Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-03-11 · Heft 10 (11.3.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 10 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692368--00765-2695192
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 10. Fraickfürter Israelitisches FamilieMattchristliche Dame" erscheint, wird alSein beschämendes Fiasko betrachtet.' . Ein Beweis für den Christenkultus ist übrigens auch die Tatsache, daß die Miskolzer CHew - ra-Kadischa vor einigen Tagen einen Christen zum Ehrenmitgliede gewählt hat. Es ist dies Herr Ludwig von Horvath, Herrenhausmitglied, mit dem Titel „Exzellenz". Ein strenggläubiger Jude, dem es mißfällt, daß nunmehr auch die Chewra-Kadischa sich bemüht,, ihren Glanz durch eine christliche Exzellenz zn heben, meint, daß nun die ,Heiligen-Vereine" ein wahres Wettlaufen nach Exzellenz-Ehrenmitgliedern veranstalten werden, wodurch sie zum Gegenstände des Spottes werden, was jedoch gegen ihr eigenes Interesse ist. lind das wirkt umso komischer, als es bekannt ist, daß die christlichen „Blumenkränzchen" und „Gesellenvereine" einen Inden nie zum Ehrenmitgliede wählen, und wäre er auch Magnatenhausmitglied, oder Exzellenz und Besitzer einiger Millionen." Rußland. Petersburg, 1. März. Die im Auslande verbreiteten Gerüchte von der Ausweisung der Familien der nach dem Kriegsschauplätze gesendeten jüdischen Aerzte aus Kiew werden offiziell dementirp Es wird erklärt, die Regierung habe schon in vorhinein angeordnet, daß die außerhalb des jüdischen Anstedlungsrayons zurückbleibenden Familienmitglieder der nach Ostasien geschickten jüdischen Aerzte. ungestört weiter an ihren Aufenthaltsorten Wohnung nehmen. Trzebinow bei Zarkh <Russisch - Polen). Hier wurde ein junges jüdisches Ehepaar, das aus Kriegssurcht sein bei der Czenstochauer Bank deponiertes Vermögen abgehoben hatte, nachts ermordet und beraubt. ' : '! ' : ir’ Personalien. Frankfurt. Mit einem Gefühle unsäglicher Trauer verabschiedeten wir uns vor wenigen Tagen von den sterblichen Resten einer seltenen Frau. Frau Dr. Bella Grünbaum geb. Bernhardt, die Gattin des in den weitesten Kreisen der hiesigen Jsraelitischtn.Gemeinde in hoher Achtung stehenden Herrn Dr. Paul Grünbaum, ist zu ihrer letzten Ruhe geleitet worden. In der Blüte ihres Lebens wurde sie geknickt, mit neununddreißig Jahren ist sie in eine höhere Ordnung der Dinge hinubergerufen worden. Des großen Kreises der Freunde ihres Hauses aber, die voll Wehmut ihre Bahre umstanden, bemfichtigte sich,,Mt schmerzlicher Eindringlichkeit die ewige,' nimmer gelöste, verzweifelte Frage an die Vorsehung: warum denn 'wohl der alte-' Schnitter die Reihenfolge seiner Opfer so willkürlich/^so scheinbar launisch und grausam wieder einmal geändert und eine liebliche Menschengestalt auf der Höhe ihres irdischen Seins abgemäht hat? Die Verklärte ist die Tochter einer Familie, die in den glaubenstreuen Kreisen Berlins sich einer wohlverdienten Wertschätzung erfreut. Treue Anhänglichkeit gegen die Ueberljeferungen unseres Glaubens und kluges Verständnis für die Bedürfnisse der Zeit zeichneten die beiden Eltern aus, die noch in Berlin lebende, nun so schwer heimgesuchte Mutter, wie auch den gelehrten und frommen Vater, der vor einigen Jahren gestorben ist. Auch in der Heimgegangenen war eine tiefe und innige Frömmigkeit mit hoher Geistesbildung gepaart. Herr Rabbiner Dr. Jakob Horowitz entivars aus dem Friedhofe ein in warme und doch naturtreue Farben getauchtes Charakterbild der Verstorbenen, das aus alle, welche die der Erde so früh entrissene Frau kannten, einen tiefen Eindruck