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Neue jüdische Presse · 1904-03-04 · Heft 9 (4.3.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 9 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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■■ --- Scherira's Sendschreiben heißt es nämlich, daß auch nach dem Wiederaufbau des Tempels zu Jerusalem, wodurch der geistige, Mittelpunkt des Judentums wieder dahin verlegt worden ist, auch in Babylonien ein reges geistiges Leben herrschte. Und auch später, als viele babylonische Koryphäen und zuletzt auch 'Hillel.nach Palästina gezogen war, ist noch immer, wie Scherira berichtet, Babylonien eine bedeutende jüdische Kolonie geblieben, die, unter einem Exilarchen vereinigt, auch des geistigen Lebens nicht entbehrte. Gegen diese Angaben Scherira's sind nun von verschiedenen Seiten Einwendungen erhoben worden. Wir wollen hier nur der Einwürfe Nappoport's und I. H. Weiß' Erwähnung tun. Erstcrer erhebt Scherira gegenüber den Vorwurf, daß es aus Kosten der Wahrheit. geschieht, wenn er von einer Bedeutung, Babyloniens in geistiger Hinsicht vor der Zeit Rab's und Samnel's und ihrer unmittelbaren Vorgänger spricht. In Wirklichkeit, sagt Rappoport, ist es Scherira darauf angekommen, den Nimbus, dessen sich die Schulen seines Heimatlandes, besonders aber die zu Prunbeditha, damals noch erfreuten, aufrecht zu erhalten oder noch zu erhöhen. Von ganz anbcten Motiven sind die Einsprüche I. H. Weiß' geleitet. Indem er Scherira gegenüber die geistige Bedeutung Babyloniens bestreitet, ist es ihm hauptsächlich um den Nachweis zu tun, daß man in Babylonien das ganze Wesen des Thora-Studiums, wie es in Palästina zur Zeit der Tanaim geblüht hat, gar nicht kannte. Rab hat nach Weiß' Annahme nicht nur die intensivere Beschäftigung mit der Thora, sondern auch das System „der Entwickelung der Tradition", wie man es nannte, nach Babylonien gebracht. Die Einwendungen erfahren in den Ausführungen des Herrn Dr. Unna, der sich hierbei an vorot Horischonim hält, eine gründliche Widerlegung. Es wird da von Esra, Hillel bis auf Wba b Abba, dem Vater Samuels, einer Reihe der größtem talmudischen Autoritäten Erwähnung getan, die samt und sonders ihre Ausbildung in der Heimat erhalten hatten. Aus dem angeführten Streite Chanauja's, des Brudersohnes R. Joschua's, mit dem palästinensischen Kollegium können wir ersehen, daß es auch in dieser Periode Zeiten gegeben, in denen Babylonien in religiös-autoritativer Beziehung über Palästina gestanden hat. Schluß folgt. Londoner Brief. London, den 21. Februar. Während draußen auf dem Welttheater die Ereignisse sich überstürzten, ging in unserer jüdischen Gemeinschaft alles seinen ruhigen und regelmäßigen Gang, sodaß ich Ihnen über die Begebnisse mehrerer Wochen in Kürze auf einmal berichtet: kann. Die Thronrede bei Eröffnung des Parlaments brachte, wie nicht anders zu erwarten war, die Ankündigung eines Gesetzes zur Beschränkung der FremdeneinwanderunH und das bezeichnenderweise in demselben Augenblick, wo die Regierung in einer ihrer Kolonien die Einwanderung chinesischer Kulis durch Spezialgesetz erlaubte. Sollten die russischen Juden nicht mindestens ebenso das Wohl ihres neum Vaterlandes fördern können, wie diese auf niedriger Kulturstufe stehenden heidnischen Arüeitssklaven? Jüngst erst rühmte ein vornehmer Lord das britische Erziehungssystem unter Hinweis darauf, daß ein arnier Junge, dessen Vater einer jener Eingewanderten des Ostendes war, durch persönliche Tüchtigkeit ohne besondere Konnexionen zu einem gelehrten Würdenträger der alten Universität Oxford emporgestiegen sei. Kann es einen glänzenderen Beweis für die Bildungsfähigkeit dieser in der ganzen Welt umhergehetzten Menschen geben! Was für Kräfte an der Arbeit sind, kann man aus den Klagen einiger Londoner Aktienbrauereien erkennen, welche'sich darüber beschweren, daß in Folge der Nüchternheit der Juden des Ostends ihre dortigen Etablissements immer mehr zurückgehen. Tatsache ist — ein christlicher Geistlicher bezeugt es —, daß ganze Bezirke, in welchen sich bis vor ein paar Jahren kein anständiger Mensch ohne Polizeigeleit wagen konnte, welche von Trunkenbolden, Zuhältern Frankfurter