Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches Famiflenblatt. Nr. 9. bemerkte Rechtsanwalt Dr. Horwitz bezüglich der bevorstehenden Stichwahl für Eschwege-Schmalkalden. es sei unter allen Umständen die Wahl des Antisemiten Raab zu verhindern. Die Freisinnige Volkspartei müßte trotz aller sonstigen Gegnvfchaft für den Sozialdemokraten eintreten. In den Vorstand wurden u. a. die terren Justizrat Dr. Fuchs, Professor Dr. Mendel, eneralkonsul E. Landau, Geheimrat Dr., Senator. Grheimrat Joscphthal-Mrn-berg. Professor Dr. Blaschke gewählt. Hamborg. Der israelitische Feuerungs- Verein von 1855 hiell seine diesjährige Generalversammlung im Bureau des Herrn Dr. Blitz, Große Theaterstraße 44, unter Vorsitz des Herrn H. Rüben ab. Der Vorsitzende begrüßte die Anwesenden und hob hervor, daß der Verein auch im verflossenen Jahr seine segensreiche Tätigkeit, den Minderbemittelten während der rauhen Winterszeit ein warmes Heim zu verschaffen, voll und ganz ausgeführt habe, wie ja am besten der Umstand beweise, daß allein im Jahre 1903 4143,49 Mk. für Kohlen verausgabt wurden. Leider sei jedoch zu konstatteren, daß der segensreiche Zweck des Vereins nicht in genügendem Maße anerkannt werde, da die Mitgliederzahl sich in den letzten Jahren stets auf der gleichen Höhe hiell, auch die einmaligen Zuwendungen für den Verein weisen eher einen Rückgang, als einen Fortschritt auf. Er ersuche deshalb die Anwesenden, immer weitere Kreise auf die wohltätigen Ziele des Vereins aufnrerksam zu machen, damit derselbe an Mitgliedern mehr zunehme und auch bei besonderen Gelegenheiten der Vereinskasse mehr als bisher einmalige, größere Betträge zugewendet werden. Nur wenn dies geschehe, dann sei begründete Aussicht vorhanden, daß der Verein im nächsten Jahre sein 5ÜMriges Jubiläum durch etwaige Verdoppelung der von ihm verteillen Portionen von Feuerung festlich drehen könne, um so als echtes Jubiläumsgeschenk einer immer größeren Anzahl von Bedürftigen zu helfen. Konstanz. Hier hat sich eine zionistische Ortsgrupp e gebildet, der etwa 43 Mitglieder beigetreten sind. Personalien. Stuttgart, den 25. Februar. Anläßlich des heutigen Geburtstages unseres Königs, erhiellen nachstehende jüdische Personen Auszeichnungen: Geh. Kommerzienrat, Oberkirchenvorsteher A. Pflaum den Olga-Orden. Rechtsanwall, Gemeinderat Dr. Schloß in Heilbronn das Ritterkreuz I. Klasse des?Äedrichordens. ' Vorsänger Gündelfinger in Stuttgart ie Verdienstmedaille des Kronenordens. B. & S. Lämmle in Laupheim den Hoflieferantentenütel. Königsberg. Die Feier zum siebzigsten Geburtstage des Herrn Stadttat S. Magnus am 17. Februar gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. Es erschien Herr Oberbürgermeister Kötte im Schmuck der goldenen Amtskette und begleitet von fast sämtlichen Mitgliedern des Magisttatskollegiunis, um in einer herzllch warmen Ansprache die Glückwünsche der Stadt zu überbringen. Im Anschluß an seine Rede überreichte der Herr Oberbürgermeister ein Album mit den Porttäts sämtlicher Magisttatsmllglieder. — Der zweite Redner war Herr Rechtsanwalt Hotz, der das Wott als stellverttetender Vorsitzender des Vorstandes der Synagogengemeinde nahm. Herr Konsul Litten widmete dem Jubilar festliche Wortt namens der.Wohltättgen Gesellschaft". Herr Rabbiner Dr. Bogelstein danktt Herrn Magnus für die unendliche Fürsorge, die er als Vorsitzender des Gemeindevorstandes bewährt habe. Herr Kaufmann Max Cohn überreichte