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Neue jüdische Presse · 1904-03-25 · Heft 12 (25.3.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 12 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. - '' ' . Seite 3. erschien der Reviervorstand, die vom Kaiser gestiftete Eh e jub il äumsm ed ai lle nebst kaiserlichem Kabinettsschreiben überreichend. Im Verlauf des Tages traf neben vielen persönlichen Handschreiben bekannter und hoher Persönlichkeiten Berlins und des deutschen Reiches auch ein solches der G r o ß - Herzog in von Baden ein. Herr E m i l C o h n, langjähriger Mitarbeiter des Geschäftshauses N. Israel, ist plötzlich gestorben. Die Firma widmet ihrem treuen und gewissenhaften Mitarbeiter einen warm empfundenen Nachruf. Hamburg. Zum 1. April wird Postinspektor Joseph nach mehrjähriger Tätigkeit bei dem Postamt Altona zur kaiserlichen Oberpostdirektion in Hamburg versetzt und daselbst eine Stelle für Bezirksaufsichtsveamte übernehmen. Unseres Wiffens ist es das erstemal, daß einem Glaubensgenossen eine derartige Stelle im Reichspostdienst übertragen wird. Stratzbürg i. Elf. Dem Kreisarzt und Strafanstaltsarzt Dr. Alexander Levy in Hagenau wurde der Charakter als Geheimer Medizinalrat verliehen. Leipzig. Die älteste Einwohnerin Leipzigs, die Kau fmannsw itw e Marie Co h n, ist vor Kurzem im Alter von 102 Jahren hier Verstorben. Die Greisin, die im Jahre 1802 in Werschititz in Böhmen geboren wurde, lebte seit 8 Jahren bei ihrer Tochter hier. Bis in ihre letzten Lebenstage hat sie sich große geistige Frische bewahrt, ihr Gedächtnis grenzte, wie ans versichert wird, geradezu ans Wunderbare; noch in den letzten Lebenstagen erzählte sie Erlebnisse aus ihrer Jugendzeit. Dortmund, 22. März. Zu der v. G l a s e n a p p - schen Truppe, welche in diesen Tagen 7 Offiziere auf einmal verlor, gehörte auch der Leutnant der ReserveBendix. Er stammt aus hiesiger Gegend, war Regierungsbauführer und trat vor. einiger Zeit in Dienst der Firma Arthur Koppel in Berlin, welche in Deutsch-Südwestasrika Bahnbauten ausführt. Beim Ausbruch des Ausstandes wurde auch Bendix einberufen. Run hat er, der einer angesehenen jüdischen Familie angehörte, seinLebenfürsBaterland gelassen. Budapest. Durch allerhöchste Entschließung wurde verliehen: der verwitweten Frau Josef Grüß geb. Barbara Guttmonn, Präsidentin des Miskolczer israelitischen Wohltätigkeits-Frauenvereins, als Anerkennung für ihre Verdienste auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit, das goldene Berdienstkreuz .mit der Krone. London. Juden im Londoner Stadtparlament Bei den letzten Wahlen zum London County Council waren 6 Juden aufgestellt, von denen auch 4 gewählt wurden. Unter den Kandidaten waren 3 Moderates, 2 Progressives und 1 Jntependent, unter den gewählten 1 Gemäßigter, 2 Progessisten und 1 Independent. Ein Jude, Mr. Gordon, war der einzige Jntependent, der bei dieser Wahl überhaupt geivählt wurde. Warschau. S o k o l o w, der Herausgeber der angesehenen hebräischen Tageszeitung „ll a z e fi r o h“ blickte vergangenen Sonntag auf eine 25 jährige Schriftstelleriätigkeit zurück. Sokolow ist einer der hervorragendsten Publizisten; neben dem großen Reichtum seiner Sprache, den er der gründlichen Kenntnis aller Disziplinen des talmudisch-rabbinischen Wissens verdankt, ist vieles, was er schreibt, von einem eigenartig poetischen Reize durchweht. In der letzten Zeit hat ein neues- Unternehmen Sokolows von sich reden gemacht; es ist die geplante Herausgabe einer großen allgemeinen Enzyklopädie in hebräischer Sprache, die nicht allein jüdisches, sondern auch allgemeines Wissen enthalten soll. — Sokolow war erst ein Gegner des Zionismus; nachdem er aber dem ersten Kongreß persönlich beigewohnt hatte, wurde aus ihm ein begeisterter Kämpfer für die zionistische Idee. Er motivierte seine Sinnesänderung mit den Worten: Seitdem H e r z l das große Wort gesprochen, daß er unter Zionismus »Die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" verstehe, seitdem wir eingesehen, daß unsere hervorragendsten Intelligenzen. die vom Judentum längst nichts mehr wissen wollten, durch den Zionismus begeisterte Juden geworden sind — können wir uns der Wahrheit nicht verschließen und müssen anerkennend zugeben, daß der Zionismus eine mächtige und gewaltige Kraft ist und oen Lebenssaft bildet, der unserm Bolkskörper jugendliche Frische verleiht I ..." Pater und Sohn. Erzählung von Sch. Asch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Hebräischen von T. B a ch. (Schluß). Im Beth-Hamidrasch. Es ist dlbend. Finsternis und Totenstilte ringsum. Ein Licht brennt am Betpult und vor demselben steht Jakow David, den Kopf in beide Hände gestützt und betet. Er fühlt einen furchtbaren Schmerz in der Brust. Er weiß, daß er mit seinem eigenen