Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-03-11 · Heft 10 (11.3.1904) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 10 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692368--00764-2695191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 2. Frankfurter JsraelttischeS Familrenblatt. Nr. 10. ehrlich mit der Erhaltung.des Judentums meinen, und nur diese Organisation wird zum Segen sein für die jüdische Gesamtheit. Cr. Minister von Plehwe und die Zndenfrage. Die „Neue Pol. Korrespondenz" veröffentlicht ein längeres Interview, das ihr Petersburger Mitarbeiter mit dem Minister von Plehwe gehabt hat. Herr v. Plehwe kam im Laufe der Unterhaltung auf den japanischen Krieg zu sprechen, und es entspann sich bei dieser Gelegenheit zwischen ihm und seinem Interviewer folgendes Gespräch: v. Plehwe: „Unzufrieden mit der sympathischen Haltung der Zentralmächte uns gegenüber sind nur die Sozialisten und die radikalen Parteien vcrschie dener Staaten, denen eine Niederlage Rußlands, als des größten monarchischen Staates, nur angenehm sein könnte. Ich weiß es allerdings, daß ein Teil der europäischen Presse, in mißverständlicher Auffassung der inneren russischen Politik, auch jetzt wieder bestrebt ist, Rußland zu diskretieren. Die systematische Hetze nihilistischer Elemente unter den rusjijchen Fuden (?) hat diese Haltung der fremden Presse gegen uns veranlaßt. Wenn man aber im Auslande diese Leute besser kennen würde, so müßten die Lügen dieser Feinde Rußlands auf Unfruchtbaren Boden fallen. Da das aber leider nicht der Fall ist, so können diese Verleumder ungestraft der europäischen, öffentlichen Meinung permanent ihre Ammenmärchen über "die angeblich von uns veranlaßtcn Judenhetzen in Kischinew pp. austischen!" Der Interviewer: „Da Ew. Exzellenz die jüdische Frage streifen, möchte ich mir die Anfrage erlauben, was das wesentliche Ihres Programms in dieser für Rußland so bedeutsamen Angelegenheit ist: Auswanderung der armen und beschäftigungslosen russischen Juden oder die größere Ausbreitung derselben im Lande selbst? Die „Times" bemerkte neulich, daß in diesem System der russischen Regierung sich ge« rade keine Schöpfungskrast dokumentiert. Wie nun, jbenn über kürz oder lang die ftemden Staaten ihre Grenzen gegen die Einwanderung der russischen Juden versperren werden?" v. Plehwe: „Lassen Sie mich' Ihnen zunächst sagen, daß ich durchaus nicht der schlimme Feind der Juden bin, für den ich von unseren Revolutionären systematisch hingestellt werde. Im übrigen legt man unserer Judcnbewegung im Aus- ' lande eine größere Bedeutung bei, als ihr zukommt. Die "sogenannte Judenfrage steht durchaus nicht im Vordergrund der ruffischeu Interessen; auch ist sie im wesentlichen auf wirtschaftliche Motive zurückzüführen. In letzter Zeit hat man, wie Sie vielleicht erfahren haben werden, das Ansiedelungs- Rayon der Juden erheblich erwcftert und ist die Regierung jetzt beschäftigt, den ärmeren Juden die Möglichkeit zu geben, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern! Es ist jedenfalls eine Aufgabe unserer Regierung," den Bildungsgrad der jüdischen Bevölkerung zu heben, um derselben die Möglichkeit zu geben, neue Erwerbszweige z. B. in der Technik und Industrie, als Ingenieure usw. zu ergreifen. Obrigkeitliche Rechte können in unserem Staate den Juden allerdings nicht eingeräumt werden. Das würde der russischen Staatsidee und dem Volksempfinden zuwider laufen, und wir würden auch den Juden selbst damit einen schlechten Dienst leisten, wenn wir sie in. die Beamtenschaft des Reiches, namentlich in obere Stellungen, hincinnehmen würden. Die russische Regierung wird aber ihr möglichstes tun, weite Kreise des -jüdischen Volkes, in die Lage zu bringen, sich auf ehrliche Weise zu ernähren. Was die Frage der Judenauswanderung aus Rußland anbetrifft, so ist dieselbe Gegenstand unserer eingehendsten Auftnerksamkeit. Tatsache ist, daß fest längerer Zeit die Auswanderung der armen jüdischen Bevölkerung, aus wirtschaftlichen Gründen, «ine ziemlich bedeutende ist, doch darf dabei nicht übersehen werden, daß eine große Anzahl dieser Auswanderer bald wieder nach Rußland zurückkehrt Das ist jedenfalls der beste Beweis dafür, daß es den .Juden bei uns'gar nicht so schlecht geht, wie das immer behauptet wird." Wir haben von diesem Interview Notiz genommen, trotzdem wir uns