Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1904)
- Date
- 1904-03-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 13. aber Chane ließ diese Gerüchte unbeachtet und versagte ihnen jeden Glauben. Sie hatte dafür nur Verachtung und Empörung. „Eine solche Gemeinheit, von meinem Chajim so was zu erzählen!" Sie wußte ja, von wem das alles herrührte. Schlomc Tischler, ihrer Nachbarin Braine Mann, lebte ebenfalls in Amerika, und Braine war eine schlechte Frau und beklaschte gern.'alle Welt. Warum sollte sie sie verschonen, mit der sie als Nachbarin so oft gezankt? Das dritte Jahr der Abwesenheit Chajims veränderte die Lage nur insofern, daß die Briefe noch seltener wurden und noch kürzer waren und die Geldsendungen Monate lang ausblieben. Aber auch jetzt ahnte Chane noch immer nicht und fand alles alright wie sich ihr Chajim in den Briefen oft auszudrückcn pflegte. „Wozu Geld oder Briefe, wenn er zu Pessach nach Hause kommt?",dachte sie sich und gab sich den süßesten Träumen hin. In den reichsten Farben malte sie sich die Stunde seiner Ankunft aus, das Wiedersehn, die Umarmung und die heißen Küsse unter Freudentränen, dann die Sederabende an seiner Seite, an denen Moschele zum ersten male seinen Vater Ma-Nischtane fragen wird, dann Jomtov in der Schul und dann . .. und dann ... Sie fühlte als ob ein Strom des Glückes ihre Adern durchrieselte . . Einstweilen hatte sie noch überall Kredit. „Ich bezahle Ihnen, wenn mein Chajim heimkounnt," sagte sie und borgte überall, wo man ihr, ohne ans die im Städtchen zirkulierenden Gerüchte zu achte», noch Kredit gab. In der letzten Zeit gelang es jedoch den bösen Zungen, die sich von Chajim die schändlichsten Sachenzu erzählen wußten, ihren Kredit derartig zu untergraben, daß man ihr nicht nur nirgends mehr borgen wollte, sondern sie vielmehr von allen Seiten mit Mahnungen bedrängte und aufforderte, die alten Schulden zu bezahlen. Täzu stand noch" das liebe aber mit so viel Kosten verbundene Pessachfcst hart vor der Türe, ohne daß sie auch das mindeste für diese heiligen Tage vorzubereite» im Stande gewesen tväre. Tie Not erreichte ihren Höhepunkt. Von Chajim hatte sie bereits vier Monate kein Lebenszeichen. Vergebens schrieb sie ihm schon einige Briefe und fragte ihn, ob er noch auf Pessach nach Hause zurückzukehren gedenke, was doch recht» und billig wäre, da er ohne Zweifel schon genügend erspart haben müßte, und bat ihn auch zugleich um einiges Geld für Pessach, was sie sonst nie getan hatte und auch jetzt nur sehr ungern tat. Chajim aber ließ alle ihre Briefe unbeantwortet sein. Tiefer Umstand begann sie stark zu beunruhigen. Mcht, daß sie an Chajims Treue zu zweifeln begonnen hätte. Sie hielt noch immer die Gerüchte über ihren Chajim für eine niedrige Erdichtung . ihrer Todesfeindin Braine, die den Zweck haben sollte, sie auf das empfindlichste zu kränken. Was sie befürchtete, ist, daß ihm ein Unglück auf deni Meere zugestoßen sei. Wenn.er nicht mehr schreibt, so war er sicherlich bereits unterwegs. Tie Witterung war wiederum so unruhig. . Und diese schrecklichen Winde. . Sie zitterte am ganzen Körper. Zu wiederholten Malen stammelte sie hervor: „ckeworecheeho kkaseddm wejisch nfehecho!