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Neue jüdische Presse · 1904-03-18 · Heft 11 (18.3.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 11 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 11. Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamUenblatt. nicht für einen jungen Mann, wie er, so gekleidet zu sein. Mcht wahr?" „Was gehen mich 'Deine Angelegenheiten an? Tue, ivas Du willst. (Schluß folgt). Ans ver Lehrerwett. Fraukfurt a. M. Ackawa. Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger isralitischer Lehrer, Lehrer-Witwen und -Walsen in Deutschland. Der 39. Rechenschaftsbericht bringt das Verzeichnis der' im Laufe des Jahres eingegangenen Spenden und spricht seine besondere Anerkennung den Mitgliedern aus, die durch die 'Anwerbung einer größeren Anzahl von Ehrenmitgliedern und die Anregung zu zahlreichen Spenden bei ficubigeit und traurigen Veranlassungen sich verdient gemacht haben; es gereicht diesen Mitgliedern ihre Liebe und Hingebung für die Interessen der Ackawa selbst zur zur Ehre und dient auch als Beispiel, das allen aktiven Mitgliedern dringend anzuempfehlen ist. Leider aber befinden sich sehr zahlreiche Mitglieder immer noch tu dem Irrtum, als wenn sic mit der Entrichtung ihres Jahresbeitrags von 6 Jk alt unk jeder Verpflichtung der Ackawa gegen« gegenüber schon genügt hätten! — Weit gefehlt! — Demi es muß doch unser» Lehrern, ganz besonders denen, die auch den Provinzial-Untcrstützungskassen angehören, zur Genüge bekannt sein, „daß die außerordentlich geringen Mitgliederbeiträge in gar keinem Verhältnis zu den Leistungen der Ackawa stehen": — ganz neu aber dürfte unseren Mitgliedern die Tatsache sein, daß die bisherigen durchschnittlichen Leistungen der Ackawa nach versich erungstech ni- 1 cher Berechnung aus eine jährlich zu zahlende Prämie bei unseren Versicherungs-Anstalten von ungefähr „Sieben zig Mark" bewertet sind! — In Rücksicht hieraus und in Rücksicht auf die bedeutende Lücke, die der Tod alljährlich in die Reihen der Ehrenmitglieder reißt, wäre es im Interesse der Ackawa schon längst geboten gewesen, die Mitgliederbeiträge entsprechend zu erhöhen, allein die Verwaltung hat bis jetzt noch immer davon Abstand genommen, in der Erwartung, daß auch die nachlässigen aktiven Mitglieder schließlich in ihrem eigenen Interesse mit Hand anlegen werden, um das Gedeihen des Vereins — jeder in seinem Kreise — nach Möglichkeit zu fördern und ganz besonders die Teilnahme derGemeinden selbst für die Ackawa zu wecken, mit dem Hinweise, daß die Besserstellung ihrer Lehrer, wie ganz besonders die Sicherung von deren Zukunft und der ihrer Familien im Interesse der Gemeinden ja'auch selber liegt. Nächst dem niedrig bemessenen Jahresbeiträge der aktiven Mitglieder zehren aber noch verschiedene für die Jetztzeit ganz veraltete Statutenbestimmungen an dein Marke der Ackawa, — so ganz besonders die Bestimmung, daß die isr. Lehrer des ganzen deutschen Reiches der Wohltaten der Ackawa . als Mitglieder derselben teilhaftig werden können. — Hiervon wird schon seit einer langen Reihe von Jahren, trotzdem ein großer Teil der aktiven Mitg lieb er auch den seit der Gründung der Ackawa errichteten Provinzialkassen angehört, sehr ausgiebig Gebrauch gemacht, während von verschiedenen Provinzen, wohin die Ackawa alljährlich tausende von Mark, teils als Jahres- und teils alsaußergewöhnliche Unterstützungen, sendet, so gut wie gar kein Äequivalent geboten wird, und zwar mit der Begründimg, „daß sie für ihre eigenen Kassen genügend zu sorgen hätten." — Es ist klar, daß die Ackawa somit der erwähnten Bestimmung