Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ ä ♦ HedaKN-« ««d Hefchäftsfietts: Frankfurt 3. nr.. Leiligkreuzgaffe 32, Ecke Llapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -r-ss-r- AerEgsber: Kaks Geis. i. .Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des Zn-und Auslandes, sowie die Geschästsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redattionellen Teiles). '^ - ■- - Jnsertionspreise: Die viergespaltme Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, de« 9. Nissan 5664 (25. März 1904). W Die nächste Nummer unserer Zeitung erscheint wegen des Pesach-Festes bereits nächsten Mittwoch. Schlich der Juseraten- Annahme Dienstag früh 11 Uhr. Staatsraison. Ein prächttges Wort, ein Wort mit dem wir uns bequem alle lästigen und unbequem moralischen Verpflichtungen vom Halse schaffen! — Wenn ein Privatmann beleidigt, stiehlt, raubt, mordet, so wird er dafür zur Verantwortung gezogen, je »ach der Schwere seines Vergehens mit mehr oder weniger harten Strafen belegt und seiner bürgerlichen Ehrenrechte für verlustig erklärt. Begeht aber derselbe Mann diese Verbrechen im Aufträge und zum Vorteile eines Staates, so kann er unter Umständen den Ehrentitel eines Helden und Retters des Vaterlandes erlangen. In früheren Zeiten pflegte man sich wenigstens noch ein Bischen zu schäme». Man wagte seine Meinung doch nicht so offen herauszusagen. Offiziell waren Moral, Gerechtigkeit, Unparteilichkeit auch die Hochziele der Staatspolitik, während im Geheimen die Diplomatie ihre künstlich verschlungenen unredlichen Pfade ging. Von einem Machiavell, welcher den brutalen Egoismus und die weitherzige Skrupellosigkeit des die Interessen seines Volkes vertretenden Fürsten auch theoretisch zu rechtfertigen suchte, rückte man weit ab. Man tadelte ihn und verwünschte im Innern seine unbequeme Offenherzigkeit. Heute ist die Ansicht, daß die Gesetze der Moral zu schweigen haben, wenn die Staatsraison gebieterisch ihre Stimme erhebt, zu einem festen Axiom geworden, an dem nicht zu rütteln ist. Sehr tteffend drückte dies Professor Schmoller anläßlich einer gegen die Polen gerichteten Gesetzesbestimmung im Herrenhaus mit den Worten aus: „Die Forderungen der Gerechtigkeit müssen zurücktteten, wenn die salus xudlieo in Frage kommt." Es ist eine erhabene Forderung der Kultur, die Fremden, die Gäste freundlich zu. behandeln, ihnen das Leben zu erleichtern, ihnen den Verlust der Heimat erträglicher zu machen. Wie schön formuliert das jüdische Gesetz diese Forderung mit den Worten: ,Hhr sollt den Fremdling lieben; denn Fremdlinge wäret ihr ja selbst im Lande Egypten. Ihr wißt ja, wie es dem Fremden zu Mute ist. Ein Gesetz soll Herrschen für den Ginheimischen und den Fremdling." Also war es -vor 3000 Jahren Brauch bei dem wegen seiner Abgeschlossenheit und Absonderung verschrieenen Israeliten zu einer Zeit, als bei den heutigen Kulturvölkern die Unglücklichen, die etwa ein verderblicher Sturm an das ungastliche Gestade verschlug, beraubt und ermordet wurden. Unser deutsches Volk hat sich bis zu den letzten Jahrzehnten durch seine hohe, edle, ausgedehnte Gastlichkeit gegen Fremde ausgezeichnet. Es hat von ihnen gelernt, was sie auf materiellem und geistigem Gebiete originelles boten. Und die große tolerante, weltumfassende, in ihrer Vielseitigkeit und in ihrem Verständnis für andere Völker von keiner anderen Nation erreichte Kultur unseres Volkes, ist nicht zum mindesten diesem Umstande zuzuschreiben. Heute weht der Wind aus einer anderen