machte. Nicht mit Unrecht verglich er die durch Gemüt, Geist und Liebenswürdigkeit gleich ausgezeichnete Frau mit der holden Gestalt der frommen Esther, die das Purimfest in diesen Tagen uns wieder einmal näher gebracht hat. Aber trotz hes schneidenden Jammers, in welchem der Tod dieser frommen und anmutigen, dieser klugen und gütigen Frau den gebrochenen Gatten und' die beraubte Mutter zurückgelassen, können wir doch sticht anders als in die gewaltige, die Trauernden Israels zu Leben und Pflicht zurückrufende Losung einstimmen: Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name ■ Gottes fei gepriesen! A. W. Mannheim. Dem Hoftat Dr. Heinrich Caro ist „wegen,^seiner großen Verdienste um die chemische Wissenschaft und Industrie, insbesondere die Industrie der Teerfarbstoffe, deren Entwicklung er durch glückliche Verwertung , streng wissenschaftlicher Methoden in hervorragendstem Maße gefördert hat", die Würbe eines „Doktor-Ingenieurs ehrenhalber" verliehen worden. Herprichhemmersdorf (Kreis Saarlouis). Herr Max Levh und seine Gattin Sara Levy. geb. Hahn feierten hier vor kurzem das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Der Ortsvorsteher überreichte dem Jubelpaare die Ehemedaille. An der Feier nahmen. die ganze israelitische und katholische Gemeinde teil. Mülheim (Ruhr). Ein sellen hohes Mer hat unser Mitbürger Herr Michael Hirsch erreicht, indem er in verhältnismäßig großer Rüstigkeit und Frische demnächst seinen ,100. Geburtstag - begehen kann. Die israelitische -Gemeinde und die zahlreichen Freunde und Bekannten des allseits geschätzten Herrn werden das Ereignis am 13. März durch eine Feier Mit Kirchholtesschen Saale begehen. Dramburg bei Stettin. Kaufmann Moritz Manasse hier, welcher jahrelang Vorsteher der hiesigen Synagogengemeinde war und dies Amt jetzt seines hohen Alters wegen niedergelegt hat, ist wegen feiner verdienstvollen Tätigkeit zum Ehrenvorsitzenden der Synagogengemeinde Dramburg ernannt worden. Petersburg. Professor Tschitscherin, in der wissenschaftlichen Welt berühmt durch seine Werke über das politische Recht, über die politische Erziehung,, über Volksvertretung und ähnliche Rechtsfragen, ist gestorben. In Tschitscherin verliert die russische Judenheit einen warnten Freund und einen wertvollen Verteidiger ihrer Rechte. Hier sei nur erinnert an seine denkwürdige Schrift „Ein offenes Wort zur Judenfrage", die, als sie vor etwa 5 Jahren erschien, sofort von der Zensur strengstens untersagt wurde, deren Inhalt sich aber trotzdem wie ein Lauffeuer verbreitete. In hektographischcr Vervielfältigung durchflog diese Schrift Rußland und das Ausland und hinterließ einen tiefen Eindruck bei ihren Lesern. — Zu beklagen haben die russischen Juden auch das Hinscheiden des angesehenen Publizisten und Redakteurs N. K- Michaelowski; in seiner Zeitung „Rußkojo Bogatstwo" fanden die geknechteten russischen Juden stets einen beredten und liebevollen Anwalt. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) (Fortsetzung.) Selbsthülfe soll verboten sein; — und die Beweise, Herr P. A., wo sind diese? Eine solche kühne Behauptung, die bas jüdische Volk zur Wehrlosigkeit, zur ewigen Untätigkeit verurteilt, braucht Beweise sehr überzeugender Natur. Haben Sie solche erbracht? — Nein! Oder doch! — „Ein Sünder wird vom König zu 20jährigem Kerker verurteilt (Anscheinend ist Herrn P. A. die Dauer unseres Exils ganz genau bekannt), es wird ihm jedoch versprochen, daß er durch 'Besserung und gute Führung seine Strafe abkürzen könne. 