Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6eäe 2. Tätigkeit des gegenwärtigen Chief-Rabbi, der aber auch öfter, - als es vielleicht gut ist, ein Auge zudrücken muß, zusamiuengehalten. Wer Pessimisten glauben mit Sicherheit bei einer etwa eintretendcn Veränderung ein Auseinanderfallen der gegenwärtigen Organisation prophezeien zu tönuen. Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Eine antisemitische Versammlung nahm am Freitag nach einem Vortrag des Reichstagsabgeordneten Böckler über das Thema „Maiidelstamm und Silberfarb" einen sehr stürmischen Verlauf. Der Bericht der „Staatsbürgerztg." spricht davon, daß „die anwesenden russischen Juden" mit Hilfe der Polizei „aus dem Saal entfernt" werden mußten. Der ,^Lorw." meldet, daß ein Antisemit der Hoffnung Ausdruck gab, daß auch wir in Deutschland bald ein Kischinew haben werden. Damit begann die Versammlung vom Bildlichen zum Tätliche» überzugehen. Ein russischer Student nach dem andern, so schreibt der „Vorw.", „würde am Kragen genommen, verhauen und hinausgeworfen, ganz besonders zeigte sich als guter Schüler Pücklers Herr Bruhu, der dem cincii Studenten das Auge so stark verletzte, das; er die Unfallstation aufsuchen mußte. Selbst Frauen, die vor den tobenden Antisemiten flüchteten, wurden zu Boden geworfen und unter wüsten Beschimpfungen mit Füßen getreten. Nachdem die Antisemiten sämtliche im Saale anwesenden Gegner hinausgeworfen hatten, ging die Schlägerei im Garten weiter fort, ohne daß die Polizei eingeschritten wäre." Berlin. Während der freisinnige Volksparteilcr Eickhofs im Reichstage eine lange Rede gegen die antisemitischen Strömungen in der Heeresleitung hält, die eisernen Kreuze der jüdischen Krieger aufzahlt und sich-bitter beklagt, daß man in der ganzen deutschen Armee keinen einzigen jüdischen Offizier findet, stellt die Deutsche Wacht, das Organ des bekannten Antisemitenhäuptlings Zimmermann, anläßlich einer Besprechung der Schmaltaldcncr Wahl dem Führer der freisinnigen Voltspartei folgendes vorzügliche Zeugnis aus: Am Boden liegen zertreten die jämmerlichen Nachläufer der Sozialdemokratie, und nur Eugen Richter allein hat mit s e i n e m g e s u n d e n antisemitischen Empfinden die Ehre der Freisinnigen Volkspartei gerettet Merkwürdiger Weise hat die Freisinnige Zeitung, die sonst die Stimmen über «chmalkalden sorgfältig registriert, von diesem „Lob" keine Notiz genommen. Breslau. Das israelitische Spcisehaus (Israelitische Volksküche), welches seit ca. 30 Jahren in Breslau existiert und segensreich wirkt, hat be- ' kanntlich vor etwa einem halben Jahre seinen Betrieb in der Neuen Antonienstraße eingestellt und übersiedelt jetzt nach dem Hause Antonienstraße 7/8, wo in dem ncucrbanten „Niepoldshof" (welcher Neubau bekanntlich an die Stelle des alten Fränkclschcn Krankenhauses getreten ist) im Parterre des Vordcr- und Seitengebäudes eine Flucht von Räumlichkeiten extra für die Zwecke der Volksküche eingerichtet sind, die allen Ansorderungen der Neuzeit mit Bezug aus Hygiene nsw. entsprechen. Oesterretch-Uugar«. Budapest. Die Tochter des Kultus- Präsidenten. Moritz Wahrmann war nicht nur Reichstagsabgeordneter, sondern auch Führer der neologen Juden Ungarns und viele Jahre hindurch Präsident der Budapestcr Ncologcngemeiiide. Wie jüdisch - der vor einigen Jahren Verstorbene seine Kinder erzog, zeigte sich bald nach feinem Tode. Der Vater war noch nicht recht begraben, als sich die beiden Söhne taufen ließen. Die einzige Tochter Wahrmanus, Reuee, die an den jüdischen Großindustriellen Isidor v. Krauß