Leben spielt. Er muß alles aufdecken — sich Rat holen. Aber wem soll er es sagen? wem es verraten? Seinem Väter? Sein Vater ist arm und gedrückt. Auch er ist krank, sehr krank, sein Gesicht ist blaß und mager; so manches Mal hat.er ihn beim Lernen schwer seufzen, so nlanches Mal in der Nacht auf seinem Lager stöhnen hören. „Vater, warum seufzest Du?" „Ach, laß doch, kümmere Dich nicht darum." Wie es scheint, will auch der Vater sein Geheimnis niemand verraten. Soll er es der Mutter erzählen? Den ganzen Tag zieht sie von Haus zu Haus mit ihrem Packen auf 'dem Rücken und verdient ihr Brot im Schweiße ihres Angesichtes. So manches Mal hat er sie abends, wenn sie mit den Waren vom Markte heimkain, auf ihrem Bette sitzen sehen. Schweißtropfen rinnen ihr von der Stirn und sie atmet schwer. „Was fehlt Dir, Mutter?" fragt er sie, sie voll Liebe und Mitleid ansehend. „Nichts, meiu Sohn, nichts." Sie tröstet sich und erträgt ruhig ihr Los. Sie arbeitet wie eine Sklavin, um die Familie zu ernähren. lind er denkt bei sich: ich sitze und lerne und meine Mutter arbeitet. Tränen erglänzen in seinen In seinem Hirn wühlt noch immer der schreckliche Gedanke: Sie arbeitet und ich esse. Soll er seiner unglücklichen Mutter verraten, daß er krank ist, damit sie den Arzt holen lasse? Eine innere Stimme sagt ihm: Narr, du setzest dein Leben auf's Spiel! Bedenke, bedenke, was du tutst! „Und das Geld für den Arzt und die Arznei?" Alles im Hause schläft schon, nur das Schnarchen unterbricht die Stille. Jakow Davids Herz ist traurig und schwer. Er sitzt am Tische und beobachtet die Schatten an den Wänden, eine Lampe steht auf dem Tische und erleuchtet den Raum. Bald wird das Oel in der Lampe ausgebrannt und der Docht vertrocknet sein, bald wird die Flamme dunkler werden und verlöschen. Die Flamme steigt aus und flackert noch. Aber bald, bald wird sie verlöschen. Jakow David fühlt einen Schmerz in der Brust, finstere Gedanken durchwühlen sein Hirn. Schwere Seufzer entringen sich seiner Brust. . . . . — Wenn kein Oel mehr in der Lampe ist, dann geht sie aus. . . . * V -ft Das Oel iu der Lampe ist all, der Docht vertrocknet und die Flamme erloschen. Jokow David fühlt einen Schmerz in der Brust. Tropfen Blut hängen an seinen Lippen. Er trocknet sie immer von neuem; hier, noch ein Tropfen und noch einer. Der Schmerz iu seiner Brust nimmt zu, sein Herz zieht sich krampfhaft zusammen. iü?. ^.Synagoge der jüdischen Arbeiterkolonie Tn Weißensee. Augen, aber er trocknet sie schnell mit seinenr Aermel. Er will nicht weinen. Sein Herz pocht iu seiner Brust, Kummer und Schmerz erfüllt ihn. Soll er noch ihren Kummer vermehre»? Jeden Groschen verdient sie mit ihrem Blute, und 'das Geld für den Arzt und die Arznei? Nein, beschließt er bei sich, ich kann es der Mutter nicht sagen. Komme was wolle. Gott ist barmherzig, er weiß alles, er kennt auch meinen Schmerz. Er ergreift ein Stück Kreide und schreibt mit großes Buchstaben aus 'sein Betpult: „Jakow David, Sohn der Soroh Gittel, fleht um Genesung."-) Cr setzt sein Gebet fort und schaltet seinen Namen im .Lebmaunvii Es9roh“-©e6et ein.") * -ft Jakow David öffnet die Tür und tritt ruhig in das Zimmer ein. „Lieber Sohn! Hier ist Dein Essen. Ich bitte Dich, iß!" Er weiß, daß seine Mutter noch nicht gegessen, daß sie von dem Fleisch nicht gekostet und es nur für ihn aufbewahrt hat. -) Ein 9tft, der iu der chassidischeu Sitte, dem Rabbi beim Besuch ein „Quittel" (Zettel) mit Angabe seiner Wünsche zu übergeben, sein Analogon hat. Anm. des Hebers. s) In der Brochoh „Refoenu' betet er für seine Gesundheit. Anm. des Uebers. Es trocknet der Docht, das Licht erlischt. . . . 4 * Es war am zäum Kippur. Jakow David fiel ohnmächtig zu Boden. Leibko, der Feldscher konstatierte: von der Schwäche des Fastens. Man begann ihn in's Leben zn rufen. Der eine rieb ihm die Ohren, der andere die Nase. Er wurde sch>ver krank in's Bett gebracht. Soroh Gittel versetzte ihr letztes Bettzeug, ihr Mann aber ging zum Rabbi. Er kam, nahm ein Bad und ließ sich beim Rabbi melden. (Da er ein eifriger Chassid war, den die Diener schon kannten, ließ man ihn gleich beim Rabbi vor.) Der Rabbi ging in seinem Ziiumer auf und ab. Er erhob seine Brauen, sah Rabbi Jechiel Meier an und sagte mit einem schweren Seufzer: „Der Allmächtige möge sich erbarmen." Bei diesem Ausspruch verstand Rabbi Jechiel Meier, daß der Kranke in großer Gefahr schwebe. „Rabbi!" rief er mit bebender Stimme. Der Rabbi seufzte und schwieg. Rabbi Jechiel Meier eilte nach Hause. Erew Sukoth gegen Abend kam er nach Hause und noch gerade recht, mn beim Hinscheiden seines Sohnes zugegen zu sein. „Ich wußte es," war seine Anlwort auf alles Hin- und Herreden. Also verschied der Jüngling. i i i T > ■ä k ,s Ä 1

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