15 Jahre sind bereits verflossen, ohne daß der Sünder sich sonderlich gebessert hätte (Also 3/i der Strafzeit ist verflossen! — Wirklich ein Trost, für den wir Herrn P. Ä. Dank schulden, denn er hätte ja, auch umgekehrt verkünden können.), trotzdem sehnt er sich aus dem Kerker und erhofft tagtäglich feine Begnadigung; sie kommt aber nicht und der Sünder wird ungeduldig. Sein täglicher Ülppell an seinen Kerkerwächter nutzt nichts. Was tut er? Ms der Wächter eines Tages zu ihm in die Zelle tritt, stößt er ihn (der Sünder den Wächter) bei Seite, flieht hinaus, gelangt ins Freie (Wie bekannt, ist das Verhältnis der Völker zum jüdischen Volke gerade umgekehrt. Die Völker stoßen Juda hinaus, aber Juda, das geknechtete, will nicht hinaus; es sagt: Ohawti es adanni. ich liebe meinen Herrn . . .5 und läuft den Häschern des Königs in die Hände, die ihn mit Stößen in seine Zelle zurückbringen. Die Gnade des Königs hat er nun verwirkt, er wird das Maß seiner Strafe bis zur letzten Neige leeren müssen." Wahrlich, Herr - P. A., Ihr Beweis ist sehr zwingender Natur; allein ich will versuchen, Ihr Gleichnis den verehrten Lesern nachzuerzählen: gestatten Sie mir aber, es in einer anderen Form zu tun: „Juha. der Liebling des himmlischen Vaters, hatte gefehlt, der allmächtige Vater wurde zornig, verwies seinen Liebling aus seinem Hause und schickte ihn in eine Besserungsanstalt, in die Dippold'sche Anstalt der Völker. Ihrer Erziehungsmethode gemäß, die in beständigen Martern besteht, verfällt der Zögling geistig und körperlich. Wohin soll das führen? fragt sich der Halbgebrochene verzweifelt. Die vielen Leiden des Golus 'haben ihn gedemütigt, der Unglückliche fühlt endlich Reue, er sieht seine Vergehen ein und möchte nun aus ganzem Herzen, zu den Geböten seines Vaters zurückkehren. Doch er kann nicht, in den Verhältnissen, in denen er zu leben gezwungen ist, fehltihm die phpfische inid moralische Kraft dazu. Bei feiner sich von Tag zu Tag schlimmer gestaltenden Lage ist eine Besserung ausgeschlossen. Dazu kommt noch der Umstand, daß seine Erzieher ihn nicht länger behalten wollen. — Es bleibt so nur ein Eritwederober; entweder ganz in den Völkern, in deren Mitte er lebt, aufzugehen oder seine Erziehungsanstalt für ewig zu verlassen. Aber wohin? Vielleicht nach humaneren Ländern, wo ihm eine bessere Behandlung zu teil wird! Doch da läge die Gefahr für ihn nahe, die letzte Spur seiner Eigenart auch noch zu verlieren. — Nun kommt ihm plötzlich der Gedanke „Zurück ins Vaterhaus"; dort kann er als freier Jude ohne fremden Einfluß sich voll und ganz im Geiste seines Vaters und seiner Ueberlieferung ausleben, «ein Gedanke wird zur Tat, er trifft im Einverständnis mit feinen Erziehern, den Völkern, die Vorkehrungen zur Rückkehr; nach Hause schreit es in ihm und hörend diese Stimme, Seiten 8. fühlt er sich wie neugeboren, er ist wieder der alte Jüngling, der einst gewesene Löwe, er geht!" Wollen Sie, Herr P. A., ihn etwa aufhalten? Wollen Sie dem Neugeborenen, dem unglücklichen Glücklichen, auf seinen Weg Steine legen? — Nein! Mer Sie tun es doch unbewußt. Sie sehen, Herr P. A., daß dasselbe Gleichnis, mit anderen Worten erzählt, ganz anders klingt, es kommt das Entgegengesetzte heraus: das soll Ihnen zur Lehre sein, bei .ernsten Dingen keine Gleichnisse a»zuwenden. Wir kommen nun zu Ihrem zweiten Glaubensartikel, Herr P. A.: ,Die Wiederherstellung des jüdische» Staates ist nur mit den entgegengesetzten Mitteln möglich, welche seinen Untergang herbeigeführt haben." Ihr Beleg für diese Behauptung: „Wenn man ein Etablissement, das ruiniert ist, wieder Herrichten will, so muß man nach den Ursachen des Unterganges forschen und da