bewußt sind, daß Plehwe's zum Fenster hinaus gesprochenen Worte seinen Taten durchaus widersprechen. Die systematische Entrechtung der Juden auf allen Gebieten, die Zusammenpferchung der Juden in den Städten und hier nur wieder in b e st i m m t e n, w c n i g e n R a y o n s und die damit beabsichtigte Verelendung der Juden, um sie zur Auswanderung zu zwingen, strafen die Worte Plehwe's Lügen, und es ist der reinste Hohn, wenn er sagt, den Juden seien nur die oberen Acmter verschlossen. Auch die Justiz-Tragikomödie in Kischinew, von der gegenwärtig wieder einige Szenen im Kischinewer Theater — pardon Gerichtsgebäude — ausgeführt und 'in der bestialische Raubmörder wehrloser Menschen zu leichten Kerkerstrafen verurteill werden, zeigen uns den wahren Geist und die wahre Gesinnung dieses russischen Haman. Die Behauptung Plehwe's, „die systematische Hetze nihilistischer Elemente unter den russischen Juden habe die russenfcindlichc Haltung der fremden Presse veranlaßt," ist gerade so haltlos, wie seine anderen Worte cs sind. Es gibt jawohl unter den' russischen Juden, als auch Unter den russischen Christen Nihilisten, Leute, die das Schmachvolle der russischen Zustände so stark empfinden, daß sie für eine Aenderung dieser ihre Existenz aufs Spiel setzen; aber von dem Vorhandensein revolutionärer Elemente auch inmitten der jüdischen Bevölkerung — sic zählt erwiesenermaßen nur einen sehr beschränkten Kreis solcher Jndividien — auf die staatsfeindliche Gesinnung der jüdischen Gesamtheit zu schließen, ist sicher ein starkes Stück. Die Juden in Neusüdwales. Einer Unterredung zwischen dem früheren Rabbiner von Sydney, Rev. I. H. Landau und einem Korrespondenten des Jcwish Chroniflc entnehmen wir folgende interessante Daten über unsere dortigen Glaubensgenossen: - Die Zahl der Juden in Nensüdwales beträgt etwa 6500, von denen der größte Teil in der Hauptstadt wohnt. Diese bilden eine einzige große ungeteilte Gemeinde und besitzen nur eine Synagoge, ein Umstand, der es bei den ungeheuren Entfernungen innerhalb der Stadt den religiösen Mitgliedern aus den fernen Distrikten unmöglich macht, an Festtagen und Sabbaten das Gotteshaus zu, besuchen.' Die Gemeinde setzt sich aus den heterogensten Elementen zusammen. Da finden sich hohe richterliche Beamte, Parlamentsmitglieder und führende Handelsherren und daneben Handwerker, Hausierer und Angehörige der Arbciterllasse. Eines der schwierigsten Probleme im australischen Judentum ist die Frage der Mischehe. Nach einer neuen Statistik 'sind ein Fünftel der I u - den mit Nichtjüdinnen ve'rheiratet und zwar merkwürdiger Weise meistens mit Katholikinnen. Es gibt wenige Familien, in denen nicht auf 'diese Weise eines oder mehrere Mitglieder dem Judentum verloren gehen. Nach Ansicht des Herrn.Landau sei die Ursache dieser betrübenden Erscheinung einerseits die strenge Abgcschloffenheit des Verkehrs innerhalb der verschiedenen jüdischen Gesellschaftskreise, sodaß es fast niemals zu. Heiraten zwischen den Angehörigen der verschiedenen Klassen komme. Andererseits gebe es wohl kaum eine Stadt, wo ein so freier und vorurteilsloser Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden stattfinde, wie' in Sidney, wodurch sich dann auf das natürlichste engere Verbindungen zwischen den Familien ergeben. Einen Lichtpunkt in diesem trüben Gemälde bildet die großartige interkonfessionelle Wohltätigkeitspflege, bei welcher auch die dem religiösen Leben völlig Entfremdeten das Erbteil der Väter nicht verleugnen" könnten. Als Zielpunkt für Einwanderer wäre Australien seiner ganzen Bevölkerung und seiner ausgezeichneten Erwerbsgelegenheit nach, an sich sehr' geeignet. Die engherzige Politik der -augenblicklich am Ruder befindlichen Arbeiterpartei mache aber jede Einwanderung praktisch unmöglich. Sehr zweispaltige Gefühle sind es, die unser Herz bei Betrachtung des Bildes, das uns hier von der Lage unserer australischen Brüder entworfen wird, erfüllen. Sollen wir . uns freuen über die. in diesem Lande' so völlig politisch und gesellschaftlich dürchgeführte Gleichstellung? Müssen wir nicht vielmehr die mangelnde Charakterfestigkeit der.Unseren beklagen, welche in der Ueberfülle des Glückes ihre Eigenart nicht zu bewahren vermögen. Vielleicht, wäre auch unser europäisches Judentum, wenn die Sonne des Glückes es in gleicher Weise beschienen hätte, schon aus 'ein gleiches Niveau h'erabgesunken. Vielleicht sind die finsteren Zeiten, welche wir jetzt durchzumachen haben, nötig, damit wir uns in der Treue zu unserer Religion derart festigen und kräftigen, daß wir .auch wieder eine Reihe von guten Tagen ohne Uebermut ertragen können. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt. Die Allgemeine Israelitische Volksküche in Jerusalem ersucht dringend um schleunigste Geldspenden, da Pesach herannaht, die Not in Jerusalem sehr groß ist und die Volksküche selbst aller Mittel bar ist. Die Geschäftsstelle des Frankfurter Israelitischen Jamilienblattes ist zur Annahme von Geldern gern bereit. . Heilbronu a. N. Hier hielt am 6. März die Zionistische Ortsgruppe, Stuttgart, die zweite Propaganda-Versammlung, ab; das Referat hatte Herr Assessor Dr. Adolf Friedemann, Wiesbaden, übernommen. Nach einer sehr lebhaften Diskussion erllärten sich 15 Herren bereit, der zu gründenden Ortsgruppe Leizutreten. M. P. Berlin, 7. März. Der Potsdamer^ Magi str at wird noch im Lause des Jahres, ein -sch ach tverbot für den dortigen städtischen Schlachthof erlassen. Mutterstadt. Dem Vorstande der israelitischen Kultusgemernde Mutterstadt wurde durch Vermittlung der Frau Wolf Löb Wtw. dahier die Summe von 4000 Jk zum Umbau der hiesigen Synagoge übersandt und zwar von Louis Löb, Sohn des dahier verstorbenen Moses Löb, 2000 Jk, von dessen Bruder Emil Löb, Newyort lOOO -tL und Robert Löb, Sohn des dahier verstorbenen Adolf Löb, Newyork.1000 Jk Durch diese Zuwendungen wird es der israelitischen Gemeinde'ermöglicht, in diesem Frühjahr noch mit dem Umbau der Synagoge zu beginnen. Königsberg i. Pr; Das hiesige israelitische Waisenhaus für Stadt und 'Provinz, versendet, soeben seinen.43. Jahresbericht. Das/Waisenhaüs üüterhielt im vergangenes Jahre 30 Zöglinge, Knaben und Mädchen. Zur' Entlassung kamen 2 Knaben, die sich dem Handwerk widmeten, und 1 Mädchen, das die Wirtschaft beruflich erlernt^ Mit den früheren Zöglingen unterhielt die Anstalt einen regen Verkehr und wendet denselben in besonderen Fällen noch Unterstützungen zu. Die Unterhaltung der Zöglinge betrug im vergangenen Jahre pro Kopf .insgesamt 716 Jk; die Verpflegung stellte, sich aus 48,8 Pfg. pro Kopf und Tag. — Der Vorstand des Waisenhauses besteht zurzeit aus den Herren: Professor Dr. Saalschutz, Vorsitzender, Professor Dr. Lassar-Cohn, stellvertretender Vorsitzender, Alex. Magnus, Kassierer, Ä. Aron, Dr. W. Friedländer, Jül. La'zar, M. Minkowski, sämllich von hier, und Dr. Kamnitzer-Allenstein. — Ehrendamen bei der Anstalt sind Frau Friederike Behrend, Frau Rahel Josephsohn, Frau Kommissionsrat Jda Laser und Frau Emilie Magnus. — Die Leitung der Anstalt liegt in den Händen des Herrn Inspektors Ad. Peritz. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Der Prozeß, den die Entjudung der jüdischen Gesellschaft in Ungarn durchmacht, spielt sich dort genau so ab, wie er in -Oesterreich •> vor sich ging: er züchtet auf der einen Seite den Antisemitismus und beraubt auf der anderen Seite die Juden aller Widerstandskraft und Kampsesfähigkeit für den Fall, als der Kamps gegen die Juden auf allen Linien offen und mit aller magyarischer Schonungslosigkeit ausbrechen sollte... __ . ■___ ,Diese Entjudungs-Symptome macht endlich auch die Tagespresse Ungarns stutzig. Vom Gefühle des. Mißfallens gegen diese Erscheinungen ist auch eine Notiz des „Pesti Hirläp", einer Gründung des jüngst verstorbenen, getauften Juden Karl Legrädy diktiert, die wir hier in deutscher Ueb'ersetzüng reproduzieren: „In der. jüdischen Gesellschaft macht sich seit einiger Zeit eine Art von Christen k n l t u s geltend, welcher, wie uns scheint, in - immer größerem Maße gepflogen. wird. Die auf 'ihr Judentum, Gewicht legenden strenggläubigen Juden .mißbilligen, es schon seit langem, daß, so oft . irgend " ein hochgestellter Mchtjude in einer jüdischen. Gesellschaft erscheint,, derselle. ostentativ gefeiert wird, und, zwar aus Kosten der anwesenden. Juden. Bei best jüdischen Jours in Budapest , beschästigen sich die reichen und schönen Damen ausschließlich mit solchen, welche — nicht dem Judentums angehören; und die Dame des Hauses Pflegt in solchen Fällen , ihre, jüdischen Gäste nur „von oben.herab" zu behündekn-Ein Jour, bei welchem nicht irgend eine ,;höchgestellte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.