Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1904)
- Date
- 1904-03-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jtr. 13. ’ FraMtrter JftaeWscheS FamMenblatt. - Seife & ';>r auf den Unterschied in der. Religion legen, so daß sie glauben oder wenigstens: kühn behaupten, der Jude sei kein Jude mehr und er sei den christlich geborenen Ariern vollkommen gleich zu achten, wenn er nur einmal das Sakrament der Taufe empfangen habe, so widerspricht dies den Naturgesetzen und aller Erfahrung. Der Mohr läßt sich nicht weiß waschen und der Jude bleibt, ewig Jude; dafür kann der Mohr nichts und der Jude nichts, und beide können auch daran nichts ändern, denn das Mohrentum und das Judentum liegt in ihrem Blute, in ihrer Abstammung, in ihrer Rasse." - _; Budapest. Gegen dle Talmud-Th ora- Schulen. Vor kurzer Zeit veröffentlichten wir ein Statut, welches ein ungarisches Komitatsmunizipium gegen die Einrichtung von Talmud-Thoraschulen erließ. Wie uns nun aus Marmaros-Sziget mitgeteilt wird, haben sich nunmehr auch andere. Munizipien dieses Statut zu eigen gemacht. Als erstes Opfer desselben nmg wohl die Talmud-Thora von Felsö-Szvidnik (Komitat Marmaros) gelten, welche vor einigen Tagen auf Requisition des Stuhlrichters geschlossen wurde. Tiefe Maßregelung erfolgte auf Grund eines der vielen Kautschukparagraphen des ominösen Statuts; welcher besagt, daß die Talmud-Thoraschule unter Aufsicht und Verantwortlichkeit einer Kultusgemeinde usw. stehen müsse. Ter Herr Stuhlrichter fand nun, daß die Szvidniker Juden wohl eine Gemeinde, doch keine selbständige Kultusgemeinde bilden und ihnen demzufolge die Befugnis für die Erhaltung einer solchen Schule fehle. . . Es lebe der Liberalismus! ~ Rußland. Bachmut (Gouvernement Jekaterinoslaw). Die Benützung des Krieges in Ostasien zur Erneuerung der feindseligen Stimmung gegen die Juden in Rußland ist nun auch in der Provinz beliebt. In Bachmut verbreitet sich das Gerücht, daß die dortige jüdische Handelsfirma Abramowitsch drei Waggons Pelze für die japanische Armee abgesendet habe. Tiefes Gerücht erhöhte die feindliche Stimmung der Russen gegen die Juden derart, daß die Behörde sich veranlaßt sah, durch Mauerauschlag dieses Gerücht öffentlich zu dementieren. Tiefes interessante, von dem „Nowosti" publizierte Aktieustück lautet wörtlich: „Kundmachung. Ta unter der Bevölkerung sich das Gerücht verbreitet hat, daß das Handelshaus Abramowitsch in Bachmut für die japanische Armee drei Waggons mit Pelzen gesendet habe, was die Bevölkerung in große Aufregung verseht hat, so wird hiermit bekannt gegeben, daß die strengste Untersuchung die völlige Grundlosigkeit dieses Gerüchtes ergeben hat, das erfunden wurde von böswilligen Personen, um Unruhe zu erzeugen. Tie Schuldigen au der weiteren Verbreitung solcher falscher Gerüchte werden einer besonders strengen Bestrafung unterzogen werden. Ter Bezirksadelsmarschall Feodvr Bontysch, der Landeshauptmann Iwan Sekisch." Tie böswilligen Verbreiter der Gerüchte bezeichne» aber oftmals die Kundmachungen der Behörde „als mit jüdischem Gelde erkauft", sodaß die Wirkung der Kundmachung problematisch ist. Minsk. Die.Petersburgskija Wjedonwsli" melden aus Minsk: Tas Rote Kreuz hat unlängst temporäre Kurse für barmherzige Schwestern organisiert, um Pflegerinnen für den Kriegsschauplatz auszubildeu. Es meldeten sich mehr als hundert junge Mädchen, welche sich bereit erklärten, sofort nach Ostasieu zu gehen, um den kranken und verwundeten Soldaten Hilfe zu erweisen. Unter den Mädchen befanden sich 30 Jüdinnen. Es wurden jedoch nur 40 Mädchen ausgenommen, darunter bloß 2 Jüdinnen. Aber jnjoii