“ Viel mehr noch als Braine ärgerte sie der Briefträger, der an ihrem Hause erst i»u zehn Uhr morgens vorbeizugehen pflegte. Ter Elende! hatte er doch die Briefe schon um achte zur Austeilung bekommen. Unzählige Male versprach sie ihm ein gutes Trinkgeld, wenn er ihr die Briefe zuerst bringen wollte; es half aber nichts. Endlich brach ihr die Geduld, und so rannte sie jeden Morgen früh auf die Post, damit sie seinen Brief, der doch sicherlich kommen mußte, so rechtzeitig als nur möglich erhalte. Aber, leider, immer vergebens. Täglich kehrte sie mit leeren Händen und leerem Herzen nach Hause zurück. In diesem qualvollen Hoffen und Harren verlebte sie die vier Wochen zwischen Purim und Pessach. Nur noch ein Tag.trennte ■ sie von dem lieben Feste, an dem das Andenken der Befreiung der Ahnen von dem Sklavenjoche Egyptens durch die wundertätige Hand des Allmächtigen, der um sein auserwähltes Volk geworben hatte, gefeiert wird, und an dem sie an der Seite ihres Mannes wie vordem so glücklich zu werden, glaubte. In allen Häusern tvar bereits „Pessach". Alle Hände .waren beschäftigt, die Männer auf dem Markte, die Frauen in der Küche; überall wurde gewaschen und gescheuert und gereinigt und geputzt; sogar die Erde begann sich zu dekorieren als ob sie ahnte, daß das Frühlingsfest im Anzug sei. Auch die Aermften der Armen hatten bereits Wein, Mazzos; und Fleisch und Kartoffeln. Wer keine Mittel besaß,, bekam von der Gemeinde, damit er sich ain Freiheitsfest Israels gleich den Reichsten seines -Volkes ungetrübt der „Jomtovfreude" hingeben könne. Nur sie allein hatte noch nichts. Was das Chometzräumen betraf, machte sie sich keine Sorgen . . aber Wein und Mazzos; und Morror? . . . Sollte sie sich auch an den Parneß wenden? . . . Aber wie konnte sie es als Frau eines Mannes, der in Amerika lebt und bald als Kozin heimkehren wird? Und was würde dazu Chajiin sagen? Diese Schande durfte sie ihm nicht antun. Moschele hatte bereits Ferien, ohne daß sie seinem Rebbe auch nur etivas für das Semester angezahlt hätte. Er konnte ausgezeichnet die „Bier Kaschjcß" und frug oft seine Mutter, wann sie denn Mazzos; „wie alle Inden" haben werde und ob Papachen noch zu Pessach komme, damit er ihn „Ma- Nischtane" fragte, das er ja zu diesem Zwecke so gut erlernt hatte. Tas arme Kind ahnte, nicht, wie es mit jedem Worte seiner heißgeliebten Mutter einen tief in das Innere dringenden Tolchstich versetzte, Tie ganze Rächt tat Chane kein Auge zu. Sie war nicht mehr fähig normal zu denken; alles kam durch ihr totniüdes Gehirn durcheinander. Erst gegen Morgen hob sich aus dem Wirrwar ihrer Gedanken ein fester Beschluß ab: „Morgen ist Erew-Pcssach. Wenn ich, Gott bewahre, auch morgen keinen Brief erhalte, gehe ich zum Parneß und — borge mir etwas Geld. Pessach muß gehalten werden, wie Haschem jißborach geboten hat. Ich bezahle ihm — wenn Chajim heimkommt — natürlich, ohne daß er es erfährt." Bei Tagesanbruch weckte sie Moschele, kleidete ihn und führte ihn in die Synagoge, tvo sie ihn nach dem Beten am Sijum teilnehmen ließ, damit er nicht als Bechor zu fasten brauche, dann eilte sie mit ihm aus die Post. Tiesmal sollte sie ihre Erwartung nicht.täuschen. Nach einer halben Stunde des ängstliche» Harrens überreichte ihr der Briefträger einen eingeschriebenen Brief. Sie erkannte sofort seine Schrift und packte den Brief mit wilder Gier. Aufgesordert zu unterschreiben, griff sie in die Tasche, um dem Briefträger das versprochene Trinkgeld zu geben, als sie aber darin nichts fand, versprach sie ■ ihm ein größeres Trinkgeld nach Jomtov. Hastig riß sie das Couvert auf. Es enthielt eine Zehnrubelnote und einen Bries. Tcr Brief war trocken und kurz wie eine Tcpcsche. Er teilte ihr mit, daß er nicht mehr nach Hause zurückzukehren gedenke und baß er eine andere Frau heiraten tvolle, da er sie nicht mehr