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Neue jüdische Presse · 1904-03-25 · Heft 12 (25.3.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 12 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Jsrackitisches Familienblatt. Nr. 12. „Der Römerkater hat viele Freunde, falsche wie ächte. Dieselben schicken ihm öfters zu seiner Freude oder seinem Aergcr wie sie meinen, Ausschnitte aus verschiedenen Juden- und anderen Zeitungen. So auch einen' aus einer Wahrscheins juiflichcn Zeitung in Bersform. Dieser Poem bezieht sich aus den deutschen Gott, den ich unserm Volk an Stelle des Gottes Israel wünschte. Er lautet: Du wünschst dir einen deutschen Gott, Fahr fort so, alter Streiter, Zuletzt verlangst du sapperlott Noch einen Gott für Schneider. Daraus mein Freund und Gesinnungsgenosse: Was wäre groß dabei wohl weiter Es hat Loch auch 'neu eignen Gott, Die koschre Zunft der Halsabschneider Das ist der Herr Gott Zebaoth. Da aber die Schneider bekanntlich eine Hölle haben und der Teufel der Höllenfürst ist, so möge dieser Feuerteufel alle diese Halsabschneider recht bald samt und sonders auf seinen Schweif nehmen und mit ihnen zur Hölle fahren. Das wünscht der viel gelästerte und best gehaßte Hidigeigei. An meine Freunde richte ich die Bitte, überall, fvo sie in eine Wirtschaft kommen, nach der Römer katze zu verlangen. Darum, weil viele Wirte das Blatt zwar halten, aus Furcht vor den Juden es jedoch nicht auflegen. Der Römcrkatcr." Dieses Pröbchen Hcttler'schen Könnens richte: sich vor dem gesunden Sinne eines jeden vernünftig denkenden Menschen von selbst; das schleichende Gift der Worte hat aber trotzdem seine Wirkungen, die durchaus nicht zu unterschätzen sind, denn die „Ge> dankenlosigkeit" ist leider bei uns . Menschen eine sehr verbreitete Eigenschaft. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Die Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft schließt das abgelaufene Schuljahr mit 612 Schülern (124 in der Vorschule, 235 in der Realschule und 253 in der höheren Mädchenschule). Mit Schluß des Schuljahres treten die langjährigen Lehrer, die Herren Pros. Portmann, Löwenthal und Apelt in den Ruhestand. Das neue Schuljahr beginnt Montag, den 11. April, Die Realschule der israelitischen Gemein d e „Philanthropin" weist eine Frequenz von 464 Schülern aus (110 in der Vorschule, 194 in der Realschule und 170 in der Höheren Mädchenschule). In das Lehrerkollegium traten die Herren Oberlehrer Dr. Hermann Schaumberger, geb. 187 zu Angenrod in Oberhessen und Dr. David Hartmann, geb. 1868 zu Mayen in Rheinpreußen, ein, während das Kollegium den Verlust des Fräulein Emma Meier durch den. Tod zu beklagen hat. Berlin. Graf Bülow hat seine Drohung wahr gemacht. Vierzehn russische Studenten sind wegen der Resolution gegen die. Aeußerung des Reichs. . kanzlers im Reichstage betreffs der russischen „Schnorrer" ausgewiesen worden: Birger» Sombc, Silber färb, Mandelstamm, Nilitin, Machlin, Bärson, Bärmann, Stolpner, Nöfsöhn, Gailits, Dr. Syrkin, Scher gow, Bisk. Sie müssen innerhalb acht Tagen Preußen verlassen, wobei ihnen die Wahl der Grenze frcigestellt wird, widrigenfalls sie zwangsweise über die Grenz, gebracht werden. Berlin. Die Religionsschule der i s raelitischen Synagogen gameinde Adas; Jisroel erstattet soeben ihren fünfunddreißigsten Jahresbericht. Nach demselben wurde die Anstalt im Berichtsjahre von 453 Kindern besucht, 292 Knaben und 161 Mädchen. Berlin. Das Jüdische Mädchen st ist Lothringerstraße 16, das in einem besonderen, von Frau