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Neue jüdische Presse · 1904-03-18 · Heft 11 (18.3.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 11 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11. „Hoschiwoh schaufteinu“ das Serihedrm (bie jüdische Gerichtsbarkeit) wieder eingesetzt und nachher wird Jerufalem errichtet, wie aus der Brache „Werascholajim ircho“ hervorgeht; endlich kommt Llosehiaeh, was in der Brache „Lth-Aemach äorrick" ausgesprochen; dies alles stimmt mit Gemoro Lauheärin 98 überein. Zum Satze in Jecheskel 86 „Weatem faorei Jisroel anfeichem titnu, ufrichem tisoii leeinei Jisroel, Und ihr, Gebirge Israels, euere Aeste werden Früchte tragen für mein Volk Israel", bemerkt Rabbi Abbo: «Es giebt keinen offenkundigeren Beweis für das Ende der Diaspora als diesen, nämlich, daß die Gebirge Israels wieder Früchte durch Israel zu tragen beginnen werden. Aus all deni Gesagten folgt nun, daß Selbsthülfe nicht nur gestattet, sondern auch geboten ist, ferner, daß nur die Not zur Einigung Israels führt, die wiederum die Göuloh zur Folge haben wird und daß die Geuloh nicht der vorhergehenden Tschuwoh und unbedingten Frömmigkeit bedarf, sowie, daß die letzte Göuloh, zum mindesten der Anfang, auf natürlich e m Wege — durch Israel selbst unter Beistand der Völker — und allmählich stattfinden ivird; und des ferneren folgt daraus, daß unsere Weisen vorausgesehen haben, daß der Zustand „Kölau sakkei“ zum mindestens hier im Golus nicht eintreten wird, denn sonst hätten sie nicht sagen können, daß die Erlösung langsam vor sich gehen wird. '■ Wir haben nunmehr auf Grund der für jeden religiösen Juden verpflichtenden Worte unserer Chasal bewiesen, daß der Zionismus im Prinzip nach keiner Richtung hin gegen Geist und Gesetz des überlieferten Judentums verstößt, vielmehr durchaus in seinem Sinne handelt. Mithin ist es eine Pflicht für den religiösen Juden, ideell und materiell diese Bewegung zu unterstützen; daß es eine große Sünde gegen das überlieferte Judentum ist, den Zionismus als solchen zu bekämpfen, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Nachdem ich nun mit Herrn P. A. fertig bin, werde ich nun in meinen weiteren Ausführungen die andere Argumente der Gegner erörtern. Dr. 0 Feuilleton. © (Nachdruck verboten.) Bater und Sohn. Erzählung von 2 ch. A s ch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Hebräischen von T. B a ch. Rabbi Jechiel 'Meier Ivar ganz von selbst, ohne Grund und Ursache, zu seinem Glauben an die Wnnderkraft des Rabbi gelangt. Und tvcnn Du ihn fragen solltest: „Rabbi Jechiel Meier, woher kommt Dir dieser feste Glaube an die Wunder des Rabbi? Du warst doch Tein Lebtag ein armer und gedruckter Mann und hast 'nie einen guten und fröhlichen Tag gehabt." Dann würde Rabbi Jechiel Meier dich erstaunt ansehen, denn er selbst weiß es nicht, warum er glaubt und hat noch nie versucht sich Rechenschaft darüber abzulcgcn, woher ihm dieser Glaube eigentlich gekommen sei. Er glaubt, weil er sich einen Ungläubigen überhaupt nicht vorstellen kann. Ein Mensch ohne Glaube» — pflegte er zu sagen — ist wie ein Körper ohne Seele, wie eine Schale ohne Kern. Rabbi Jechiel Meier ist ein kleiner Jude von fast zwerghaftem Wüchse; er hat das Aussehen eines vorzeitig gealterten Kindes. Er ist dürr und hager; sein langer Bart reicht ihm bis zuin 'Gürtel, den er um den Leib geschlungen hat. Sein kleines, rnnzliches Gesicht verschwindet fast vor seiner hohen, gefurchten Stirn. Nur seine Augen, die wie ein Paar glühende Kohlen leuchte», verkünden Jedermann den hohen Wert des Rabbi Jechiel, Meier. Wenn man Rabbi Jechiel Meier zum ersten Male sehen sollte, ivürde man mit Geringschätzung an ihm vorübergehen oder ihn gar nicht beachten; wenn man ihn aber näher betrachtet, würde man eine gewisse Erhabenheit auf 'seinem Gesicht und seinem langen Bart bemerken, welche seine Bedeutung nicht verkennen ließe. Ich bin sicher, daß, wenn Rabbi Jechiel iDieicr einem ihm ganz Fremden befehlen sollte (wie es beständig seine Art war), ihm einen Dienst zu leisten, dieser seine Bitte ohne weiteres erfüllen würde. Anfangs würde er vielleicht sich selbst die Frage vorlegen: „Was geht er dich an? Narr, der du bist! Bist du denn -sein Diener?" So würde er vielleicht bei sich denken, würde sich aber trotzdem dem Willen des Rabbi Jechiel Meier fügen. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. Ich erinnere mich, wie sich einmal die Tür meines Zimmers stürmisch öffnete und Rabbi Jechiel Bieter hastig zu mir eintrat. „Laß mir ein Glas Tee geben, ich habe gehört, daß Du wunderbaren Tee haben sollst," sagt er in einem Atemzuge. Ich schaue ihn nur groß an. Er aber nimmt einen Stuhl und setzt sich an den Tisch, betastet jeden Gegenstand, sieht mich herausfordernd an, fragt mich nach meinen Geschäften und beginnt inmitten dieser Rede mich mit ernsten Worten zu ermahnen, in Gottesfurcht zu leben. Anfangs hatte ich nicht übel Lust, ihm die Tür zu weisen. Nachdem ich aber einen Blick aus ihn geworfen hatte, wurde es mir klar, daß e r hier Herr im Hause sei und daß ich nur zu gehorchen habe. Ich konnte ihm nicht zuwiderhandeln und machte mich wider meinen Willen daran, sein Gebot zu erfüllen. Es versteht sich von selbst, daß ein Mann, wie Rabbi Jechiel Meier, mit weltlichen Dingen nichts zu tun hat. Er beschäftigt sich nur mit der Thora oder sitzt im Kreise der Chassidim und erzählt von den Wundertaten des Rabbi. Und das Geschäft — auch das ist selbstverständlich — lastet auf den Schultern seines Weibes, Soroh Gittel. Den ganzen Tag geht sie von Haus zu Haus mit einem Packen Schnittwaren aus dem Rücken. Und Soroh Gittel ist glücklich. Wohl den jüdischen Frauen, die mail von der Last ,jdcs Lernens" und der Gebote befreit und denen man dafür die Sorge für das Geschäft auserlegt hat! Soroh Gittel ist keine gewöhnliche Frau, die den Wert ihres Mannes nicht zu schätzen wüßte. Sie ist bewandert im Lesen „der kleinen Buchstaben" und liest am Sonnabend ihren Frenndinnen in der Fraueuabteilung der Synagoge die Gebete vor. Sie weiß auch, daß sie neben ihrem Manne, Rabbi Jechiel Meier,, nur eine Null ist, daß die Frau überhaupt nur dazu geschaffen ist, ihren Mann zu ernähren, damit er in Ruhe und Zufriedenheit sich seinem -.„Lernen" hingeben könne. Sie aber wird im künftigen Leben den Lohn dafür ernten und im Paradiese zu deil Füßen ihres Mannes sitzen. Sie verehrt ihn und nimint mit Liebe und Geduld die Sorgen und Plagen aus sich, die ihr schwerer Berus mit sich bringt, ohne sich darüber zu beklagen. Den ganzen Tag arbeitet sie wie ein Lasttier, jeden Pfennig verdient sie mit .Mühe und Schweiß und trotzdem sagt sie ihrem Manne, Rabbi Jechiel Meier, kein Wort von alledem. Sie lvill ihn nicht betrüben. So manches Mal leiht sie Geld, nm jeden Abend ein halbes Pfund Fleisch für ihn kochen zu können. — „Jechiel Meier, warum ißt Du nicht? Ich habe mich doch nur nm Deinetwillen bemüht," — fleht sie ihn an, lvenn er abends nach Hause kommt. „Und hast Du schon gegessen?" fragte sie Jechiel Meier, während er in sein Buch schaut und sich mit den Fingern durch den Bart fährt. Sie sitzt aus dem Bett, den Kopf in beide Hände gestützt und sieht mit Liebe und Zärtlichkeit aus 'ihren Mann, der am Tische sitzt und lernt. Ein zufriedenes Lächeln erleuchtet ihr runzliches, von der Sonne gebräuntes Gesicht und Freude erfüllt ihr Herz. Ihr Mann, Rabbi Jechiel Meier, hat sie gefragt, ob sie schon gegessen habe. So ein treuer und guter Mann, einen zweiten findet man nicht unter der Sonne. Er ißt nicht, bevor sie nicht gegessen hat. „Bitte, sorge nicht für mich," antwortete sie ihm mit etwas ärgerlicher Stimme, in der man doch Zärtlichkeit durchklingen hört. „Bitte, iß und laß es Dir wohl bekommen." „Ich habe genug. Laß das klebrige für Jakow David; er kommt gleich aus dem Beth-Hamidrasch zurück." * * * Wohl den Eltern, denen ein Sohn, wie Jakow David beschieden ist! Tie ganze Stadt ist seines Lobes Volt, alte Mütter wünschen sich solche Kinder, wie er, und beneiden