einsetzen, wo früher gefehlt wurde." Womit wurde gefehlt? Welches sind die Mittel, die diesen Untergang des jüdischen Staates herbeigeführt haben? Sie sagen uns weiter Folgendes: „Wenn wir uns fragen, warum verlor das jüdische Volk seine nationale Selbständigkeit, eine Frage, die unsere damaligen geistigen Führer vor 2000 Jahren in den Satz kleideten ,al mo owdo hoorez, wodurch ging uns das Land verloren", so werden wir dieselbe Antwort geben, die unsere Weisen gegeben haben: Aipens sebiau bsrvdu datdauro, d. h. laut Kommentar Rafchi weil sie die Brocho ,-gsebor doebar doao ustv. vsnosau ionu usw.° bevor sie die Thauro vorlasen, nicht zu mache» pflegten; dadurch bekundeten sie, daß die Thauro ihnen nichts wert war, laut Ihrem Kommentar, weil der Thauro nicht ihr erstes Interesse galt. — Hören wir, was Gemoro Jumo l> sagt: „Der erste Tempel wurde wegen folgender 3 Sünden zerstört, wegen Götzendienst, Unsittlichkeir und Blutvergießen; zur Zeit des zweiten Tempels aber haben, wie wir wissen, die Juden sich mit Thauro, Mizwaus und Gemilus Chasodim befaßt. Warum wurde nun dieser zerstört? Weil damals Linas «Iiiuom, unbegründeter Haß, herrschte. Dies beweist uns, daß unbegründeter Haß in seinen Folgen die 3 Sünden Götzendienst, llnsittlichkeit und Blutvergießen, überwiegt. — Es ist nun llar, daß der zweite Tempel durch Bruderhaß zerstört wurde, und um die Ansicht Rabbi Jehuda's in Gemoro bowo mezio Seite 85 hiermit in Einklang zu bringen, der da sagt, daß der Tempel durch Nichtbefolgung der Thauro zerstört worden ist, find wir genötigt zu sagen, daß die Ansicht Rabbi- Jehuda's sich aus den ersten Tempel bezieht und als eine Ergänzung zu der Ansicht der Gemoro Jumo zu betrachten ist. — Der Prophet Jeremia, der nach der Zerstörung des ersten Tempels lebte, hat daher im Namen Gottes proklamieren könen, daß das Land durch die Nichtbeobachtung der Thauro den Juden verloren ging, denn bezögen sich seine Worte auf de» zweiten Tempel, so hätte er im Futurum sich ausdrücken müssen, also nicht oiedo (Perfektum), sondern tanwad (Futurum)." Sie sehen also. Herr P. A., daß die Zionisten keineswegs die Mittel anwenden wollen, die die Zerstörung des zweiten Tempels herbeigeführt haben, sondern sie wollen umgekehrt die Umstände, die zur Zerstörung des Landes geführt haben und die auch heute noch die restliche» Kreise des jüdischen Volkes lähmen, beseitigen, an ihre stelle Eintracht und Liebe setze» und so im Sinne unserer Chasal — welche in Midrasch Tanchumo Parschat Nizowim sagen, daß Israel nur dann erlöst werden könne, wenn es unter sich einig ist, alle ein Bund — handeln und mit vereinten Kräften und mit Gottes Hülfe Vorkehrungen für die Heimkehr treffen. (Fortsetzung folgt./ Jahrbuch der Jüdisch-Literarische« Gesellschaft (Sitz Frankfurt a. M.) 1803 — 5664. Bon Dr. P h. Frankl. ' (Schluß). Ms historischer Beitrag reiht sich den vorhin erwähnten Arbeiten die Rede an, die Herr Professor Tr. A Berliner am 4. Tamus 5661 im Rabbiner- Seminar zu Berlin gehalten hat. In der Form einer Gedächtnisrede anläßlich des Todestages des Seminar-Direktors Rabbiner Israel Hildesheimer s. A. entwirft hier Herr Berliner ein Bild des im Jahre 1171 auch am 4. Tamus verstorbenen Rabenu Tam. In dem er in Kürze das Leben und Wirken des zu seiner Zeit größten Mannes in Israel schildert, weist er auf so manche Parallele hin, die auch das Leben und Wirken des verewigten Rabbiner Hildesheimer Jm schönsten Lichte zeigen._ Tie lichte Gestalt Rabenu Tam's wird uns von dem gelehrten Professor in großen Umrissen zwar.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.