Henriette Bär geleiteten Heim unbemittelte jüdische Mädchen für den 'Dienstbotenberuf heran, bildet, versendet seinen 14. Jahresbericht zugleich mit den im Zusammenhang mit der Eintragung des . Vereins abgcänderten Satzungen. ~ Die Anstalt hat im abgelaufcnen Jahre 6 und im ganzen bereits 64 Zöglinge in den Dien 1t treten lassen, und unter diesen 12 für 2—9jährige treue Diensttätigkeit bei derselben Herrschaft mit einer Prämie ausgezeichnet. Sic bedar' aber zur Aufrechterhaltung ihres Bestandes von 16 Zöglingen größerer Mittel, da der insgesamt 9040 JL betragenden Ausgabe eine satzungsgemäß zur Deckung bestimmte Einnahme von nur 8441 JL gegenüberstand Das Vermögen belief sich auf 46,887 JL Vorsitzende sind Waisenhausdirektor Dr. Strelitz und Frau Julie Reumann. München. Der Magistrat hat bekanntlich beschlossen, die Umfassungsmauer und die Straßen züge für den beim nördlichen Friedhof zu erbauenden neuen israelitischen .Friedhof mit einem Kostenaufwand von 56000 JL herzustellen. Diese Summe soll bei Uebernahme deS Friedhofes von der KultuSgemeinde rückvergütet werden. Das Kollegium stimmte diesem Beschlüsse zu. Cüstrin. Wie das „Oderbl." hört, hat die hiesige jüdische Gemeinde eine Deputation an den Regierungspräsidenten in Frankfurt a. O. gesandt, uin gegen den Beschluß des „Schächtverbots" seitens der hiesigen städtischen Behörde Beschwerde zu führen; auch soll in dieser Sache eine gleiche Beschwerde an den Kultusminister gerichtet sein. Köln, 16 März. Die heute Abend abgchaltene Repräsentanken-Versam m lung beriet über den einzigen Punkt der Tagesordnung: Beratung und Beschlußfassung über den Antrag der Herren F. Drucker, Jac. Gottschalk, Emil Blumenau, Tr. Sternberg, Bernh. Goldschmidt, I. Lichtenstein, Carl Brünell, Albert Bier, Leonh. Tietz und David Cohen vom 6. März d. I. lautend: „Die Repräsentanten - Versammlung wolle bechließen, daß in der Synagoge in der Roonstratze zu Köln zur Verschönerung und Hebung des Gottesdienstes eine Orgel eingeführt, und daß dem Vortande zur Beschaffung der Orgel, zur Salärierung rer dadurch notwendigen Beamten, sowie zur Betreitung aller anderen, durch die Einführung der Orgel notwendig werdenden Kosten, die erforderlichen Mittel bewilligt werden." Gleich nach Eröffnung der Sitzung erhob sich Herr Rabbiner Dr. Rosenthal zu folgender Erllärung: - ' „Ich bekenne mich zu denjenigen geistlichen Vertretern des Jndcnlums, welche» der Gebrauch der Orcel bei unserem Gottesdienst mit dem jüdischen Religionsgesetz unvereinbar erscheint, und ich kann deshalb die beantragte Einführung der Orgel in der neuen ynagoge dahier nicht gntheißen." Die hierauf solgendc Erklärung des Herrn Rabbiners D r. F rank lautete: > „Aus Grund eingehender Prüfung der talmüdischen, rabbinischen und halachischen Quellen und auf Grund eigner religiöser Ueberzeugung erkläre ich mit gutem Wissen und Gewissen: 1. Gegen die Einführung der Orgel beim synagogalen Gottesdienst liegen keine religiösen Bedenken vor. ' 2. Der Gebrauch der Orgel beim synagogalcn Gottesdienst an den Sabbaten und Festtagen ist ohne jedes Bedenken gestattet, wenn ein Nicht-Israelit die Orgel spielt und derselbe vor Beginn der Sabbate und .Festtage den Auftrag, sie zu spielen, erhalten hat." Nach zweistündiger lebhafter Debatte wurde obiger Antrag bei nainentlicher Abstimmung mit 10 Stimmen der liberalen gegen 5 der konservativen Repräsentanten angenommen. Hierauf erbat Herr Herm. van Cleef das Wort mcd gab folgende Erklärung zu Protykoll: Auf Grund des Paragr. 