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Neue jüdische Presse · 1904-03-11 · Heft 10 (11.3.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 10 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FaMlenblatt. Nr. 10. aber nach allen Seiten hin vorgeführt. R. Tam erscheint uns hier als der größte Gelehrte seiner Zeit, dessen Ruhm nach allen von Juden bewohnten Ländern gedrungen ist- Mit dieser Größe verband er eine Energie, die ihn zum geistigen Führer der Judenheit gleichsam prädestinierte. In welcher Weise er diese Führerschaft ausübte, geht aus dem Umstande hervor, daß er überall als höchste Autorität anerkannt ward und eine Achtung genoß, die allein die von der neueren Geschichtschreibung gegen ihn erhobenen Anschuldigungen entkräften muß. Und diese allgemeine Anerkennung äußerte sich am deutlichsten in der Einstimmigkeit, mit welcher seine Tekonoth allenthalben akzeptiert worden sind. Die Tekonoth, die sich aus das ganze Gebiet des jüdischen Lebens erstrecken, zeigen doch seiner besonderen Bedach tnahme auf die Verhältnisse der damaligen Zeit, wie auch manche dieser Tekonoth nur aus den Zeitverhältnissen zu verstehen sind. (Unter Anderem hat R. Tam eine bereits in Narbonne bestehende Verordnung, nach welcher der Ehemann, dessen Krau bis zum Ablauf des ersten Jahres nach der Verehelichung gestorben war, ohne ein Kind hinterlassen zu haben, gehalten sei, die Mitgift und Ausstattung zurückzugeben, auch auf Nordfrankreich, Anjou und die Normandie ausgedehnt. Demgegenüber dürste auf 'eine parallele Verordnung hingewiesen werden, die in späterer Zeit in Ofen zu Recht bestand, wonach der Ehemann sein kinderlos verstorbenes Weib nie beerbte, sondern immer verbunden blieb, die empfangene Mitgift zurückzuerstatten. (Chacham Zewi, Responsen Nr. 61.) Wir wollen hier noch eines Gebietes der vielseitigen Wirftamkeit R. Tain's Erwähnung tun. Wir meinen seine unermüdliche und vielfach auch erfolgreiche Tätigkeit um das Gemeinwohl. Wir sehen ihn bei Hofe und Lei hohen Herrschaften, und überall, wo es nur irgendwie anging, für seine bedrückten Brüder Erleichterungen erwirken und llnheil abwenden. Rührend und zu Herzen gehend sind die Stellen in seinen Responsen, in denen er der traurigen Verfolgungen, die seine Brüder betroffen, Erwähnung tut. Seinen Glaubensbrüdern gehörte sein Herz bis an sein Lebensende und es brach in der Trauer um sie. Der Greis konnte das große Unglück, das die Gemeinde von Blois am 20. Siwan 1171 betroffen, nicht lange überleben; am 4. Tamus hauchte er seine reine Seele "aus. Eine interessante und verdienstvolle Arbeit ist die Geschichte der hebräischen Druckereien in Sulzbach, von Herrn Rabb. Dr. Weinberg in Sulzburg. Nebst der eigenllichen Geschichte der Druckereien wird uns auch die Entstehung der Gemeinde zu Sulzbach und auch sonst noch ein gut Stück jüdischer Kulturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts vor Augen geführt. Tie ganze Geschichte der Druckereien zu Sulzbach, von ihrer Entstehung, bis au' alle Phasen der -Entwickelung und des späteren Niederganges, ist hier auf Grund fleißiger Sammelarbeit in sehr gefälliger Form dargestellt.