seine Mutter: Glückliche Mutter eines solchen Sohnes! Jakow David sitzt den ganzen Tag im Beth- Hanndrasch und besaßt sich mit der Lehre Gottes. Sein schmales , und langes Gesicht ist totenblaß, seine Wangen hohl und mager, seine dunkeln Augen sitzen tief in ihren Höhlen. Der Engel des Todes Seite 8. hat seinem Gesicht schon den Stempel ausgeprägt. Sein Bart beginnt schon zu sprossen, umrahmt sein Gesicht und verleiht ihm einen Zug von rührender 'Armut. Er lernt: de» ganze» Tag, vom Morgen bis zum Abend ist er mit seinem Studium beschäftigt. Zur Miltagszcik, wenn die Sonne ihre Strahlen durch die Fenster des Beth-Hamidrasch sendet und alles ringsum mit ihrem Lichte erleuchtet, finden wir ihn »ntcr den jnngen Leuten, die hier zusammengedrängt auf den harten Bänken sitzen, sitzen und lernen und mit ihren Stimmen den Raum erfüllen. Er lernt und lernt: er merkt es nicht, daß er noch nicht gegessen hat und daß seine Kräfte ihn verlassen. Er vertieft sich immer mehr in seinen Gegenstand, sein ganzes Wesen geht auf in seinem „Lernen", ivelchcs mit seinem Licht sein Inneres beseelt. Plötzlich unterbricht er sich: er fühlt einen heftigen Stich in der Brust, aber er bemüht sich, seine Aufmerksamkeit davon abznlcnkeu, verzieht nur das Gesicht und stößt einen Wehrus aus. Dann aber nimmt er sein „Lernen" von Neuem aus und im Moment ist alles ivieder vergessen. Aber plötzlich bückt er sich, um auszuspeicn, und siehe, ein Tropfen Blut bleibt aus seinen Lippen zurück. Sein Herz erbebt, er fühlt einen furchtbaren, unerträglichen Schmerz. Aber er verzieht nur sein Gesicht und lernt weiter und in seinem „Lernen" vergißt er alles. Nach einigen Augenblicken macht er sich Vorwürfe und fragt sich: „Warum schweigst Du, Jakow David? Tn spielst mit Deinem Leben. Bedenke, was Du tust." Jedoch, er lernt weiter. * * Die ganze Stadt ist seines Lobes voll. „Solch einen jungen Mann gab es noch nie in nuferer Stadt; nicht umsonst ist er so bleich und schwach, daS „Lernen" raubt ihm seine Kraft." ' Alle reichen Leute der Stadt, welche heiratsfähige Töchter besitzen, wünschen sehnlichst den jungen Mann für sich zu gewinnen. Mle jungen Mädchen erröten bei seinem Anblick, bekommen Herzklopfen »nd schauen ihm aus ihren Verstecken nach. Selbst der Rabbiner gibt dem Rabbi Jechiel Meier durch Aiibentungcn zu verstehe», daß er geneigt sei, ihm seine Tochter zu geben, verspricht auch das Paar lebenslang zu beköstigen und — über „hundert und zwanzig Jahre" natürlich — dem jungen Manne sein Amt zu überlassen. Aber Rabbi Jechiel Meier weist ihn zurück — denn er gehört nicht zu den Leuten seiner Klasse. Der Rabbiner fährt zu dem Rabbi von Skerllvwitz und er gehört zu den Chassidim von Gur.*) * * * Dort in der kalten und dunklen Wohnstube sitzen Jakow David's Eltern im Gespräch beisammen. Eine kleine Lampe erhellt de» dunkeln Raum. Rabbi Jechiel Meier sitzt am Tische in sei» Buch vertieft, sein rotes Taschentuch auf 'seinem Schoß, den Kops in eine Hand gestützt; seine andere spielt mit seinem Barte. „Weißt Tu. Soroh Gittel, daß Gdaljvh, der Schadchen, heute bei uns war? Er zeigte mir einen Brief vom Mechnton ans Lunschitz. Dieser verpflicht tet sich zwei Hundert Rubel und vier Jahre Kost zu gebe». Man sagt, das; auch das „Kapital" selbst (d. h. das Mädchen) gut sei." Die Frau sitzt aus dem Bett, ein zuftiedencs Lächeln gleitet über ihr Gesicht, ihr Mann war diesmal so gnädig mit ihr. Er beratet sich mit ihr von den Partieen, die man ihrem Sohne vorschlägt. Es ist, freilich, auch ihr Sohn, aber waS versteht den» eine Frau von solchen Sachen? Sie sieht ihren Man» liebevoll an und sagt mit heimlicher Freude: „Jechiel Meier, man muß ihm einen neuen Anzug, einen schönen Anzug machen; es paßt sich *) Bekanntlich hat jeder Ehassid seinen Rabbi, den er wenigstens ein Mal jährlich aufsiicht. Die Anhänger des einen Rabbi stehen den Anhängern des anderen freind, bisweilen sogar feindlich gegenüber. Anm. des Uebers.

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