83 des Statuts der Synagogen-Gemeinde Köln erheben die Unterzeichneten Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanten-Versammlung hiermit Protest gegen den soeben gefaßten Beschluß, betr. Einführung einer Orgel für den Gottesdienst in der Synagoge Roonstraße aus folgendem Grunde: Der Gebrauch einer Orgel beim jüdische» Gottesdienst verstößt gegen das jüdische Religionsgesetz, und zwar: 1. In Bezug auf die Heilighaltung des Sabbates und der Feiertage; wir verweisen auf Talmud Babli Trakat Sukkah sol. 51g, woraus hcrvorgeht, daß Musizieren auch zur Verherrlichung des Gottesdienstes am Sabbat, wie an Feiertagen verboten ist. 2. In Bezug auf das Verbot in Wajikro 18/3 „Ihr, sollt ihre, d. h. der Andersgläubigen, Gebräuche nicht nachahmen." Damit ist die Nachahmung fremder Kulte und aller damit zusammenhängender Einrichtungen untersagt, vergleiche Schulchan Aruch, Jore Deal), Kapitel 278. Ausdrücklich wird von den maßgebenden Gesetzlehrern hervorgehoben (Beth Josef zum Tur, Kap. 278) daß die Entscheidung, was .unter Nachahmung „fremder Kulte" zu verstehen sei, jeweilig von Zeit und Umständen abhängc. Nachdem nun das Christentum die Orgel für das der Kirche geweihte Instrument betrachtet, und die Orgel auf einen großen Teil der Juden den Eindruck eines charakteristisch kirchlichen Instrumentes macht, fällt die Einführung derselben beim jüdischen Gottesdienst zweifellos unter den Begriff „Chukkaus Hagoi." In diesem Sinne haben auch die bedeutendsten Kapazitäten auf dem Gebiete der jüdischen Gesetzcslchre entschieden. Köln, den 16. März 1904. Hermann van Cleef, Dr. Ochs, Daniel Marcks, D. Wolffsohn, Siegfried Simon, Jacob Horn, Moritz Levy jr., Moses Gottschalk. 35 Kolonien und Besitzungen. ES sind teils selbst, ständige Kolonien, teils solche, die von Baron Edmund Rothschild übernommen worden sind und nunmehr der Verwaltung der Jewish Colonization Asiociation (Jca) unterstehen. Diese und die selbständigen Kolonien haben sich nach Ueberwindung der Schwierigkeiten in den letzten Jahren ausgezeichnet entwickelt,. und ihre Existenz ist nun auch, für die Zukunft gesichert. Außer in den Kolonien Rischon le Zion, Wad el Chanin, Rechowokh und'Petach Tikwah wird auch in den übrigen mehr oder weniger Ackerbau und Gartenbau getrieben. Die Produkte werden hauptsächlich zur Deckung des eigenen Bedarfes verwendet. Mehr für den Export nach dem Auslande sind Orangen, Honig, Man-, deln, Rosinen und speziell Weine sowie. Liqueure bestimmt. Im letzten Jahre betrug die Wernproduktion rund sechzigtausend Hektoliter, das sind gegen acht Millionen Flaschen. Da fortwährend weitergepflanzt wird, ist zu erwarten, daß dieses Quantum in wenigen Jahren verdreifacht und vervierfacht werden wird. Bei der nächsten Orangenernte werden etwa hunderttausend Kisten erwartet. Ferner werden ausgestellt Muster von Seide- und Waumwollwebereicn, ätherischen Oelen, Olivenholzschnitzereien. Prag. DiebischöflicheKonferenzüber die Judentaufen. Das tschechisch-klerikale Organ „Czech" schreibt: Die letzte Bischofskonferenz in Wien beschäftigte sich unter anderen Dingen auch mit der Frage der Judentaufen, mit der sogenannten „Los zu Rom"-Beweguug der Juden. Allgemein wurde der Standpunkt eingenommen, daß der größte Teil der jüdischen Uebertretendeu deshalb die Taufe annehme, weil er dadurch zu Aemtern gelange. Die Taufe verhilft den Juden zu. solchen Stellen, welche sie als Juden kaum erlangen würden, deshalb müsse gegen diese Bewegung irgend etwas geschehen. Es wurde als Mittel hierzu empfohlen, daß den Juden der Zutritt zu den