verheiratet war, ließ sich bald darauf von ihrem Manne scheiden, nahm die Taufe, und verheiratete sich an den christlichen Grundbesitzer von Berctvas. Nach kurzer Ehe starb Beretvas und nun hat die „berühmt" gewordene Dame vor einigen Tagen in einer Budapestcr Kirche mit dem Gutsbesitzer Bela von Fay den Bund der Ehe geschlossen! Rußland. Kischinew, im März. Ueber die aller' Gerechtigkeit Hohn sprechenden skandalösen Vorgänge dein, zweiten Kischinewer Prozeß wird der „Neuen Freien Presse" berichtet: Der Druht hat bereits die Urteile verkündet, welche der delegierte Gerichtshof von Odessa unter dem Vorsitze Dawidoirs in dein zweiten Teilprozesse gegen die Mörder vom April vorigen Jahres gefällt hat. Es war nach den Instruktionen, welche der Gerichtspräsident unmittelbar vor dem Prozeß Tn Petersburg persönlich eingcholt hatte (!! nichts anderes zu erwarten. Die diesmalige Verhandlung wurde noch flüchtiger geführt als die erste, tco$ einer Reihe von Belastungszeugen wurden nur die widerspruchsvollen Angaben plötzlich aufgetauchter neuer Zeugen berücksichtigt, welche die Angeklagten zu entlasten suchten. Staatsanwalt und Verteidiger unterschieden sich in ihren Rede» nicht viel von einander. Persoualien. Frankfurt a. M. Herr De. phil. Lazarus, ein Sohn des verstorbenen Direktors des jüdisch-theologischen Seminars, der bisher die Stelle eines Rcligionslehrers in Breslau bekleidet hatte, ist vom Vortande der Synagogengemeinde Frankfurt a. M. als Prediger und Religionslehrer gewählt worden. Mit dieser Stelle ist die Stellvertretung des Herrn Rabbiners Dr. Seligmann an der Orgelsynagoge sowie der Religionsunterricht an. den höheren Lehranstalten verbunden. Berlin. Nach der Altersliste der Berliner Stadtverordneten ist der Senior der Versammlung Sanitätsrat Dr. med. Reumann. Geboren im Jahre 1819 wird er auch in Bezug auf seine Amtszeit von keinem Stadtverordneten übertroffen. Er trat schon 1859 in das Stadtparlament ein und ist eitdcm achtmal iviedcrgcwählt worden. Berlin. Der Seniorenchef Louis Hirsch von Hirschs Telegraphischem Bureau beging am Montag den 75. Geburtstag in voller Frische. Er gründete im Jahre 1868 sein Bureau. Breslau. Jubiläum. Stadrat F. Pringsheim feiert am 22. März er. sein sünfnndzwanzigjähriges Jubiläum als Vorsitzender des Vorstandes der hiesigen Synagogengemcinde. Hamburg. Die Bestattung des Herrn David Rüben, Seniorchefs der Wcchfelmaklcrsirma Rnben Elias Rnben, fand unter außerordentlich großer Beteiligung statt. An dem Sarge hielt Herr Oberrabbiner Hirsch die Trauerrede, in der er der Trauer Ausdruck gab über den Verlust des Heimgegangenen, der in so reichem Maße für das Wohl der Gemeinde eingetretcn sei. 40 Jahre sei er in der Verwaltung der Talmud Thora-Realschule tätig gewesen, und seiner Mitarbeit sei cs zu danken, daß die Schule sich zu so hoher Blüte entfaltet habe. Der Redner' schildert den Wohltätigkeitssinn des Verstorbenen, mit dem er stets die Not der Bedrückten und Armen zu mildern gesucht habe. Mit Trostesivortcn an die Hinterbliebenen schloß die ergreifende Rede. Herr Direktor Dr. Goldschmidt sprach im Namen des Lehrerkollegiums der Schule dem Toten den Dank ans, auch der Schwager des Verblichenen, Herr Dr. Bromberg, sprach herzliche Wschiedsworte. Gydtkuhnen. Im Alter von 108 Jahren ist in Wirballen die jüdische .Frau Hinde Schaudinischky gestorben. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) (Fortsetzung.) Damit, Herr t. A., ist, wie Sie jetzt ivohl selbst cinsehcn, Ihr zweiter Glaubensartikel widerlegt. Was bleibt nun noch von Ihren Arguinenten übrig? Etwa auch noch das Argument, daß zur Geuloh (Erlösung) die vorhergehende Tschuwoh (Buße) nötig sei. Auch diese Sache haben unsere Chasal" längst entschieden. Die Gemoro Sanhedrin, Seite 97—98. bringt eme Auseinandersetzung zwischen Rabbi Elcasar und Rabbi Jehauschua. Ersterer meint, daß die Geuloh der Tschuwoh bedürfe, letzterer aber, daß die Geuloh auch ohne Tschuwoh stattfinden könne und ersterer gab zuletzt nach und alle beide kamen zu der Ansicht, daß die Rot es ist. die die Geuloh Herbeiführen wird. Diese Ansicht wird an vielen Stellen, von verschiedenen Touoim und Amaroim vertreten und stimmt mit dem Satze „Haasinu weefes ozur weosuf“ überein, der laut Raschi auf die Gemoro Sanhedrin Seite 97 Anwendung findet, wo es heißt, daß die Stellung der Juden unter den Völkern erst eine geringe („schokol") sein wird, bevor die Geuloh stattfindet. Daß die Stellung der Juden eine geringe ist, bcdar ■ keines Beweises: der Fall Kischinew Hat zur Genüge gezeigt, wie wehrlos und schutzlos das jüdische Volk in Wirklichkeit in den Augen der Welt dasteht; Hunderte von Menschen, Männer, Frauen und Kinder,. öffentlich vor den Auge» aller in bestialischer Weise niederzumetzeln, würde inan selbst Zigeunern und Negern gegenüber nicht gewagt haben. Wenn aus der einen «eite die Völker diesem Ausgeburt tierischer Wollust gleichgültig zuschcn und andererseits das jüdische Volk in seiner Hiilsslosigkeit eine solch' ungeheuere Schmach hiniiehmeii muß, dann ist im vollsten Sinne des Wortes der Zustand „hi oslas .fad", daß Hingeschwunden ist jegliche Macht — wie es in Haasinu Heißt — eingetreten. Es genügt, einen Blick auf 'die Juden Rußlands zu werfe», um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß die Tauchochauth sich bereits im Uebcrmaß verwirklicht Haben. Die äußerste Not ist bereits da. Worauf soll denn eigentlich noch das jüdische Volk warten? Etwa vis es „kulau sakkei“, bis alles fromm und gerecht ist! Ist dies überhaupt im Go Ins, wo bas jüdische Volk christliche Lust atmet, denkbar! Gewiß hat Gott in seiner Allweisheit eine Zedokoh an Israel getan, daß er sein Volk in das Golns geschickt hat. „Zedokoh oso Hakodausch boruch hu, schepisrom kein houmauth.“ Das jüdische Voll hat Dank seiner 2000jährigen, reichen Erfahrung viel gelernt, es mußte alle Perioden, auch die der Humanität, durchmachen; um endlich zu der Ueberzeugniig zu gelange», daß cs nur im Geiste einer eigenen Kultur und ans seiner eigenen Scholle, ein echt indisches Daei n zu führen im Stande sein wird; diese Eini ch t i st e b e n Ts o h n w o h. Der berühmte Gaon Rabbi Benjamin Chessim,' Verfasser des Amitath Benjamin, erklärt öen Alscliich, Parschat Wajeize, daß die letzte Göuloh von unten nach oben (milmato lemaio), durch eine innere Bewegung, durch eine Bewegung der Massen des Volkes vor sich gehen und deshalb dauerhafter als die zwei ersten Geulah's (Erlösungen) sein wird, welche von oben nach unten ausgingen, nämlich durch Moses und Esra, ohne daß es das Volk in seiner Mehrheit gewollt hat. Diese innere Bewegung in den Massen des jüdischen Volkes ist jetzt bereits vorhanden; der größte Teil der jüdischen Gesamtheit — ausgenommen die Assimilanten und einige Kurzsichtige, die in unglaublicher Verblendung heute noch schlafen — sieht die trostlose Lage des Judentums und der Judknheit im Golns ein und will aufrichtig seine Diaspora für alle Zeiten aufgeben und derjenige, der mit offenen Augen die zionistische Jugend betrachtet, ihre wahrhaft große Begeisterung für ihre Sache, der muß eingestehen, daß da der Anfang der wahren Tschuwoh