-In erschöpfender Weise behandell der Verfasser den langjährigen Streft der Druckereien Fränkel-Sulzbach und Props-Amsterdam,. der schließlich, als er aus die Allgemeinheit überzugreisen drohte, durch die Luge Intervention R. Eczechiel Landau's geschlichtet worden ist. Der eigenllichen Geschichte der bedeutenden Offizin hat der Verfasser ein Verzeichnis all jener Werke beigcgeben, die während der ganzen Zeit ihres Bestandes, vom Jahre 1669—1851 in Sulzbach aufgelegt worden sind. Rabbiner Dr. Lerner sucht gegenüber Buber, der die Jelamdenu-Einleitung des Tanchuma in die vortalmudische Zeit seht, den Nachweis zu erbringen, daß diese erst später entstanden sein kann. Salomon Buber und nach ihm Maybaum halten nämlich die Jelamdenu-Formel, das Einleiten des agadischen Vortrages mit einem halachischen Exordium als alte Einrichtung und begründen ihre Meinung damit,daß in der Beantwortung der halachischen Fragen nur auf die Mischna und Toseftha, nicht aber aus die Gemoroh verwiesen wird. Dem gegenüber beweist Lerner auf Grund vieler Stellen in der Jelam- Üenu-Einleitung die Abhängigkeit derselben vom Talmud und sogar vom Scheeltoth. Auch bestreitet er die Ansicht, als ob die Jelamdenu-Formel ihre Entstehung der Gepflogenheit verdank, daß vor dem Vortrage Fragen halachischen Charakters an den Agadisten gerichtet worden sind. Die Formel sei vielmehr aus dem Talmud entnommen worden, wo wir Schüler in dieser Formel Fragen an die Lehrer richten sehen. Im Gegensätze zu diesen Jelamdenu der Gemoroh sind die mit dieser Forniel eingelclleten Lehrsätze des Tanchuma nicht tatsächliche, Fragen, sondern nur in Halacha-Form gekleidete Agadalehren. Unter dem Titel „zur Methodologie der halachischen Exegese" gibt uns Herr Dr. Wuard Bibereld an der Hand dreier Beispiele einen Beweis ur die Richtigkeit der halachischen Exegese. Wenn die Sinncserllärung zuweilen eine von der Halacha verschiedene ist und die Halacha-Deutung als in den Vers hineingetragen erscheint, so liegt dies, wie Herr Dr. Biberfeld richtig bemerkt, in der Ungenauigkeit der Uebersetzung. Eine sinnesgetrcue Ueberetzung wird,, wie die angeführten Beispiele erweisen, mit der Halacha-Exegeseübcreinstimmen. Und das nicht etwa in dein Sinne, daß sich die Uebersetzung a priori in den Dienst der Halacha stellen muß. Vielmehr meint der Verfasser, daß das genaue Eingehen aus Satzstellung und Satzkonstruktion die Uebereinstimmung mit der Halacha von selbst ergeben wird. Die Richtigkeit dieser Ausführungen wird beonders durch das zweite Beispiel erhärtet. Was das an dritter Stelle angeführte Beispiel.anbelangt, so ist der Verfasser in der Erllärung des im jimurs ha-Ganow das sich ausschließlich auf den Depositar beziehen soll, der ersten Version im Talmud (Baba kama 63*) gefolgt. Tania idoch daselbst aber, dem auch Raschi (Baba Mezia 94-) folgt, rechtertigt die gewöhnliche Uebersetzung, die darunter einen Dritten, den Ganow azmau, versteht. Herr Rabbiner Dr. Bamberger-Hanau bespricht 6 neue Editionen des arabischen Mischna-Kommentars des Maimonides. Rezensent ermahnt, mehr den eigentlichen Zweck der Editionen im Auge zu behalten, der doch dahin gehen sollte, auf Grund des korrigierten Originals eine fehlerfreie und klare hebräische Uebersetzung zu bieten.. Hervorzuheben ist noch die Besprechung der diesjährigen Beröffentichungen des Vereins „Mekize Nirdaniem“ von Herrn Pros. Dr. Sulzbach. Es sind dies: 1. Orobotb Obajim von R. Aharon Hakohen aus Lunel, 2. Sepher Haittim von R. Jehuda ben Barsilai aus Barcelona und eine Fortsetzung der Diwan- Ausgabe von R. Jehuda Halewi. Nebst einigen richllgen Bemerkungen, die die Rezension enthält, wird uns in gut übersichtlicher Weise Inhalt und Bedeutung der erwähnten- Werke, wie auch eine kurze Biographie der Verfasser