Aemtern in demselben Zahlenverhältnisse gestattet werde, in welchem das Judentum zum Christentum steht. Budapest. Ruinierung jüdischer Existenzen. Im Dorfe Mezöterem, das von Schwaben bewohnt wird, wurden antisemitische Konsum- und Verwertungsgenossenschaften errichtet. Diese haben aber nur ein Scheinleben geführt, denn beim jüdischen Greisler waren die Waren billiger erhältlich als bei der Konsumgenossenschaft und der Bauer konnte für seine Produkte beim jüdischen Händler einen besseren Preis erzielen, als durch die Bcrwertungsgenossenschaft. Die Genossenschaftsleiter nahmen daher zu einem Gewaltmittel Zuflucht: sie ließen nämlich durch alle nichtjüdischen Einwohner eine Erklärung unterschreiben, in welcher diese'bei einer Strafe von zehn Kronen sichverpflichten,beieinemJudennichts einzukaufen, noch ihm etwas zu verkaufen. Die in dieser Ortschaft ansässigen jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden sehen sich nun gezwungen, das Dorf zu verlassen, falls der Handelsniinister ihnen gegen diese ungesetzliche antisemitische Vergewaltigung keinen Schutz bieten sollte. Oesterreich-Ungarn. Wien. P a l ä st in a - A u s st e l lu n g i n Wien. Zur Veranstaltung einer Palästina - Ausstellung in Wien hat sich ein Komitee gebildet, welchem namhafte Persönlichkeiten der Wiener israelitischen Kultus gemeinde beigetreten sind. Der Zweck dieser Ausstellung ist, der großen Oeffentlichkeit die landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnisse aus den jüdischen Kolonien in Palästina, mit deren Gründung vor nunmehr 25 Fahren begonen wurde, zu zeigen. Insgesamt bestehen heute Rutzland. Petersburg. (Sch.) Ein wohlwollendes Urteil über die Judenfrage. Wie ich aus zuverlässigster Quelle Mitteilen kann, hat der Wilnaer Gouverneur Graf Palen der von der russischen Regierung eingesetzten KomMission zur Prüfung der Judensrage ein den Juden außerordentlich günstiges Urteil abgegeben. In einem von seltener Beherrschung der Materie zeugendem Gutachten verbreitete er sich des Ausführlichen über die modernen Strömungen unter den russischen Juden und behandelte in eingehender Weise den jüdischen Arbeiterbund und den Zionismus. Von diesem behauptet er, daß er der revolutionären Propaganda großen Abbruch getan habe und tue. Die Vereine Paualei Zion würden besonders die Verbesserung der Lage der jüdischen Arbeiter auf gesetzlich zulässigem Wege erstreben. Daß sich der revolutionäre Gedanke überhaupt der jüdischen Geister habe bemächtigen können, dürfe sich die Regierung selbst zuschreiben, indem sie sich den von zu Hause aus konservativen Juden durch allerlei künstliche Mittel Bildung zuzusühren bemühte, um dann, nachdem der Bildungshunger geweckt war, vor ihnen die Tore der Bildungsanstalten zu schließen. Personalien. Worms, Der G erichts asse sfor May in Wonns wurde zum stellvertretenden Amtsrichter in Osthofen ernannt. Bisher wurden in Hessen Juden nicht zum Richterstande zugelassen. Karlsruhe. An der Stelle des verfwrbenen Herrn Samuel Straus ist Herr Bankier Ignaz Ellern in den Vorstand der Jsraelitischen'Religionsgesellschaft gewählt worden. Berlin. Lina Morgenstern und ihr Gatte, die verdienstvollen Begründer der Berliner Volksküchen, deren gemeinschaftliches Wirken schon mancher Not im vollsten Sinne des Wortes Linderung gewährt, sind jüngst an ihrem goldenen Hochzeitstage zum Gegenstand .allgemeinster Sympathien und privater wie öffentlicher Ehrungen und Auszeichnungen gemacht worden. Als einer der ersten

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