Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| smiitWs fnilinMitt I . ".. “■> Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Franksurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). I __ — ' HedaKkto« ««d Hefchä^sstette: Frankfurt 2. in., Leiligkreuzgaffe 52, Lcke Rlapperfeldstraße (gegenüber -er Neuen Zeit). —-Wg-!-- Herausgeber: Sarg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- ' 2. Jahrgang. Freitag, den 24.- Adar 5664 (11. Marz 1904). Ro. 10. Die Gesamtorganisatio« der Israeliten Deutschlands. §1 Der „Verband der deutschen Juden" bezweckt die Vertretung aller den Juden Deutschlands gemeinsamen Interessen. 8 2. Die Erörterung von Fragen der Religion und des Kultus, sowie der inneren Verwaltung der Gemeinden ist nur insoweit statthaft, als es sich um die. Mwehr von Angriffen handelt. Als ich diese beiden. Paragraphen gelesen hatte, da befiel mich eine tiefe Ohnmacht, der ein schrecklicher Traum folgte. Ick) 'sah eine Anzahl mehr oder weniger wohlbeleibte Herren mit unverkennbar jüdischem Typus, ihre werte Persönlichkeit ekngehüllt in eleganteste Gesellschaststoilette, sich vor Bauchgrimmen so drehen und wenden, daß ihre goldenen Kneifer entsetzt zu Boden fielen. Sie hatten sich an derb» aotisomitiea vergiftet und weigerten sich nun heldenhaft, das Gegenmittel berba judaica als! die erlösende Arznei zu nehmen. Krank wollten diese Märtyrer des verwundeten Herzens bleiben, denn sie fürchteten die Arbeitslast, die ihre Gesundung ihnen ausgebürdet haben würde — eine Arbeit, die freilich ihre Väter, trotz allem Unbill des Lebens stets frisch und kraftvoll erhalten hatte — sie, die entnervten Söhne einer vicllebigen Zeit, trugen, das spürte ein jeder von ihnen, au) ihren müden Schultern bereits mehr wie genug Pflichten — gesellschaflliche und soziale — und deshalb lieber krank, als mit bsrba juäaica ein arbeitsftohes, gesundes Schaffen. ., Doch das Traumbild schwand! Ich befand mich wieder in der, Wirklichkeit, und zum zweiten Male durchflogen meine Gedanken die beiden Paragraphen, die dem jüngsten Kinde des so reich gestalteten und so mannigfaltigen Vereinswesen — manchmal auch Bereinsunwesen — den Grundriß seines Tätigkeitsfeldes festsetzen sollen. „Die Vertretung aller den Juden Deutschlands gemeinsamen Interessen oder richtiger gesagt, die Vertretung derjenigen Interessen, die noch allen Juden unterschiedslos — bis zum Täufling in spe — gemeinsam sind!" Ein Rätsel: Gibt es noch 'einen Faden, der die gesamte deutsche Judenheit durchzieht? Durchzittert diesen verworrenen Knäuel wirklich noch eine gemeinsame-Note?— Und die Lösung: Gemeins am ist der deutschen Judenheit nur noch eines, nämlich „die Wahrung ihrer bürgerlichen Rechte"; hier einzig und allein haben alle Schattierungen der Judenheit gleiche Interessen. Bei 'Gott, sehr wenig und sehr lläglich! Fast ein Nichts muß dieser Körper sein, dem die Atmung künstlich von außen zugesührt wird. Und wahrlich, er ist fast zu einem Nichts geworden, seitdem mit dem Fallen der Ghettomauern, die Gedankenwelt des Christentums in das jüdische Publikum hineingeflutet und damit nicht allein das praktische Judentum, sondern sogar auch ein nur'theoretisch einigermaßen richtiger und llarer Begriff der jüdischen Welt- und Lebensanschauung säst ganz geschwunden ift.