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Neue jüdische Presse · 1904-03-25 · Heft 12 (25.3.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 12 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. ' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 12. Man breitete ein schwarzes Tuch über ihn. Soroh Gittel sitzt in der Nähe des Toten, weint, schreit und schlägt sich das Haupt mit den Fäusten. Zhr Gesicht ist totenblaß, ihre Lippen weiß, ihre Augen glühen. Rabbi Jechiel Meier wäscht seine Hände, stellt sich neben den Toten und spricht ruhig und andachtsvoll den Totenscgen: „Gesegnet sei der gerechte Richter." Rabbi Jechiel Meier weint nicht, keine Träne kommt aus seinen Augen. Er legt seine Sabbathkleiber an und setzt seine Sammetmütze auf: „Soroh Gittel," ruft er, „stehe auf von Deinem Platze, es ist verboten am Feiertage zu trauern." Sie sitzt, die Augen nach oben gerichtet. Sie rechtet mit Gott: « .Herr der Welt! einen „Kubisch"^) hast Du mir gegeben, einen einzigen Sohn hast Du mir von fünf Lbriggelasseu und jetzt hast Du auch ihn mir genonunen. Herr der Welt! Die ganze Welt ist Dein; was hätte es Dir geschadet, wenn Du 'ihn mir gelassen hättest?" Ein Strom von Tränen brach aus ihren Äugend ‘ Rabbi Jechiel Meier steht in seinen Sabbatkleidern und seiner Sammctmütze neben ihr und. sagt mit Strenge: „Ich, Dein Mann, Jechiel Meier, befehle Dir als Dein Gebieter, dem zu gehorchen Du verpflichtet bist, zu weinen aufzuhörcn. Dein Gesicht zu waschen und Sabbatkleider zu Ehren des Feiertages anzulegcn. Gott hat gegeben, Gott hat genommen, hörst Du?" „Meinen Sohn, mein Leben, alles hast'Du mir genommen, die Krone von meinem Haupte, alles, alles hast Du mir geraubt. Ach, was wolltest Tu von mir, von Soroh Gittel, Deiner Magd?" .Höre auf, Soroh Gittel, höre auf!" Sein Gesicht war stark gerötet und er verließ rasch das Zimmer. » * * * Rabbi Jechiel Meier kam in das „Stübel"^), um zu beten. Er steht und betet mit großer Andacht und singt, wie gewöhnlich, beim Beten. Nach dem Beten zeigt er allen ein freundliches Gesicht und.entbietet den Feiertagsgruß nach allen Seiten. Er geht an einen befreundeten Chassid heran und sagt ihm: „Getzel, heute esse ich init Dir in Deiner «ukkoh." Er ging niit seinem Freunde, aß 'und trank, und freute sich, wie es vorgeschriebcn ist, des Feiertages. Nach dem Essen kehrte er in das „Stiibel" zurück, um zu lernen. Schatten und Totenstille ringsum: nur er steht am Betpult und lernt. Alles ist wie in ewigen Schlaf versunken, selbst die Schatten an den Wänden stehen regungslos da; auch sie scheinen zu schlafen. Nur er allein steht und lernt. Er sieht feinen Sohn vor Augen, mit blassem Gesicht, mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Er zieht sein Tuch hervor, schnaubt sich die Nase, gibt einen unverständlichen Laut von sich und lernt Iveitcr. Er lernt den Traktat „Dukkoh". Er hat diesen Traktat mit seinem Sohne zusammen zu lerne» begonnen — um ihn am „Simchas - Thora" zu beenden. In seiner Erinnerung steigen die Einwände, Fraget! und Erklärungen auf, die sein Sohn dabei sj Hier der Sohn, der das Kadischgebet nach dem Tode der Eltern verrichten soll. Aniu. des Uebers.etzers. *) Chas&idimklaus. vorgebracht hatte. Und er erinnert sich plötzlich, daß sein Sohn, dieser Sohn, tot ist. Tot! Er tritt an die heilige Lade heran und sagt mit lauter Stimme: „Gott, Du bist gerecht. Du hast gegeben. Du hast genommen." Eine große Träne rollt aus seinen Augen und fällt aus sein faltiges Gesicht nieder. Aber er wischt sie schnell ab, faßt sich und lernt weiter. Die Kerze verbreitet ihr trauriges Licht über das ganze „Stiibel". Eine Erinnerung aus meiner Schulzeit. Bon P. Jacob K o h u. Ich war ein Schüler der dritten Klasse. Das Schuljahr näherte sich, seinem