JsraMischeS Familienblatt. und Dirnen wimmelten, durch den jüdischen Zuzug gereinigt und in anständige Stadtviertel umwandelt worden sind. Eine Duplizität der Ereignisse ist es wohl, wenn jetzt auch bei uns wie bei Ihnen in Deutschland sich Bestrebungen geltend machen, alle jüdischen Bereinigungen in eine Gesamtorganisation zusammenzufasscn. Hier gibt es nämlich überhaupt keine staatlich geregelte Ordnung der indischen. Gemeinden. Alles, was hier geschaffen worden ist. beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und der Selbsthilfe. Wir haben 4 Gruppen von Synagogenverbänden, die spanische und portugiesische Gemeinde, an deren Spitze der Chacham Dr Gaster steht, ist die älteste und ehr-, würdigste. Die Zahl ihrer Mitglieder ist verhältnismäßig nicht sehr groß, aber sie zählt sehr alte vornehme und reiche Familien zu ihrer Stütze. — Die größte, etwa 10000 Mitglieder umfassende Organisation ist die der United L^nagogues, zu denen.15 Synagogen gehören. Ihr geistliches Haupt ist der Chief Rabbi. Jedes Gotteshaus hat meist noch daneben seinen besonderen Prediger, hier Minister genannt, der zugleich als zweiter Vorbeter fungiert Eine Zusammenfassung der vielen kleinen Synagogen und Chewras des Last End hat Sir Samuel Montague in der Eedsratiou ok Synagagues geschaffen, welche aber nur durch die Generosität dieses großen Philanthropen ihr Dasein fristet. — Klein und nicht bedeutend ist der Kreis der Macbasike Hadas, der sich aus Polen, Russen und einigen Süddeutschen zusammensetzt, denen die vermittelnde Richtung des persönlich stteng konservativen Chief Rabbi nicht zusagt. Die erstgenannten drei Vereinigungen haben jedoch folgende gemeinsamen Jnstituttonen, gemeinsame Koschintinstitution in dem Board ok Lolütitr, der einen gewaltigen Apparat von Metzgern, Schomrim und Schochtim unter sich hat, gemeinsame Armenpflege in dem Board ok 6uardian, gemeinsamen Begräbnisplatz und endlich eine gemeinsame Verttetung nach außen in den Board ok vexutiea. Alle diese zahlreichen Organisationen sind auf freiwillige Beittäge angewiesen, und es ist ein Ehrenzeugnis für die englische Judenheit, daß sie ohne staatlichen Zwang bis jetzt noch stets allen an sie heranttctenden Anforderungen gerecht geworden ist. Jedes Land hat eben seine eigenen Sitten und ich zweifle sehr, ob Ihnen in Deutschland auf die Dauer mit einem gleichen System gedient wäre. Eine wichtige Adresse. A m st e r d a in. Das Präsidium des Verein „Bezalel" hat am Montag, den 22. Februar, untenstehende Adresse an den Minister des Aeußern abgesandt: Ew. Excellenz! Mit Ehrerbietung erlaubt sich das Präsidium des Vereins „Bczalcl, Vereinigung von israelitischen Handlverkern und Kaufleuten" das Folgende dem Wohlwollen Elv. Excellenz zu unterbreiten. Mit großem Interesse haben wir Kenntnis genommen von dem durch Ew. Excellenz in der Zweiten Kammer der General-Staaten anhängig gemachten Arbeitsgesetz-Entwurf, insbesondere von der darin vorkommenden Bestimmung über die Sonntagsruhe. Mit Freuden begrüßen wir Ihr Bestreben, die verschiedenen Glaubensgenossenschaften oder gottesdienstlichen Bereinigungen wegen der bestimmten, wöchentlichen Ruhetage zu berücksichtigen, und wir sind überzeugt, baß die nachstehenden von uns Ew. Excellenz vorgeschlagenen Bestimmungen geneigte Berücksichtigung finden werden. 1. zu Paragr. 267, 269, 271 und '272. Das Gesetz möge auch verheiratete israelitische Frauen von den Vorteilen genießen lassen, die diese Paragraphen für verheiratete Frauen einschließen, denn es ist notwendig, daß diese Paragraphen durch die Bestimmung ergänzt werden, daß verheiratete Frauen, die zu einer Gläubensgenossenschaft gehören, welche ihren Ruhetag nicht am Sonntag feiert, 3 Stunden vor Anfang des von der Glaubensgenossenschaft vorgeschriebenen Ruhe- oder Feiertages die Arbeit niederzulegen haben. 2. zu Paragr. 362. Da je nach der Jahreszeit der israelitische Ruhetag 2ö1/i—271/» Stunden dauert, so ist es wünschenswert, daß in dem Gesetzesparagra- - Nr. v. phen nicht gesprochen wird von 24 aufeinanderfolgenden Stunden, sondern: die ganze Tauer des von der Gläubensgenossenschaft vorgeschriebenen Ruhetages. 3. und 4. zu Paragr. 362, 5. zu Paragr. 