eine vornehm ausgestattete Adresse des Jsraelittschen Stifts, an dessen Verwaltung Magnus seit 22 Jahren beteiligt ist. Herr. Apotheker Guttmann überbrachte Dank und Glückwünsche namens der Dr. Koch'schen Erziehungsanstalt, Herr Kaufmann Wolffheim namens des Vereins für Krankenpflege und Beerdigung, Progor Dr. Saalschütz namens des Jsraelittschen Waisenlses und des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. Schwungvolle Wotte widmete ferner Herr Obersettetär Klein dem Jubilar im Aufttage der Gemeindebeamten als deren Senior, der schon vor mehr als drei Jahrzehnten den Vater des Herrn Stadttat Magnus zu seinem 70. Geburtstage beglückwünscht habe. Magdeburg. Heute verschied nach längerer Krankhüt Herr Rabbiner Dr. Moritz Rahmer, der ftühere /Herausgeber der Jsraelittschen Wochenschrift. Pisa. Unser Glaubensgenosse GrafLeo netto Ottolenghi ist hier infolge eines Schlaganfalls g estorb en. Der Verblichene istfür seine Vaterstadt .ei» wahrer Mäcen gewesen, ihm verdankt Asti nicht nur zwei prächtige Monumente — das Denkmal des ttalienischen „Risorgimento" (d. h. der nationalen Wiedergeburt) und ein Denkmal des Königs Humbert —, sondern auch das großarttge Alfieri-Museum, das zahlreiche Erinnerungen an dm großen Dramatiker enthüll. Ottolenghi, der ebenso wie der ftühere italienische Kriegsminifter Jude war, war vom König Humbert in den Grafenstand erhoben worden. Gegensätze. Erzählung von JacobLevY. (Fortsetzung^ Ludwig e-ille freudig fort, bevor Regina ihn zurückhallen konnte und die beiden fungen Leute waren allein. Berg sagte mit bebender Sttmme: „So sind Sie diejenige, die ich so lange gejucht, die Ich so oft in Ihnen zu finden geglaubt habe, wie konnten Sie mich in dieser Ungewißheit lassen!" „Sie konnten an der Unbekannten, deren Angesicht Sie nicht sahen, deren Stimme Sie nur flüsternd hörten, nur das Interesse der Neugier haben. Wenn deren Worte, "wenn unser Beispiel bei Ihnen aus fruchtbaren Boden gefallen wären, würde die Griechin sich offenbart haben." Sie fuhr bettommett fort: „Jetzt muß ich Sie recht sehr bitten, die Worte aus dem Maskenfeste, zu denen ich nicht berechtigt war, zu verzeihen." „Mein Fräulein, ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, ich bin glücklich, daß dieser Konflikt in meiner Seele gelöst ist. Aber eine Frage richte ich an Sie. Galten die strafenden Worte nur dem schlechten Juden in mir, der doch viele hundert Gesinnungsgenossen hat?" Sie flüsterte verwirrt: „Wie soll ich diese Frage verstehen?" Er sagte mit leuchtenden Augen: „Regina, ich glaubte bei Ihnen unter der Maske einen wärmeren Ton zu hören. Dies macht mir. den Mut auszusprechen, was ich schon lange fühle! Regina, ich liebe Sie, werden Sie mein Weib!" Sie streckte 'abwehrend die Hand aus: „Herr Dollar, ich kann niemals die Ihre werben," Er trat bestürzt zurück. „So hätte ich mich'in dem Gefühl, das Sre für mich zu' haben scheinen, getäuscht H Regina," rief er stürmisch, ihre Hand ergreifend, „martern Sie mich nicht, ich liebe Sre und fühle, daß Sie mich wieder lieben." Sie entzog ihm ihre Hand und sagte sanft: „Und wenn ich Sie liebe, Fritz,' ich kann nie die Ihre werden, unsere Ansichten, unsere Gefühle sind zu weltenfern getrennt. Sie bespötteln alles das, was mir heilig ist.