Ende, und das Examen stand vor der Türe. Wie immer, sollte auch in diesem Jahre mit dem Religionsunterricht begonnen werden. Diesmal hatte sich unser Lehrer besonders angestrengt, unsin diesem Fache glänzen zu lassen, denn es weilte ein berühmter Rabbiner in unserem Kurorte und dieser war von der Prüfungskommission cingeladen worden, der Prüfung beizuwohncn. ' Auch wir Kinder hatten uns angestrengt, und wir beherrschten, das Gelernte ausgezeichnet und waren des Erfolges schon im Voraus sicher. Unser Lehrer liebte es, die Prüfungskommission stets mit ettvas Besonderem zu überraschen, und weil er sich diesmal noch besonders hervortun wollte, so hatte er folgendes ausgedacht: Wir waren unser dreizehn Jungen in der Klasse — zwar eine Unglückszahl, doch "der fromme, gläubige Jude gibt auf solchen Werglauben nichts; seine Religion verbietet es ihm. — und die dreizehn Glaubensartikel waren unserem Lehrer wie direkt dazu geschaffen, sie uns in der Art beizubringen, daß ein Jeder von uns einen derselben mit dem hebräischen Text und der deutschen Uebersetzung auswendig lernte, um ihn dann bei denr Examen aufzusagen. Es hatte ihn Mühe genug gekostet, aber er hatte es erreicht. Jeder konnte seinen Satz und unser Lehrer freute sich schon des einzuheimsenden Lobes. Der gefürchtete Tag kam heran, und festlich gekleidet saßen loir in den Bänken und harrten zagend der kommenden Dinge. Nach der Reihenfolge der Glaubensartikel, ivie wir sic cinstudicrt hatten, wurden wir vom Lehrer plaziert, so daß derjenige, der den ersten inne hatte, in der ersten Bank als Erster zu sitzen kam. Es fehlte noch eine halbe Stunde zu zehn Uhr, um welche Zeit die Kommission erscheinen sollte, 'und unser Lehrer benutzte dieselbe, um sich zu vergewissern, ob wir noch alles wußten, was zu seiner Befriedigung der Fall war. Unsere Kominisfion hielt stets auf Pünktlichkeit — sie wollte uns Kindern ein gutes Beispiel geben — und Schlag zehn Uhr erschien sie mit dem fremden Rabbiner an der Spitze. - Er war eine imposante Erscheinung, dieser Rabbiner und gegen uns Kinder sehr freundlich. Er ging einigeinal im Zimmer auf und ab, sich seinen langen, Ehrfurcht einflößenden Bart streichend und blieb dann bei der zweiten Bank stehen: „Wie heißt Du mein Kind?" fragte er den in der Mitte sitzenden Schüler. „Joses Hacker," erwiderte dieser. „Sag' mir, inein Kind," fragte er Iveiter, „an wen glaubst Du?" Mein Kollege, über diese Frage überrascht, blieb die Antwort schuldig. Der Examinator wollte ihm zu Hilfe kommen und fragte: „Glaubst Du an Gott?" „Nein!" antwortete fest der Gefragte. Der Rabbiner, die Kommission, der Lehrer, alle standen starr vor Entsetzen. Der Rabbiner faßte sich zuerst Und sagte: „Du glaubst also nicht an Gott? So sag' mir doch, was denn glaubst Du?" „Ani maamin b’emunoh sch’lemoh, sch’kol diwre hnnßwiim enies — Ich glaube mit vollkommener Ueberzeugung, daß alle Worte unserer Propheten wahr sind." „Und an Gott glaubst Du nicht?" fragte der Rabbiner strenge. „„An Gott glauben die in der ersten Bank," antwortete ruhig mein Mitschüler. Alle blickten fragend auf den Lehrer, der still vor sich hinlächelnd, zum allgemeinen Ergötzen das Ganze aufklärte, worauf die Prüfung einen befriedigenden Fortgang nahm. Bücherschau. Geschichte der Juden von der babylonischen Gefangenschaft bis zur. Gegenwart. Bon Dr. L. Löwenstein. An Lehrbüchern der jüdischen Geschichte herrscht kein Ueberfluß; an wirklich guten Arbeiten aus diesem Gebiete, die sachliche und pädagogische Vorzüge in ’ sich vereinigen und auch auf dem Boden des posi-• tiven Judentums stehen, kann man direkten Mangel. konstatieren. Um so erfreulicher wird es daher berühren, wenn ein so namhafter Gelehrter - und zugleich praktisch tüchtiger Schulmann wie Herr. Bezirks- Rabbiner