Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9. Turnverein benützt den Bau als Turnhalle. — Diese Nachricht hört sich wie ein Purimscherz an, ist jedoch leider keiner. Berlin. Das "von dem bekannten deutschen Nationalökonomen und Soziologen Dr. Franz Oppenheimer verfaßteBuch »Bevölkerungsgesetz" ist von der russischen Zensur auf den Index gesetzt worden. Alle nach Rußland gesandten Exemplare kamen an den Verleger zurück In diesem Buche, das auch in Deutschland bei seinem Erscheinen Aufsehen erregt hat, wird mit temperamentvoller und überzeugender Argumentation der Nachweis geführt, daß überall da, wo die Symptome der Uebervölkerung. als da sind: Elend, Prostitution, Kriminatismus. große Sterblichkeit der unteren Bolksklaffen :c„ beobachtet werden, dies nicht, wie Malthus meint, durch ein ehernes Gesetz der Natur, sondern ganz einfach durch schlechte Regierungen zu erklären ist. Leipzig. Neuer Betsaal. Der nach den Plänen und Entwürfen des Herrn - Architekten und Baumeisters Oscar Schade im Grundstück Keilstraße 4 errichtete neue Betsaal der israelitischen Gemeinde ist soweit vollendet worden, daß er nun seiner Bestimmung übergeben werden kann. Köln a. Rh. Ein schöne Eröffnungsfeier vollzog sich am Sonntag vormittag in.den Räumen des stattlichen Hauses Klosterstraße 43 in Lindenthal, welches das Kuratorium der israelitischen W a i s e n st i f t u n g für seine Zwecke geniietet hat. Der Mädchenchor des hiesigen städtischen Waisenhauses sang den Eröffnungschor. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Rabbiner vr. Frank, begrüßte in herzlichen Worten die geladenen Gäste und verbreitete sich eingehend über die Vorgeschichte und die Zwecke des neuen israelitiichen Waisenhauses. In Vertretung des Oberbürgermeisters übermittelte Beigeordneter Vrugger die Glückwünsche der Stadt, Herr S. Bielefeld, der Vorsitzende des Repräsentantcn-Kollegiums, gratulierte und dankte im Namen der jüdischen Gemeinde. Herr Jakob de Jonge beglückwünschte das Kuratorium als Vorsitzender des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde Polizei-Inspektor Sachse überbrachte die Grüße und Glückwünsche des Polizeipräsidenten und Regierungspräsident von -Balan sandte schriftlich seine besten Wünsche für die Entwicklung der Anstalt. Herr Feilchenfeld der stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums, brachte in zündenden Worten ein Hoch aus den Kaiser aus, woran sich der Gesang der Nationalhymne anschloß. Dann folgte ein Rundgang durch das zweckmäßig eingerichtete Haus. In der Vorsteherin. Fräulein Listenfeld, die lange Jahre in dem Knabenpensionshaus in Posen gewirkt hat, ist eine zweifellos tüchtige Leiterin gestlnden worden. Breslau. An den Vorstand des Naturforscherkong r e s's e s, der bekanntlich im September hier tagen wird, ist von jüdischer Seite der Eintrag gestellt worden, den Kongreß wegen des Bersöhnungsfestes zu verlegen. Der Antrag ist abgelehnt worden. Winzenheim, Ober-Elsaß Am letzten Dienstag faird in unserem Orte eine Purimfeier statt, an der sich alle Inden der Gemeinde beteiligten. Tic beiden Einakter, die von hiesigen jungen Herrn und -Damen aufgesührt wurden, tvaren überaus gelangen. Auch ließen die inusikalischen Vorträge des Fräulein Lucie Mayer und des Herrn Oberkantors Gerson Hirtz durchaus nichts zu wünschen übrig. Seit zwanzig Jahren war teine derartige Feier in unserem Orte, und deshalb ist 'auch der große Beifall, den die jungen Schauspieler durch ihre großartigen Leistungen geerntet haben, ihnen von Herzen zu vergönnen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Das Neue Wiener Tageblatt meldet aus Czeruowitz; Am 9. Juli vorigen