- Ich hänge mit meiner Seele, mit allen Fasern ani Judentum und seinen Gebräuchen, für die. Sie nur ein mitleidiges Achselzucken haben. Wenn Sie mir meine Ueberzeugung nehmen, reißen Sie die Liebe zu Gott, zu memen Eltern aus meinem Herzen. Unsere Seelen können sich nicht verstehen, wir würden beide unglücklich." Er unterbrach sie erschüttert: „Ich kann selbst um den Preis Ihres Besitzes nicht heucheln. Zeh bin nicht fromm und mich könnte auch nur «in Wunder bekehren. Wer Sie fallen in meinem Hause herrschen und ihm das Gepräge eines frommen, jüdischen Hauses geben; es wird mir alles heilig fern, was Sre tun." „Nein," fügte Regina fest, „ich würde uns beide belügen. Ich würde immer ein spöttisches Lächeln au, Ihren Lippen zu sehen glauben und im Heiligsten wären wir getrennt." ' Sie fuhr leise fort: „Ich 'werde mich niemals vermählen, lind nun brechen wir davon ab, ich leide mehr, als Sie." Er richtete sich langsam auf. „Du liebst mich und kannst inich so quälen! Nun wohl, wenn ich an die Religion glauben kann, siehst Du mich wieder." Sie fühlte einen heißen Kuß auf ihren Lippen und Berg war verschwunden. Regina aber sank in den Sessel und weinte laut. — ' ' VHL Die jüdische Gesellschaft Neustadt's, die sich von Dollar Berg's Tellnahme an den geselligen Veranstaltungen viel versprochen hatte, wurde schmerzlich enttäuscht, denn er hiell sich von allem Verkehr ferne. Den Literaturverein, den er früher gern besuchte, mied er ganz. Sein Freund Friedheim, der Chefarzt im jüdischen Krankenhaus geworden war, hatte wenig 'Zeit für. ihn und so wurde der Russe Levko, den er häufig besuchte, seine einzige Gesellschaft. Mit regem' Eifer nahm er dessen Erklärungen der Thora auf uttb der Russe wurde nicht müde, Berg's immer wiederkehrende Zweifel zu zerstören. Jetzt lernte er manches verstehen, worin er vorher keinen Sinn erblicken konnte und es erfüllte ihn mll Ehrfurcht, daß die Thora nicht nur auf'das Herz, sondern auch aus den Verstand wirkt, daß sie keinen blinden Glauben verlangt, sondern logische Beweise gibt. ' „Die Thora bringt nichts über die Fortdauer der Seele nach dem Tode. Woher wissen wir davon?" fragte Berg. ' . .' „Darüber steht wohl in der Thora geschrieben, für den, der zu lesen versteht."^; Levko. blätterte in der Thora , und zeigte Berg: ,Leftn Sie'hier 1, Moses 5, 24 : Und Chanöch wän-' delte mtt Gott; da war er nicht mehr, denn Gott hatte ihn hinweggenommen." Er blätterte weiter: „lttch hier, 1. Moses 15, 15 Gott zu Mraham — Du aber wirst kommen zu deinen Vätern in Frieden, du wirst begraben werden in gutem Greisenalter. — Und hier, 5. Moses 32, 50, Gott zu Moses — Und stirb aus denr Berge, wohin du steigst und werde gesammelt zu deinem Volke. — Da haben wir doch die deutliche,. llare Trennung von Begrabenwerden und der Ruhe'bei den Vätern, bei dem Volke." Berg rühmte einmal die Weisheit der neueren Gesetzgebung, welche das Leben und die Gesundheit gegen Unglücksfälle möglichst zu sichern sucht. . v Levko lächelte, schlug die Thora auf und las vor: „Mache ein Geländer um dein Dach, und lasse kein Blut kommen auf dein Haus, wenn Jemand herabfiele. — Da haben Sie das Hastpflichtgesetz." Er bewies ihm aus weiteren Stellen, daß alles das, was wir an Humanität, der Gesetzgebung in der neueren Zeit' bewundern, in der Thora in einfacher Größe ausgesprochen ist. - „Es ist doch sonderbar," meinte Berg, „daß diese erhabene Religion bei den anderen Völkern den Antisemitismus wachrufen konnte." „Dies ist eine irrige Auffassung. Wenn ich Ihnen diese berichtige, beweise ich Ihnen zugleich die Grundidee des Zionismus. Me Kinder Israel waren