halber, die bei ihrer Gründung — als damalige einzige Unterstützungskasse — in ihre Statuten ausgenommen wurde, schon eine Reihe von Jahren all den Provinzen, die später eigene Unterstützungskassen mit viel höheren Beiträgen gegründet haben, lediglich zur Ausbeute dient und es muß nunmehr die ernste Aufgabe der Verwaltung sein, hier möglichst bald Abhilfe zu schassen. — Die Zahl der von der Ackawa im verflossenen Jahre unterstützten Pension äre hat sich von 102 auf 107 erhöht; darmiter befinden sich 40 durch Altersschwäche oder sonstige Gebrechen dienstunfähig gewordene Lehrer mit größerer und kleinerer Iamilie, — ferner 9 Witwen mit 12 unmündigen Kindern, sowie 38 alleinstehende Witwen. — Außerdem wurden in besonders dringenden Fällen an 18 Parteien unserer aktiven Mitglieder auch außerordentliche Unterstützungen aus dem Reservefonds im Betrage von 1280 Jt. bewilligt. — Ferner gelangten auch diesmal die Zinsen des Spezial-Reservefonds im Betrage von 160 Jk an einige Töchter früherer aktiver jDiitgKc&er, die sich in bedrängten Verhältnissen befanden, zur Verteilung. Die Suinme der diesmaligen Jahre s u n t e r st ü tz u u g e n beträgt 19 575 Jk in 1301/» Teilen zu je 150 Jk und mit Hinzufügung der ans beiden Reservefonds .bewilligten außergewöhnlichen Unterstützungen ini Betrage von 1440 Jk ergibt sich für das Jahr 1903 eine Gesamtausgabe von 21015 Jk gegen 19860 Jk im verflossenen Jahre. Die Zahl der aktiven Mitglieder beträgt Ende des Jahres 1903 J379, während die Zahl der Ehrenmitglieder sich durch die erwähuten Bemühungen einiger aktiver Mitglieder in erfreulicher Weise auf etwa 1200 erhöht hat. Der Bericht gedenkt schließlich noch des 70. Geburtstags des um die Ackawa hochverdienten ersten Vorsitzenden, des Herrn Konsul Adolph Baer- G o ld s ch m i d t. Der Vorstand hat ihm an seinem Ehrentage eine künstlerisch ausgeführte Glückwunsch- Adresse überreicht und ihn in Anerkennung seiner langjährigen, ersprießlichen Tätigkeit zum lebenslänglichen Ehrenmitglied ernannt. Ebenfalls zum lebenslänglichen Ehrenmitglied wurde Herr Louis O r t l i e b in Wien ernannt, der Sohn eines verstorbenen hochangesehenen Lehrers und Mitbegründers der Ackawa, der seit langen Jahren der Ackawa das lebhafteste Interesse durch Gewährung größerer Spenden bezeugt hat. Bortröge. Frankfurt a. M. Einen Spaziergang durch 7 Jahrhunderte ließ am Montag Abend in der Frankfurt-Loge Herr Professor Dr. Ludwig Geiger-Berlin in seinem Vortrage über „Die Juden und die deutsche Literatur"' seine Zuhörer machen. Inwieweit Juden mit tätig waren an dem Bau der deutschen Literatur und dann wie Juden und jüdische Ideen in der deutschen Literatur behandelt und verarbeitet worden sind, diesen beiden Aufgaben hatte Redner gerecht zu werden. Dabei durfte er nicht, wie es so leicht möglich ist, in den?;ri)ter verfallen, vereinzelt vorkommende, auf Juden ezügliche Aussprüche zur Charakterisierung irgend einer deutschen Literaturgröße in die Wagschale fallen zu lassen, ohne dabei die Gesamtanschauung, die aus dem Leben und den Werken dieses Literaten spricht, zu berücksichtigen. Bon dieser Verirrung hielt Redner sich fiel, dagegen aber nicht von einem sehr scharfen, in dem Nahmen seines Vortrages vollständig ungerechtfertigten Ausfall gegen den jüdischen Zionismus und die jüdische sogenannte Orthodoxie. Interessant waren die Waffen, deren Herr Prof. Dr. Geiger sich gegen die „zion. Träumer" bediente. Bis zu den Kreuzzügen hätte die jüdische Bevölkerung mit der christlichen im. besten Einvernehmen gelebt, und als dann der Hexensabbat tierischer Bestialität begann, , da seien nur religiöse, aber