Jahres erschien der Ortsbewohner Jtzig Drasinower aus Czornvhonzi bei dem Bauer Paoli Owadiuk, um init ihm eine Feldarbeit zu vereinbaren. Kaum war Drasinower eingetreten, als der alte Owadiuk die Tür schloß und den Gast aufforderte, sofort die Taufe zu nehmen. Drasinower, der orthodoxer Jude Ist, wies das Ansiniieii mit einen: entrüsteten „Nein" zurück. Do packten die Frau und der Söhn des Owadiuk den Jllden, hielten ihn bei den Händen fest, während Owadiuk sein Rasiermesser holte und sofort dem Juden die Schläfenlocken abschnitt und ihm dann seinen wallenden Vollbart abrasierte. Nicht genug daraU, wurde dann ein hölzernes Kruzifix geholt und Drasinower mußte es, da Owadiuk ihm den Hals abzuschneiden drohte, dreimal küssen und feierlich erklären, er sei jetzt ein Christ geworden. Gestern hatten sich vor einem Erkenntnissenat des hiesigen Laudesgerichtes die Miitter und der Sohn Owadiuk wegen Verbrechens der Einschränkung der persönlichen Freiheit zu verantworten. Paoli Owadiuk ist seither gestorben. Die beiden Angeklagten schoben alle Schuld aus den Verstorbenen, erklärten jedoch, daß Drasinower sich freiwillig der Prozedur unterzogen habe. Drasiuolver erzählt, daß er ' drei Monate im verschlossenen Zimmer verbringen mußte, bis ihm wieder der Bart gewachsen war. Vor der Nachbarschaft hieß es, er werde von wahnsinnigen Zahnschmerzen geplagt. Drasinower sprach einen dreimonatlichen Verdienstentgaug an, da er sich während dieser Zeit von seinem Geschäfte zuriickziehen mußte. Der Gerichtshof erkannte beide Angeklagte schuldig und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. verurteilte Katharina Owadiuk zu sieben Mona en, den 19jährigeu Anton Owadiuk zu sechs Monaten schweren Kerkers. Italien. Rom. Ein Ritualmorddrama. Auf Veranlassung des Präfekten von Verona ist die dortige Seghetti-Mädchenschule, die von Schwestern geleitet wurde, von der Regierung geschlossen worden, weil die Schülerinnen am letzten Faschingstage ein Theaterstück aufführten, in den: die Juden ei» Christcumädchen abschlachteten, um für ihr Osterbrot Blut zu gewinnen. Das Stück heißt: „Die falsche Bettlerin" und ist im Jahre 1857 in -utriit erschienen. Die Schülerinnen der Seghetti-Schule hatten es in die Gegenwart verlegt. Die Angelegenheit dürste auch im Parlament zur Sprache gebracht werden, da die Schule, die sich bis jetzt eines guten Rufes erfreute, unter staatlicher Aufsicht steht. Rußland. Petersburg. Die hebräische Tageszeitung Hamel i z hat auf unbestimmte Zeit ihr E r s ch e i n e n eingestellt. Grodno. Hier sind 2209 jüdische Tabak-Arbeiter und -Arbeiterinnen von dem Fabrikänten «chereschewski ausaesperrt worden.' Die Ursache der Aussperrung liegt darin, daß die Arbeiter Lohnerhöhung verlangten und in einer Abteilung die Arbeit einstellten. Schereschewski erwidene darauf mit der Aussperrung der Arbeiter! Er will die Fabrik drei Monate geschlossen halten um die Arbeiter auszuhungern. Durch diese Aussperrung sind mehr als 10 000 Personen brotlos, denn die meisten Arbeiter sind Familienväter. Bulgarien. Sofia, 29. Februar. Am 13. d. M brachte ein russisches Schiss mehrere jüdische Familien nach Warna, die sich bei Ballschik ansiedeln wollten. Einer vor drei Jahren erlassenen Ministe' ialverordnung geniäß. welche die Ansiedlung fremder Juden in Bulgarien verbietet, wollte der Stadtpräfekt die Auswanderer am Landen verhindern. Der russische Konsul Tsrberkawski aber brachte unter Vorantragung der russischen Flagge die Auswanderer ans Land. Die »Wetscherna Poschta" bezeichnet Tscherkawski als geistesgestört und verlangt seine Abberufung. Rumänien. Aus einem Bericht des Unterrichtsministers Haret an den