366. (Unwesentliche Aeuderungen! Anm. d. Redakt.) 6. zu - Paragr. 368. -An Stelle der für die Christen vorgeschlagencn Ruhetage tritt für diejenige», die zu einer Glaubensgenossenschaft gehören, welche den Ruhetag nicht am Sonntag feiert, bas Verbot von Arbeit an 'dem von der Glaubensgenossenschaft v o r g e s ch r i c b e n e n Ruhetage." Zn den sich noch hier anschließende» persönlichen Mitteilungen des Präsidium (Samuel Passer, Vorsitzender; H. de Haas jr., Schriftführer) wird besonders hervorgehoben, daß das Gesetz erreichen müsse, es möge jeder angehalten werden, an dem von seiner Gläubensgenossenschaft vorgeschricbenen Ruhetags sich jeder Arbeit zu cnkhalten. Wir hoffen, daß 'die Adresse die gewünschte Wirkung hak'; bei der toleranten Denkweise der Holländer halten wir es für möglich. Das Eine ist sicher: in der Erhaltung seines Sabbates beruht die Existenzfrage des jüdischen Volkes. Hätten tvir Inden heute Führer, die von ihrem Judentum wirklich begeistert und ihrer Aufgabe als Juden gewachsen sind, hätten wir weniger kleinliche Jnteressenpolitiker und' mehr ehrliche, selbstlose Charaktere unter uns, dann würden unsere Führer sich nicht in persönlichen Hetzereien aufzehren, sondern in kraftvoller, positiver Arbeit den Sabbat, eine der Grundsäulen des jüdischen Volkes, zu erhalten juchen. Aus aller Wett. Deutschland. Aus Starkenburg. Der Jahresbericht des Tierschutzvereins zu Offenbach für 1903 ist dieser Tage erschienen Nachdem darin wiederholt um Gnade und Schonung für alle Haustiere gefleht, wird auch wiederum dem Schächten und Schlachten ein langes und breites Kapitel gewidmet, worin das Schächten als eine aus barbarischen Zeiten stammende Tötungsart-geschildert, welches in den Rahmen unserer lichtvollen Weltanschauungen schlechterdings nicht mehr hineinpaffe und daher von der Bildfläche verschwinden möge. Bon der Treib- und Hetzjagd und von den vielen angeschossenen Hasen und sonstigem Wild finden wir kein Sterbenswörtchen. Pferde sollen geschont, doch von dem Pferderennen ist keine Sprache. Immerhin, sagt Sabor, läßt das tief blicken. Cassel. Im Wahlkreise Schmalkalden-Eschwege stehen sich Sozialdemokraten und Antisemiten in der Stichwahl gegenüber. Die Entscheidung liegt in den Hünden der freisinnigen Wähler, und da die Zentralleitung der fteisinnigen Bolkspartei eine Parole nicht ausgegeben hat, so wird aller Voraussicht nach der Antisemit Raab mit großer Majorität in den Reichstag gewählt werden. Schmalkalden. Bei der Reichstagsstichwahl in Eschwege-Schmalkalden erhielt Raab (Antisemit) 9793 Stimmen, Hugo (Soz) 7479 Stimmen. ' Aus dem Regierungsbezirk Kassel. Die Mildtätigkeit der Juden wird selbst von den bittersten Gegnern derselben als nachahmungswert bezeichnet. Fast in Men größeren Städten finden sich Waisen- und Krankenhäuser, die über reichliche Mittel verfügen. Tie Sorge erstreckt sich auch über unsere armen Gkaubensbrüder und Glaubensschwestern in anderen Erdteilen. Welche Summen werden alljährlich für das neubegründete Hospital in Jerusalem aufgcwendet! Doch fehlt es an einer Institution, die ins Dasein gerufen werden müßte. Es gilt ein Heim zu schaffen für geistig zurückgebliebene Kinder, die Begründung einer jüdischen Jdiotenanstalt. Gar mancher Familienvater würdedurch das Vorhandensein einer solchen Anstalt einer drückenden Sorge sich überhoben fühlen. Vor einiger Zeit erzählte mir ein Mann unter Tränen, daß er zwei seiner armen Kinder schnüre ihm das Herz zuüberweisen müssen. Der Gedanke an den Aufenthalt seiner armen inder schnüre ihm das Herz zusammen. Reicher Lohn harret dessen, der sich der Bedauernswerten annimmt und eine solche Anstalt ins Leben ruft. Jeder wird gern sein Scherflei'n zur Errichtung einer solchen Institution beitragen. Man erlasse in dieser Hinsicht einen warmen Appell an die deutsche Judenheit und der Erfolg wird nicht ferne bleiben. -Obrigheim (Pfalz). Da die hiesige israelitische Kultusgemeinde sich auflöste und in die israelitische Kultusgemeinde Grünstadt einverleibt wurde, hat der hiesige Turnverein.durch seinen 2. Vorstand, Herrn Seelinger, die Synagoge mit Nebengebäuden um den Preis von 3500 Mark erwerben lassen. Der

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