liebe. Er schicke ihr. einstweilen zehn Rubel und wenn, sie von ihm Geld empfangen wollte, sei er auch bereit, ihr dreihundert Rubel zukommen zu. lassen und den Kindern monatlich eine Summe von zehn Rubeln extra zu senden, falls sie sie ihm nicht überlassen wollte. Als sie de» Brief 'zu Ende gelesen, wurde ihr Plötzlich schwindlig vor den Augen, ihre Kniee begannen zu schlottern-und sie fühlte als ob ihr der -Boden unter den Füßen genommen würde und sie immer tiefer und tiefer in einen Abgrund sänke. . . Moschele bemerkte die plötzliche Veränderung, die mit ihr vorging und fragte ängstlich: „Mamachen, was ist Tir? kommt Papa zu Pessach? Ich kann ja schon die „Kaschjeß". Sie antwortete nicht und blieb noch eine Weile bewußtlos stehe», das Haupt gegen die Wand gelehnt und in den Händen der schreckliche;Brief und die Note. Als aber Moschele. nochmals erschreckt fragte: „Mamachen, werden Ivir auch Pessach haben?" fuhr sie plötzlich in die Höhe, wie aus einem tiefen Schlaf erwachend und sich an ettvas erinnernd und sagte: „Ja, mein Kind, einen koscheren Jomtov: Pessach, Mazzoh und Morror ... Ma-Nijchta»e wirst Du heute mich fragen." Und sie. ergriff Moschele's Händchen und rannte mit ihm in das nächste Mazzoßgeschäft. . Das »Frankfurter Israelitische Familienblatt" kostet in Frankfurt a. M. Mk. 1.— einschließlich Bringerlohn, auswärts Mk. 1.62 einschließlich Bestellgeld (bei Abholung von der Post 12 Pfg. weniger). Auch im Auslaude nehmen sämtliche Postanstalten Abonnements entgegen. Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich Ausland Mk 2.—). Kaiser Friedrich Quelle -Offenbach a. 31. -- Vornehmstes Tafelwasser. G. Wagner, Dentist, Rechneigrabenstr. 4. Sprechstunden von 9—12 und 2—6 Uhr. Zalinplompcn in Gold, Porzellan, Silber o. Emaille, sowie Zahnkronen n. Gebisse in Gold, Platin u. s. w, in nor feiner Ausführung. Schmerzlose Behandlung unter Garantie. ‘ Jüdisch-Literarische' Gesellschaft. Frankfurt a. 31., im März 1904. F. P. Wir beehren uns hierdurch die verelirlichen Mitglieder unserer Gesellschaft zu der am Donnerstag, den 12. Mai er., Nachmittags 3 Uhr im Hotel Neuhof, Goethestrasse 25, stattfindenden Mi tffli e d er-VerSammlung ergebenst einznladen. TAGES-ORDNUNG : 1. Bericht des Vorstandes. 2. Rechnungsablage. 3. Anträge. *) Den satzangsgemäss der Tages-Ordaung vorausgehenden wissenschaftlichen Vortrag wird Herr Rabbiner Dr. Bondi aus Mainz über das Thema : Der Siddur des Gaon Saadia halten. Der Vorstandi. A.: Direktor Dr. Lange, Vorsitzender. *) § 10 der Satzungen: Die Mitglieder-Versammlung entscheidet über Anträge, welche vom Vorstände gestellt oder von einzelnen Mitgliedern 4 Wochen vor dem Versammlungstermin hei ihm eingereicht sind. Für eine in drückender Not lebende Familie, Frau und sieben Kinder, der nur unter größten Mühen ihr Häuschen erhalten werden konnte, bitten die Unterzeichneten dringend um freundliche Mithilfe zur weiteren Lebenserhaltung. Gaben, über welche hier öffentlich quittiert werden wird, nehmen entgegen Dr. H i r s ch f e.l d, M. M ü n z, Provinzialrabbiner, Vorsteher der Israel. Gemeinde, Gießen. Stockheim-Glauberg. Koch, Bürgermeister, Stockheim. fGlage-Handschuhe v. Mk. 1.7S Oll. I Grosse Auswahl in Stoffhandschuhen, Cravatten u. Hosenträger empfiehlt I XSmilie Michael Aug. Thaler Nachf., Catharinenpforte 9. oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo 8 Silber waren-Total-Ausverkauf ÄÄW“ 8 O wegen Verlegung des Lagers nach Rossmarkt II. 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