- Aber auch national fühlt sich die jiidische Masse Deutschlands, wie in ganz Westeuropa überhaupt, nicht.mehr mit einander verbunden. So befindet sich denn in Italien und Frankreich die jüdische Bevölkerung. schon seit Jahrzehnten in allmählicher Auflösung, während in Deutschland dieser Zersetzungsprozeß Durch den Antisemitismus, durch die wohl auf dem Papiere, aber nicht in Wirklichkeit vorhandene Gleichberechtigung und last not least durch die noch existierenden, gesetzestreuen Verbände ausgehalten wird. In der Hauptsache ist es aber der gemeinsame Druck, der dem weiteren Zusammensturz ein Halt geboten und eine reiche Fülle von Vereinsgründungen veranlaßt hat. Diese überaus große Fülle von Vereinen, die die letzten 2 Jahrzehnte wie Pilze haben emporwachsen sehen, markiert für den oberflächlichen Beobachter ein Neuerwachen des Judentums in der Judenheit, bei näherer Prüfung aber ist die so gern und mit >0 hoffnungssreudiger Befriedigung konstatierte Hebung unseres jüdischen Lebens nur rein äußerlich, nur eine durch die Ungunst der Zeiten gebotene Vereinigung der Juden zu gesellschaftlichen und sozialen, aber keineswegs zu jüdischen Zwecken; die innere Zerklüftung hat dagegen fortschreitend größere Dimensionen angenommen, und diesem Krebsschaden entgegenzuwirken, ist nach keiner Richtung hin - die Absicht der geplanten Gesamtorganisation, dafür bürgen schon ihre Begründer und deren Programm. Man muß es deshalb auch als eine direkte Unrichtigkeit bezeichnen, wenn Herr Pros. Dr. Philippson die Gesamtorganisation in eine Parallele mit dem Katholikentag, dem Protestanten-Verein, dem Evan. elichen Bund u. a. m. stellt. Diese wollen, wie es sich ehrlicher und vernünftiger Weise gehört, in der Hauptsache eine innere Mission vollbringen, denn die Stärkung und Förderung der christlichen Religion innerhalb der Christenheit ist ihre Ausgabe. Uebrigens sind trotz mancher verschiedenartiger Ausfassungen sich alle Christen in dem Glauben an den «tister des Christentums und in dem Glauben an die Offenbarung und damit an die Unantastbarkeit des Christentums gleich; ein Geistlicher, der diese Grundprinzipien nicht als selbstverständlich anerkennt, wäre undenkbar und würde sofort seines Amtes enthoben werden. Wie ganz anders bei uns Juden! — Welche Verschiedenheit! Was der Eine als heilig verehrt, hat der andere längst in die Rumpelkammer der Vergangenheit versenkt; und was dieser als die schärfste Verletzung und Verneinung selbstverständlicher Grundprinzipien verurteilt, das übt jener mit Eifer und Andacht. Die Granitsäule des Judentums, die Thora, verweist man teils in die Sagenwelt, teils in die geschichtliche Entwicklung der für diese Neologen seit der Zerstörung ihres Reiches nicht mehr als Volk geltenden Judenheit. Und was noch das Schlimmste ist, die Leitung der jüdischen Interessen liegt heute in der Hand dieser Leute, die eine Zukunft des jüdischen Volkes nicht mehr kennen und deren einzige Ausgabe bei Licht besehen darin besteht, uns Juden jede Eigenart zu vernichten und uns möglichst schnell und möglichst radikal zir assimilieren. .Wohl glimmt auch noch in der Brust vieler, nicht auf 'dem gesetzestreuen Standpunkte stehenden jüdischen Brüder, jüdisches Gefühl und mit Glück versucht es der Zionismus, dieses glimmende Feuer zur Flamme anzufachen; doch auch dem .Zionismus, steht das Gros des jüdischen Publikums -in Deutschland — und besonders seine geistigen Führer — fremd gegenüber, nnd so ist außerhalb der beschränkten Kreise der Gesetzestreue» und der Zionisten rein garnichts mehr-vorhanden, als die lose Vereinigung von Bestrebungen zur Wahrung verletzter bürgerlicher Interessen. Es gibt sich so ein Bild höchst tragikomischer Art: den Anttsemitismus, der die losen Glieder der Judenheit vor dem Auseinanderfallen und vor der Vernichtung bewahrt, diesen erhaltenden Antisemitismus-zu. bekämpfen, wird