenen Leiden, taub gegen das Prophetenwort, das ihnen Befreiung verhieß, sein? Ganz einfach. Tie einen mochten nicht auf die greifbaren „Fleischtöpfe Egyptens" um den Preis des abstrakten Ideals der Freiheit verzichten; die anderen fürchteten, ihre armseligen papierenen Rechte würden leiden, man würde ihren „egyptischen Patriotismus" in Abrede stellen u. dgl. m. Sie warfen auch tatsächlich dem Moses und dem Ahron vor: „Ihr habt uns beim Pharao und bei seinen Höflingen in schwere Ungnade gebracht, ja ihnen das Schwert in die Hand gedrückt, um uns bas Leben zu nehmen." (Ibidem 5, 21.) Tie „Offiziellen", die „Fronvögte und Aufseher", will sagen die verschiedenen Räte jüdischer Abkunft, die Inhaber der mannigfachen Isis- und Osirisorde», werden sich auch in Egypten ganz gut gefühlt haben. Ter egyptische Antisemitismus wird wohl nur den geringen Mann hart getroffen haben, nicht aber die Bewohner der damaligen Villenviertel. Vielleicht gab es auch Orthodoxe unter den „Antis", die der Ansicht waren, die Zeit der Erlösung sei noch nicht gekommen. Waren ja nur 210 Jahre des Aufenthaltes in Egypten verstrichen, während doch der Spruch des Ewigen auf vierhundertjährige Verbannung lautete! Taß der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs seinem unglücklichen, geknechteten Volke gegenüber auch Gnade walten lassen und seine Kerkerzeit abkürzen kann, wollten diese strengen „Gesetzestreuen" garnicht einsehen. Auch glaubten sie, „Mathan-Thorah" müsse „Jeziah-Mizraim" vorangehen und begriffen nicht, daß die Lehre Gottes von einem Sklavenvolke, das noch zudem in heidnischer Umgebung lebt, nicht rein bewahrt werden kann. Sie sollten erst später eines Bessern belehrt werden. Wieder anderen imponierte vielleicht die Person des „Führers" nicht; man war ihm abhold „wegen des kuschitischen Weibes, das er geheiratet hatte." (Numeri 12, 1.) Tie Hypernationalen werden wohl an seinem egyptischen Namen Anstoß genommen haben. Auch konnten sie es ihm nicht verzeihen, daß er außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons, des Landes Gosen, großgezogen wurde und erst „als Moses (zum Manne) herangewachsen war, begab er sich zu seinen Brüdern und sah ihre Not." (Exodus 2, 11.) Tie zartesten Saiten, die feinsten Regungen der jüdischen Seele seien ihm daher auch fremd geblieben, meinten sie. Selbstverständlich wird es auch an solchen Leuten nicht gefehlt haben, die' die sogenannte Mittelrichtung eingeschlagen haben. Männer der grauen Neutralität, die „Sympathie" für ein großes Beginnen haben, es aber bei dieser Sympathie ans „gewissen

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