keineswegs nationale Motive die Triebfeder gewesen. Erst seit der französischen Revolution, erst seit den: Erwachen des Nationalismus bemerken wir Aeußerungen eines Hasses, der im Juden nicht den Anhänger einer anderen Religion, sondern das Glied einer anderen Nation sieht. Das Fehlen jedweder nationaler Abneigung (?) gegen die Juden während des ganzen Mittelalters beweise nun klar, daß die deutschen Juden ganz und gar dem deutschen Volke angehören, wie es ja in ihrer Gedankenwelt — man bettachte nur die Geisteswerke der deutschen Juden — von jeher der Fall gewesen sei. Wirklich eine sehr merkwürdige Begründung für die Entscheidung der Frage, ob wir Juden — trotzdem wir ganz verwachsen sind mit den Interessen des Landes, in dem ein jeder von uns wohnt — im ganzen Weltall zusanimengehören, ob wir besondere jüdische Interessen haben, besondere jüdische Sitten und eine besondere jüdische Gedankenwelt pflegen und - die einstige Bereinigung in dem Lande unserer Vorfahren erstteben und erhoffen fallen. Auch die Anwendung des abgedroschenen Gemeinplatzes „Der Geist belebt und die Form tötet" auf die sogenannte Orthodoxie war nicht dazu angetan, sonderlich zu imponieren. Wohl belebt nur der Geist, aber er hat nach der nun einmal von Gott eingesetzten Weltordnüng bei uns auf Erden die Form nötig. um in Wirksamkeit tteten zu können und so gibt es wohl Form ohne Geist, aber nie — trotz Herrn Professor Dr. Geiger — Geist ohne Form. Aus den Daten des Vorttages selbst heben wir hervor: Der jüdische Minnesänger des 13. Jahrhunderts Süskind von Trimsberg, Johann Reuchtin, der erste christliche Hebraist, Andreas Osiander, der im 16. Jahrhundert eine Schrift gegen die Blutbeschuldigung veröffentlichte und die Memoiren der Glückt von Hamel aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Stratzburg. lieber die jüdischen Reforinbestrebungen int 19. Jahrhundert hielt am Sonntag Abend R a b b i n e r D r. Cohn aus Basel im kleinen Aubettesaal vor den Mitgliedern des Kium-Emunoh-Vereins Sttaßburg einen Vortrag. Die jüdische Reforinbewegung knüpft gewöhnlich an den Namen Moses Mendelssohns an, jedoch »nt Unrecht, da Mendelssohn ein froinmglänbiger Jude war, wie unter anderem sein AnSsprnch beweist: „In der Tat sehe ich nicht ein, wie diejenigen, die im Hause Jakobs geboren sind, sich aus Irgend eine Weise vom Gesetz entledigen können. So lange-wir keine authentische Befreiung vom Gesetz aufzuweisen haben, haben Ivir dazu kein Recht." Bon seinen Kindern und Schülern aber wurde er mißverstanden; seine Kinder ließen sich mit Ausnahme eines einzigen taufen, und seine sämtlichen heute noch, lebenden Nachkommen gehöre» dem Judentum nicht mehr an. Bis 1823 traten in Berlin 1230, im übrigen Preußen 1382 Juden'zum Christentum über, und zwar meist atis den gebildeten Kreisen, 'odaß die. Bildung bei. der Orthodoxie in Verruf 'kam. Nachdem, im ersten Jahrzehnt des vorige» Jahrhunderts eine Reform unter napoleonischen Auspizien gescheitert war, trat in Deutschland Israel Jakobsohn als Begründer der deutschen Reform ans . den Plan. Er ging bei seinen Bestrebungen insbesondere von der nach Ansicht des Redners durch nichts begründeten Unterscheidung zwischen polilischnationalen und rein religiösen Gesetzen des Judentums aus, eine Unterscheidung, die später Schule machte. 