als die edelste Aufgabe eines Jrwen betrachtet, trotzdem man sich bewußt ist, daß mit der Erringung dieses Sieges, der Sieger an sich selbst sein Todesurteil vollzogen hat. — Wir stehen der beabsichtigten Gesamtorganisation ohne Voreingenommenheit gegenüber, wir erkennen auch gern die subjektiv-ehrliche Absicht ihrer Gründer an; wir halten aber eine Vereinigung der Juden Deutschlands, die einzig und allein eine Vertretung nach außen hin bezweckt, nicht allein für verfehlt, sondern geradezu für schädlich, da sie die Judenheit offiziell in den politischen Parteikampf 'hineinzerren wird und muß; — und als Spielball der politischen Leidenschaften schneiden wir Juden stets schlecht ab. Den Kampf für die faktische Durchführung unserer bürgerlichen Gleichberechtigung und den Kampf gegen den Antisemitismus haben wir edlen Christen zu überlassen, wie es ja auch bisher zu unserem Besten stets der Fall war. Unsere Arbeit kann nur eine innere sein, eine Arbeit, die zur Einigung und Festigung nach innen führt. Dies zu erreichen, dazu bedarf es, außer des guten Willen, vor allein einer ehrlichen Denkweise. Jeder, der nicht die Gefahr herbei beschwören will, seine Kinder oder Enkel vor der Taufe stehen zu sehen, m u tz für die Erhaltung jüdischer Bräuche und jüdischer Eigenart eintreten. Schon mit der Entfernung der christlichen Orgel aus den: jüdischen Gotteshause und der Wiedereinführung der allen Juden gemeinsamen, jüdischen Gebete, schon allein mit dieser einzigen Tat würde der Judenheit mehr Festigung verliehen, als mit allen noch so gut gemeinten Organisationen. Auch wir haben gleich den Vätern der beabsichtigten Gesamtorganisation ein Wort hinauszurufen, ein Wort, das da wecke alle jüdische Brüder, gleichviel, ob ihnen das jüdische, gottgeosfenbarte Gesetz heilig und verbindlich ist oder ob sie den Gesetzen des Judentums ohne Kenntnis und Beobachtung derselben gleichgültig und nntättg gegenüberstehen. Auch wir möchten zur Sammlung rufen! Doch nicht an die Aeltesten in Israel ergeht unser Weckruf — unsere Aeltesten, unsere berusenen Kreise haben uns an den Abgrund geführt, der schon viele von uns verschlungen hat — sondern an die Ehrlichen in Israel, an alle, die den ehrlichen Wunsch haben, daß ihre Kinder und Kindeskinder dem Judentume treu bleiben. Es naht das Pesachfest, an dem jeglicher Sauerteig hinweggeräumt ist aus Israels Häusern. Wochenlang haben unsere Hausfrauen geputzt und gescheuert bis in alle Ecken und Winkeln, und noch bevor der Sederabend seinen Festesglanz über Israel ausgießt, steht die jüdische Hausfrau rein da vor ihrem. Götte und vor sich, denn sie hat ihr Werk vollbracht, wie Gott es geheißen. Können aber auch' wir Männer stolz und frei den Kopf erheben, haben wir hinweggeräumt den Sauerteig in dem Pflichtenkreise des jüdischen Mannes: — Nein, das haben wir nicht getan; ia, wir haben es nicht einmal versucht zu tun. Der Kampf um das tägliche Brot, das allgemeine bürgerliche Leben nimmt einen Jeden von uns so voll und ganz in Anspruch, daß uns keine Zeit mehr für unsere idealen, jüdischen Güter übrig bleibt. In dem Gewühl des Tages müssen die von unseren Vätern ererbten jüdischen Ideale, muß jüdisches Fühlen und Denken, jüdisches Gesetz und jüdische Sitte zu Grunde gehen, wenn wir nicht in Haus, Synagoge und Schule Stätten zu schaffen und zu erhalten wissen, in denen das Judentum, wie Moses es am Sinai empfangen und. wie es uns seit Urväter Zeiten von Geschlecht zu Geschlecht überliefert ist, blüht und gedeiht. Hierzu sich zu vereinen, das ist die Aufgabe aller jüdischen Männer, die es