bei der zweiten Vorlesung trat ein Adjutant des Militärkommandos auf die zwei jüdischen Mädchen zu und teilte ihnen in höflicher Form mit, daß ihre Teilnahme an den Kursen unerwünscht sei, weil sie als Jüdinnen barmherzige Schwestern nicht sein können. Tiefer Fall, schreibt das russische Blatt, hat auf die jüdische Bevölkerung von Minsk, welche dem Roten Kreuz große Opfer gebracht hat, einen deprimierenden Eindruck gemacht. Kassel ' Herr Apotheker- Max Nußbaum wurde zum Oberapotheker der Reserve ernannt. Hamburg, 2t. März. Achtzigjähriger Geburtstag. Herr Jos. Schönfeld, zweiter Vorsitzender der deutsch-israelitischen Gemeinde und Präses des Tempelverbandes, feierte gestern - feinen 80. Geburtstag. © Feuilleton. 0 Personalien. Frankfurt a. M. Wie wir hören, ist Herr Dr. Isaak Heinemann als Oberlehrer an das Goethe- Gymnasium berufen worden. Frankfurt i». M. Der bekannte New-Docker Philantrop Jacob H. Schiff ist mit Familie zu. längerem Aufenthalt hier eingetroffen. Berlin. Herr Dr. Joseph Eschelbacher, Rabbiner der hiesigen Gemeinde, Alexanderstraße 49, feierte am Samstag das Fest der silbernen Hochzeit. Berlin. Von den ausgewiesenen russischen Studenten sind nur Mandelstamm, Silberfarb, Syskin, Bärsou, Bärmaun, Nöfsohn Juden. - Berlin. Die Akademie der Künste hat als Preisrichter der Stipendien der Michael Beer'schen Stiftung den Betrag von 2250 Jf. dem Maler Sigmund L i p i n s k y zu einer einjährigen Studienreise nach Italien verliehen. Breslau. Die Stelle eines Schularztes ist zum ersten Male einer Dame, Fräulein Tr. Therese Opp ler, übertragen worden. Peffach, Mazzoh und Morror. Von I. M. Salkjnd. Schon vier Monate, daß sie von ihm keinen Brief erhalten hat. 'Vier Monate — und weder Brief noch Geld! Nach Pessach werden es drei Jahre, daß er nach Amerika ging. Bettelarm waren sie, als sie sich heirateten. Er war Schuhmachergeselle und sie Köchin in einem reichen Kaufmannshause, wo sie sich etwa hundert Rubel als Mitgift ersparte. Als sie aber kurz vor der Hochzeit im Begriff war, ihre Herrschaft zu verlassen, bankerottierte der Herr und vermochte nicht, ihr die bei ihm mühsam ersparten paar Groschen zu bezahlen. Sie klagte zwar nicht viel über den schwer zu verschmerzenden Verlust, sie befürchtete aber, daß er Chajim veranlassen könnte, die Partie aufzulösen. Er wäre auch nicht ganz iirt Unrecht, wenn er es täte. Wer könnte denn einem so netten Burschen wie Chajim zumuten, ein Mädchen ohne jede Barschaft, zu heiraten? Ihre Befürchtung trat aber nicht ein. Chajim ärgerte sich zwar ungemein über den Verlust, wurde aber nicht wortbrüchig und führte sie eines Tages Kedaß Mosche Wejissroel heim. Bestand auch dieses Heim nur aus einem kleinen Zimmerchen, das sich in einer Kellerwohnung befand und sehr ärmlich aussah, so war doch das junge Paar, ivelches sich darin einnistete, so reich an Lebensfreuden und fühlte sich so glücklich und zufrieden, daß sie es nicht gegen einen goldgeschmückten Königspalast eingetauscht hätten. Ten Tag über arbeitete Chajim als erster Gesell bei Reb Mosche Schuster und sang dabei alle Nigunim, die der im ganzen Gouvernement rühmlichst bekannt? Chasau des Städtchens zu jedem Jomtov komponierte. Nach Maariv Pflegte er sich eiligst nach Hanse zu begeben und wußte durch sein vogelfrohes, sorglos-lustiges Wesen Chane die Abende so angenehm zu machen, daß sie „sich wie im siebenten Himmel fühlte." Jeden Freitag nachmittag händigte er ihr seinen Wochenlohn aus, den sie, wenn er noch so minimal war, so zu verwenden verstand, daß sie die ganze Woche bekowed lebten und noch gar nianchen Groschen erübrigten. 