1818 gründeten einige reiche Hamburger Juden einen Reformtempel, für den eine Orgel angeschafst und ein eigenes Gebetbuch mit christlichen AnKängen ansgearbeitet tvurde Die R e form i st st e t s die Vorfrucht des Christentums und der Taufe gewesen. Der Hamburger Resvrmtempel hat keine Nachahmer gefunden. In den 30er und 40er Jahren fanden sodann die Rabbinerbesprechungen und Versammlungen in Wiesbaden (1834), Frankfurt a. M. (1844), Breslau nsw. statt, die zn keinen dauernden Resultaten führten. Holdheim und Geiger waren die führenden Männer dieser Bewegung. Allen diesen Bestrebungen war der Gedanke gemeinsam, das Judentum zeitgemäß zu gestalten. Holdheini, der bedeutendere, kämpfte insbesondere für den Unterschied zwischen politisch-nationalen und rein religiösen Bestandteilen. Geiger, der Verfechter einer langsameren Reform, ist der Erfinder der „Zweiseelentheorie", wonach die wissenschaftliche mit der religiösen Ueberzeuguug in Widerspruch stehen könne. Die Rabbiner- Versammlungen überlebten sich : niemand wollte ihnen mehr folgen, aber 25 Jahre später erstanden sie wieder in verschlechterter Auflage in deu 1869 zu Leipzig und 1871 zu Augsburg abgehalteuen Shnoden. Auch sie fanden von Anfang an kein Interesse. Bon 100 000 eingeladenen europäischen Gemeinden waren nur 20, von 10000 deutschen nur 18 der Einladung gefolgt; auf 'der zweiten Synode, zu Augsburg, sah nian die Resultatlosigkeit aller derartigen Bestrebungen endgültig ein. In der früheren jüdischen Geschichte gibt es für diese Bewegung kein Analogon: Samariter und Sadduzäer stehen hoch über den „Reformjuden". Die Reform ist nur die theoretische Beschönigung eines schon vorher erfolgten Praktischen Abfalls und ein systematisches Anfgehen unter den Völkern. Danzig. Sozialpolitische Reflexe auf die heilige Schrift. Gestern abend hielt im Verein „für jüdische Geschichte und Literatur", Herr Dr. Wittenberg aus Hamburg, Dozent für Staats- Wissenschaften, einen äußerst interessanten Vortrag über das Thema „Sozialpolitische Reflexe aus die heilige Schrift". Ausgehend von dem Gebote der Sabbathheiligung betonte der Redner in seinen Ausführungen, daß jene große Weltbezwingende Idee der Sabbathheiligung selbst uns noch ftemd ist, die Idee nämlich, daß in Israel jeder gezwungen war, am Sabbath zu ruhen. Ja, noch mehr. Neben der Ruhe war in Israel auch die Arbeit ein Gebot, sie war die Voraussetzung der Ruhe. Einen gesetzlichen Zwang zur Arbeit hat - außer der heiligen Schrift — noch niemand - gefordert. Der Ehe wird im mosaischen Gesetze die größte Heiligkeit zugesprochen. Welche Bedeutung der Ehe beigelegt wird, ergiebt sichaus dem Gebote der heiligen Schrift: „Der Mann soll verlassen seinen Vater und seine Mutter und anhangeu seinem Weibe, und sie sollen sein zu einem Fleische." — An unzähligen Stellen der Bibel wird Mäßigkeit im Genüsse und Enthaltsamkeit geboten, weil durch diese die Unzufriedenheit am besten verhütet wird. Denn darauf kommt es der heiligen Schrift überall am meisten an. Keine Unzufriedenheit zu stiften, ist ihr höchster sozialpolitischer Grundsatz. Darum auch die vielen Gebote, den Annen und Bedürftigen, den Witwen, den Waisen, den Freunden zu helfen. Auch der Sklave mußte menschenwürdig behandelt werden. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" — auf dieses Gebot der heiligen Schrift (Leviticos 19,18) gründet gewifferniaßen die ganze Sozialpolitik der heiligen Schrift. — Vakanzen. ~ Lauterburg i. Elsaß. Borbeter und Schächter per sofort. Gehalt Mk. 840, Nebencinkommeu Mk. 360. Lobsens (Posen). Synagogendiener per sofort. Anfangsgehalt Mk. 600, freie Wohnung und Nebeneinkommen. Pilsen lBöhmen). Religionslehrer per. 15. September 04. Gehalt Kr. 2400.. Meldungen bis 20. April an-den Israelitischen Kultusvorstand. Jenny.Moos Dr. mecL. Simon Fromm - Verlobte. Gailingen (Baden). Frankfurt a. M. Mürz 1904.

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