König ergiebt sich, daß in Zukunft konfessionelle Asyle (lies Chedarim, jüdische Schulen allen Schlages) nur von solchen Personen eröffnet werden dürfen, die gewisse Bedingungen hinsichtlich der Befähiguug und des Charakters erfüllen. Auch soll durch ein besonderes Gesetz über den Privat Unterricht verhindert werden, daß der für alle Rumänen obligatorische Elementar-Unterricht in den Privatschulen zu Gunsten .fremder" Lehrstoffe verdrängt wird. Eine Reihe von Lehrbüchern, die für den Patriotismus gefährlich schienen, sind verboten worden. (Aus dem Januar- Bericht der A I. U.) Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. In der Frankfurter Zionistischen Berein'gung sprach Dienstag Abend Herr Dr. med. Calmus, Lübeck, über das Thema Glauben und Zionismus. Große Ideen, so begann der Redner, baben gewöhnlich 3 Perioden durchzumachen, erst werden sie verlacht, dann bekämpft und zuletzt für selbstverständlich befunden. Ter Zionismus hat bereits die zweite und bei dem größten Teile des jüdischen Volkes sogar schon die dritte Stufe erreicht. Von den Vorwürfen, die dem Zionismus von gesetzestreuen Gegnern geinachl werden, ist der wichtigste der, daß 'der Zionismus unserm Glauben widerspräche; das ist jedoch nicht der Fall. Hat das Wohnen in Palästina doch stets als eine ganz besonders wichtige Mizwoh gegolten, und ist es — um ein Beispiel anzuführen — nach talmndischem Rechte doch schon ein Scheidungsgrund, wenn der Ehemann nach Palästina wandern und die Frau ihm nicht folgen will. 'Man hat von gegnerischer Seite bis jetzt noch keinen Beweis bringen können, daß der Zionismus in irgend welcher Beziehung in einem Widerspruche zu unserem Glauben steht; und das genügt, denn der Zionismus basiert nicht auf der jüdischen Religion, sondern auf dem jüdischen Volkstum: er ist 'eine sozial-politische und keine religiöse Frage. Auch wird der Glauben nicht in Palästina in Gefahr kommen! — Wir müssen uns doch zuerst fragen: Ist es denn möglich, im Golus das Glaubensgesetz so zu halten, wie vorgeschrieben? Ta weiß nun jeder, der das jüdische Gesetz kennt, daß der größte Teil desselben im Golus überhaupt nicht gehalten werden darf, weil es an den Boden von Palästina gebunden ist. Und was die Gesetze betrifft, zu denen der Jude auch außerhalb Palästinas verpflichtet ist, so ist es leicht, von der Kanzel aus zu sprechen und daraus hinzuweisen, daß z. B. der Sabbat gehalten werden muß; in Seite 8. Wirklichkeit ist es aber schwer, bei den sozialen Verhältnissen, über die wir als Juden nicht den geringsten Einfluß haben, den Sabbat zu beobachten. Im Golus sind wir machtlos und müssen — ohne etwas dagegen tun zu können — zufehen, wie die Gesetzestrene dauernd und rapid abnimmt. Bei Erreichung des zionistischen Zieles sind wir Herren unserer Verhältnisse und werden ganz selbstverständlich dann zuerst den Sabbat garantieren. Aber auch bereits jetzt gibt es kein Mittel, das besser imstande ist, zuni Judentum zurückzuführen, als der Zionismus, denn der Zionismus ist eine konservative Bewegung. Erst letzt bei den Gemeindewahlen in Köln, hat sich 'dies gezeigt; ohne Verabredung, ganz aus sich selbst heraus, haben sich dort die Zionisten zu den Gegnern der Einführung der christlichen Orgel in die jüdische Synagoge gestellt. Trotzdem besorgt der Zionismus nicht die Geschäfte der Orthodoxie; wenn der Zionismus zum Glauben zurückführt, so ist das nur eine erfreuliche Nebenerscheinung. Fraukfurt a. M. Die philosophische Denkerstirn aus 'dem männlich ernsten Haupte, fest und kraftvoll stand der Bräutigam unter dem Trauhimmel, und wie der silberne Bach sich anmutig hinabschlängelt an dem Felsen, der ihn trägt, so