gegeben. Kleinere Beiträge enthält das Jahrbuch noch von Herrn Rektor Dr. D. Hoffman-Berlin „Zur talmudischen Lexikographie", von Herrn Rabbiner Dr. Wreschner-Samter über „Diminutiv-Bildungen im Talmud" und von H. Lipinsky in Frankfurt a. M. über einige Inschriften in Südrußland. Den Schluß macht H. Lieben-Prag mit Veröffentlichung dreier interessanter Eintragungen des Rabbinats-Protokolls zu Prag, die das Verhältnis Eczechiel Landau's zu Eibenschütz beleuchten. Die Nutzbarmachung dieser Nabbinats- und Gemeinde-Protokolle für die Geschichtsforschung ist von umso größerer Wichtigkeit, als nebst der rabbinischen Literatur diese die einzige Quelle sind, die uns die Geschichte vergangener Tage aus eigener Anschauung übermitteln. Und so ist die. Literarische Gesellschaft schon in dem ersten Jahrbuch ihrem Zwecke, jüdische Wissenschaft zu fördern, nachgekommeu. Nach der Summe des schon im ersten Jahre ihres Bestehens Geleisteten darf der weiteren Arbeit der Gesellschaft mit größtem Interesse entgegengesehen werden. Und wenn im Vorwort des vorliegenden Jahrbuches mehrere Arbeiten zur Beleuchtung der jüdischen Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts in Aussicht gestellt werden, so dürfen wir annehmen, daß diese zur Aufllärung der Mißverständnisse, denen diese Zeit so häufig ausgesetzt war, und so zum Siege der Wahrheit beitragen werden. 0 Feuilleton. 0 Gegensätze. Erzählung von Jacob L e v y. (Schluß.) Die Bäume streckten ihre schneebedeckten kahlen Aestein die winterliche Luft und berschwammen mit dem Hintergrund des grauen Himmels zu einem melancholischen Ganzen, das aus Berg's Stimmung doppelt niederdrückend wirken mußte. - Er dachte daran, wie glücklich er sein könnte. Levko, dieser gebildete, grundgelehrte Mann, ist so fromm, er aber kaun's nicht sein und das kostet sein Lcbensglück. Er würde niemals Regina und sich selbst belügen, und Regina würde dem Freigeist niemals ihre Hand reichen, darüber bestand kein Zweifel in ihm.. Der Tag ging zur Neige, es wurde dunllcr und duntter wurde es auch in seiner Seele. „Und wird eine Religion, an die ich nicht glauben kann, die nur Seelenkämpfe für mich hat, mir. jemals Frieden bringen?" grübelte er. „Und rveshalb bin ich gerade zu diesem Zwiespalt in meinem Innern verurteilt, weshalb werfe ich den ganzen Ballast, her mich beschwert, nicht über Bord? ich brauche keine Religion." Er sagte sich mit bitterm Lächeln: ,^Jch will mich nicht selbst täuschen, gerade meine Zweifel beweisen, daß ich nach'dem Glauben an die Religion schmachte, daß ich — ach so sehr — wünsche, fromm zu werden." IX. Da sauste ein Windstoß durch die entblätterten Bäume, eine Ladung Schnee aus ihn streuend. Ein zweiter folgte, und nun erhob sich ein Schneesturm, daß ihni Hören und Sehen verging. Es war inzwischen ganz finster geworden und nun stand Berg in der tiefe» Dunkelheit, vom heulenden Sturm umbräust, der ihm-den prickelnden Schnee in die Augen, durch die Kleider jagte. Er tastete sich mühsam weiter, er wußte nicht, wo er sich befand, vernmtete aber, nicht fern von einem Dorfe zu sein. Da sank er bis an die Knie in den Schnee, er war vom.Wege abgekommen. Mit Mühe arbeitete er sich heraus, aber seine Kräfte waren bald erschöpft. Er ries um Hülfe, der Wind ließ seine Worte keine zwei Schritte weit dringen. Er war nun auf der Höhe angelangt, der Wald lichtete sich und^ der Sturm fiel ihn mit verdoppelter Wut an. In dem tollen Schneetreiben konnte er - keine