schon zu konstatieren ist, daß da der Allgnädige vor unseren Angen seine Zusicherung „Und Er wird zurückführen bas Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern" vollzieht. Ich will nun an der Hand des Talmud, Midrasch, Jalkut nsw. über die Art der letzten Geuloh Belege ür meine Behauptungen erbringen. Aus diesen Stellen wird der geehrte Leser ersehen, daß unsere Ghasal den Anfang der letzten Geuloh sich nur auf die Weise, wie die Zionisten wollen, gedacht haben. Gemoro ,Bawo mezio“ 98 sagt: Sochn im annone schemajo, im Falle, daß Israel die Geuloh verdient, werde ich dieselbe r a sch vor sich gehen lassen, lau sochu keoni al chamaurau, hingegen, wenn Israel nicht fromm ist, wird seine Erlösung laut Kommentar Raschi langsam vor sich gehen. Im letzteren Falle, meint der Jalkut und noch viele andere Stellen im Talmud, wird die Geuloh nicht des Volkes, sondern des Landes wegen stattsinden, denn Gott hat auch ein Bündnis mit dem Lande Israels geschlossen, indem er sagte: „Wehoorez eskaur, und ich werde gedenken des Landes." .keruschalmi 1. Perek des Traktat Berochot Seite 3 und 8auhar hakodausch, Parschat Wajischlach sehen die letzte Geuloh sogar n n r in einer allmählich zunehiiienben Entlvicklniig, indem sie dieselbe mit der Morgenröte (Alijath haschachar) vergleichen. Gemoro Jumo 38 schließt sich dieser Ansicht an: „Waarichath ner lewen Jischai, man muß vorerst Del und Docht herbei schaffen, damit das Licht brennen soll." Der Radak in seinem Werke auf Tehillim führt zum Satz „AI tiwtechu bindiwim, verlaßt euch nicht auf Wohltäter" aus, daß so >vie die zweite Geuloh durch Eyrus die letzte Geuloh durch die Könige der Völker geschehen wird; auch der Ramhan in seinem Kommentar auf Schir ha schirim stimmt gelegentlich des Satzes „Hoeleflecho“ dieser Ansicht des Radak zu; er meint, zuerst werde eine teilweise Sammlung der Diaspora (kihuth golijauth) stattfinden, dann wird Gott fortfahren seine Macht zu zeigen, indem er eine zweite und endgültige Kibuth golijauth vornehmen wird. Der Beweis für seine Ansicht ist der Satz Deworim Kapitel 30: „Weschow haschem es schewuscho werichemcho, weschow wekibezcho mikol hoamim, Gott wird deine Gefangenschaft aufheben, er wird sich deiner erbarmen und wird dich aus allen Böllern sammeln." Das zweimalige Lchow beweist, daß das Sammeln der Diasspora ein zweimaliges sein wird. An einer anderen Stelle sagt er über den Satz in .leschajohu: „Neum haschem mekabeiz nidchei jisroel, aud akabeiz olow lenikbozow, es ist der Spruch Gottes, der die Verstoßenen Israels sammelt: „Ich werde noch sammeln zu seinen Versammelten." Erst nach der zweiten Sammlung wird also die vollständige Geuloh stattfinden. Der Sifri; der Ramban, Parschat Reei 12; sowie Malblim, Deworim 12, sagen zu dem Satze „Leschicbnau tidrauschu, nach seiner Wohnung (des Propheten nämlich) sollt ihr forschen", man soll nicht warten auf den Propheten, der sagt: „So thutl" sondern vorher muß man selbst forschen und sich um die Sache (der Erlösung) bemühen und nach der genügenden Vorbereitung wird sich dann erst der Prophet einfinden. Aus der Gemoro Megilloli Seite 17 unt» Jeruschalmi Maaser schein! geht klar hervor, daß llloschiach ganz zuletzt kommt. Der Prozeß der Geuloh wird nach der Art. wie sie in der Schmaune-Esre zu finden ist, vor sich gehen. Zuerst wird das Land wieder Früchte bringen, was im „Roreich oleinn" ausgedrückt ist; dann wird die Sammlung der Zerstreuten (Kibuth Golijauth) stattfinden, die in der folgenden Broche ,,Teka besebaufor“ gesagt ist; sodann wird laut der nächsten Brache