lehnte sich dem ernsten Manne die holdeste der Bräute in der lieblichste» Anmut, die die Poesie je besessen, lauft an. Und es jubelten die Gäste, des Liedes hinreißende Gewalt und der Musik schmeichelnde Melodien durchströmten in hundertfachen Mkorden den Saal, als nun die beiden fürstlichen Gestalten sich die Treue schworen zu dem Bunde, der sie zu einem gott eheiligten, menschengesegneten Leben vereinen sollte. Ein Verbrüderungsfest! „Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder friedlich beisammen wohnen; wie Salböl auf dem Haupte, wie der Hermonstau, der auf die Berge ZionS, hinabfällt; denn dort ist Gottes Segen, wo (Chajim) das ewige Leben waltet." Es war eine prächtige Feier, die gestern im Saale des Hotel Diehl den vor einem halben Jahre gegründeten Gesangverein Jeschurun mit dem Nachlaß Zwi, Verein zur Pflege jüdischer Lebensanschauung zur Purimfeier vereint hatte, und geradezu glänzend ist das Debüt des jungen Vereins ausgefallen. Leider erlaubt der uns zur Verfügung stehende Raum nicht, die überreiche Fülle des Gebotenen in ihren Einzelheiten zu würdige». Nur das können wir hier fcsthalten, was uns außer dem Gesamteindruct bleibend vor Augen stehen wird von jenem Abend: die elastische, sympathische Erscheinung des jugendlichen Chordirigente», Herrn I. Pappe le, der in so leichter und feinsinniger Art seinen Taktstock zu schwingen weiß, der fröhliche und stets liebenswürdige Präsident, Herr Aron Klibansky, der diskret, aber sicher und fest, die Fäden der Veranstaltung in der Hand hält, haben uns am meisten imponiert. Tie offizielle Leitung des Festabends lag in 'den bewährten Händen des Herrn Mar Eisenkrämer, der in humoristischen, kurzen Reimen seines Amtes waltete. Von echtem Purimgeist getragen waren die heiteren Ansprachen der Herren Professor Dr. Sulzbach, Dr. Bondi, Marcus Hirsch, Josef 'Bamberger, in gewohnter Meisterschaft sang Herr Oberkantor Pesachowitsch. ihm schlossen sich die Einzelgesänge der Herren Samuel Meyer und Gustav Schwarz an. All der Herren, die im Chorgesani, in den Couplets und Ausführungen ihr Bestes boten, sei rühmend gedacht, sowie auch der Dichter der zahlreichen Tischlieder. Berlin. Der von den Berliner Bne-Brith-Logen begründere Verein für Arbeitsnachweis" gab in diesen Tagen seinen Bericht für das Jahr 1903 beraus. Dem Bericht selbst entnehmen wir folgende interessante Daten: Im Geschäftsjahr 1903 sind 8589 Personen untergebracht worden und zwar: 1902 .19«3 1687 dauernd untergebracht 2400 474 vorübergehend untergebracht 1189 2161 Summa 3589 also im Jahre 1903 1428 Personen mehr als 1902. Die große Differenz der vo> übergehend beschäftigten Personen, 474 pro 1902 und 11-9 pro 1903. also 715 Personen mehr, resultiert von der Beschäftigung bei den Reichstags-, Landtags-, Stadtverordneten- und Handelskammerwahlen, wobei Arbeitsuchende mit guter Handschrift mit Listen. Adressen rc schreiben, monatelang beschäftigt wurden. Auch bei 2 von der Regierung genehmigten Hauskollekten konnte man ca. 100 Personen längere Zeit Beschäftigung und Verdienst verschaffen. Berlin. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dielt am Montag seine diesjährige <«eneral-Versammlung ab. Wie der Vorsitzende. Rechtsanwalt Dr. Horwitz, mitteilte, hat der Verein im letzten Jahre etwa 2000 neue Mitglieder gewonnen. Die Rcchtsschutzbestrebungen des Vereins erzielten zahlreiche Erfolge, die Beschlagnahme der Schächtpostkarten und verschiedener antisemitischer Agitationsschriften ist auf das Eingreifen des Vereins zurückzufahren. Nach einem Rückblick auf die Wahlen, wobei besonders die Niederlage der Antisemiten in Berlin und Hamburg berührt wurde.