21m Sabbath und beit Feiertagen war sie überglücklich; an diesen Tagen gehörte ihr Chajim ganz. Und waren sie auch während des Betens und der Vor-Mincha-Teroscho des Maggid von einander getrennt, so verfolgten ihn ihre liebesdurchtränkteu Blicke aus der Weiberschul so. unablässig, daß gar manche ältere Frau den Kopf mißbilligend schüttelte. 2lls sie eines Tages Mutter eines kräftigen und hübschen Knübleins ward, den sie nach ihrem seligen Vater Reb Mosche Melamed Moschele benannte, erreichte ihr Glück seinen Höchsten Gipfel. Chajim wurde ganz kindisch vor Freude; stundenlang saß er an der Wiege des Kleinen, das er unaufhörlich koste und mit dem er nach der 2lrt der Kinder plauderte und spielte, während ihre Blicke voll Zärtlichkeit von Vater zu Sohn schweiften und in der stumm beredten Sprache rein jüdischer Liebe andächtig Jeworechecho beteten. In dieser Weise verstrichen für sie wie ein süßer Traum fünf Jahre. Fünf Jahre der höchsten Glückseligkeit, in denen sie ihrem Manne noch zwei Kinder schenkte. Eines Abends am Cholhamoed-Pessach besuchte sie ein Freund, der vor Kurzem aus Amerika heimgekchrt war. Er trug zwei schwere goldne Uhrketten an der Weste und eine Unzahl massiver Ringe auf den Fingern und wußte so viel schönes und interessantes von diesem Lande zu erzählen, daß sie ihm atemlos lauschten und wie in früher Kindheit Märchen zu hören glaubten. Seit diesem 2lbend ivurde Chajim ernst und finster, und seine Sorglosigkeit und Fröhlichkeit verschwand wie durch einen Zauber. Er hörte auf zu singen und spielte nicht mehr mit den Ändern. Des Abends blieb er entweder ganz aus oder spazierte im engen Zimmerchen auf und ab — düster, aufgeregt und in - Gedanken versunken. Chane ahnte etwas Schreckliches, wagte aber nicht Chajim durch Fragen zu stören. In dieser bangen Ungewißheit verlebte sie sechs schwere und unendlich lange Tage und'Nächte, in denen weder sie noch er ein Auge schlossen, im gegen fettigen Glauben, von einander nicht bemerkt worden zu sein. 2lm Samstag abend nach Howdoloh entdeckte ihr Chajim, daß er die Absicht habe, nach Amerika zu gehen. Sie wurde leichenblaß und fiel in Ohnmacht. Als sie zu sich kam, versuchte sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, ihn von diesem schrecklichen Vorhaben abzubringen. Sie sprach von den Gefahren der Reisen auf dem Meere und allen Nachteilen des Lebens in der Fremde, von ihrer Einsamkeit hier und dem großen Sehnsuchtsschmerz nach den Kinderchen, der ihn dort unaufhörlich quälen würde. ES half aber nichts. Sein Entschluß stand fest. Er wollte ja nur für zwei oder, drei Jahre hinfahren und ein paar Tausend Dollars verdienen, was ihm ja hier niemals gelingen würde, damit er sie besser ernähren und den lieben Kinderchen eine gute Erziehung angedeihen lassen könne. Tie arme Frau mußte sich endlich in ihr Schicksal fügen und willigte ein. Eine Reihe harter Tage trat nun wiederum für sie ein. Eine ganze Woche dauerten die Vorbereitung zu der Reise und die Unterhandlungen mit dem „Grenzagenten". Während dieser Zeit blieb Chajim nur selten zu Hause und Chane war ihrem grenzenlosen Kummer ganz überlassen und den bitteren Tränen, die aus ihren Augen wie aus einer Quelle kamen und mit denen sie jeden Gegenstand, den sie ihm einpackte, gründlichst durchtränkte. Dann kam die Stunde der Trennung. Sie begleitete ihn bis zur nahen Kreisstadt, wo die Eisenbahn ging, und als der Zug nach kurzem 2lusenthalt davon raste, nur noch eine dicke Rauchwolke zurücklassend, die sich auch bald verflüchtigte, fühlte sie sich so schwach, daß sie auf eine danebenstehende Bank niedersank und stundenlang wie bewußtlos dasaß. Tann kamen jene Nächte, in