Richtung mehr finden; mühsam, atemlos, geblendet, tastete er mit ausgestreckten Armen in der finsteren Nacht weiter. Ta stolperte der Unglückliche über eine Bauinwurzel, er stürzte hin und hatte nicht mehr die Kraft, sich zu erheben. Er bemerkte nicht, daß wenige Schritte von ihm ein rettendes Dach sich befand, seine Sinne schwanden und die heulende Windsbraut deckte ihn mit trockenem, stäubendem Schnee. — — — — — — — — So rasch wie der Orkan sich erhoben, so plötzlich hörte er auf. Der Himmel war wieder klar, die blasse Mondsichel war unter den Myriaden hell flimmernder Sterne der Winternacht kaum bemerkbar. Da öffnete sich die Tür eines Leinen Hauses und ein Mann trat heraus, der, den Mond anschauend, etwas vor sich hin murmelte. Plötzlich stutzte er, ein dunkles Etwas bemerkend, das regungslos vor ihm lag. Er bückte sich, fuhr aber mit einem Schreckensrus zurück, wie er den Körper eines Menschen erkannte. Aber kurz entschlossen hob er ihn mit Riesenkräften auf und trug ihn in's Haus. „Rika," rief er, „hilf mxt,l ich bringe einen verunglückten Menschen." n ->': Eine ältliche Frau eilte herbei, machte nicht viel Worte, sondern half ihrem Manne den Erstarrten auf das Bett niederlegen. Wie der helle Schein der Lampe aus'den Leblosen siel, der mit totenblassem Gesichte regungslos da lag, ries die Frau entsetzt: „Allmächtiger Gott, der Mann, ist tot." , Ihr Mann aber, eine hochgewachsene Gestalt mit Silberfäden im Bart, sagte kurz: „Lassen wir ihn entkleiden." Das war rasch geschehen, er frottierte den Verunglückten mit geübter Hand und hätte bald die unaussprechliche Freude, ihn wieder atmen zu sehen. Das Mütterchen flößte Berg — denn dieser war der Erstarrte, — warmen-Wein ein und bald war dem jungen Mann, 'der glücklicherweise nur wenige Minuten in der eisigen Umarmung des Frostes gelegen hatte, die Besinnung wiedergekehrt. Er fragte,, was in einem solchen Falle jeder fragt: „Wo bin ich?" „Sie sind beim jüdischen Totengräber Lazarus." Ta er Bestürzung in den Mienen des Geretteten zu bemerken glaubte und diese fälsch deutete, fuhr er fort: „Sie brauchen aber nicht zu erschrecken, denn wenn ich kein Jude wäre, würden Sie. jetzt nicht mehr. unter den Lebenden weilen." ' „Erklären Sie mir dies," bat Berg, „ich bin auch Jude, ich heiße Berg." „So," sagte Lazarus feierlich, „dann danken Sie Gott, dem Gott Israels, denn nur dieser hat Sie gerettet. Ich wartete heute Abend aus 'den Neumond, um die „Lewone Mekaddesch zu sein".' Kaum hatte der Sturni die Wollen zerstreut, so eilte ich in's Freie. Dort, dem Moud zugewendet, bemerkte ich Sie und hatte das , Glück- Die-zu retten. Gott hat durch den Mond, den er im richtigen Aßgenblick hervortrcten ließ, mich zu Ihrem Heil berufen." Berg starrte den alten Mann mit weit geöffneten Augen an. Dessen Worte trafen ihn wie Keuleuschläge und er sagte sich: „Hier hat Gott sichtbar gewaltet.- Wenn dieser Greis nicht fromm wäre, wenn er die Vorschriften seiner Religion nicht gläubig genau erfüllen würde, so läge ich jetzt erstarrt im Wälde und derselbe Mann, der durch seine Frömmigkeit mich dem Leben wieder zugeführt hat, hätte mir morgen das Bett zur ewigen Ruh' geschaufelt!" Das Beispiel im Hause des Rabbiners, die Lehren und Beweise Levko's, sie siegten endlich. Jetzt fühlte er das Dasein Gottes, -jetzt erfüllte ihn Ehrfurcht vor unserer Religion und vor ihren Geboten. Er neigte sein Haupt und weinte heiße

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