Dr. Löwenstein-Mosbach (Baden) ein derartiges Werk verfaßt und. herausgibt. Zwar befindet sich die Arbeit, die obigen Titel trägt, noch unter der. Druckerpresse, doch war es möglich, Einsicht in dieselbe zu nehmen und das Ergebnis dieser Einsichtnahme war höchste Befriedigung in jeder Hinsicht. Das Buch behandelt in 6 Abschnitten die jüdische Geschichte von der Zerstörung des ersten Tempels an, bis heraus in unsere Zeit in möglichst erschöpfender Weise. Trotz strengster Wissenschaftlichkeit ist die Sprache einfach, klar und verständlich. Die . Darstellungswelse ist vorzugsweise die biographische, entspricht also ganz den niodernen pädagogischen Anforderungen. Das statistische Material ist möglichst beschränkt, kein gelehrter, nutzloser Wust von Daten und Zahlen. Dabei ist die ganze Arbeit durchweht vom Geiste strenggläubigster Auffassung und vereinigt die Vorzüge eines Familien- und Schulbuches in schönster Harmonie. Zweifellos, wird bas Werk bei seinein deinnächstigen Erscheinen im Buchhandel wärmste und begeistertste Aufnahme finden. HA. Passah von Moriz Hermann. Verlag von Hermann Seemann) Leipzig. 2.50 JL Antschel, der Held dieser Erzählung, besucht das Gymnasium der Residenzstadt. Die Osterferien benützt er zu einem Besuche seiner Eltern. Er kommt am Rüsttage des Passahfestes an. Die vielen Zeremonien, die er seine Eltern und Geschwister mit peinlichster Gewissenhaftigkeit erfüllen sieht, erregen in ihm, dem heimischen! Brauche und väterlicher Sitte innerlich Entfremdeten, heftigen Ziviespalt und schmcrzlichen Zweifel. Das psychologische Moment ist sehr geschickt behandelt, geradezu meisterhaft ist die Schilderung des Sederabends und die Uebersetzung der zahlreichen eingestreuten Hagadastücke. - Magyar Zsido Okleveltar als erster Teil den Monumeota Hnngarial Judaica herausgegeben Vor der Ungarisch-Jüdischen Literaturgesellschaft. Verlag von F. Wodianer, Budapest 1903, Preis 10 Kr. Eine Urkundensammlung, die alle bekannten — auch die schon veröffentlichten — Dokumente zur , Geschichte der Juden' in Ungarn von 1092—1529 . umfaßt. Neben vielen Ivertlosen, wie Schuldverschreibungen, finden sich auch viele wertvolle Urkunden. Dem Buche ist ein sehr gutes Register' beigegeben. Für den der ungarischen Sprache nicht mächtigen ist die. Benützung des Buches dadurch erschwert, daß die jeder Urkunde vorangehende Inhaltsangabe ungarisch ist. Die Urkunden selbst sind freilich größtenteils lateinisch und deutsch. 8. 2. L. Prag. PädagogischeB riefe von Prof. Dr. M. Lazarus. Mit einem Vorwort herausgegeben von Dr. Alsred Leicht. 166 Seiten. Oktav. Preis 1.50 Jk Breslau. Schlesische Vcrlagsanstalt von S. Schottländer. Lazarus hat sich viel und eingehend mit Pädagogikbefaßt. Ihr entnahm er oft die Themen seiner Vorlesungen, noch häufiger die Themen seiner Vorträge. Um so schmerzlicher ist daher die Lücke, in Lazarus Schriften, die durch das Fehlen jeglichen pädagogischen Werkes entstand. Diese Lücke wenigstens teilweise auszufüllen, ist' die Bestimmung ' vorliegender Brochüre. Sie enthält '10 Briefe von Lazarus an seine Freunde, in denen er sich hauptsächlich über Staatserziehung und Schulverwaltung verbreitet.. Der letzte, an eine Dame gerichtete Brief, behandelt das Wesen der Erziehung. Ein beigegebenes Register ermöglicht einen Ueberblick über die in diesem Büchlein erörterten und berührten pädagogischen Fragen. 8. H. L. Prag. oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo § Silberwaren-Total-AusTerkaiif mser|r SSSÄS?*!9e"s“n‘e 8 O wegen Verlegung des Lagers nach Rossmarkt II o O IM" Hoher Rabatt« sr. Hoher Rabatt, "Mv BV4 Hoher Rabatt. *08 O S K. SOII KMAAA A Co. PAITE TÜBBEBi, Hofjuweliere, g OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO

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