denen noch der Frühling seinen Kampf mit dem hartnäckigen Winter auszufechten hat und der Wind, im Glauben, alle Welt darauf aufmerksam machen zu müssen, mit wütendem Geheul hefsig an den Fensterläden reißt. Ihr Kleinstes an der Brust, sah sie in ihrer Phantasie das Schiff, welches jetzt ihren Chajim nach Amerika trug, in verzweifeltem Kampfe mit den turmhohen Wellen des brausenden Meeres, die es zu verschlingen drohen, und ihre Lippen bewegten sich in banger Angst zum Gebete. . . Beruhigt ward sie erst, als sie einen Brief von ihm aus Newyork erhielt. Zehn Tage später erhielt sie auch fünf Tollars. Ein reger Briefwechsel entstand nun. Sie schasste sich ein Paketchen Briefbogen und Couverts an und schrieb Chajim allwöchentlich in der ausführlichsten Weise von ihrer heißen Liebe und der brennenden Sehnsucht nach ihm, von den lieben Kinderchen und deren Schönheit und Klugheit und von dem Städtchen überhaupt und allein, was in ihm vorgegangen war, und er berichtete ihr seinerseits über sein neues Leben, seine 2lrbeit und Freunde und das sonderbare Treiben der Großstadt, in der er sich jetzt befand. Ja, gar oft beantwortete er ihre Briese mit einem fünf oder zehn Tollarscheine, für den sie in der Bank der Kreisstadt zehn oder zwanzig Rubel bekam, und teilte ihr mit, daß er tüchtig spare und bereits mehrere solcher Scheine besitze. Eines Tages erhielt sie auch seine Photographie. Er trug „deutsche" Kleider und hatte den Bart so kurz geschnitten, daß sie sich schämte, die Photographie in der Stadt zu zeigen. Ta eu sie zugleich um die ihrige gebeten, fuhr sie bald mit den Kindern nach der Kreisstadt, wo sie sich photographieren ließ, und schickte ihm das Bild mit Vorwürfen, warum er denn so geworden sei. Darauf antwortete er mit einer Zehndollarnote und beschwichtigte sie mit der Bemerkung, daß man sich dort so tragen müsse. Sie fühlte sich wiederum glücklich und strahlte vor Freude, so oft sie daran dachte, daß ihr Chajim nach einem Jahre oder zwei nach Hause zurückkehren wird und sie zusammen wie die Kezinim leben werden. „Wir Frauen sind doch nur dumme Gänse!" sagte sie sich so oft ihr jene Tage, an denen sie sich so unglücklich gefühlt, in Erinnerung kamen. So verging ein volles Jahr. Im zweiten Jahre begannen die Briese auf einmal etwas spärlicher zu werden. Sie kamen nur zwei 2Nal monatlich, ja, manchmal sogar nun einmal im Monat. Auch waren sie nicht mehr so ausführlich und an der Stelle von „mein süßes Chanele!" trugen sie zur Ueberschrift nur das kürzere und kältere „liebe Frau!", welche Ueberschrift zuweilen überhaupt ganz ausblieb. Chane schrieb dieser plötzlichen Metamorphose keine weitere Bedeutung zu, wenn sie auch von ihrer üblichen Schreibweise nicht abließ und Chajim ihre wöchentlich drei Bogen starken Korrespondenzen zu senden fortsetzte. Und stieg einmal ein Zweifel ungeahnt in ihr auf, so machte sie sich nachher die bittersten Vorwürfe: „Tummes Zeug! Er hat mir ja bereits alles geschrieben . . . Wir sind doch kein junges Ehepärchen mehr" ... Und als auch die Geldsendungen seltener zu wcrden anfingen, war sie überglücklich: „Recht so! Das Geld muß gespart werden . . ." Nur das eine konnte sie zuweilen nicht recht begreifen, warum er so wenig nach den Kinderchen frage? . . Aber auch dafür fand sie bald die schwerwiegendsten Gründe: „Er scheint nebich sehr schwer zu arbeiten. . . Haschem jißborach möge ihm Kraft und 2lusdauer verleihen!" ... Zwar zirkulierten im Städtchen die verschiedensten Gerüchte über ihren Chajim und es fehlte auch nicht an Leuten, denen es ein besonderes Vergnügen gewesen zn sein schien, sie davon in Kenntnis zu setzen.