Richtung. Wir sind ja so groß und so vollkommen, daß wir von niemandem niehr etwas zu lernen brauchen. Heute heißt es: „Die Fremden, zumal wenn sie schwach sind und von-ihrem eigenen Vaterlande nicht geschützt werden, sollen sich nicht mausig machen." Und wenn es sich gar um Juden handelt, da kann sogar ein sonst vorurteilsloser Staatsmann sich nicht zurückhalten, billige Witzchen über die interessanten Namen der „Silberfarb und Mandelstamm" zu machen und unter dem Jubelgeheul des antisemitischen Bildungspöbels von hergelaufenen Schnorrern zu reden. Das Vaterland stand eben in Gefahr, die Staatsraison erforderte. Und doch sollten wir Deutsche wissen, wie es dem verfolgten Fremdlinge zu Mute ist. Ist es denn schon vergessen, wie unsere Landsleute in China als Fremde der abenteuerlichsten Verbrechen beschuldigt und in Massen hingeschlachtet wurden. Ist unser Gedächtnis so kurz oder fasciniert das Zauberwort der Staatsraison unseren moralischen Sinn derart, daß wir rücksichtslos alte Forderungen der Gerechtigkeit mit Füßen treten. Möchte endlich die Zeit kommen, wo dieses häßliche Wort aus hem Leben der Völker verschwunden sein wird, wo ein Gesetz und ein Recht regeln und beherrschen wird nicht nur das innere, sondern auch das äußere Leben der Nationen. Dann wird es keine Moral mit doppeltem Boden niehr geben. Dann können Priester, Richter und Staatsmänner ehrlich Zusammenarbeiten zum Heile der gesamten Menschheit. J. T. No. 12. Wie „gehetzt" wird! Gelegentlich der letzten Reichstagswahl nahmen wir Veranlassung, auf das Anwachsen des Antisemitismus in Frankfurt hinzuweisen. Selbstverständlich war unsere Mahnung an unsere jüdischen Mitbürger, die Lehren aus dieser Tatsache zu ziehen und sich endlich einmal auf sich selbst zu besinnen, in den Wind gesprochen. Daß ein Jude für alle stehen muß, uird daß wenn ein Jude durch Luxus, auffallendes Benehmen oder durch sonstige, einer Minderheit nicht anstehenden Eigenschaften de» Neid oder den Spott seiner christlichen Mitbürger herausfordert, dann die jüdische Gesamtheit zu leiden hat, scheint man immer noch nicht wissen zu wollen. Man schämt sich seines Jrrdentums und vergißt dabei nicht nur die religiösen Zeremonien, sondern auch häufig die sittliche Reinheit und die rechtschaffene Gesinnimg, welche das Judentum von seinen Bekennern fordert und welche notwendig sind, damit der Jude sich die Achtung der Nichtjuden erwerbe und erhalte. Doch alle Mahnungen Helsen nichts! Es gibt leider zu viel Leute, die sich nicht eher aus ihrer Sorglosigkeit ausriitteln lassen, als bis ihnen die Fensterscheiben eingeschlagen werden. Wir hoffen nicht, daß es jemals dazu komme,- daß jeinalS wieder in Frankfurts Weichbilde — wenn auch nur in „harmloser" Ausführung — Handlungen aus jetten Szenen aufleben, die einst der „Fellmilch-Ausstand" zeitigte, von dem augenblicklich die Römerkatze des Herrn Stadtverordneten Hettler in fröhlich-antisemitischem Hetztone so aufmunternd zu erzählen weiß. Wenn sich jedoch derartige Dramen nicht mehr wiederholen, so verdanken wir es nur milderen Sitten und nicht Herrn Stadtverordneten Hettler, denn dieser müht sich rechtschäfsen ab, seinen Lesern und Hörern Verständnis für den Schlachtruf „Nieder mit den Juden" einzuflößen. Welche pädagogischen Mittel er zu einer waschechten, tatkrästtgen, anttsemittschen Erziehung gebraucht, inöge die folgende Stella ans der letzten Nummer seiner Römerkatze zeigen: Die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee. fTifi UM *3r.s Vv\ ■ '■ff'