Jahrhunderte lang in Egypten unterdrückt — ein Jdealzustand für die Antisemiten. Damals hatten die Juden aber noch keine Thora, also beehrten die Egypter. die Rasse mit ihrem Haß, nicht die Religion, denn es war noch keine da. Das ist eine Tatsache, die nicht bewiesen zu werden braucht. Und die Verfolgungen bis heute gelten nicht der Religion,, sondern den Juden, wer will also die Existenz eines jüdischen Volkes leugnen!" — Berg bewunderte alles, was er bei Levko lernte, wie etwa die großen Ueberreste einer längst vergangenen Knlturepoche, es schlug aber keine Wurzeln in seiner Seele. Levko sagte ihm einstmals: „Sie würden gern fromm sein. Sie schämen sich aber zu glauben. Sie gehören zu den Menschen, die dann Gott suchen, wenn er sie scheinbar verloren hat, wenn ein Unglück über sie hereinbricht." Berg erwiderte ihm ernst: „Wie gerne wäre ich fromm, wenn ich gläubig sein könnte!" — Seine Stimmung wurde immer düsterer, Regina hatte er nicht wieder gesehen, aber, gehört, daß sie alle Vergnügungen meide. Sie begegnete ihm einmal und da nahm er schleunigst Veranlassung, ihre Eltern zu besuchen. Er entschuldigte das Einstellen seiner Besuche - mit überhäuften Berufsgeschästen und mit dem eingehenden Studium des neuen bürgerlichen Gesetzbuches, welches seine freie Zeit gänzlich in Anspruch nehme. An einem trüben Wintertage kam er zu Levko, der ihn mit heiterem Gesicht empfing und, während Berg seinen Pelz ablegte, ein Lied vor sich hin summte. „Wie befinden Sie sich, Herr Levko, weshalb so freudig," haben Sie sich verlobt?" „Jawohl, Herr Dollvr, mit dem heiligen Land." Berg blickte ihn fragend an. „Meine Landsleute haben Land in Palästina erworben, um sich dort anzusiedeln, hegen aber den dringenden Wunsch, daß 'ich sie begleite." Berg sagte erschreckt: „Sie werden der Last der schweren Arbeit erliegen, das Kolonistenlcben ist nichts für Sie." „Ich werde auch kein Kolonist fein; man verlangt mich als Rabbi, eLhrer, Ratgeber. Mein Herzenswunsch geht in Erfüllung, ich werde im heiligen Lande sterben. Aber wenn Gott mir noch Leben schenkt, werbe ich noch Manchem den Weg ebnen, es sollen noch Viele, Viele Nachkommen." „Und Ihre hiesigen Schüler?" „Meine Schüler müssen mich entbehren lerne». Ich habe niir übrigens manchen Jüngling erzogen, der in meinem Sinne weiterwirll. Ich kann auch noch vieles ordnen, da wir erst im Frühjahr. abreisen." x ~ „Und. wie arbeitet der Zionismus ohne Sie weiter?" Der Zionismus in Neustadt, in Deutschland, braucht mich nicht, der hat berufenere Vertreter. Was sagte. ich Ihnen übrigens schon früher? Zur Zeit wird Gott den richttgen Mann senden!" Es traten einige Männer in langen Röcken und Pelzmützen ein 'und Berg ging düster weg. Er fühlte sich zu gleichgiltigen Gesprächen nicht aufgelegt und' so wandelte er vor die Stadt, in die Berge hinein, wo. er vor begegnenden Bekannten sicher, zu sein glaubte. In trübem Sinnen grübelte er darüber nach, wie ihn jetzt der einzige Mann verlasse, der ihm das geben könnte, was er so sehr ersehnt, den Glauben an 'die Göttlichkeit. Jede Unterredung, die er mit Levko hatte, trat llar vor feinen Geist; -es machte ihm. ein schmerzliches Vergnügen, sich jedes Beweises zu erinnern, . der gegen seine . Zweifel geführt: wurde: . >, Es fing langsam an-zu/schuLien,'Berg beächftke es. nicht. Die körperliche . Bewegung tat ihm ..wohl und . so stieg er immer höher in den entlaubten Bergwald hinein. . .. ' (Schluß folgt.) ' ' '